Die Kraft der Worte

„Ich treffe dich zwischen den Zeilen“ – Stephanie Butland

„Oben wurde es still. Ich erinnere mich an das Gefühl, es war schmerzlich, unnatürlich, als verdaue mein Magen sich selbst. Meine Welt veränderte sich, sie war nicht mehr die, die ich kannte.“

Zitat, Seite 68

Loveday verlebt eine glückliche Kindheit bis ein tragisches Ereignis ihr alles nimmt. Die Familie zerbricht von einem Tag auf den anderen und verwandelt das junge aufgeschlossene Mädchen in einen Schatten ihrer selbst. Sie igelt sich ein, meidet fortan den Kontakt mit Menschen und flüchtet sich in Bücher. Sie beginnt einen Job im Antiquariat und versinkt in den Seiten zahlreicher Werke. In ihnen findet sie die Zuflucht, die die Menschen ihr scheinbar nicht geben können. Schon bald ist ihr Körper bedeckt von Textstellen; Lieblingszeilen, die sich in ihren Körper und in ihre Seele gebrannt haben.

Nur Archie, der alte Antiquar, wird für die junge Frau zum Freund. Er bedrängt sie nicht, schenkt ihr den nötigen Freiraum zum Entfalten, Zuwendung und Respekt. Und so beginnen Loveday’s Wunden der Vergangenheit langsam aber sicher zu heilen. Doch als eines Tages eine Kiste voller Bücher ihrer Mutter im Laden eintrifft, wird sie schlagartig von der Vergangenheit eingeholt. Was, wenn jemand ihr dunkelstes Geheimnis kennt?

Beim Poetry-Slam mit dem Illusionisten Nathan eröffnet sich ihr eine neue Welt: Denn durch die Gedichte bahnen sich die Gedanken aus ihrem tiefstem Inneren einen Weg in die Freiheit.

„Wenn die Familie auseinanderbricht, tun eine Weile lang die großen Dinge weh, wie direkt nach einem Schlag, doch diese Art Schmerz schwindet ziemlich schnell, weil man gezwungen ist, sich daran zu gewöhnen. (…) Kleine Dinge, wie das hier, kriegen dich hingegen immer wieder dran, und zwar für immer, soweit ich das sagen kann. (…) Wahrscheinlich liegt es daran, dass diese kleinen Erinnerungen von winzigen Dingen ausgelöst werden, die nicht vorhersehbar sind und vor denen man sich demnach nicht schützen kann. Sie erwischen einen wie eine Papierschnittwunde am Herzen.“

Zitat, Seite 81/82

In „Ich treffe dich zwischen den Zeilen“ erzählt Stephanie Butland eine jener leisen und gefühlvollen Geschichten, die ich so unglaublich gerne mag. Es ist die Geschichte einer jungen Frau, die bereits mit neun Jahren aus ihrem behüteten Umfeld gerissen und in das staatliche Fürsorgesystem gesteckt wird, weil ein tragischer Unfall ihr beide Eltern nimmt.

Von da an zieht sich Loveday aus dem Leben zurück, wird zu einer schwer zugänglichen Person und findet selbst zu der fürsorglichen Langzeitpflegemutter Annabel keinen wirklichen Zugang. Nur beim Lesen fühlt sie sich geborgen. Sie vergräbt sich in Bücher, findet in Textstellen Kraft und schmückt ihren Körper schon bald mit Tattoos ihrer liebsten Zitate. Wie ein Schutzschild legen sie sich um ihren Körper, wirken nahezu besänftigend auf ihr inneres Seelenleid.

Als Loveday in Archie’s Antiquariat Brodie’s Books strandet, fühlt sie sich auf Anhieb gut aufgehoben. In dem Job im Laden, den ihr der alte Antiquar möglich macht, findet sie eine Aufgabe und in Archie einen väterlichen Freund. Umgeben von Büchern, schöpft sie neuen Mut und begegnet auch dem Illusionisten Nathan, der sich langsam aber sicher einen Weg in ihr Herz bahnt. Er ist es auch, der ihr zeigt, wie sie ihre Gedanken mithilfe von Gedichten in die Freiheit entlässt. Durch die Kraft der Poesie findet sie schlussendlich einen Weg, sich von all ihrem Seelenballast zu befreien.

„Archie meint, dass Bücher die besten Geliebten sind und die anspruchsvollsten Freunde. Er hat recht, aber auch ich habe recht: Bücher können echten Schmerz zufügen.“

Zitat, Seite 7

Butland erzählt die Geschichte aus der Perspektive von Loveday, die mit uns durch drei Zeitabschnitte reist. Die Ich-Perspektive ließ mich schnell Zugang zu der jungen Frau finden, deren innerliche Zerrissenheit durch ihre Gedanken gut zum Vorschein kam. Neben dem aktuellen Geschehen, das im Jahr 2016 spielt, reisen wir auch in ihre drei Jahre zurückliegende Beziehung zu dem Wissenschaftler Rob und in Loveday’s Kindheit zurück. So eröffnen sich uns immer mehr Details, durch die wir die junge Frau kennenlernen und ihre Situation besser einzuschätzen verstehen.

Es ist ein bewegender Roman voller Poesie und Mitgefühl. Mit sanften und gefühlvollen Zeilen und einer beeindruckenden Bildsprache lässt Butland uns an der Entwicklung einer jungen Büchernärrin teilhaben, die sich nach einer Familientragödie und einer gescheiterten Beziehung nur ganz schwer wieder auf das Leben und die Liebe einlassen kann. Der Roman ist nicht nur eng mit der Literatur im Allgemeinen, sondern insbesondere auch mit der Lyrik eng verbunden, weshalb er sicher nicht nur mein Herz, sondern die Herzen zahlreicher Buchliebhaber höher schlagen lässt.

„Es gibt niemals ein Ende, und das gefällt mir so gut daran: der Zyklus eines Bücherlebens. Die einen kommen auf der Suche nach einem Buch, die anderen bringen es her, weil es in diesem Leben seinen Zweck nicht mehr erfüllt, aber zu einem anderen wiedergeboren werden kann. Und ich halte das ganze System am Laufen, so eine Art heiliger Petrus der Bücher.“

Zitat, Seite 140

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Von Büchern und Begegnungen..

lesenslust über „Mr. Lawrence, mein Fahrrad und ich“ von Shelly King

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„Bücher verändern das Leben eines Menschen nicht – zumindest nicht, wie man im Allgemeinen glaubt. Auf Messers Schneide zu lesen, während man Erster Klasse zum Meditieren in ein Luxushotel fliegt, oder Himmel über der Wüste, während man frisch geschieden den Spuren des Schnees am Kilimandscharo folgt, bringt auch nicht mehr Erleuchtung, als sich in Disneylands rotierenden Teetassen ein Schleudertrauma zu holen.

Doch die Leute kommen immer noch in die Buchhandlung und fragen mich nach einem Elixier aus Papier und Wörtern, das ihre Enttäuschungen lindern und ihre erloschenen Leidenschaften zu neuem Leben erwecken könnte. Sie kommen, weil sie glauben, ein Buch habe mein Leben verändert. Keiner von ihnen begreift, dass es nicht das Buch war, das dies bewirkt hat.“

Zitat, Seite 9

Maggie steht vor dem Nichts, als sie ihren gutbezahlten Job bei einem kalifornischen Internet-Start-up verliert. Doch anstatt sich nach einem neuen Job umzusehen, verbringt sie ihre neu gewonnene Freizeit lieber im verstaubten Antiquariat Dragonfly um die Ecke, um sich dort ihren heißgeliebten Schmonzetten zu widmen. Dem alten chaotischen Buchladen ihres schrulligen Nachbarn Henry fühlt sie sich auf Anhieb verbunden.

Doch das Dragonfly beherbergt nicht nur eine Reihe alter Ausgaben von Klassikern verschiedener Genres sondern auch einen bunten Haufen chaotischer Bücherfreaks, die sich in den Räumlichkeiten des alten Antiquariats, das im Gegensatz zu seinem Mitbewerber Apollo Books vis-à-vis abseits von digitalen Trends bewegt, ihrer Leidenschaft fürs Lesen nachgehen.

„Die Bücher im Dragonfly sind durch viele Hände gegangen und werden durch weitere gehen. Sie riechen nach menschlicher Berührung und nach all den Möglichkeiten, die eine solche mit sich bringt.“

Zitat, Seite 332

Hier stöbert Henry für Maggie eine zerfledderte Ausgabe von Lady Chatterley auf, mit dem sie laut Aussage ihres besten Freunds im Lesezirkel einer der wichtigsten Geschäftsfrauen von Silicon Valley punkten und so ihren alten Job zurückergattern soll. Doch als Maggie die uralte Ausgabe des Dragonfly näher in Augenschein nimmt, stößt sie auf die handschriftlichen Notizen von zwei unbekannten Liebenden, die sie unvermittelt in ihren Bann ziehen und nicht mehr loslassen.

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Noch ahnt sie nicht, dass die rührenden Zeilen der Unbekannten ihr ungeahnte Türen in ihrem eigenen Leben öffnen werden und dass die Begegnung mit dem indischen Fahrradfreak Rajhit für ein leidenschaftliches Unterfangen sorgen wird.

„Für das Meer ist es nicht wichtig, wen es schluckt. Ob Engel oder Sünder, den Fluten ist das gleichgültig.“

Zitat, Seite 44

Shelly King hat mir mit ihrem liebevollen Debüt ein neues Herzensbuch geschenkt und für mein erstes großes Lesehighlight in diesem Jahr gesorgt. Ihre Geschichte präsentiert sich dem Leser wie ein lebendiges Theaterstück, das sich um ein altes verstaubtes Antiquariat dreht. Die alte Buchhandlung beherbergt dabei nicht nur eine Menge alter Bücher sondern auch eine Fülle an Begegnungen. Begegnungen, hinter den sich farbenfrohe Persönlichkeiten verbergen. In diesen bunten Haufen von Bücherfreaks fügt sich Maggie, die Protagonistin, innerhalb kürzester Zeit wie von selbst ein.

„Für mich war Geld etwas, das man an der Kasse von Leuten bekam oder ihnen als Wechselgeld herausgab. Es ging – wie eine Schrittlaube, die man aus alten Teilen zusammengebaut hat – von einer Hand zur nächsten und klimperte, wenn man es in eine Sparbüchse warf. Die Zahlen, von denen hier die Rede war, wren zu flink, um ein Geräusch zu machen. Sie waren Lichtjahre, die man in einem Raumschiff durchquert.“

Seite 320

Mit der Lage des Dragonfly, in direkter Nachbarschaft von Apollo Books, dem modernen Pendant der alten Buchhandlung, greift die Autorin King geschickt die „Amazon vs. Buchhandel – Thematik“ auf und veranschaulicht so sehr deutlich, welche Druck der Marktgigant Amazon auf den kleinen privaten Buchhandel ausübt.

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„Es ist kein Buchladen, sondern ein Mysterium. Man weiß nie, was man darin findet. Apollo ist vorhersehbar wie ein genau parzelliertes Grundstück. Dagegen ist das Dragonfly eine mittelalterliche Festung, zu der es keinen Stadtplan gibt. An jeder Ecke wartet das Unbekannte.“

Seite 67

Doch Kings Geschichte erzählt nicht nur von der Entwicklung eines alten Antiquariats und seinen abgewohnten Büchern, sondern auch vom Reifeprozess einer jungen Frau, die ihren Weg im Leben noch nicht gefunden hat. An der Seite von Henry verhilft sie dem Dragonfly zu neuer Blüte und findet dabei auch zu sich selbst. Die Besucher des Dragonfly werden dabei zu Maggies festen Wegbegleitern.

Mit der Liebesgeschichte zwischen Maggie und dem indischen Fahrradfreak Rajhit verleiht King ihrem Roman die Prise Andersartigkeit, das ihn vom vertrauten Weg abkommen lässt und ihn um eine wunderbare und ungewöhnliche Geschmacksnuance ergänzt.

„Liebe. Das Wort schien sich in mir zu entfalten wie ein Brief, den man aufklappt. Liebe. Ich könnte es sagen. Genau in diesem Moment. Es müsste ja nicht für ewig sein. Menschen verlieben und entlieben sich. Das war nicht anders. Es würde ein unausgesprochenes ‚für den Moment‘ geben. Das würde er verstehen. Ich kostete die Worte in meinem Mund, und sie schmeckten nach Salz und nach Meer, weil sie eine so weite Strecke durch das Leben anderer Menschen hinter sich gebracht hatten, um endlich bei mir anzukommen.“

Zitat, Seite 228

Mit „Mr. Lawrence, mein Fahrrad und ich“ ist King ein leiser und gefühlvoller Roman gelungen, der ohne Spektakulärem auskommt. Er begegnet dem Leser wie eine Hommage an das gute alte Buch, der Liebe und das Leben selbst. Die Autorin bedient sich dabei einer sehr poetischen und zugleich direkten Sprache, die ihrem Buch zu Authentizität verhilft. Ein ganz und gar bezauberndes Buch liebe Mrs. King!

„Das Problem bei gebrauchten Büchern ist, dass sie ihre Vergangenheit mit sich herumtragen. Sie werden nicht druckfrisch in Kisten verpackt und in einen Laden geschickt, sondern Leute überlassen sie uns, die sie nicht mehr haben wollen. Wie Waisenkinder aus einem Dickens-Roman. Sie werden ausrangiert, wenn ihre Besitzer ihr Leben verändern. (…) Wir müssen sie von ihrem früheren Leben befreien, damit sie zu denen weitergehen können, die sie wirklich wollen.“

Zitat, Seite 172/173

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Vernebelte Geschäfte..

lesenslust über „Das Haus der vergessenen Bücher“ von Christopher Morley

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Parnassus

R. und H. Mifflin

Bücherfreunde willkommen!

In diesem Geschäft spukt es

Zitat, Seite 8

New York, im Jahre 1919. Ausgerechnet in einem alten, von Rauchschwaden vernebelten Antiquariat Brooklyns fängt Aubrey Gilbert, weltoffener aber literaturfremder Werbetexter, Feuer.

Doch nicht die mit Weltliteratur angereicherten Gänge des Parnassus, die dem Besitz von Roger Mifflin, einem leidenschaftlichen Bibliomanen, zuzuordnen sind, sorgen für Aubreys Entzücken, sondern vielmehr die neue und adrette Hilfskraft des Ladens, Titania Chapman.

Als sich Aubreys Besuche im Laden häufen, bekommt er Wind vom mysteriösen Verschwinden eines scheinbar alten Buches. Und ehe er sich versieht, stolpert er in einen Spionagefall per excellence.

Wer hätte gedacht, dass Mifflins versteckte und unscheinbare Oase für geistig unterernährte Literaturliebhaber schon bald zum Dreh- und Angelpunkt eines riesigen  Komplotts wird?

„Das Leben in einer Buchhandlung ist wie das Leben in einem Munitionslager. Diese Regale sind angefüllt mit dem gefährlichsten Sprengstoff der Welt – dem menschlichen Geist.“

Zitat, Seite 21

Das Antiquariat Parnassus in der Gissing Street ist eine Oase für literaturverliebte und texthungrige Menschen aus allen Ländern. Hier trifft der Besucher gemeinsam mit Aubrey auf Roger Mifflin, der neben seiner patenten Ehefrau und seinem Hund Bock (was die Kurzform für Boccacio ist) mit außerordentlicher Freude Wunschlektüren aufzuspüren vermag.

„Bücher sind die Reservoirs des menschlichen Geistes.“

Zitat, Seite 49

Hier wird der Bücherliebhaber so lange sich selbst überlassen, wie er es benötigt, um ungestört in den mit Weltliteratur bestückten Regalen zu stöbern und sich vom Rausch der spukenden Buchhandlung betören zu lassen. Das Rauchen ist während des Besuchs gestattet und gemütliche Sitzgelegenheiten gibt es in Hülle und Fülle.

Durch diesen Ort ist Christopher Morley, dem Autor des Romans, ein bezaubernder Schauplatz für diese Geschichte gelungen. Mit lebendigen und detailvollen Beschreibungen schafft er eine charmante und höchst reizvolle Atmosphäre für Buchliebhaber, die sich während der Geschichte auf vertrautem Terrain bewegen.

Der Schreibstil des Autors hat neben den Beschreibungen des Ladens jedoch für etwas Irritation auf meiner Seite gesorgt, was wohl oder übel den hochtrabenden und altmodischen Zeilen des Buchhändlers zuzuschreiben ist. Auch wenn die Niederschrift von Mifflins Gedanken und Dialogen gut zur Epoche des Buches passt und somit für Authentizität sorgt, komme ich nicht umhin, sie als meine persönliche Stolperstelle anzusehen. Denn leider entfalteten sich so nicht alle Gedankengänge des Antiquars in voller Blüte.

„Bücher enthalten die Gedanken und Träume der Menschen, ihre Hoffnungen, ihr Streben, alles, was an ihnen unsterblich ist. Aus Büchern lernen die meisten von uns, wie lebenswert das Leben doch ist.“

Zitat, Seite 116

Die Geschichte ist mit einer Fülle an philosophischen Zeilen angereichert, deren magische Anziehungskraft du dich nicht verwehren kannst. In der Buchhandlung selbst spukt es zu meinem Bedauern leider weniger als vermutet. Lediglich das mysteriöse Verschwinden eines Buches sorgt für Aufregung bei allen Beteiligten. Aubrey, ein literaturfremder Jungspund, der Mifflin eigentlich zu Werbemaßnahmen des Buchladens animieren will, macht es sich nun ganz unbewusst zur Aufgabe, diesem mysteriösen Verschwinden nachzugehen.

Bei seiner auffällig unauffälligen Herangehensweise a la Sherlock Holmes hat er schnell die Aufmerksamkeit der Diebe auf sich gelenkt und muss schon bald für das Wohlergehen von Miss Chapman harte Maßnahmen ergreifen. Bei einer rasanten Verfolgungsjagd entdeckt der Leser, dass nichts so ist, wie es zunächst scheint. Auch wenn der Verlauf der Geschichte dir nicht durchweg den Atem raubt, sorgt Morleys Werk für unterhaltsame und höchst vernebelte Stunden.

„Das Schöne am Buchhandel ist, dass man kein Literaturkritiker sein muss. Alles, was man braucht, ist die Freude am Buch.“

Zitat, Seite 104

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Eine Freundschaft in Briefen..

lesenslust über „84, Charing Cross Road“ von Helene Hanff

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„Von meinem Stuhl aus ist mir London viel näher als die 17 th Street.“

Zitat, Seite 28

1949 beginnt zwischen Helene Hanff, einer Bühnenschriftstellerin aus New York, und dem Londoner Antiquar Frank Doel ein reger Briefwechsel, der über 20 Jahre andauern soll. Was als schlichte Korrespondenz von Geschäftsbriefen beginnt, entwickelt sich über die Jahre zu einer vertrauensvollen Brieffreundschaft zwischen zwei Menschen, die trotz der Entfernung zueinander eine gemeinsame Leidenschaft teilen: Die Leidenschaft für Bücher.

Hanff, die über die Jahre ihre Suche nach antiquarischen Büchern vertrauensvoll in Doels Hände gelegt und die Belegschaft der Marks & Co Buchhandlung in London und darüber hinaus deren Familien in ihr Herz geschlossen hat, setzte mit der Veröffentlichung dieser Briefe in „84, Charing Cross Road“ dieser außergewöhnlichen Beziehung ein Denkmal.

„Ich will IHNEN, Frank Doel, nur eines sagen: Wir leben in verkommenen, zerstörerischen und degenerierten Zeiten, wenn eine Buchhandlung – eine BUCHHANDLUNG – damit anfängt, schöne alte Bücher auseinander zu reißen, um sie als Einpackpapier zu verwenden. Ich sagte zu John Henry, als er ausgewickelt war: „Hätten Sie das für möglich gehalten, Eminenz?“, und er verneinte. Sie haben das Buch in einer großen Schlachtszene auseinander gerissen, und ich weiß nicht einmal, um welchen Krieg es sich handelt.“

Zitat, Seite 32

Die in „84, Charing Cross Road“ veröffentlichten Briefe zwischen Helene Hanff und Frank Doel sind ein wahrer Schatz und bereits nach wenigen Seiten wird mir klar, warum so viele Millionen Menschen vor mir ihr Herz an dieses kleine bescheidene Büchlein verloren haben: Es ist eine Hymne an die Literatur, an die Freundschaft und an den Austausch in Briefen. Es spiegelt die Beziehung zwischen zwei Menschen wieder, die allein durch die Liebe zu den Büchern entfacht, und über die Jahre gefestigt wurde.

Helene Hanff hat als schlagfertige New Yorkerin bei der Korrespondenz stets die Oberhand und schreckt nicht davor zurück dem liebenswerten Frank Doel zu gegebenem Anlass zurecht zu weisen. Sie feuert derartige Wagenladungen voller Empörung und Missmut auf den zurückhaltenden Doel, dass man befürchtet, er würde vor Scham im Boden versinken. Und dennoch hält er Hanffs Schimpftiraden, die der Korrespondenz so viel Witz und Esprit verleihen, stand. Er konzentriert sich stets aufs Wesentliche: dem Besorgen und Zusenden von Hanffs Wunschliteratur.

Das nennen Sie Pepys‘ Tagebuch!? Das ist nicht Pepys‘ Tagebuch, das ist die elende Zusammenstellung von Exzerpten aus Pepys‘ Tagebuch, herausgegeben von irgendeinem übereifrigen Kerl, der in der Hölle verfaulen möge! Ich könnte ausspucken davor!“

Zitat, Seite 55

Mit der Zeit werden die Briefe persönlicher und Hanffs Ton mitfühlender und umgänglicher. Der anfänglich zweckdienlichen Anweisung von Bestellungen weicht ein liebevoller Umgang mit dem loyalen Buchhändler und seiner Familie. Eine Vertrautheit wächst zwischen den beiden Buchliebhabern, wie man sie sonst nur zwischen wirklich guten Freunden finden kann. So kommt nicht nur die benötigte Literatur sondern auch das Zeitgeschehen aus Politik, Sport und dem alltäglichen Leben zur Sprache. Gefühle und Denkansätze werden ausgetauscht, mit der sich zwei völlig Fremde einander Stück für Stück zu öffnen scheinen.

„Ich liebe Widmungen auf dem Vorsatz und Randnotizen; ich mag das Gefühl von Verbundenheit, das entsteht, wenn ich Seiten umschlage, die jemand vor mir bereits umblätterte, und Abschnitte lese, auf die jemand, der schon lange nicht mehr lebt, meine Aufmerksamkeit gelenkt hat.“

Zitat, Seite 48

Das ergreifende Werk „84, Charing Cross Road“ bewirkt mit seinen bescheidenen 158 Seiten so viel mehr, als man es vermutet und berührt deshalb vermutlich auch so viele Leserherzen. Es hat mich verzaubert und wird als 2002 erschiene deutsche Erstausgabe für immer einen ganz besonderen Platz in meinem Bücherregal ergattern. Wie schade, dass Helene Hanff bereits 1997 verstorben ist. Die Theater- und Buchautorin, die über viele Jahre hinweg vergeblich auf den Durchbruch wartete, stand der erfolgreichen und einschneidenden Publikation von Briefen, die nie im Hinblick auf eine Veröffentlichung geschrieben wurden, bis zum Ende mit aufrichtigem Staunen gegenüber. Ein Charakterzug, der Helene Hanff nicht nur sympathisch sondern sicherlich auch zu einem Vorbild für Viele macht.

„Es gibt Bücher, die ihre Leser von der ersten Seite an in ihren Bann ziehen und unwiderstehlichen Charme verbreiten. Sie treffen einen Tonfall, der Glaubwürdigkeit ausstrahlt und den Eindruck erweckt, als ließe sich ein wunderbarer Einklang zwischen den Menschen und der Welt herstellen, zumindest im imaginären Reich der Literatur. Helene Hanff hat ein solches Buch – „84, Charing Cross Road“ – geschrieben, und es ist auch die Zufälligkeit seines Entstehens, die ihm seinen Reiz gibt.“

Rainer Moritz im Nachwort

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