Intimes Kopfkino

lesenslust über „6 Uhr 41“ von Jean-Philippe Blondel

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Nach einem anstrengenden Wochenende bei ihren Eltern sitzt Cécile Duffaut am Montag Morgen um 6 Uhr 41 im Pendelzug nach Paris. Der Platz neben ihr ist frei und bleibt es sonderbarer Weise auch für eine Weile, obwohl der Zug längst bis zum Bersten voll ist. Doch ehe Cécile ihre Verwunderung darüber zu groß werden lassen kann, setzt sich ein Mann neben sie, den sie auf Anhieb erkennt:  Philippe Leduc – der Mann, mit dem sie vor 27 Jahren zusammen war.

Doch was sie aus dem Augenwinkel sieht, erinnert nicht mehr an den attraktiven Philippe von damals, sondern zeigt ihr vielmehr einen gealterten Mann mit Bauchansatz,  hängenden Schultern und matten Gesichtszügen. Sie ist entsetzt, schier beklemmt und hat keine Ahnung, wie sie sich ihm gegenüber verhalten soll. Soll sie ihn ansprechen oder vielmehr darauf warten, dass er es tut? Was hat man sich nach 27 Jahren schon noch zu sagen?

„Glatte Oberfläche, keine Unebenheiten. Kaum Kratzer. Es gibt solche Menschen, die förmlich durch das Leben schweben, und erst nach den ersten persönlichen oder beruflichen Enttäuschungen, dem Tod eines Elternteils oder eines Freundes, bekommt der Lack die ersten Risse. Und er scheint eine ganze Menge abbekommen zu haben.“

Zitat, Seite 51

Auch Philippe erkennt Cécile auf Anhieb. Das unscheinbare Mädchen von früher ist gereift, hat sich zum Positiven verändert und ist einer erfolgreichen Geschäftsfrau mit Stil gewichen. Sie ist hübsch, die Wangen rosig. Er spürt, dass er ihr längst nicht mehr das Wasser reichen kann. Ihre Anwesenheit schüchtert ihn ein. Soll er sie nun anzusprechen? Will sie überhaupt angesprochen werden? Oder hat sie ihn längst erkannt?

Ein intimes Gedankenspiel beginnt.

„Wie um alles in der Welt verhält man sich in so einer Situation? Stellt man sich mit einem Standardsatz vor, in der Art: „Kennen wir uns nicht von irgendwoher?“ Oder stellt man sich dumm und fällt aus allen Wolken, wenn der andere den ersten Schritt macht?

„Cécile Duffaut? Ich glaub’s nicht! Entschuldigung, ich war ganz in Gedanken, da habe ich gar nicht … na ja, Sie verstehen, ich meine … du verstehst …“, und fuchtelt mit den Händen und Armen, setzt auf die Auslassungspunkte, die der andere mit Floskeln wie „natürlich“, „tatsächlich?“ oder „verstehe!“ ausfüllen soll – Wörtern eben, die nichts besagen – ich habe sie so satt, diese Wörter, die nichts bedeuten.

Zitat, Seite 37

Im Klappentext heißt es „dieses Kammerspiel in einem Zugabteil“. Ja, das ist es tatsächlich: ein kleines intimes Theater während einer 95-minütigen Bahnfahrt. Intim im Hinblick auf die Gedanken der Protagonisten, die seit dem gegenseitigen Erblicken im Kopf Achterbahn fahren. Auch wenn tatsächlich darüber hinaus kaum etwas passiert, passiert so viel.

Es ist sind die Momentaufnahmen vor dem geistigen Auge, mit denen sich Cécile und Philipp während der Fahrt auseinander setzen. Das und die Frage „Was wäre gewesen, wenn?“ Vier gemeinsame Monate, aus denen sich vor knapp 30 Jahren nichts Festes entwickelt hat, stehen nun im Raum, lassen sich nicht mehr abschütteln, beschäftigen sie.

Beide sind geschockt über das Wiedersehen. Es bleibt still. Nur das Kopfkino läuft. So gewinnt der Leser abwechselnd Einblick in die intimen Gedankengänge der beiden Protagonisten. Es sind Reisen in die Vergangenheit, die von Gleichgültigkeit, plötzlichen Gewissensbissen, Scham und Wut begleitet werden. Und die zum Nachdenken anregen. Klarheit schaffen, was die beiden einst verband und weshalb ihre Wege sich wieder trennten. Und umso näher der Zug Paris Gare de l´Est kommt, umso mehr brennt der Leser auf die Antwort zu der Frage: Wie wird diese Fahrt wohl enden?

Blondels Geschichte kommt schlicht daher. Schnörkellos erzählt der Autor von einer 95-minütigen Zugfahrt zweier Menschen, die sich einst nahestanden und seit nunmehr 30 Jahren getrennte Wege gehen. Menschen, die mitten im Leben stehen, ihre eigenen Erfahrungen gesammelt haben und längst nicht mehr die sind, die sie einmal waren. Deren Gedanken sich um Ehe, Job und Kinder drehen und dennoch wieder für eine Weile zueinander finden. Unentdeckt.

Das Spannende an diesem Roman war für mich tatsächlich das Schweigen. Die gedankliche Achterbahnfahrt war aufschlussreich, teilweise sarkastisch und von vielen Emotionen getränkt. Cécile und Philippe erinnern sich an Momentaufnahmen und kleben Erinnerungsfetzen vergangener Zeiten aneinander, obwohl sie längst nicht mehr von Belang füreinander scheinen. Oder doch? Hat ihre Begegnung sie erst zu dem gemacht, was sie heute sind?

Blondel ist es gelungen, uns mit wenigen Worten pure Menschlichkeit zu vermitteln. Seine Figuren sind alltäglich und für jedermann greifbar. Menschlich eben. Genau deshalb erscheint mir der Roman so authentisch. Die Unsicherheit seiner beiden Protagonisten wird zum festen Begleiter ihrer Gedanken. So sei „6 Uhr 41“  jenen Lesern ans Herz gelegt, die eine ernüchternde Begegnung ehemals Liebender verkraften können. Wer hier auf eine nostalgische Zugfahrt hofft, sollte sich wohl besser anderweitig orientieren.

„Die meisten Menschen haben eine Löschtaste im Kopf, die sie manchmal drücken, wenn ihr Gehirn in Aufruhr ist, nach Missverständnissen, Treuebrüchen oder Verletzungen – und prompt verschwinden ganze Dateien ihrer Existenz; Gesichter, Namen, Adressen, Farben, alles verschwindet in einer Fallgrube und versickert  in den Kloaken des Unterbewusstseins.“

Zitat, Seite 38

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Liebe auf Zeit..

lesenslust über „Noch ein Tag und eine Nacht“ von Fabio Volo

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„Das Leben ist die mächtigste Droge der Welt.“

Zitat, Seite 170

Italien – la dolce vita.

Lebemann Giacomo lebt und liebt hier: Ausdauernd, leidenschaftlich und am liebsten mit so vielen Frauen wie möglich. Sich auf eine festzulegen ist nicht sein Ding. So hangelt er sich von Frau zu Frau und von Bett zu Bett, fängt sich den Ärger wütender Ehemänner und die enttäuschten Blicke der Frauen ein. Ist halt so. Giacomo lässt es kalt.

Eines Tages entdeckt er die hübsche Michaela in der Straßenbahn. Er beobachtet und studiert sie, unterlässt es allerdings für Monate, sie anzusprechen. Ihre morgendliche Straßenbahn-Begegnung wird für ihn zum heimlichen Rendezvous. Irgendwann ist es sie, die auf ihn zugeht. Sie verabreden sich auf einen Kaffee, lachen miteinander und scheinen auf einer Wellenlänge zu sein. Beide lassen es nicht unerwähnt, an etwas Ernstem nicht interessiert zu sein. Bindungen seien viel zu kompliziert. Giacomo ist Feuer und Flamme.

Doch ehe sich Giacomo versieht, ist Michaela weg. Längst hat sie ihrem Leben in Italien den Rücken gekehrt um in New York ein neues zu beginnen. Glück und Pech liegen plötzlich nah beieinander. Giacomo fasst es nicht, etwas verloren zu haben, das er noch gar nicht wirklich hatte. Als es ihm selbst nach Wochen nicht gelingt, sie zu vergessen, beschließt er ihr hinterher zu reisen. Mit einem Rucksack voller Entschlossenheit macht er sich auf den Weg nach New York, seiner vermeintlichen Traumfrau auf der Spur.

Mit „Noch ein Tag und eine Nacht“ schenkt uns Fabio Volo eine authentische Liebesgeschichte. Anstatt seine Leser in seichtes oder vorhersehbares Fahrwasser zu schicken, verstrickt er sie in ein kompliziertes Beziehungsgeflecht, das von anfänglicher Unsicherheit und Enttäuschung geprägt ist und sich mit den Seiten entwickelt. Mit überzeugender Leichtigkeit  präsentiert er uns ein verzwicktes Lebensszenario, das mit vertrauten Szenen aus dem wahren Leben gespickt ist.

„Alle Politiker schwafeln von einer besseren Zukunft. Warscheinlich meinen sie das Paradies.“

Zitat, Seite 15

Seine Figuren, Giacomo und Michaela, von der Liebe enttäuscht und mittlerweile emotional abgestumpft, treffen in der Straßenbahn aufeinander. Bei ihren täglichen Begegnungen beläuft es sich auf Blickkontakt. Sie beobachten die Gesten des anderen und fahren längst Achterbahn im mentalen Kopfkino, ehe etwas wirklich Erwähnenswertes passiert. Doch als sie im Café nebeneinander sitzen, scheint klar, dass das gegenseitige Interesse und eine starke körperliche Anziehung vorhanden sind.

Die Tatsache, Michaela durch einen bevorstehenden Umzug nach New York zu verlieren, trifft den Lebemann Giacomo unerwartet heftig. Herzrasen und Schweißausbrüche befallen ihn in Michaelas Anwesenheit. Eine so tolle Frau soll ihm durch die Lappen gehen? Als sie weg ist,  zieht eine unbekannte Leere in Giacomos Leben ein. Irgendwie scheint ihm diese fremde und doch so vertraute Frau nicht mehr aus dem Kopf zu gehen. Als sich das selbst nach Wochen nicht legt, beschließt er, ihr hinterher zu reisen.

Doch Giacomos anfänglicher Tatendrang und die Euphorie über den geplanten Überraschungsbesuch flachen ab und Giacomo verfällt schnell in vertraute Verhaltensmuster. Auch in New York wird er zum heimlichen Beobachter, mutiert nahezu zum Stalker. Von Selbstbewusstsein keine Spur.

Er wähnt sich in Sicherheit, als er sich ein Herz fasst und sich Michaela präsentiert, deren Wiedersehensfreude groß ist. Doch da hat er seine Rechnung ohne Michaela gemacht , die ihm das Angebot unterbreitet, sich innerhalb eines Tages und einer Nacht der Illusion einer Beziehung hinzugeben, um sich dann wieder voneinander zu trennen. Liebe auf Zeit quasi, bei der sie den Anfang und das Ende im Vorfeld festlegt.

Doch das Schicksal spielt Roulette und selbst die Unverbindlichkeit kann heranwachsenden Gefühlen keinen Einhalt gewähren. So wachsen wir mit Fabio Volo und seinen Figuren und lernen, welch unerschütterliche Kraft wahre Gefühle besitzen.

„Ich war noch einmal in der Minetta Street. Da lagen ein paar von unseren Küssen auf dem Boden, die habe ich aufgehoben und eingesteckt. Erinnere mich heute Abend daran, dass ich sie dir gebe.“

Zitat, Seite 231

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