Kinderfreuden #54: Du gehörst dazu

„Ich gehör dazu!“ – Tom Pervival

Verlag arsEdition, erschienen am 13. Oktober 2021, Preis 15,00 € [D], Hardcover, ab 4 Jahren, 32 Seiten, ISBN: 978-3-8458-4467-, hier geht’s zum Buch

Isabell und ihre Familie leben in armen Verhältnissen. Sie haben nicht viel, aber sie haben einander. Eines Tages zwingt sie ihre Armut ihr geliebtes Zuhause zu verlassen und ans andere Ende der Stadt zu ziehen. Hier begegnet Isabell alles kalt und grau. Zum allerersten Mal kann das sonst so optimistische Mädchen nichts Schönes mehr um sich herum erblicken. Denn das Stadtviertel wirkt genauso wie sie sich fühlt: traurig und verlassen.

Die Menschen ignorieren sie, schauen durch sie hindurch und so beginnt Isabell langsam aber sicher zu verblassen. Doch mit ihrer Unsichtbarkeit ändert sich auch ihr Blick auf die Welt. Und plötzlich merkt Isabell, dass sie ihr Schicksal mit vielen anderen Menschen teilt.

Blickwinkel aus großen Augen

In seinem neuesten Werk lässt Tom Percival seine Protagonistin unsichtbar werden. Sie verschwindet förmlich nahezu, nimmt in diesem gläsernen Zustand plötzlich andere Menschen wahr, die ebenfalls unsichtbar sind. Es sind Menschen, die nicht gesehen werden. Menschen, die arm, einsam oder fremd in diesem Land sind. Doch Isabell sieht sie, sie nimmt sich ihrer an, verbringt Zeit mit ihnen und bringt sie alle zusammen. Und so lässt sie sie Stück für Stück wieder sichtbar werden, einschließlich ihrer Selbst.

„Deswegen wollte ich Isabells Geschichte schreiben. Heutzutage leben in Großbritannien über vier Millionen Kinder in Armut. Mehr als vier Millionen Kinder, die nicht genug zu essen haben, frieren müssen und erschöpft sind, die keine richtigen Schulsachen besitzen und, was Chancengleichheit angeht, benachteiligt sind. Diese Kinder werden oft übersehen, weshalb ich in dieser Geschichte die Idee der Unsichtbarkeit auslotsen wollte.

Tom Percival im Nachwort

Der britische Autor und Illustrator, dessen außergewöhnlichen Illustrationsstil wir schon in „Der kleine Bär und das Meer“ zu lieben gelernt haben, schenkt uns mit „Ich gehör dazu!“ erneut ein Herzensbuch. Percival, der selbst aus armen Verhältnissen stammt und sechs Jahre in einem baufälligen und eiskalten Wohnwagen ohne Strom und Heizung im ländlichen Süden der Grafschaft Shropshire aufgewachsen ist, nimmt sich in ihm der Armut an. Man könnte daher sagen, er erzählt nicht nur die Geschichte von Millionen von Menschen, die in Armut leben, sondern gewissermaßen auch seine eigene.  

Durch Isabells Begegnung mit anderen Unsichtbaren schenkt er den Menschen Aufmerksamkeit, die sonst keiner sieht. Dem Mann, der in dicke Kleidung gehüllt nachts auf der Parkbank schläft und tagsüber die Tauben füttert, der alten Frau, die Blumen leere Farbtöpfe bepflanzt und dem Jungen, der aus seinem Heimatland flüchten musste und sich hier mit Reparaturarbeiten über Wasser hält. Sie alle teilen sich ein gemeinsames Schicksal. Sie alle sind mit der Zeit verblasst, fristen ein trauriges Dasein, stetig auf der Suche nach Zugehörigkeit. Bis sie Isabell zusammenbringt und ihr Dasein Tag für Tag wieder an Farbe zurückgewinnt. Das Miteinander legt sich wohlwollend auf ihr Gemüt. Isabell wächst dadurch nicht nur ein Stück über sich selbst hinaus, sondern sprüht bald wieder vor Lebendigkeit. Sie bringt nicht nur Liebe und Mitgefühl mit, sondern auch Mut zur Veränderung und so gelingt ihr mit ihren kleinen Gesten etwas ganz Großes.

Mit seinem Bilderbuch sensibilisiert Percival Kinder für die unterschiedlichen Lebenswirklichkeiten von Menschen, er ermutigt sie, mit offenem Herzen und wachem Blick durchs Leben zu gehen, Verständnis und Mitgefühl zu zeigen. Er zeigt, wozu Liebe und Zusammenhalt fähig sind und dass jeder einzelne von uns es verdient hat, gesehen zu werden – unabhängig davon, aus welchen Verhältnissen man stammt.

Durch das harmonische Zusammenspiel von Tom Percivals wunderschönen Illustrationen, die einem wie eine Mischung aus Aquarellmalerei und moderner Drucktechnik begegnen, und den von Salah Naoura ins Deutsche übertragene Zeilen ist hier ein sehr berührendes Bilderbuch über Inklusion, Liebe und Zusammenhalt gelungen, das seinen kleinen Leser*innen eine der wichtigsten Botschaften überhaupt vermittelt, nämlich, dass wirklich jeder wichtig ist.

Im 23. Türchen des Glockenbachbuchhandlung-Adventskalenders 2021 durfte ich aus der Bilderbuchperle vorlesen. Mein Dank gilt dem Verlag arsEdition, der mir das ermöglicht hat.

Blickwinkel aus kleinen Augen

Emmas Urteil:

Was hat dir an der Geschichte besonders gefallen, Emma? 

Dass Isabell die unsichtbaren Menschen gesehen hat. 

Hast du eine Lieblingsseite? 

Ja, die wo alle Menschen wieder bunt und fröhlich sind.

Was ist in der Geschichte passiert?

Isabell ist unsichtbar geworden, weil keiner sie mehr gesehen hat. Sie war ganz traurig und hat sich richtig alleine gefühlt. Und dann hat sie ganz viele andere Menschen getroffen, die auch  unsichtbar sind. Sie haben Zeit miteinander verbracht und sind so wieder sichtbar geworden.

Emmas Tipp:

Wenn einem richtig kalt ist, sollte man sich ganz viel anziehen. Am besten ist der Zwiebellook, ein Kleidungsstück über dem anderen. Das hält auch warm, wenn die Heizung mal nicht geht. 

Möchte eines Tages:

genauso mutig sein wie Isabell 

[Dieses Buch wurde mir freundlicherweise von arsEdition als Rezensionsexemplar zur Verfügung gestellt]

Luftschlösser..

lesenlust über „Schloss aus Glas“ von Jeannette Walls

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Jeannettes Kindheit ist von vielen Nacht- und Nebelaktionen bestimmt, in denen sie mit ihrer Familie Hals über Kopf den Wohnort wechselt. Für sie ist es ein unendlich großes Abenteuer mit farblich wechselnden Rostlauben von Ort zu Ort zu gurken und alles Wichtige von ihren Eltern zu lernen, anstatt wie andere Kinder in der Schule zu sitzen. Regeln engen ein, entfalten könne man sich laut ihren Eltern nur, wenn man alle Freiheiten der Welt hat.

Dass die Familie kaum etwas zu Essen hat und zerrissene Kleider am Körper trägt, ist ein notwendiges Übel für die berauschende Zukunft, die ihnen ihr Vater prophezeit. Schließlich wird er ihnen eines Tages ein Zuhause bauen, wie es noch niemand gesehen hat: Groß, glänzend und gläsern. Ein Schloss aus Glas.

So schlafen die Kinder Tag für Tag in der Hoffnung auf ein besseres Leben mit knurrenden Mägen in Pappkartons ein und erwachen in modrigen kalten Bruchbuden irgendwo am Arsch der Welt. An Weihnachten holt der Vater ihnen die Sterne vom Himmel, jagt mit ihnen unsichtbare Dämonen und unterhält sie mit kühnen Abenteuergeschichten, die seiner wilden Fantasie entspringen.

Doch der unkonventionelle Lebensstil der Eltern birgt auch eine Menge Gefahren in sich, die bei den Kindern für Verletzungen jeglicher Art sorgen. Schon mit drei Jahren steht die kleine Jeannette bei dem Versuch sich selbst Hot Dogs zu kochen, in Flammen, und erleidet schlimmste Verbrennungen, deren Narben sie ihr Leben lang begleiten. Laut Rex und Rose Mary Walls ist das kein Weltuntergang, schließlich bräuchten Kinder solche Lehren, um für’s Leben zu lernen.

„Mom sagte immer, die Leute  würden sich einfach zu viele Sorgen um ihre Kinder machen. In jungen Jahren zu leiden tut jedem gut, erklärte sie. Es stärkt den Körper und die Seele, und deshalb achtete sie nicht auf uns Kinder, wenn wir weinten. Weinende Kinder zu betütern führt höchstens dazu, dass sie noch weinerlicher werden, sagte sie zu uns. Das ist bloß positive Verstärkung eines negativen Verhaltens.“

Zitat, Seite 41

Je älter Jeannette wird, umso mehr ist ihr die egoistische Künstlernatur ihrer Mutter, die ihren Kindern das Essen vor der Nase wegfrisst und der versoffene Vater, der in der Hoffnung auf Alkohol und Zigaretten nicht einmal davor zurückschreckt, seine Tochter von älteren Männern begrapschen zu lassen, zuwider. Gemeinsam mit ihrer Schwester Lori schmiedet sie einen Plan: die Flucht vor ihrer eigenen Familie.

„Ich fragte mich, ob alle Feuer miteinander verwandt waren, so wie Dad sagte, dass alle Menschen miteinander verwandt waren. […] Ich hatte keine Antwort auf meine Frage, ich wusste nur, dass ich in einer Welt lebte, die jeden Augenblick in Flammen aufgehen konnte. Ein solches Wissen hält dich auf Trab.“

Zitat, Seite 50

In „Schloss aus Glas“ berichtet Jeannette Walls von einer ungewöhnlichen Kindheit in einer unangepassten Familie. Es ist ihre persönliche Geschichte. Der autobiographische Roman der Autorin, der von Dreck, Hunger und seelischem Schmerz begleitet wird, sorgt dennoch, oder gerade deshalb, für große Begeisterung.

Walls verfrachtet ihre Leser in die rostigen Gefährte der Familie und lässt sie Teil dieser seltsamen Reise über die Straßen der Welt werden, in der Kinder während der Fahrt aus dem Auto fallen oder auf stockfinsteren Ladeflächen um Luft ringen. Sie richtet uns neben ihren Geschwistern einen schäbigen Pappkarton zum Schlafen her, lässt uns durch modrige alte Häuser wandern, wo die morschen Holzböden unter unserem Gewicht ächzen und die Zimmer bei Regen unter Wasser stehen. Wir stürzen uns halb verhungert über Margarine mit Zucker her, ignorieren den grünen modrigen Film auf dem nichtgekühlten Schinken oder durchforsten Abfalleimer nach verbliebenen Essensresten.

Es sind lebendige Zeilen, mit denen uns Walls von dieser abenteuerlichen Kindheit berichtet. Eine Kindheit, auf die sie trotz des üblen Beigeschmacks nicht mit Verbitterung zu blicken scheint, sondern vielmehr mit Liebe und Wehmut. Walls präsentiert sich als eine exzellente Geschichtenerzählerin, weshalb sie selbst für die erschreckensten Momente die richtigen Worte findet und ihre Momentaufnahmen uns wie glitzernd große Abenteuer begegnen.

Als Ich-Erzählerin erzählt sie von dieser Kindheit in Form eines Rückblicks in die Vergangenheit, während die Geschichte in der Gegenwart beginnt und Walls, längst wohl situiert und teuer bekleidet, zu einer Party in Manhattan fahren lässt. Auf dem Weg dorthin erblickt sie eine Obdachlose, die in Abfalleimern nach Essensresten wühlt und von der sie nicht gesehen werden will. Denn es ist Rose Mary Walls. Eine Mutter, für die sie sich schämt, und der, wie es scheint, sie nicht zu helfen versucht. Man fragt sich, wie es zu einer solchen Haltung kommen konnte und stößt dabei auf den Motor von Walls biographischem Debüt.

Es ist ein Buch, das jeder lesen sollte. Es trifft dich mit emotionaler Wucht und lässt dich ergriffen zurück. Es entsetzt dich ebenso sehr, wie es dich begeistert. Es ist eine Überlebensgeschichte, wie sie Tausende von Menschen als ihre eigene bezeichnen könnten. Menschen, die auf der Straße leben und die von vorbeilaufenden Passanten angewidert betrachtet werden. Dabei kennt keiner ihre Geschichte. Manche von ihnen sitzen dort gewollt, andere hatten nie eine wirkliche Wahl.

Es ist beeindruckend, wieviel seelische Stärke und Ausdauer Jeannette und ihre Geschwister während ihrer Kindheit bewiesen haben und noch viel beeindruckender, dass sich fast alle ihren Traum von einem besseren Leben erfüllt haben. Selten liest man eine so atemberaubende Geschichte, die auf einer wahren Begebenheit beruht.

Chapeau Mrs. Walls!

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