Ein schicksalhaftes Haus..

lesenslust über „Der gestohlene Sommer“ von Lauren Willig

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„Julia konnte sich der Faszination des alten Hauses und seiner verstaubten Erinnerungen nicht entziehen: Topfhüte und zerfledderte Zeitungen, Knopfstiefel und Briefe mit Eingangsfloskeln wie aus einem Benimmbuch aus edwardianischer Zeit.“

Zitat, Seite 107

Ein uraltes Haus in Herne Hill.

Der Ort, an dem die Schicksale zweier Frauen miteinander verwoben sind.

Hier hat alles seinen Ursprung.

– New York, 2009 –

Julia Conley erbt ein uraltes Haus in der Nähe von London, in dem ihre verstorbene Mutter groß geworden ist. Im verstaubten Anwesen von Tante Regina stößt sie auf das Porträt einer jungen Frau mit verlorenem Blick und ein Gemälde aus den Anfängen der Präraffaelitischen Bruderschaft. Fortan wird sie mit Erinnerungsfetzen aus ihrer Kindheit konfrontiert, die ihr fremd sind. Sie ordnet sie Tagträumereien zu, doch als sie immer wiederkehren, kommt sie ins Grübeln. Sind es tief verwurzelte Momentaufnahmen aus ihrer Kindheit?

„In Julia entstand der Verdacht, dass alles, womit sie selbst sich umgeben hatte, nicht mehr gewesen war, als Kulisse, die so lange überzeugend wirkte, bis man ihr einen Stoß versetzte und alles zusammenklappte.“

Zitat, Seite 38

– Herne Hill, 1849 – 

Imogen ist jung und naiv, als sie sich trotz der Bedenken ihres kranken Vaters auf die Ehe mit dem weitaus älteren Kunstliebhaber Arthur Graham einlässt. Sie träumt von tiefer Liebe und unbändiger Leidenschaft. Doch der anfänglichen Euphorie weicht schon bald eine ernüchternde Realität. Einsame und ungeliebte Jahre beginnen für Imogen, in denen sie zum Besitz des mürrischen Kunsthändlers zählt. Erst als der junge Maler Gavin Thorne sie porträtiert, erfährt sie, was wahre Begierde und Leidenschaft ist und ein waghalsiges Unterfangen beginnt.

„Es gab Momente, da hätte sie Arthur am liebsten angeschrien, ihn dafür beschimpft, dass er ihr das alles genommen hatte, dass er ihre Jugend gestohlen hatte und sich auch noch einbildete, er hätte sie gerettet und sie müsste ihm ewig dankbar sein – für all das, womit er sie so hochherzig beschenkte: die Goldketten, die sie erstickten, die verschwenderischen Kleider, die sie einengten, opulente Mahlzeiten, die ihr im Hals stecken blieben, für diese Überfülle, die ihr keine Luft zum Atmen ließ.“

Zitat, Seite 119/120

„Das Klopfen der Bäume an den Fensterscheiben, das Rauschen des Windes und des Regens klangen sehr laut in der Stille, das in den graugelben Dämmerschein des trüben Regentages eingehüllte Zimmer schien wie von der Welt abgeschnitten. Imogen wurde sich plötzlich bewusst, dass sie ganz allein mit diesem Mann war, durch nichts als eine Staffelei von ihm getrennt.“

Zitat, Seite 178/179

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Lauren Willig bedient sich in ihrem Roman „Der gestohlene Sommer“ eines alten verstaubten Anwesens in Herne Hill als Schauplatz. Hier finden die Geschichten zweier Frauen, zwischen denen 160 Jahre liegen, zueinander. Es sind die Geschichten von Imogen und Julia.

Willig verleiht ihren Protagonistinnen ähnliche Naturelle. Beide Frauen sind sowohl von Willensstärke als auch von kindlicher Zerbrechlichkeit erfüllt. Dramatische Ereignisse aus der Kindheit prägen sie und hinterlassen Spuren in ihrer Persönlichkeit. Ihre Unsicherheit ist auf jeder Seite präsent.  Diese spürbare Verletzlichkeit macht es dem Leser recht einfach, sich in die Lage beider Frauen hineinzuversetzen und sich ohne Probleme auf die Geschichte einzulassen.

Durch abwechselnde Erzählstränge aus Vergangenheit und Gegenwart wird die Geschichte sehr lebendig gestaltet. Nach und nach setzen sich die Dinge wie Bausteine aneinander und offene Fragen werden beantwortet. Doch leider behält die Autorin nicht all die zahlreichen Fäden zusammen, die sie im Verlauf der Geschichte aufnimmt. Manche Fäden entgleiten ihr. Sie wird schusselig und hinterlässt dadurch ungelöste und fragwürdige Konstellationen, die wie Fragezeichen im Raum schweben. Leider wirkt der Roman dadurch etwas unausgewogen.

Die Sprache der Autorin gefiel mir recht gut, da sie den jeweiligen Zeitepochen angepasst schien. Während die Passagen aus der Vergangenheit etwas altertümlicher zu lesen sind, präsentieren sich die Zeilen der Gegenwart sehr modern und zeitgemäß. Die Zeilen zwischen Imogen und Gavin sind mir dabei sehr ans Herz gewachsen, weil sie von purer Emotion getränkt sind. Leidenschaft, Begierde und aufrichtige Liebe werden zum Mittelpunkt ihres Miteinanders. Die Gefühle füreinander wachsen sehr behutsam, bevor sie sich letztendlich zu ihrer vollen Blüte entfalten.

„Gavin überkam plötzlich ein wildes Verlangen, seine Lippen auf das Grübchen an ihrem Hals zu pressen , auf jene Stelle, wo noch ihre Worte nachbebten. Er wollte seine Finger in die glänzende dunkle Fülle ihres Haares graben und es aus den Nadeln lösen, bis es ihm wie Seide über die Hände floss, wollte sie an sich ziehen und ihren Mund mit seinem bedecken, sie küssen, bis die Welt sich in betäubendem Wirbel um sie drehte und das Zwitschern der Vögel übertönt wurde vom ungestümem Schlag ihrer Herzen.“

Zitat, Seite 199

„Liebe. Sie sprachen nicht von Liebe; das war eine stillschweigende Vereinbarung. Es gab keine Zukunft für sie, und sie wussten es beide. Dies war geliehene Zeit, gestohlene Zeit, so sehr Phantasie wie das Kleid, das sie trug, wie die Requisiten, die sich in der Ecke stapelten, nichts davon geeignet, den Prüfungen der Zeit standzuhalten.“

Zitat, Seite 252

Lauren Willig hat einen atmosphärischen Roman geschaffen, der trotz kleiner Unstimmigkeiten zu fesseln vermag. Die Zeitreise nach Herne Hill lässt mich insgeheim davon träumen, ein verstaubtes Anwesen zu erben und auf die Spur seiner Geheimnisse zu kommen.

<3 <3 <3 <3

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Ein Reise in die Vergangenheit..

lesenslust über „Sommertöchter“ von Lisa-Maria Seydlitz

Acht Jahre nach dem Tod ihres Vaters erhält Juno einen anonymen Brief, der sie mit einem unerwarteten Erbe konfrontiert. Ihr soll fortan ein Fischerhaus in der Bretagne gehören, von dessen Existenz sie bis dato noch nicht einmal wusste. Ihre Mutter gibt sich nichtsahnend und unkooperativ. Also bleibt Juno nichts anderes übrig, als selbst nach Coulard zu reisen.

„Der Brief, frage ich, und ob sie die Schrift erkenne, ob ihr die Adresse etwas sage, ob wir Verwandte in Frankreich hätten, von denen ich nichts wisse, ob mein Vater etwas damit zu tun habe, seine ständigen Geschäftsreisen. Sie schüttelte den Kopf. Sie kenne kein Haus, das habe sie doch schon gesagt, sie wisse nicht, wo es stehe und seit wann es mir gehöre. Ich wusste, dass meine Mutter nicht die Wahrheit sagte.“

Dort angekommen muss Juno feststellen, dass sie nicht die einzige ist, die Interesse an dem Fischerhaus hat. Denn eine französische Kellnerin namens Julie hat sich im Haus eingenistet und der benachbarte Architekt Jan aus Deutschland ist dort auch öfter anzutreffen als ihr lieb ist.

Was als Reise ins Ungewisse beginnt, entpuppt sich als Ausflug in die Vergangenheit. Juno macht Entdeckungen, die sie ihr gesamtes Leben hinterfragen lassen. Plötzlich erfährt sie von einem anderen Leben des Vaters und ihre Wunden von damals beginnen erneut zu schmerzen.

Die Fassade der scheinbar idyllischen und glücklichen Kindheit beginnt zu bröckeln und Julie kommt nicht umhin sich der Vergangenheit zu stellen.

Ich steige aus und bin nervös, als erwarte mich jemand, als säße jemand in der Bar, der mir meine Geschichte erzählen, meine Erinnerungen mit seinem Wissen auffüllen und so die Lücken schließen wolle, von denen ich erst seit ein paar Tagen vermute, dass es sie geben muss.

„Sommertöchter“ ist ein unglaublich berührender Roman, der sich mit sehr leisen und sanften Tönen in dein Herz vortastet. Sehr behutsam schildert Seydlitz dem Leser mithilfe von Zeitsprüngen in Junos Kindheit was bereits hinter der jungen Frau liegt. Dem ausgelassenen Kind von damals ist eine nachdenkliche Frau gewichen. Eine natürliche Entwicklung, die mit der innigen Beziehung zum Vater und dessen plötzlicher Verhaltensveränderung zu erklären ist.

Mit dem Verlust des Vaters scheint sich auch in Junos Bewusstsein etwas verändert zu haben. Die Mutter, die fast krampfhaft versucht, die Erinnerungen an den Vater auszulöschen, hinterlässt bei Juno Unverständnis und noch mehr Trauer. Irgendwie verleiht es dem Roman etwas Verzweifeltes. An der Geschichte haftet daher irgendwie immer ein bisschen Traurigkeit, die man auf vielen Seiten förmlich spüren kann.

“Es sei vorbei, sagt sie, es sei Vergangenheit, wir müssten in die Zukunft schauen.”

Trotz der traurigen Thematik gelingt es der Autorin dem Roman etwas sehr Lebendiges und Hoffnungsvolles einzuhauchen. Beschreibungen werden zu Bildern, die wie Polaroid-Fotos vor deinem geistigen Auge vorbeischweben. Zeilen nehmen Farben und Gerüche an. Hoffnung wird zu deinem Wegbegleiter, der dich rüttelt und sagen möchte: that´s life, das Leben lohnt es sich dennoch zu leben. Denn wo sich eine Tür schließt, da öffnet sich eine andere. Mit Julie und Jan lässt Juno neue Menschen in ihr Leben einziehen und das Erbe des Hauses leitet eine neue Ära ein. Pinselstrich für Pinselstrich verleiht sie nicht nur dem Fischerhaus sondern auch ihrem Leben einen neuen Anstrich.

Der Autorin ist ein wirklich sehr emotionales und schönes Debüt gelungen. Es erzählt die Geschichte eines Endes und zugleich eines Neuanfangs und zeigt uns allen, dass man sich manchmal von Altem lösen muss um in der Gegenwart leben zu können. Auch wenn die ein oder andere Frage, die sich mir während des Lesens gestellt hat, unbeantwortet bleibt, kann ich das Buch vorbehaltlos weiterempfehlen. Vielleicht müssen manche Fragen auch ungeklärt bleiben.