Meine Leseperlen des Jahres 2020

„Die größte Illusion ist“, sagte der Maulwurf, dass das Leben perfekt sein muss.“

Aus „Der Junge, der Maulwurf, der Fuchs und das Pferd“ von Charlie Mackesy

Seit Wochen streife ich gedanklich durch das vergangene Jahr. Will resümieren, mich noch einmal an den Büchern erfreuen, die sich mir im letzten Jahr als Leseperlen offenbart haben, mir so treue und ergebene Begleiter waren. Ich will mich bei ihnen bedanken, behutsam über ihre Buchdeckel streichen, noch einmal in ihnen blättern und mich in den vielen Textstellen wiegen, die mich sanft umschließen wie trostspendende Arme. Doch meine Welt stand still. Das Schicksal traf mich mit voller Wucht, lies meinen Blick auf das Leben in einem Meer aus Tränen ertrinken, meine Glieder erstarren und meine Freude am Schreiben versiegen.

Heute, am elften Tag des neuen Jahres, schaffe ich es endlich mich ganz langsam aus der Schockstarre zu lösen und mich noch einmal den Büchern des vergangenen Jahres anzunehmen, die mir so lieb und teuer waren, dass ich sie euch unbedingt mit auf den Weg geben, und mich von ihnen stützen lassen möchte. In dieser für mich so schweren und ohnehin schon herausfordernden Zeit, wo nichts ist, wie es mal war. Die uns um unsere Freiheit und Normalität beraubt und die mich persönlich nun dazu zwingt, ein Kapitel meines Lebens hinter mir zu lassen, einen neuen Weg einzuschlagen und meine Wünsche neu zu definieren. Denn Bücher vermögen uns über schlechte Zeiten hinwegzuhelfen.

Es sind sechs Bücher, die mir nicht nur während der Lektüre wunderbar horizonterweiternd, befreiend und trostspendend begegneten, sondern auch im Nachgang noch einmal an Tiefe gewinnen. Es sind ihre Worte, die in mir nachhallen, mich Verlust spüren, Trauer und Wut durchlaufen und neuen Mut und neue Hoffnung fassen lassen. Nachfolgend möchte ich euch diese sechs Titel ans Herz legen.

Die Reihenfolge der Bücher ist völlig willkürlich und unterliegt keinem Ranking.

Mögen sie auch euch durch 2021 tragen und ganz viel Licht ins Dunkle bringen!

1. „Der Junge, der Maulwurf, der Fuchs und das Pferd“ – Charlie Mackesy

List Hardcover, erschienen am 28. Februar 2020, Preis 20,00 € [D], hier geht’s zum Buch

Wie gut, dass Bücher dir über schwere Zeiten hinweghelfen können. Dass sie den Platz von Freunden einnehmen können, wenn Social Distancing angesagt ist und du nur dich selbst und deine engsten Vertrauten hast. Dich zuhause einschanzen musst. Nur selten vor die Tür darfst. Und klammheimlich die Bücher selbst zu Freunden werden. Zu wertvollen Wegbegleitern. Zu einem lebensnotwendigen Gut. Wenn es ein Buch gibt, das vor Liebe, Mitgefühl und Stärke strotzt und so viel Licht in diese düsteren Tage des letzten Jahres gebracht hat, dann war es dieses.

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2. „Alte Sorten“ – Ewald Arenz

Dumont Verlag, erschienen am 21. Juli 2020 (TB), Preis 10,00 € [D], hier geht’s zum Buch

Was sich mir da zwischen den Buchseiten offenbarte, war eine Geschichte voller Leben. So authentisch, ehrlich und ungeschliffen, dass mir das Lesen fast schon ein wenig weh tat und gut zugleich. Es ist keine reine Wohlfühlgeschichte, die sich Ewald Arenz da von der Seele geschrieben hat, er hat vielmehr das Leben selbst eingefangen. Und zwar mit allen Höhen und Tiefen. Und mit jeder Faser seines Körpers!

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3. „Dankbarkeiten“ – Delphine de Vigan

Dumont Buchverlag, Hardcover, erschienen am 10. März 2020, Preis 20,00 € [D], hier geht’s zum Buch

Delphine de Vigans Roman mag unaufgeregter und leiser daherkommen als sein Vorgänger „Loyalitäten“. Er vermag uns aber auf sehr einfühlsame Art und Weise ins Bewusstsein zu rufen, dass es die Menschen sind, die uns zu dem machen was wir sind. Und dass wir ihnen dafür all unseren Dank aussprechen sollten. Und das nicht erst im hohen Alter!

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4. „Offene See“ – Benjamin Myers

Dumont Verlag, erschienen am 20. März 2020, Preis 20,00€ [D], hier geht’s zum Buch

Myers‘ Zeilen begegnen einem wie Offenbarungen. Seine Beschreibungen sind melodisch. Poetisch. Nachhallend. Er scheint für alles die richtigen Worte zu finden. Verleiht seinem Roman damit eine ungeheure Kraft und Lebendigkeit. Man wiegt sich nahezu in den atmosphärischen Zeilen, die die Umgebung erwachen und zu ihrer vollen Schönheit entfalten lassen. Und so umgibt dich während dem Lesen eine unglaubliche Unbeschwertheit und Ruhe. Sie lassen uns die Natur und die Landschaft Englands vollends in uns aufnehmen, ihre Schönheit mit allen Sinnen erfassen. Die Willkürlichkeit des Moments wird unser Navigator, lässt es zu, dass wir in in diesem Kleinod stranden.

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5. „Marianengraben“ – Jasmin Schreiber

Eichborn Verlag, Hardcover, erschienen am 28. Februar 2020, Preis 20,00 € [D], hier geht’s zum Buch

Es ist ein wirklich abgefahrener Roadtrip mit Paula, dem schrulligen alten Helmut und seiner Hündin Judy. Was im ersten Moment recht heiter klingt, birgt allerdings auch tieftraurige und emotional tiefgehende Momente in sich, die dich dem Abgrund und den Tränen ganz nahe bringen. Doch Jasmin Schreiber meistert, ähnlich wie Lucy Fricke in „Töchter“, den schmalen Grat zwischen Freud und Leid und führt ihre Leser dadurch ganz leichtfüßig durch die Themen Tod, Trauer und Depression.

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6. „Sommer ist trotzdem“- Espen Decko

Thienemann Verlag, ab 10 Jahren, erschienen am 14. Februar 2020, Preis 13,00 € [D], hier geht’s zum Buch

Es ist sicher einer der schönsten und emotionalsten Sommer, den ich mit einem Buch erleben durfte. Einer, in dem Freud und Leid nah beieinander liegen. Man dem Abgrund ganz nahe kommt. Und in dem einen das Wetter genauso launenhaft begegnet wie ein 11-jähriges Mädchen, das langsam aber sicher lernt, loszulassen. Und so ist eins gewiss: egal wie viele Tränen in diesem Sommer auch geflossen sind – Sommer ist trotzdem!

Dieses Buch hat mich mit seinem schönen Cover gelockt und schon nach wenigen Seiten für sich gewonnen, selbst wenn ich der Altersempfehlung schon lange entwachsen bin. Denn was mich darin empfing, waren Zeilen voller Tiefe und großer Emotionalität. Sie spülten mich direkt ans Meer, an das Haus der Großeltern eine Elfjährigen, dem alles so vertraut war und dennoch ganz anders begegnete als sonst.

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Meine Leseperlen des Jahres 2019

Zwischen den Jahren

Und da ist er wieder. Der letzte Tag des Jahres. Dieses Jahr sogar der letzte eines Jahrzehnts. Das Jahr ist gerannt. Unaufhaltsam. Nun neigt sich 2019 schon wieder seinem Ende entgegen. Der Jahreswechsel steht unmittelbar bevor. Der Start in ein neues Jahrzehnt.

Es ist dieser besondere Moment zwischen den Jahren, in der man förmlich in der Zeit hängt, sich zwischen gestern und morgen, alt und neu, Vergangenheit und Zukunft befindet. Ein Moment, der sich wunderbar dazu eignet, einen Augenblick in sich zu gehen, zu resümieren und gedanklich zurückzureisen, zu den schönsten (Lese)abenteuern des Jahres, während zwischen zahlreichen Buchdeckeln schon neue Abenteuer auf uns lauern.

Es gibt Bücher, die unser Herz im Sturm erobern. Zehn eben solcher Bücher sind mir in diesem Jahr begegnet. Es sind neun belletristische Titel und eine Biografie, die nicht ausschließlich in diesem Jahr erschienen sind, aber 2019 den Weg zu mir gefunden haben.

Nachfolgend möchte ich euch diese zehn Titel ans Herz legen. Die Reihenfolge der Bücher ist völlig willkürlich und unterliegt keiner Wertung!

Auf dass sie auch eure Herzen im Sturm erobern!

Rutscht gut ins neue Jahr! Wir lesen uns in 2020.

Wenn man Leseperlen verleiht, schaffen es nur 9 von 10 auf’s Bild

„Fuchs 8“ von George Saunders

Luchterhand Verlag, erschienen am 28. Oktober 2019, Preis 12,00 € [D], hier geht’s zum Buch

Mit „Fuchs 8“ beweist George Saunders, dass auch Kleines manchmal ganz Großes bewirken kann. Seine Zeilen, die von einem Fuchs verfasst sind und dementsprechend in fuksisch daherkommen, schockieren, berühren und treffen uns mitten ins Herz. Vielleicht können sie sogar das Unmögliche schaffen und die Welt ein kleines bisschen besser machen. Zumindest schaffen sie ein Bewusstsein für ein respektvolleres und friedlicheres Miteinander. Unserer Welt wäre es zu wünschen.

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„Wenn man den Himmel umdreht, ist er ein Meer“ von Tabea Hertzog

Berlin Verlag, erschienen am 01. März 2019, Preis 20,00 € [D], hier geht’s zum Buch

Trotz trauriger Thematik gelingt Hertzog ein Roman voller Leichtigkeit. Nahezu leichtfüßig bewegt sie sich mit uns durch ihre Geschichte, zeigt, wie man über eine schwere Zeit seinen Humor und Lebenswillen beibehalten kann. Hertzogs Art und Weise auf die Welt zu blicken, uns zu verdeutlichen, wie selbstverständlich wir Dinge oft nehmen, die alles andere als selbstverständlich sind, dass es die kleinen und nicht die großen Dinge sind, die das Leben lebenswert machen – all das hat mich wirklich unglaublich berührt.

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„Gehen, ohne den Gipfel zu besteigen“ von Paolo Cognetti

Penguin Verlag, erschienen am 11. November 2019, Preis 15,00 € [D], hier geht’s zum Buch

Es war der Roman Acht Berge, durch den ich auf Cognetti aufmerksam geworden bin. Einem Autor, der sich im Sommer am liebsten in seine Hütte im Aostatal zurückzieht um die Natur mit allen Sinnen zu erfassen. Mit seinen wunderbar atmosphärischen Beschreibungen erweckt er Szenerien zum Leben, die atemberaubend schön und heimtückisch zugleich sind. Seine Zeilen sind ehrlich und ungeschönt. In Gehen, ohne den Gipfel zu besteigen begibt er sich auf in die entlegendste Region des Himalaja und lernt, dass es nicht das Ziel, sondern der Weg selbst ist, der so wertvoll für uns ist.

„Dunkelgrün fast schwarz“ von Mareike Fallwickl

Frankfurter Verlagsanstalt, erschienen am 5. März 2018, Preis 24,00 € [D], hier geht’s zum Buch

Ich habe dieses Buchs ewig vor mir hergeschoben und weiß eigentlich gar nicht warum. Wahrscheinlich lag es am Hype, dem es 2018 unterlag. Doch nachdem ich es innerhalb weniger Stunden inhaliert hatte, verstand ich, wovon alle sprachen. Denn hinter dem Buchdeckel wartet ein unglaubliches intensives Unterfangen aus Farben und Emotionen auf uns. Selten hat mich eine Geschichte so mitgenommen, mich menschlichen Abgründen so nahe gebracht. Es ist ein Feuerwerk aus gelb, himmelblau und dunkelgrün!

„Miroloi“ von Karen Köhler

Hanser Verlag, erschienen am 19. August 2019, Preis 24,00 € [D], hier geht’s zum Buch

Karen Köhler lässt uns an der Seite einer Außenseiterin; einer jungen Frau, die von Spott und Argwohn verfolgt wird; durch ein Dorf reisen, das sich selbst als schön bezeichnet. Dabei ist es alles andere als das. Es ist eine Geschichte von einer jungen Frau, die es wagt, sich strengen Regeln zu widersetzen, ihre Rechte einzufordern und ein eigenständiges Leben zu leben. Schon mit ihren Kurzgeschichten in Wir haben Raketen geangelt hat mich Köhler geflasht. In ihrem ersten Roman gelang es ihr erneut mich in ihren Bann zu ziehen.

„Loyalitäten“ von Delphine de Vigan

Dumont Verlag, erschienen am 13. September 2018, Preis 20,00 € [D], hier geht’s zum Buch

Delphine de Vigan besitzt ein sehr feines Gespür für Zwischenmenschliches. Sie bringt die Einsamkeit, Verletzlichkeit und innere Zerrissenheit ihrer Figuren wunderbar zum Vorschein und gewährt uns damit einen tiefen Einblick in das Seelenleben ihrer Figuren. Mit Loyalitäten gelingt ihr ein kompromissloses Porträt einer kranken Gesellschaft. Ihre Zeilen gehen unter die Haut, sie erschüttern, ergreifen und stimmen nachdenklich.
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„Mittagsstunde“ von Dörte Hansen

Penguin Verlag, erschienen am 15. Oktober 2018, Preis 22,00 € [D], hier geht’s zum Buch

In der Mittagsstunde oder auch „Siesta des Nordens“ spielt sich einiges ab, im kargen aber scheinbar grenzenlosen Nordfriesland. Das beweist Dörte Hansen mit ihrem Roman „Mittagsstunde“. Die Geschichte von Ingwer Feddersen, der in sein Heimatdorf Brinkebüll zurückkehrt und nichts mehr so vorfindet, wie es mal war, ist mit allerhand plattdeutschen Elementen, skurillen Figuren und Schlagern gespickt. Hansens ehrliche und unaufgeregte Zeilen tun einfach der Seele gut und sorgen für eine „verdreihtes“ Lesevergnügen. Ich war schon von Altes Land begeistert.

„Astrid Lindgren – Ihr Leben“ von Jens Andersen

DVA Verlag, erschienen am 28. September 2015, Preis 26,99 € [D], hier geht’s zum Buch

Jens Andersens sagenhafte Biografie gehört sicher zu den zugänglichsten und am besten recherchiertesten Biografien über Astrid Lindgren. Da sie erst nach ihrem Tod verfasst wurde, liefert sie ein umfassendes Bild von meiner liebsten Kinderbuchautorin. Die Biografie ist nicht nur ein unglaublich tolles Nachschlagewerk im Bezug auf Lindgrens persönlichen Lebensweg, sondern auch im Bezug auf ihre Werke.  Nach der Lektüre wurde das Projekt „Dieser Tag, ein Leben“ geboren. Meine Reise durch Lindgren’s Werke!

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„Der Bücherdrache“ von Walter Moers

Penguin Verlag, erschienen am 25. März 2019, Preis 20,00 € [D], hier geht’s zum Buch

Ich bin dem Meister der zamonischen Worte seit „Die Stadt der träumenden Bücher“ verfallen und schon durch ganz Zamonien gereist. Mit der Geschichte um den Bücherdrachen hat Moers allerdings bewiesen, dass es da immer noch allerhand fantastisches Getier gibt, das ich bis dato noch nicht kannte. Zusammen mit Buchling Hildegunst Zwei habe ich mich auf den Weg durch den Ormsumpf begeben, um Nathaviel, den Bücherdrachen kennenzulernen. Und was soll ich sagen!? Diesem bändigenden Blick, der einem schon auf dem Cover begegnet, kann man sich einfach nicht entziehen!

„Der vergessliche Riese“ von David Wagner

Rowohlt Verlag, erschienen am 22. August 2019, Preis 22,00 € [D], hier geht’s zum Buch

Mit „Der vergessliche Riese“ hat David Wagner zu Recht den Bayerischen Buchpreis 2019 ergattert. Denn dieser Roman ist voller Intensität, Zärtlichkeit und einem großen Weitblick. Wagners stille aber sehr ausdrucksstarke Zeilen, die von vielen Dialogen geprägt sind und von der fortschreitenden Demenz seines Vaters berichten, gehen direkt unter die Haut und mitten ins Herz. Pures Gefühlskino! Ein Buch, das so viel mehr ist als die simple Schilderung des Verlaufs einer Dememenzerkrankung!