Libertad infinita

lesenslust über „Auch das wird vergehen“ von Milena Busquets

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„Ich wäre gerne mit dir zusammen gestorben, im selben Zimmer wie du, im selben Augenblick. (…) Ich wäre gern dort gewesen, hätte gern deine Hand gehalten bei unserem Ende. Denn ich bewege mich auf dem Terrain der Lebenden, mehr oder weniger heiter, mehr oder weniger allein, aber einen Fuß habe ich immer dort, wo du bist.“

Zitat, Seite 167

Schmerz und Kummer sind genauso vergänglich wie Begeisterung und Glück. Davon war Blancas Mutter überzeugt. Doch als Blanca ihre Mutter mit Anfang Vierzig verliert, will sich der Kummer um ihren Tod einfach nicht legen. Sie plant den Rückzug nach Cadaqués, in den Sommerfamiliensitz nördlich der Costa Brava, dem Ort, der seit jeher für Freiheit steht.

Umgeben von ihren liebsten Menschen; den Kindern, ihren Exmännern, den engsten Freunden und ihrem Geliebten will sie sich von ihrer Trauer um die Mutter lösen und ins Leben zurückfinden. Doch selbst der mediterrane Überschwang der spanischen Mittelmeerküste kann Blanca nicht wirklich mitreißen. Überall streifen ihre Gedanken zu der Verstorbenen, deren Anwesenheit für Blanca über all die Jahre so selbstverständlich war.

In den Armen zahlreicher Männer, im Dunst glimmender Joints und im scheinbar unbekümmerten Miteinander ihrer engsten Vertrauten gelingt es ihr für klitzekleine Augenblicke zurück ins Hier und Jetzt zu finden. Es ist der zwanghafte Versuch einer Trauernden, mit aller Macht in das ausgelassene Leben von früher zurückzukehren, wo die Zukunft noch hoffnungsvoll auf der Oberfläche des spanischen Mittelmeers glitzerte.

„Leichtigkeit ist eine Form von Eleganz.“

Zitat, Seite 51/52

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Es ist die Geschichte eines Abschieds, der langsamer und intensiver nicht sein könnte. Milena Busquets zweiter Roman, der nun unter dem Titel „Auch das wird vergehen“ auf Deutsch erschienen ist, ist wie die Melodie eines Songs, dessen unbeschwerte, mitreißende, aber auch melancholische und heftige Töne auf dich übergehen, und dich hin- und herreißen.

Er erzählt von der Protagonistin Blanca, Anfang Vierzig, Mutter zweier Kinder, ungebunden, attraktiv und leidenschaftlich, die sich in ihrer Trauer um die verstorbene Mutter wieder in ein Kind verwandelt. Blanca schwimmt in einem Meer aus Selbstmitleid, einer quälenden Trauer um den Verlust ihrer scheinbar einzig wirklichen Konstante im Leben: ihrer Mutter.

„Jeden Moment , denke ich, während ich im Rückspiegel die Kinder beobachte, die lachen und gleichzeitig zanken, jeden Moment kann ich enttarnt und zu ihnen nach hinten auf die Rückbank geschickt werden. Ich bin ein Erwachsenen-Fake, alle meine Bemühungen, den Pausenhof zu verlassen, sind krachend gescheitert, ich empfinde genau das, was ich mit sechs Jahren empfunden habe, sehe dasselbe wie eh und je, das hüpfende Hündchen, dessen Kopf in einer Erdgeschosswohnung auf- und abtaucht, den Großvater, der seinen Enkel an die Hand nimmt, die gutaussehenden Männer mit eingeschaltetem Radar, das Funkeln meiner klimpernden Armreife, wenn sie einen Sonnenstrahl einfangen, die einsamen Alten, die knutschenden Pärchen, die Bettler, die lebensmüden alten Frauen, die schnurstracks und trotzig im Schneckentempo über die Straße gehen, die Bäume. Jeder von uns sieht etwas anderes, jeder von uns sieht immer dasselbe, und was wir sehen, sagt alles über uns. Und instinktiv lieben wir diejenigen, die dasselbe sehen wie wir.“

Zitat, Seite 47/48

In Cadaqués, einem alten spanischen Fischerdorf Nahe der französischen Grenze, das eng mit Salvador Dali aber auch mit der Autorin selbst verbunden ist, will sich Blanca von ihrem Seelenleid befreien und ins Leben zurückfinden. Ohne Rücksicht auf Verluste stürzt sie sich ins Leben. Gibt sich Drogen, Sex und Alkohol hin wie eine Ertrinkende. Nur in jenen Momenten der Unbefangenheit scheint sie sich von ihren Gedanken an die Mutter lösen zu können.

In ihrem inneren Monolog mit der Verstorbenen, durch die sich die Geschichte dem Leser offenbart, kommt die innere Zerrissenheit von Blanca deutlich zum Vorschein. Eine Frau, die sich im einen Moment selbst zurecht weist und im anderen wieder völlig in ihren Kummer versinkt. Obwohl Blancas Trauer um ihre Mutter verständlich ist, missfällt mir die Eigendynamik ihrer Figur manchmal ein wenig. Das unvernünftige, völlig egoistische und dramatische Wesen, das weder Rücksicht auf seine Kinder nimmt, noch den Werten seiner Freunde Respekt zollt. Doch dieses Gebaren gewährt zeitgleich auch einen tiefen Einblick in das Innere einer Frau, die vor der Vernunft und den Regeln des Lebens zu fliehen versucht. Ihre häufige Abwesenheit und spürbare Einsamkeit inmitten des Trubels verdeutlicht wie gefährlich nahe jemand dem Tod kommen kann, selbst, wenn er mitten im Leben steht.

„Du hast mir das irre Lachen geschenkt, die Freude am Leben, die völlige Hingabe, den Spaß an jedem Spiel, die Abneigung gegen alles, was in deinen Augen das Leben kleiner machte und einem die Luft nahm. (…) Und den Sinn für Gerechtigkeit. Die Aufsässigkeit. Das überwältigende Erkennen von Glück in den Momenten, wenn man es in den Händen hält und ehe es wieder davonfliegt.“

Zitat, Seite 168

Die atmosphärischen Beschreibungen des alten Fischerdorfes Cadaqués gelingen Busquets in ihrem Roman so gut, dass man die nahezu grenzenlose Freiheit dieses Ortes förmlich spüren kann. Ich vergrabe für eine Weile meine Füße im sonnenwarmen Sand und wärme mein Gemüt in der Hitze des Landes. Es scheint mir völlig legitim, dass Busquets Cadaqués eine tragende Rolle, eine Hauptfigur, in ihrer Geschichte zuspricht. Die intensive und faszinierende Atmosphäre dieses Ortes mag wohl einer der Gründe sein, warum bis in die 80er dort zahlreiche Künstler-Kommunen anzutreffen waren.

Busquets ist ein liebevoller und melancholischer Abschied gelungen, ein autobiografischer Roman, in dem sich nicht nur Protagonistin Blanca, sondern auch Busquets selbst, von ihrer Mutter, der Schriftstellerin Esther Tusquets, verabschiedet. Ein Roman, für den die Meinungen der Leser gehörig auseinanderzugehen scheinen und den ich persönlich sehr gerne gelesen habe.

„Jeder besitzt doch ein Leitmotiv, einen roten Faden, einen Refrain, einen eigenen Duft, der ihn einhüllt, eine Hintergrundmusik, die ihn immer begleitet, unveränderlich, manchmal gedämpft, aber beständig und unausweichlich.“

Zitat, Seite 45

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Das Ende der Freiheit

lesenslust über das Hörspiel „Wir“ von Jewgenij Samjatin/ Gisela Drohaa

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„Hunderte, tausende Nummern mit goldenen Abzeichen an der Brust, die uns vom Staat gegebene Nummer die wir tragen. Strahlendes Glück des blauen Himmels, nirgends ein Gesicht, das verdüstert ist. Überall heller Glanz. Alles aus einer leuchtenden lächelnden Materie gewogen.“

Wir schreiben das 26. Jahrhundert. Die Menschheit, die sich früher einer zügellosen Freiheit hingegeben hat, besteht nur noch aus durchnummerierten einheitlichen Bürgern. Wie ein perfekt eingestelltes Uhrwerk herrscht „der einzige Staat“ über sie. Lässt sie in durchsichtigen, wie aus Luft gewebten Häusern hausen und sie durchweg bewachen.

Selbst das intime Beisammensein ist den Bürgern vorgeschrieben. Ausschließlich an festgelegten Geschlechtstagen darf man sich der sexuellen Lust hingeben und sich dem Recht bedienen, mit der Nummer seiner Wahl zu schlafen. Die Liebe wird dabei als ein Beherrscher der Welt erachtet; eine unnötige Gefühlsregung, die die Sinne benebelt und den perfekten Bürger vom Weg abkommen lässt. Einzig und allein die Fortpflanzung scheint hierbei im Vordergrund zu stehen.

Auch der 32-jährige Mathematiker D-503 lebt unter dem Volk „des einzigen Staates“. Für den Konstrukteur des Integral, einem Raketenflugzeug, mit dem schon bald das Weltall befahren werden soll, zählt einzig und allein die Logik und eine funktionierende Einheit, ein Kollektiv von geordneten Nummern. Doch als er der rebellischen I-330 begegnet, gerät seine durchgetaktete Welt aus den Fugen. Er ist sowohl merkwürdig fasziniert als auch angewidert von der Nummer, die sich gegen die Regeln des einzigen Staates aufzubäumen scheint und sich frei wie ein Vogel durch das Land jenseits der grünen Mauer bewegt.

Eine Versuchung, die sein gesamtes Denken und Handeln einnimmt und bald schon schwerwiegende Konsequenzen mit sich bringt.

„Diese Frau ist ebenso unangenehm wie ein unlösbares irrationales Glück, das unvermutet in einer Gleichung auftaucht.“

Bereits 1920 erschien „Wir“ als Vorläufer von „1984“ des russischen Autors Jewgeni Samjatin. In seiner Dystopie, die jetzt als aufwendig produziertes Hörspiel auf CD erschienen und als „Bestes Hörbuch 2016“ ausgezeichnet wurde, beschreibt Samjatin auf düster lebendige Weise von einer gläsernen Gesellschaft und dem Ende der Freiheit.

Das packende Hörspiel, das der SWR mit einem Geräuschemacher, dem Radiosymphonieorchester und vielen prominenten Schauspielern aufgenommen hat, hat mir trotz seiner überwältigenden Art, oder gerade deshalb, einiges abverlangt. Es ist aufgrund seines aufwendig gestalteten Gewands inhaltlich nämlich nicht leicht zu erfassen. Die Geschichte, die mich an sich schon auf völlig unbekanntes Terrain begeben ließ, bringt als Hörspiel sicherlich noch ein paar zusätzliche Hürden mit sich.

So reise ich mit Samjatin und seinem Protagonisten D-503 fünf Jahrhunderte in die Zukunft. Ein Volk von Nummern umgibt mich. Die Menschen bilden eine fast schon mechanische Armee, die der „große Wohltäter“, das Oberhaupt des Staates, sich mithilfe eines Regelwerks zu perfekten Nummern herangezogen hat. Mit der Begegnung von D-503 und I-330 durchbricht Samjatin diese perfekte Welt und streut eine gehörige Portion Leidenschaft, Fantasie und Zügellosigkeit in den Raum.

Die imposanten Untermalungen des Symphonieorchesters nehmen im Hörspiel einen sehr dominanten Part ein, der je nach Situation von D-503’s Eintragungen an Intensität an- bzw. abschwillt. Neben den vielen anspruchsvollen Hürden, die ich in „Wir“ überwinden musste, hat mich Samjatins Darstellung eines Geräts namens Musikometer, mit dem man bis zu drei Sonaten in der Stunde komponieren kann und seine insgesamt ganzheitliche Betrachtungsweise sehr fasziniert. Auch die Begeisterung als eine Art der Epilepsie zu betrachten, ist gleichermaßen brillant wie gestört. Mit argwöhnischem Blick schaut er auf das scheinbar ungeordnete und zügellose Treiben der Menschen des 21. Jahrhunderts. So scheinen ein Klavier, ein Bücherregal oder die Anordnung unserer Wohnungen im 26. Jahrhundert nicht mehr en vogue zu sein, da man sich bei ihrer Bedienung von Gefühlen leiten lassen muss.

„Wir“ ist ein 95-minütiges Hörbuch, dass sich wie eine große Maschinerie aus unendlich vielen kleinen Bestandteilen präsentiert und sowohl von der musikalischen Untermalung als auch der Wandlungsfähigkeit seiner wechselnden Hörbuchsprecher lebt.

„Ich glaube, dass die schwierigste höchste Form der Liebe, die Grausamkeit ist.“

Im Rahmen eines besonderen Hörbuchprojekts, initiiert von Kerstin Scheurer, haben sich Buchblogger den Preisträgern des Deutschen Hörbuchpreises 2016, der heute Abend verliehen wird, angenommen.

Mit Klick auf den Link kommt ihr zu der jeweiligen Besprechung

Preis: „Beste Interpretin“ für Sophia Rois

  • Der Planet Trillaphon im Verhältnis zur Üblen Sache“ von David Foster Wallace Fantasie und Träumerei

Preis: „Bester Interpret“ für Lars Eidinger

  • „Wir“ von Jewgenij Samjatin / Gisela Drohaa – meine Wenigkeit & The Read Pack

Preis: „Bestes Hörspiel“

  • „Deutschland. Erinnerungen einer Nation“ von Neil MacGregor / Klaus BinderKerstin Scheurer

Preis: „Bestes Sachhörbuch“

Preis: „Beste Unterhaltung“

  • Oliver Rohrbeck, Jens Wawrczeck und Andreas Fröhlich als „Die drei ???“ – Rezensionär

Preis: Sonderpreis