Heavy guitars

„Vintage“ – Grégoire Hervier

„Für mich ist Prestige Guitars der schönste Gitarrenladen in Paris. Um nicht zu sagen der schönste Laden überhaupt in Paris. Ein Hafen des Friedens mitten in Pigalle, eine Zeitinsel, in der man sich in der goldenen Ära des Rock vergnügen und vielleicht auch verlieren konnte. Die Gitarren an den Wänden waren keine verstaubten, unantastbaren Reliquien, sondern Waffen, an denen noch das Blut einer Revolution klebte.“

Zitat, Seite 12

Als Alain de Chévignés, Besitzer des Gitarrenladens Prestige Guitars in Paris krankheitsbedingt ausfällt, schmeißt Thomas Dupré vorübergehend den Laden. Für den leidenschaftlichen Gitarristen Thomas kommt der Job wie gerufen. Schließlich lässt es sich nirgendwo so herrlich durch die goldenen Zeiten der Rockgeschichte reisen wie in Alain’s Laden. Hier ist er von der Aura hochkarätiger Modelle einzigartiger Vintage-Gitarren umgeben, die er sich nicht im Lebtag leisten könnte.

Eines Tages wird das teuerste Modell des Ladens von einem anonymen Käufer in Schottland erworben. Die limitierte Les Paul von 1954, Alains bestes Stück; die ihren Namen der funkelnden goldlackierten Decke zu verdanken hat; soll in Schottland persönlich dem Käufer übergeben werden. Alain beauftragt Thomas mit der Übergabe, für den der vom Käufer gesponserte Trip nach Schottland eine gelungene Abwechslung darstellt.

Seine Reise führt ihn zu einem Landhaus in der Nähe von Loch Ness. Doch es ist kein gewöhnliches Anwesen, das ihn dort empfängt, sondern das Boleskine House, das sich Rocklegende Jimmy Page in seiner Anfangszeit von Led Zeppelin gekauft hat und mittlerweile im Besitz von Lord Charles Dexter Winsley ist. Thomas traut seinen Augen kaum, als er neben derlei anderem Reichtum auch an die 30 Gitarren-Sammlerstücke in der Villa erblickt; darunter eine weiße Broadcaster, eine Stratocaster in Lake-Placid-Blau und eine Les Paul Standard von 1959 mit geflammter Decke, die alleine um die halbe Million Dollar wert ist.

Doch als Winsley Thomas sein unvollständiges Triptychon von Gibson Gitarren in einem versteckten Hinterzimmer präsentiert, schwant ihm noch nicht, welches Ausmaß sein Besuch im Boleskine House erreichen wird. Denn zwischen den höchst gefragten Unikaten der Flying V und der Explorer klafft eine schmerzhafte Lücke. Das Herzstück der Sammlung fehlt: die legendäre Gibson Moderne. Eine Million Dollar verspricht Winsley ihm, wenn er den für den Lord nötigen Beweis liefert, dass die Moderne tatsächlich gebaut worden ist. Eine Falle oder einfach nur der lukrativste Job seines Lebens?

„Dies ist keine Sammlung wie jede andere (…) Es ist nicht der Friedhof meiner jungen Jahre, ein Mahnmal alter Erinnerungen, an die man nicht rühren durfte. Jede dieser Gitarren hat eine Geschichte, eine ruhmreiche Geschichte (…) Sie wartet nur darauf, von Zeit zu Zeit erzählt zu werden. Erwecken Sie sie zum Leben.“

Zitat, Seite 37

Eine Geschichte wie ein Song

Grégoire Herviers dritter Roman „Vintage“ präsentiert sich nicht nur in überaus ansprechender Optik, sondern auch äußerst facettenreicher Natur. Denn neben dem großflächigen Cover begeistert mich auch der Aufbau von Herviers Roman, der der Struktur eines Musikstücks gleicht und daher in die einzelnen Elemente eines Songs unterteilt ist. Es ist unschwer zu erkennen, dass Hervier eine Schwäche für Rockmusik hat, denn sie prägt sein Werk bis zur letzten Seite und schenkt ihr damit eine noch authentischere Note.

Zugegeben, der Experte in Sachen Rockmusik bin ich nicht. Dennoch hat mich Herviers Roman, der rein optisch bereits aus dem üblichen Diogenes Raster fällt, gleich auf Anhieb angesprochen. Ich bin mit den Rocklegenden meines Papas aufgewachsen, erinnere mich noch gut an die bis zum Anschlag aufgetreten Klänge von Rocksongs, mit denen mein Vater die Wände zum Zittern brachte. „Gute Musik muss man laut hören!“ pflegt er auch noch heute zu sagen. Die zahlreichen von Hervier erwähnten Künstler und Songs waren mir daher weitestgehend bekannt, wenn auch nicht in aller Vollständigkeit vertraut. Sicherlich werden eingefleischte Rockliebhaber hier auf ihre Kosten kommen.

Auf der Suche nach der legendären Gibson Moderne schickt Hervier seinen Protagonisten Thomas auf eine faszinierende Reise quer durch Amerika. Auf seinem Weg begegnet er nicht nur bessenenen Musikliebhabern und leidenschaftlichen Sammlern, sondern auch derlei zwielichtigen Gestalten, die ihm schon bald zum Verhängnis werden. Angestachelt von der lukrativen Belohnung Winsley’s und getrieben von seiner Neugier nach der Wahrheit, stößt Thomas auf einen nahezu unbekannten Künstler namens Li Grand Zombie Robertson, auf dessen einziger Platte von Half Moon Blues / Song to Rest in the Hell aus dem Jahre 1958 die vermeintlichen Klänge einer Moderne zu entnehmen sind.

Der scheppernde hypnotische Stil von Robertsons dunklem schweren Song erfasst schon bald die Seiten des Buchs und breitet sich langsam aber sicher auch auf Thomas und den Leser aus. Ehe man sich versieht, ist man, gelähmt von den düsteren Klängen, in eine rasante Verfolgungsjagd verstrickt, die nicht nur in die abgelegensten Winkel führt, sondern auch um Leben und Tod rennen lässt. Der Fluch der legendären Gibson Moderne sorgt zeitgleich für Faszination wie Besorgnis und lässt Herviers Geschichte Seite für Seite zu einem rasanten Krimi heranreifen, der in uns die Saiten zum Klingen bringt.

Grégoire Herviers Geschichte ist das Ergebnis einer raffinierten Verwebung von wahren Fakten und Fiktion. Sie verankert sich so intensiv in unserem Gedächtnis wie ein hartnäckiger Ohrwurm, der uns auch noch Stunden nach dem Hören durch den Alltag begleitet.

„Harold war die Suche wichtiger als das Ergebnis. Das hat seinen Kunstsinn verfeinert, ihn aber letzlich vielleicht auch limitiert. Er schielte kein bisschen auf den Erfolg seiner Musik. (…) Er holte sich seine Ideen aus der Zukunft und richtete seine Musik auch an sie. Das Hier und Jetzt war für ihn nur ein Durchgangsort. Er war ein Außerirdischer. Man wusste nicht, ob er schwarz oder weiß war, aus dem Norden oder aus dem Süden stammte, ob er noch von dieser Welt oder schon anderswo war. Der Einzige, bei dem ich später dasselbe Gefühl hatte, war Michael Jackson.“

Zitat, Seite 278

❤ ❤ ❤ ❤ ❤

Diogenes hat zur Erscheinung des Romans ein passendes Mixtape mit Klassikern veröffentlicht. Eine Reise von Robert Johnson, Chuck Berry und Elvis über The Kinks bis zu BRMC.

Hör mal rein:

(c)2017 Stayed Up All Night / Diogenes Verlag

Weitere Besprechungen zu diesem Buch findest du hier:

Studierenichtdeinleben

Leseschatz

Feiner reiner Buchstoff

 

Kinderfreuden #18: Grrrrr!

„Grrrrr!“ – Rob Biddulph

Grrrrr! tönt es durch den Wald.

Im Wettkampf um den Titel „Bester Bär des Waldes“ ist Fred Bär ungeschlagen. Seine Medaillen belegen die Glanzleistungen im Fische fangen, Reifenkreisen und Menschen erschrecken, die er in den letzten Jahren erbracht hat. Auch Freds Brüllen ist legendär. Doch kurz vor dem Wettkampf taucht ein neuer Bär im Wald auf und sorgt für helle Aufregung.

Als am großen Tag auch noch Freds Brüllen verschwunden ist, ist die Sorge um den begehrten Titel groß. Zum Glück eilen ihm seine Freunde zu Hilfe.

Doch geht es im Leben immer nur darum, der Beste zu sein?

Eckdaten

Text & Illustration: Rob Biddulph | Übersetzung: Steffen Jacobs | Seiten: 32 | Hardcover Pappband 16.00 € | ISBN: 978-3-257-01185-2 | Erscheinungstermin: 28.09.2016

Zum Buch beim Diogenes Verlag

Blickwinkel aus großen Augen

Nachdem uns Illustrator Rob Biddulph mit seinem ersten Kinderbuch „Weggepustet“ vor zwei Jahren bereits begeistern konnte, war die Vorfreude auf sein zweites Werk groß. Während es in „Weggepustet“ um einen kleinen Pinguin namens Blau ging, der von seinem knallroten Drachen von der Antarktis bis nach Madagaskar geweht wird, widmet Biddulph seine Aufmerksamkeit nun dem Bär Fred, der gemeinsamen mit den anderen Tieren im Wald wohnt.

Fred ist groß und stark. Sein Ruf als „Bester Bär des Waldes“ eilt im Voraus. Er genießt das Ansehen im Wald und trägt seinen Titel voller Stolz. Während viele Tiere mit ihm befreundet sein möchten, zählt für Fred nur eins: der Titel. Doch der große blaue Bär, der kurz vor dem Wettkampf im Wald auftaucht, scheint genauso aufs Siegen aus zu sein wie Fred. Was nun?

Das plötzliche Verschwinden von Freds legendärem Brüllen setzt dem Ganzen die Krone auf. Fred wird angst und bange. Wie soll er nur ohne sein Brüllen siegen? Doch er hat nicht mit den Waldbewohnern gerechnet, die ihm mit Rat und Tat zu Seite stehen. Als sein Brüllen weiterhin unauffindbar bleibt, sehen sie nur einen Weg, um ihrem Vorbild zu helfen. Es ist ihr Zusammenhalt, der Fred zeigt, wie wertvoll Freundschaft ist.

Biddulph gelingt erneut eine zauberhafte Geschichte um Freundschaft, Ehrgeiz und Fairness. Mit seinen bunten wachsmalfarbenen Zeichnungen bringt er Kinderaugen zum Strahlen und erweckt das alte Retrochick wieder zum Leben. Es bedarf nur wenig begleitender Reime, die die Kinder nebst den bunten und großflächigen Zeichnungen durch die Geschichte von Fred Bär und seinen Freunden geleitet.

Ständig geht es in unserer Gesellschaft darum, leistungsstark und erfolgreich zu sein. Bereits im Kindergarten werden die Kinder damit konfrontiert, was passiert, wenn sie dem rasanten Tempo unserer Zeit nicht gewachsen sind. Das daraus resultierende Scheitern führt zu Unzufriedenheit und das falsche Setzen von Prioritäten.

Biddulph gibt den Kindern mit „Grrrrr!“ genau die Werte an die Hand, die im Leben wirklich zählen. Auf kindgerechte und anschauliche Weise vermittelt er ihnen, dass es im Leben gar nicht immer darum geht, der Beste zu sein. Fred Bär und seine Freunde haben unsere Herzen brüllend erobert!

❤ ❤ ❤ ❤ ❤

Blickwinkel aus kleinen Augen

Joschuas Urteil:

Steckbrief Joschi Blog 2

Gefällt dir das Buch? Ja

Was hat dir besonders gefallen? Die Farben

Worum geht die Geschichte? um Bären und ein verschwundenes Brüllen

Wo steht das Buch im Regal? neben „Weggepustet“

Lesezeit: bei Tageslicht, da leuchten die Farben besonders schön

Bester Leseort: die Couch

Schlüpft in die Rolle von: einem Waldbewohner