Instagrampoesie

„Love. Her. Wild. – Atticus“

„Worte verwunden mehr Herzen als Waffen.“

Zitat, Seite 67

„LOVE. HER. WILD.“ ist ein Lyrikband von äußerlicher wie innerlicher Strahlkraft. Denn was sich hinter dem atemberaubenden Cover verbirgt, ist eine wunderbare Auswahl von Gedanken über die kleinen und großen Augenblicke des Lebens. Es sind Momentaufnahmen, die der kanadische Instagram-Poet Atticus eingefangen und auf seinem Instagram-Kanal @Atticuspoetry veröffentlicht hat. Während er seine Gedanken im Original teilt, hat es nun eine kleine aber feine Auswahl seiner Zeilen ins Deutsche geschafft.

Den drei Worten Love, Her und Wild begegnet man nicht nur im Titel, sondern auch im Inneren des Buches wieder. Sie dienen ihm als Gliederung. Und so kann der Leser unter dem Titel LOVE eine Reihe an Gedanken über die Liebe in all ihren Facetten, unter HER eine Reihe an Zeilen um eine anonyme „Sie“ und unter WILD ein Fülle an Augenblicken um das Leben selbst erobern. Mit dabei ist der wohlige Schauer einer ersten Berührung, der Zauber von Poesie, die Bizarrheit von Liebe, die ungeheure Kraft von Worten oder auch der Schmerz von Einsamkeit. Atticus bringt sowohl tiefschürfende Gedanken als auch flüchtige Empfindungen zu Papier. Seine eindringlichen Worte voller Romantik, ehrlicher Verwundbarkeit aber auch voller schmerzender Intensität gehen tief unter die Haut und direkt ins Herz. So wird die Reise durch das Buch zu einer Achterbahnfahrt der Gefühle.

„Der schwerste Schritt, den wir alle gehen müssen, ist, blind zu vertrauen in das, was wir sind.“

Zitat, Seite 181

Jede Momentaufnahme ist auf schwarzem oder weißem Hintergrund gebettet, nimmt oft sogar eine ganze Doppelseite für sich ein. Das schenkt dem Buch unglaublich viel Präsenz. Viele Zeilen werden von stimmungsvollen Fotografien in Großformat begleitet, die nicht nur im harmonischen Einklang mit der Botschaft der Zeilen stehen, sondern auch zum Träumen und Verweilen auf der jeweiligen Seite einladen.

Während meine erste Begegnung mit Atticus auf Instagram und demzufolge mit dem englischen Original stattfand, war ich sehr gespannt, wie mir die Übersetzung seiner Zeilen gefallen wird. Denn ich vermute, dass das Übersetzen vom Englischen ins Deutsche oft sehr herausfordernd ist. Wer häufiger im Englischen liest, weiß, dass die Sprache nicht nur ihre ganz eigene Melodie hat, sondern oft auch von Wortspielereien lebt, die manchmal nicht 1:1 ins Deutsche zu übertragen sind. Häufiger gibt es für ein und dasselbe Wort und demzufolge auch für ein und denselben Satz mehrere Bedeutungen. In Geschichten entscheidet der Kontext, in welche Richtung es geht. Bei Atticus stehen die Gedanken für sich alleine, sie lassen Freiraum für die eigene Auslegung. Und so lebt die deutsche Ausgabe von „LOVE. HER. WILD“ sicherlich von der Interpretation des Übersetzers. Viele Zeilen sind Kilian Unger alias Liann wunderbar gelungen, nicht minder magisch oder eindrücklich wie das Original, einige wenige jedoch wirken auf mich nicht stimmig, begegnen mir in einem gänzlich anderen Licht (s.u.).

Übersetzung vs. Original („My atoms love your atoms. It’s chemistry.“)

Lyrik kann eine wunderbare Inspirationsquelle sein. Anders als eigenständige Geschichten lebt sie sicherlich einmal mehr von der Fantasie seiner Leser. Sie kann zum Träumen, Reflektieren und Nachdenken einladen, der erste Schritt von Vielem sein. In was sie mündet, ist jedem selbst überlassen. Für eigene Gedanken schenkt uns der Verlag im hinteren Teil des Buches Platz, der in meinem Fall sicherlich nicht frei bleiben wird. Ich finde nicht immer Zugang zu Lyrik, bin aber vor allem sehr empfänglich für poetische Zeilen, weshalb Atticus mich auf Anhieb anholen konnte. Viele der Gedanken, die er zu Papier gebracht hat, waren mir seltsam vertraut, während ich manches nicht nachvollziehen konnte. Jeder wird hier seine persönlichen Lieblingszeilen für sich finden.

„Zerbrich mein Herz, du wirst sehen, innendrin bist du.“

Zitat, Seite 71

„LOVE. HER. WILD.“ ist ein unglaublicher Bücherschatz. Es ist ein Buch für Romantiker, für Realisten, für Träumer, Lebenskünstler und Abenteurer gleichermaßen. Die unglaubliche Bandbreite von Atticus‘ Gedanken erreicht Menschen unterschiedlichster Art, weshalb das Buch Alt wie Jung, Mann wie Frau begeistern wird. Und so sei euch dieser Lyrikband schwer ans Herz gelegt. Ich bin mir sicher, Atticus wird sich auch in euer Herz schreiben.

„Love her but leave her wild.“

 

 

Intimes Kopfkino

lesenslust über „6 Uhr 41“ von Jean-Philippe Blondel

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Nach einem anstrengenden Wochenende bei ihren Eltern sitzt Cécile Duffaut am Montag Morgen um 6 Uhr 41 im Pendelzug nach Paris. Der Platz neben ihr ist frei und bleibt es sonderbarer Weise auch für eine Weile, obwohl der Zug längst bis zum Bersten voll ist. Doch ehe Cécile ihre Verwunderung darüber zu groß werden lassen kann, setzt sich ein Mann neben sie, den sie auf Anhieb erkennt:  Philippe Leduc – der Mann, mit dem sie vor 27 Jahren zusammen war.

Doch was sie aus dem Augenwinkel sieht, erinnert nicht mehr an den attraktiven Philippe von damals, sondern zeigt ihr vielmehr einen gealterten Mann mit Bauchansatz,  hängenden Schultern und matten Gesichtszügen. Sie ist entsetzt, schier beklemmt und hat keine Ahnung, wie sie sich ihm gegenüber verhalten soll. Soll sie ihn ansprechen oder vielmehr darauf warten, dass er es tut? Was hat man sich nach 27 Jahren schon noch zu sagen?

„Glatte Oberfläche, keine Unebenheiten. Kaum Kratzer. Es gibt solche Menschen, die förmlich durch das Leben schweben, und erst nach den ersten persönlichen oder beruflichen Enttäuschungen, dem Tod eines Elternteils oder eines Freundes, bekommt der Lack die ersten Risse. Und er scheint eine ganze Menge abbekommen zu haben.“

Zitat, Seite 51

Auch Philippe erkennt Cécile auf Anhieb. Das unscheinbare Mädchen von früher ist gereift, hat sich zum Positiven verändert und ist einer erfolgreichen Geschäftsfrau mit Stil gewichen. Sie ist hübsch, die Wangen rosig. Er spürt, dass er ihr längst nicht mehr das Wasser reichen kann. Ihre Anwesenheit schüchtert ihn ein. Soll er sie nun anzusprechen? Will sie überhaupt angesprochen werden? Oder hat sie ihn längst erkannt?

Ein intimes Gedankenspiel beginnt.

„Wie um alles in der Welt verhält man sich in so einer Situation? Stellt man sich mit einem Standardsatz vor, in der Art: „Kennen wir uns nicht von irgendwoher?“ Oder stellt man sich dumm und fällt aus allen Wolken, wenn der andere den ersten Schritt macht?

„Cécile Duffaut? Ich glaub’s nicht! Entschuldigung, ich war ganz in Gedanken, da habe ich gar nicht … na ja, Sie verstehen, ich meine … du verstehst …“, und fuchtelt mit den Händen und Armen, setzt auf die Auslassungspunkte, die der andere mit Floskeln wie „natürlich“, „tatsächlich?“ oder „verstehe!“ ausfüllen soll – Wörtern eben, die nichts besagen – ich habe sie so satt, diese Wörter, die nichts bedeuten.

Zitat, Seite 37

Im Klappentext heißt es „dieses Kammerspiel in einem Zugabteil“. Ja, das ist es tatsächlich: ein kleines intimes Theater während einer 95-minütigen Bahnfahrt. Intim im Hinblick auf die Gedanken der Protagonisten, die seit dem gegenseitigen Erblicken im Kopf Achterbahn fahren. Auch wenn tatsächlich darüber hinaus kaum etwas passiert, passiert so viel.

Es ist sind die Momentaufnahmen vor dem geistigen Auge, mit denen sich Cécile und Philipp während der Fahrt auseinander setzen. Das und die Frage „Was wäre gewesen, wenn?“ Vier gemeinsame Monate, aus denen sich vor knapp 30 Jahren nichts Festes entwickelt hat, stehen nun im Raum, lassen sich nicht mehr abschütteln, beschäftigen sie.

Beide sind geschockt über das Wiedersehen. Es bleibt still. Nur das Kopfkino läuft. So gewinnt der Leser abwechselnd Einblick in die intimen Gedankengänge der beiden Protagonisten. Es sind Reisen in die Vergangenheit, die von Gleichgültigkeit, plötzlichen Gewissensbissen, Scham und Wut begleitet werden. Und die zum Nachdenken anregen. Klarheit schaffen, was die beiden einst verband und weshalb ihre Wege sich wieder trennten. Und umso näher der Zug Paris Gare de l´Est kommt, umso mehr brennt der Leser auf die Antwort zu der Frage: Wie wird diese Fahrt wohl enden?

Blondels Geschichte kommt schlicht daher. Schnörkellos erzählt der Autor von einer 95-minütigen Zugfahrt zweier Menschen, die sich einst nahestanden und seit nunmehr 30 Jahren getrennte Wege gehen. Menschen, die mitten im Leben stehen, ihre eigenen Erfahrungen gesammelt haben und längst nicht mehr die sind, die sie einmal waren. Deren Gedanken sich um Ehe, Job und Kinder drehen und dennoch wieder für eine Weile zueinander finden. Unentdeckt.

Das Spannende an diesem Roman war für mich tatsächlich das Schweigen. Die gedankliche Achterbahnfahrt war aufschlussreich, teilweise sarkastisch und von vielen Emotionen getränkt. Cécile und Philippe erinnern sich an Momentaufnahmen und kleben Erinnerungsfetzen vergangener Zeiten aneinander, obwohl sie längst nicht mehr von Belang füreinander scheinen. Oder doch? Hat ihre Begegnung sie erst zu dem gemacht, was sie heute sind?

Blondel ist es gelungen, uns mit wenigen Worten pure Menschlichkeit zu vermitteln. Seine Figuren sind alltäglich und für jedermann greifbar. Menschlich eben. Genau deshalb erscheint mir der Roman so authentisch. Die Unsicherheit seiner beiden Protagonisten wird zum festen Begleiter ihrer Gedanken. So sei „6 Uhr 41“  jenen Lesern ans Herz gelegt, die eine ernüchternde Begegnung ehemals Liebender verkraften können. Wer hier auf eine nostalgische Zugfahrt hofft, sollte sich wohl besser anderweitig orientieren.

„Die meisten Menschen haben eine Löschtaste im Kopf, die sie manchmal drücken, wenn ihr Gehirn in Aufruhr ist, nach Missverständnissen, Treuebrüchen oder Verletzungen – und prompt verschwinden ganze Dateien ihrer Existenz; Gesichter, Namen, Adressen, Farben, alles verschwindet in einer Fallgrube und versickert  in den Kloaken des Unterbewusstseins.“

Zitat, Seite 38

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