Wenn das Herz zu Bersten droht

Rattatatam, mein Herz – Franziska Seyboldt

Etwa jeder sechste Deutsche leidet unter einer Angststörung, doch kaum einer traut sich darüber zu sprechen. Franziska Seyboldt schon. Im August 2006 entscheidet sich die Autorin und Redakteurin der taz zu einem Geständnis. In Kontrolle, Kontrolle, Kontrolle – Leben mit einer Angststörung spricht sie offen über ihre Angststörung. Einer Krankheit, die als häufigste psychische Erkrankung, noch vor Depressionen und Alkoholismus, gilt. Die Resonanz auf ihren Artikel war überwältigend. Deshalb entschied sich Seyboldt ein Buch daraus enstehen zu lassen. Eines, das auch mich letztes Jahr erreichte und jedem Menschen ans Herz gelegt sei.

Rattatatam, mein Herz

Zugegeben, als das Buch bei mir ankam, habe ich mir nicht allzu viel davon versprochen. Weder leide ich an einer Angststörung, noch bin ich der typische Ratgeber-Typ. Doch die Zeilen auf der Rückseite des Buches hatten mich sofort. Es war die ihnen anhaftende Mischung aus tiefer Ehrlichkeit und Intensität, die mich in ihren Bann zogen.

„An guten Tagen wache ich auf und bin eine Schildkröte. Dann spaziere ich bepanzert bis an die Zähne durch die Straßen und verrichte gemächlich mein Tagewerk, Tunnelblick an und los, im Bauch ein Gefühl wie Hühnerfrikassee: warm, weich und muskatig. (…) An schlechten Tagen wache ich auf und bin ein Sieb. Geräusche, Gerüche, Farben, Stimmungen und Menschen plätschern durch mich hindurch wie Nudelwasser, ihre Stärke bleibt an mir kleben und hinterlässt einen Film, der auch unter der Dusche nicht abgeht. (…) Als Sieb ist immer Tag der offenen Tür. Herzlich willkommen, treten Sie ein und treten Sie zu, die Fassade bröckelt schon.“

Zitat, Seite 15/16

Ein Rauschen wie heranrollende Wellen

Das erste Mal ohnmächtig wird Seyboldt mit zwölf Jahren bei einer Untersuchung beim Arzt. Plötzlich ist da ein Rauschen in ihren Ohren, das einer Ohnmacht vorausgeht und wie heranrollende Wellen eiskalt über ihre Extremitäten schwappt. Schwarze Punkte beginnen vor ihren Augen zu tanzen, ehe sie sie schließt und sich der Ohnmacht hingibt. Später wird ihr klar, dass es ihre erste Begegnung mit der Angst war. Einer Angst, die sich von da an in ihrem Leben einnistet und nicht wieder abschütteln lässt. Auch die Leser von „Rattatatam, mein Herz“ machen mit dieser Angst Bekanntschaft. Der lästige Begleiter spielt in Seyboldts Buch nicht nur eine zentrale Rolle, er ergreift auch noch ständig das Wort.

„Die Angst und ich sind auf dem Spielplatz und wippen. (…)

„Wer hat dich eigentlich so verkorkst?“, fragt die Angst. Diplomatie ist nicht so ihr Ding.

„Na, du.“

„Kann gar nicht sein!“

„Warum nicht?“

„Ist doch klar: Wenn du normal wärst, wär ich gar nicht da.“

„Moment mal. Was soll das heißen?“

„Ich stoppe die Wippe, indem ich mich nach hinten lehne. Die Angst thront hoch oben wie ein Cowboy auf seinem Pferd. Enspannte Zügelführung, Sonne im Rücken, wehendes Haar. (…) Sie ist übertrieben lässig. Dazu dieser selbstsichere Ausdruck um den Mund, der bei mir reflexhaft Argwohn auslöst. Kann man so jemandem trauen? Nein.“

Zitat, Seite 51/52

Therapie ist nicht gleich Therapie

Und so berichtet Seyboldt von ihrem Leben mit der Angst. Wie sie erst nach einer ganzen Weile lernt mit ihr und nicht gegen sie zu leben und was dafür nötig war, um das zu begreifen. Was mit einem miserablen Therapeuten beginnt, der wie Hannibal Lecter aussieht und ihr lediglich ein Buch empfiehlt, dessen Angsttest sie bewältigen muss, endet bei einem empathischen Menschen, der sie dazu auffordert, über alles zu sprechen, was sie beschäftigt. So kommt sie nicht nur auf ihre Angst, sondern auch über ihre Kindheit, ihre Zukunftssorgen und Beziehungsprobleme zu sprechen. Endlich wird sie nicht mehr nur ausschließlich auf ihre Angst reduziert. Durch diese Sitzungen erkennt sie, dass es die unterschiedlichsten Ursachen für ihre Angststörung gibt. Und dass sie sich dafür nicht zu schämen braucht!

„Bei Dr. Goldberg war ich ein Mensch mit einer Angststörung. Bei Hannibal Lecter eine Angststörung mit einem lästigen menschlichen Anhängsel.“

Zitat, Seite 45

Franziska Seyboldt hat hier keinen klassischen Ratgeber geschrieben, sondern vielmehr einen persönlichen Erfahrungsbericht mit ermutigender Botschaft. Mit ihren schonungslos ehrlichen Zeilen gibt sie nicht nur den Weg in ihr Innerstes frei (durch das sie Angstpatienten sicherlich zu einem offeneren Umgang mit ihrer Krankheit ermutigt), sondern öffnet vielleicht auch dem ein oder anderen nicht betroffenen Leser die Augen. Vielleicht gelingt es ihr sogar der Stigmatisierung, die in unserer Gesellschaft immer noch fest verankert scheint, ein kleines bisschen entgegenzuwirken. Denn die Symptome der Krankheit nehmen leider immer noch viel zu viele Menschen zum Anlass, jemanden als verweichlicht, nicht gesellschaftsfähig, irrational oder unproduktiv einzuordnen. Dabei sehen sich selbst Nicht-Angst-Patienten häufiger einer Angst vor dem persönlichen Scheitern konfrontiert als ihnen lieb ist. Wir alle haben täglich ein stetig wachsendes Arbeitspensum zu bewältigen und hangeln uns dabei durch eine Reihe von Stressituationen, die uns körperlich wie geistig einiges abverlangen. Das darf einen schon mal in Angst versetzen!

„Angstschweiß stinkt übrigens immer, trotz Deo. Er riecht viel beißender als der Schweiß an einem heißen Tag oder beim Sport, vielleicht, um den Angreifer olfaktorisch in die Flucht zu schlagen. Was einigermaßen sinnlos ist, wenn sich der Angreifer in meinem Kopf befindet.“

Zitat, Seite 28

Das Buch ist ein interessanter und unglaublich unterhaltsamer Exkurs in das das Krankheitsbild einer Angststörung. Man mag es kaum glauben, wie leichtfüßig und locker sich die Autorin durch ihr Buch bewegt. Es scheint mir, als könnte Seyboldt mittlerweile mit Leichtigkeit ihrer Angst die Stirn bieten. Seyboldts Zeilen haben mich auf Anhieb abgeholt. Auch ohne Angststörung konnte ich mich wunderbar in die Lage der Autorin versetzen und mich in der ein oder anderen Situation sogar wiederfinden. Das Rattern von Seyboldts Herzschlag begleitet einen durch das gesamte Buch und macht es damit zu einem unglaublich emotionalen Unterfangen. Ratta-ta-tam!

„Es ging um meine Einstellung zum Leben und darum, wie ich mit Belastungen umgehe, ganz egal, ob sie objektiv nachweisbar sind oder nicht. (…) Stress ist keine Währung, die für jeden den gleichen Wert hat.“

Zitat, Seite 65/66

Vom Suchen und Finden..

lesenslust über „Das kleine große Glück“ von Lucy Dillon

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„Die letzten Jahre hatten keinerlei Bedeutung mehr. Sie waren futsch. Kein Fotoalbum der Welt könnte sie mehr wirklich erscheinen lassen.“

Zitat, Seite 26

Gina Bellamy hat ein paar schwierige Jahre hinter sich. Mit 33 Jahren blickt sie auf ein von Schicksalsschlägen zerklüftetes Leben zurück: auf das dramatische Ende ihrer großen Liebe, das Scheitern ihrer Ehe und eine Krebserkrankung mit Chemotherapie, die immer noch an ihr zehrt. Als es ihr nur schwerlich gelingt, wieder neuen Lebensmut zu fassen, bemerkt sie, dass es die ganzen Erinnerungsstücke aus ihrem früheren Leben sind, die wie Ballast an ihr haften.

In ihrer Wohnung tümmeln sich Habseligkeiten aus einem alten Leben, das längst nicht mehr zu der Gina von heute passt. Schmerzhaft und voller Melancholie muss sie einsehen, dass sie sich von  einigen Dingen trennen muss. Sie entschließt sich daher zu einem radikalen Schritt: 100 Dinge dürfen bleiben. Der Rest wird verschenkt oder verkauft.

Während ihrer Entrümpelung reist sie zurück in ihr altes Leben und muss sich einigen Gespenstern aus ihrer Vergangenheit stellen. Doch auch die Gegenwart birgt für sie eine Menge Überraschungen, die sie das Leben aus einem völlig neuen Blickwinkel betrachten lässt. Denn das Glück liegt plötzlich in ganz unscheinbaren Nebensächlichkeiten, denen sie bisher kaum Beachtung geschenkt hat.

„Dies ist der schönste Abend meines Lebens, denkt Gina und fühlt sich fast schwindelig, aber gleichzeitig auch eigentümlich glücklich, als würde sie mit einem Luftballon über die Menge hinwegschweben. Nichts wird je schöner sein als dieser Moment.“

Zitat, Seite 56

Lucy Dillon verzaubert ihre Leser mit einer sehr lebendigen Sprache, die den Roman zu einer kunterbunten Zeitreise macht. Ihre ausschmückenden Beschreibungen schenken dem geistigen Auge des Lesers satte Landschaften, verwinkelte Gebäude und Persönlichkeiten in den intensivsten Farben. Doch während uns Dillon mit ihrer Detailverliebtheit zu begeistern weiß, zieht sie damit das Buch auch stellenweise unnötig in die Länge.

Der Leser findet sich in wechselnden Episoden aus Ginas Leben wieder, lernt Vergangenes und Gegenwärtiges kennen und bekommt damit einen sehr aufschlussreichen Einblick in die Gedankenwelt einer vom Leben gezeichneten Frau. Auch wenn man mit der Zeit ein Gespür für die vielen Zeitenwechsel bekommt, macht Dillon es ihren Lesern nicht immer einfach, zu erkennen, in welcher Zeit man sich gerade befindet. Sie verwendet größtenteils Überschriften mit hilfreichen Jahresangaben, springt irritierender Weise aber auch innerhalb der Kapitel feuchtfröhlich umher und entzieht dem Roman dabei an Struktur.

Ginas Entschluss, 100 Dinge aus ihrem alten Leben zu behalten, präsentiert sich zum einen durch eine Liste, die Tag für Tag wächst, und zum anderen durch besondere Gegenstände, die Dillon den jeweiligen Kapiteln zuordnet. So steht ein roter Kaschmirschal für den Tag der Krebsdiagnose und eine kobaldblaue Tropfenvase für Ginas blumige Begleiter während ihrem Studium. Doch Dillons liebevoller Grundgedanke verliert mit der Zeit an Charme. Denn viele der zugeordneten Gegenstände finde ich im Verlauf der Kapitel nicht wieder, während manch andere Gegenstände sich mir viel bedeutender präsentieren und dennoch unerwähnt bleiben.

Der Roman setzt sich mit einer Bandbreite an Themen auseinander. So gewährt er nicht nur ein Einblick in das Krankheitsbild einer an Krebs erkrankten Frau, sondern auch in dramatische Familienverhältnisse, eine aufrichtige Freundschaft, eine große Liebe, eine unglückliche Ehe und in das Leben selbst.  „Das große kleine Glück“ ist ein charmanter Ausflug in das Leben einer jungen Frau. Der Sprung durch die Zeiten macht den Roman abwechslungsreich und verlangt gleichzeitig um ungeteilte Aufmerksamkeit. Er verbindet Momentaufnahmen aus der Vergangenheit und Gegenwart und verwebt die Figuren zu einem großen Beziehungsgeflecht.

„Barfuß tanzen sie auf dem verlassenen Rasen, an ihren roten Nägeln glitzert der Tau. In der Blase, die Kit um sie herum geschaffen hat, fühlt sie sich untastbar. Es ist eine Welt, in der sie beide noch jung und leichtsinnig sind und vollkommen ahnungslos, was alles schiefgehen kann.“

Zitat, Seite 211

<3 <3 <3

Monstermäßige Angstbewältigung..

lesenslust über „Sieben Minuten nach Mitternacht“ von Patrick Ness & Siobhan Dowd

 

Sieben Minuten nach Mitternacht von Patrick Ness
Sieben Minuten nach Mitternacht von Patrick Ness

Wir müssen die, die wir lieben, manchmal gehen lassen, um sie im Herzen zu behalten. Manchmal fällt es unsäglich schwer, einen geliebten Menschen loszulassen. Manchmal fällt es unsäglich schwer, über das zu reden, was uns am meisten bedrückt. Und manchmal sind wir gerade in unserem tiefsten Leid mutterseelenallein.

Es ist sieben Minuten nach Mitternacht. Wie jede Nacht erwartet Conor bange den Alptraum, der ihn quält, seit seine Mutter unheilbar an Krebs erkrankt ist. Doch diese Nacht klopft etwas an sein Fenster und ruft seinen Namen: ein Wesen, das uralt ist und wild und weise – und das wie niemand sonst Conors Seele und seine geheimsten Ängste kennt.

Von da an kommt das Wesen Nacht für Nacht, und allmählich begreift Conor, dass es der einzige Freund ist, der ihm in den schwersten Stunden seines Lebens zur Seite steht. Denn Conor wird zerrissen von der einen Frage, die er sich nicht zu denken und nicht auszusprechen wagt. Der Frage, ob er seine Mutter, die er über alles liebt, loslassen darf? Ob er sie nicht gar loslassen muss, um selbst nicht verloren zu sein?

Quelle: http://www.goldmann.de

~*°..Hintergrund des Buches..°*~

Mit „Sieben Minuten nach Mitternacht“ vollendete Patrick Ness eine Idee seiner Schriftstellerkollegin Siobhan Dowd, die ihr Vorhaben durch einen viel zu frühen und tragischen Krebstod nicht mehr umsetzen konnte.

Sie schrieb vier packende Romane, wobei dies ihr fünfter geworden wäre. Mit den Figuren, einem detaillierten Exposé und einem Anfang hatte Dowd bereits einen Grundstein gelegt. Der Rest der Geschichte entstammt aus der Feder von Patrick Ness, der es als eine schwierige Herausforderung empfand, das Werk gebührend umzusetzen bzw. zu vollenden.

Ich hatte damals das Gefühl – und habe es bis heute – , als sei mir ein Staffelstab in die Hand gedrückt worden; als habe eine einzigartige Schriftstellerin mir ihre Geschichte mit den Worten übergeben: „Jetzt bist du dran. Lauf los. Stifte Unruhe.“ Und das habe ich versucht. Unterwegs gab es für mich nur eine einzige Maxime: ein Buch zu schreiben, dass Siobhan gefallen hätte. Das was das Einzige, worauf es ankam.

Zitat von Patrick Ness in der Vorbemerkung des Autors

„Großer“, sagte sein Vater und beugte sich zu ihm vor. „Geschichten gehen nicht immer gut aus.“

Zitat, Seite 144

Conor O´Malley ist 13 Jahre alt, als sich seine Mum bereits im Endstadium ihres Krebsleidens befindet. Es erfüllt ihn mit großem Kummer, sie so hilflos zu sehen. Sie wird mit jedem Tag schwächer. Der baldige Verlust liegt ihm derart schwer auf der Seele, dass er das Gefühl hat, als erdrücke der Schmerz ihn. Seit dem Beginn ihrer Behandlungen quält ihn jede Nacht ein schlimmer Alptraum. Ein Alptraum, der ihn immer wieder angsterfüllt und schweißgebadet aufwachen lässt. Der ihn nicht nur mit seinen Ängsten und schlimmsten Befürchtungen konfrontiert, sondern auch mit einem großen Wunsch, der ihn unendliche Schuldgefühle bereitet. Dem Wunsch, seine Mutter endlich loslassen zu können. Loslassen zu dürfen, obwohl er sie unendlich liebt. Er möchte das Leid einfach beenden, sowohl für ihn als auch für sie.

„Wer ich bin?, wiederholte das Monster, immer noch brüllend. Ich bin das Rückgrat, auf dem die Berge ruhen! Ich bin die Tränen, die die Flüsse weinen! Ich bin die Lunge, die den Wind atmet! Ich bin der Wolf, der den Hirsch, der Habicht, der die Maus, die Spinne, die die Fliege tötet! Ich bin der Hirsch, die Maus und die Fliege, die gefressen werden! Ich bin die Schlange der Welt, die ihren eigenen Schwanz verschlingt! Ich bin alles Ungezähmte und Unzähmbare! Es sah Conor direkt in die Augen. Ich bin die wilde Erde selbst, und ich bin deinetwegen hier, Conor O´Malley.

Zitat, Seite 44

Als sich eines Tages die Elbe im Garten zu einem Monster verwandelt und nach seinem Namen rufend durch das Fenster in sein Zimmer hereinblickt, zweifelt er an seinem Verstand. Es erscheint exakt sieben Minuten nach Mitternacht. Als Conor merkt, dass es scheinbar nicht nur seiner Fantasie entspringt, beginnt er sich frech und aufmüpfig mit ihm zu unterhalten. Denn das Monster erschreckt ihn nicht. Es ist nicht das, was er erwartet hatte. Nicht das Monster aus seinem Alptraum. Was will es von ihm? Es scheint eine Mission erfüllen zu wollen.
Was ihn dabei erschreckt, ist die Tatsache, dass es sowohl seinen Alptraum als auch seinen innigsten Wunsch kennt. Dinge, die es eigentlich nicht wissen dürfte, weil Conor sie nie jemandem erzählt hatte. Das Monster will ihm im Verlauf seiner nächtlichen Besuche drei Geschichten erzählen. Nach diesen drei Geschichten, fordert er eine vierte von Conor. Die Wahrheit. Conors Wahrheit.

„Geschichten sind wilde Wesen, sagte das Monster. Wer weiß, was für Unheil sie anrichten können, wenn man sie loslässt?“

Zitat, Seite 61

„Es gibt nicht immer einen Guten. Genauso wenig, wie es immer einen Bösen gibt. Die meisten Menschen sind irgendwas dazwischen.

Zitat, Seite 74

Durch die Geschichte in „Sieben Minuten nach Mitternacht“ wird dem Leser bewusst, dass viele Menschen sich in schmerzhaften Situationen an trostspendende Lügen und Ideen klammern. Die Wahrheit wird dabei oft schon früher erkannt, als man sie sich eingestehen möchte. Es fällt uns schwer, sie auszusprechen. Eine ausgesprochene Wahrheit wird wahr. Eine Hülle aus Lügen widerum ist trostspendend und wird von unserem Verstand als angenehm empfunden. Angenehmer, als sich den Tatsachen zu stellen und der Wahrheit ins Auge zu blicken. Ein Verlust ist immer schmerzlich. Conor gelingt es nur mühsam den baldigen Verlust seiner Mum zu akzeptieren. Auch wenn ihm bereits früh klar wird, wie die Geschichte in aller Voraussicht ausgehen wird, möchte er das Ende nicht wahrhaben. Er hat Angst und redet es sich schön. Ein menschliches Verhalten.

Die Moral der Geschichte ist dabei so transparent, dass man sie in die unterschiedlichsten Momenten des täglichen Lebens transportieren kann. Ob es sich um den Verlust eines geliebten Menschen, einer Erinnerung, eines Wunsches oder eines angestrebten Weges handelt, ist nicht wichtig. Eine Geschichte geht nicht immer gut aus und die Wahrheit ist eben oft erschreckend schmerzhaft. Dinge, mit denen wir in unserem Leben leider lernen müssen, umzugehen.

Dass sich Patrick Ness in „Sieben Minuten nach Mitternacht“ den Ideen von Siobhan Dowd angenommen hat, fand ich besonders spannend. Die Leidensgeschichte von Conor´s Mum umschreibt dabei leider auch die von Dowd, die durch ihr Brustkrebs-Leiden erschreckend früh aus dem Leben gehen musste. Die Schilderungen von Conor´s Mum haben mich dabei wirklich erschreckt. Die Haare, die bereits zu Beginn der Geschichte ausgefallen sind, deuten auf das Ende einer Chemotherapie hin. Sie trägt bereits Tücher um ihren kahlen Kopf zu bedecken. Man wird Zeuge von ihrem Verfall, der schleichend vorangeht und sie merkbar schwächer werden lässt. Es muss unheimlich schwer und kräftezehrend sein, einen solchen Verfall eines Menschen hautnah miterleben zu müssen. Am Ende ist man sicherlich selbst derart geschwächt, dass man nur schwer wieder ins Leben zurückfindet.

 All diese Gefühle und Gedanken kamen während der Geschichte sehr gut herüber. Ness gelang eine sehr einfühlsame und mitreißende Umsetzung. Mich würde interessieren, bis wohin tatsächlich das Grundgerüst von Dowd ging und in welchem Status ihrer eigenen Krankheit sie damit begonnen hatte. Wusste sie bereits beim Schreiben, dass sie sterben wird? Hätte sich die Geschichte unter Dowd´s Feder genauso entwickelt, wie unter der von Ness? Oder hat Ness Dowd nur einen würdevollen Abschied aus dem Leben schenken wollen? Wollte er ihr eine letzte Ehre erweisen und daraus eine Art Lebenswerk machen? Wenn es das Letztere ist, dann ist eines gewiss: es ist ihm mehr als gelungen!

„Sieben Minuten nach Mitternacht“ ist eine traurige und gleichzeitig sehr trostspendende Geschichte. Sie wird vielleicht dem ein oder anderen Menschen helfen können, über den Verlust eines geliebten Menschen hinwegzuhelfen. Sie ist derart einfühlsam und herzergreifend, dass sie einen zu Tränen rührt. Unsere Fantasie geht dabei ihre ganz eigenen verschlungenen Pfade, die durch die ausdrucksstarken Illustrationen im Buch unterstützt werden. Dieses Werk bekommt daher 5 von 5 lebensbejahenden Monstern.

„Du schreibst die Geschichte deines Lebens nicht mit Worten, sagte das Monster. Du schreibst sie mit Taten. Es ist nicht wichtig, was du denkst. Wichtig ist nur, was du tust.

Zitat, Seite 202

<3 <3 <3 <3 <3

Das Puzzle des Lebens..

lesenslust über „Morgen bist du noch da“ von Mila Lippke

~*°..Story.. °*~

Lioba (kurz Lio) ist Anfang vierzig und Künstlerin. In Berlin lebt sie ein Leben, dass sie sich gemeinsam mit ihrer Freundin Tetra mühsam aufgebaut hat. Ein freieres Leben, dass Sie auf ihre schwierige Kindheit in Köln zurückblicken lässt. Durch ihre verhaltene und eigentümliche Art hat ihr die Mutter nicht nur die Luft zum Atmen genommen sondern sich auch wie Ballast auf sie gelegt.

Seit dem Auszug hat sich deshalb komplett zurückgezogen. Das Verhältnis der beiden ist dadurch gespalten. Mit der Einladung zu ihrer Ausstellungseröffnung in einer Galerie in Berlin wagt Lio nach langer Zeit erstmals wieder einen Schritt auf die Mutter zu. Sie ist fest entschlossen, sich endlich Klarheit über ihren Vater zu verschaffen, dessen Identität ihr die Mutter seit der Kindheit verheimlicht.

Doch ein Schlaganfall der Mutter am Abend von Lios Eröffnung wirft sie erneut zurück an den Anfang. Ihre Mutter, die nach dem Unfall halbseitig gelähmt ist, wird Lios Fragen nun nicht beantworten können. Fragen, die Lio nicht loslassen.

Um für die Mutter ein paar Sachen zusammenzupacken, fährt Lio nach Köln. Bei ihrem Besuch in der Wohnung stößt sie auf Papiere und Fotos der Mutter, die ihr als Wegweiser in die Vergangenheit dienen. Lio kann sich dem magischen Sog dieser Erinnerungsstücke nicht entziehen und beschließt, die Antworten auf ihre Fragen selbst zu suchen. Sie begibt sich dadurch auf eine Reise, die ihr Leben von Grund auf verändern wird.

~*°..Mein Fazit.. °*~

Mila Lippke erzählt in „Morgen bist du noch da“ die Geschichte einer speziellen Mutter-Tochter-Beziehung. Lio wächst ohne Vater auf. Die Beziehung zwischen ihr und ihrer Mutter ist schwierig. Oft wirkt die Mutter durch ihre abwesende Haltung gefühlskalt, weshalb sie Lio nur wenige Momente mütterlicher Fürsorge schenkt. Die Vergangenheit bleibt für Lio ein einziges Mysterium. Der Frage nach dem Vater weicht die Mutter aus.

Schmerzhafte Erfahrungen prägen. Ihre Macht zehrt oft auch noch Jahre später an uns. Auch Lios Mutter musste in ihrer Kindheit solche Momente erfahren. Momente, die an ihr haften blieben. Momente, die sie in ihrer Entwicklung einschränkten und die sie zu einem ängstlichen Menschen werden ließen. Zu einem Menschen, dem es schwerfällt, Gefühle zuzulassen.

„Erinnerungen entstehen im Kopf. Wenn unser Gedächtnis ein Licht auf sie wirft, erscheinen sie in allen Farben des Regenbogens. Aber es gibt Ereignisse, auf die nie das Licht der Erinnerungen fällt, die über Jahre hinweg, manchmal eine Leben lang, im Schatten verborgen liegen. Wenn ich lange genug hinblickte, dachte ich, müsste ich doch die Farben erkennen können, in denen die Vergangenheit gemalt war.“

Zitat, Seite 163

Lio, die anfangs nur wenig über ihre Mutter und dem Leben vor ihrer Geburt weiß, entdeckt auf der Reise in die Vergangenheit einzelne, auf den ersten Anschein nicht zueinander passende, Puzzleteile. Aus ihnen entsteht im Verlauf der Geschichte ein Lebenspuzzle, dass Lio Schritt für Schritt Zugang in die Gefühlswelt ihrer Mutter verschafft. Erstmals kann Lio Mitgefühl und Verständnis für den Menschen aufbringen, der ihr ein Leben lang fremd erschien.

„Ohne Luft könnten wir nicht überleben. Sie ist zwar unsichtbar und lässt nur erahnen, wenn der Windhauch die Spitzen der Grashalme zum Erzittern bringt oder ein Sturm die Äst der Bäume unter sich biegt. Doch obwohl wir sie nicht sehen können, gehört die Luft zum Leben dazu. Wie unsere Erinnerungen.“

Zitat, Seite 229
Die Autorin schuf in diesem Buch ein einzigartiges Beziehungsgeflecht. Wie in einem Spinnennetz verfangen sich die unterschiedlichsten Ereignisse aus Gegenwart und Vergangenheit in den einzelnen Fäden und bilden aneinandergereiht eine bunte und abwechslungsreiche Geschichte. Der Sprung zwischen Vergangenheit und Gegenwart lässt die unterschiedlichsten Menschen Teil dieser Geschichte werden. Die lebendige Sprache der Autorin und ihre Liebe fürs Detail lässt nicht nur Emotionen, Gegenstände und Ereignisse zum Leben erwecken, sondern verleiht ihnen damit auch einen besonderen Glanz.

Die Intensität der Worte verzauberte mich so sehr, dass ich Lio und ihre Mutter gerne noch ein Stück ihres Weges begleitet hätte. Für ein paar besonders leuchtende und magische Momente schenke ich Milas Buch daher 5 von 5 möglichen Porzellantassen.

Zeit für Veränderungen…

lesenslust über „Rebellion der Engel“ von Brigitte Melzer

Schweigend klammerte sich das Mädchen an die Hand seines Vaters und starrte auf den Sarg, der langsam in die Grube hinabgelassen wurde. Der Pfarrer stand daneben, seine Lippen bewegten sich, doch die Worte gingen im Rauschen des Regens und dem Wispern trauriger Gedanken unter. Ein Meer von schwarzen Schirmen umringte das offene Grab, die weißen Klappstühle dahinter waren nass und verlassen.

Zitat (Seite 5)

~*°Story°*~

Durch einen Autounfall verliert Rachel nicht nur ihre Mutter sondern auch die liebevolle Zuwendung ihres Vaters. Erfasst von unendlicher Trauer scheint er im Meer seiner Traurigkeit zu versinken und beginnt sie fortan aus seinem Leben auszuschließen. Obwohl Rachel unter der Situation leidet, wächst sie über die Jahre zu einer äußerlich starken und bemerkenswerten Persönlichkeit heran.

Ein paar Jahre später, an ihrem Geburtstag, überzeugt ihre Freundin Amber sie zu einem gemeinsamen Ausflug in eine Bar. Was auf der Autofahrt passiert, bleibt nicht ohne Folgen:

Rachel erblickt im Rückspiegel einen fremden Mann auf dem Rücksitz ihres Autos und verliert die Kontrolle über den Wagen. Wenige Augenblicke später findet sie sich neben ihrem scheinbar toten Ich am Straßenrand wieder. Ihre Freundin Amber, völlig verstört, sitzt schluchzend daneben. Sie scheint sie nicht zu sehen, Rachels Worte prallen an ihr ab.
Obwohl die Ärzte sie bereits für tot erklären, durchströmt Rachels Körper kurz darauf wieder der Atem des Lebens. Die Ärzte halten es für ein Wunder, Rachel selbst glaubt, sie leide an Wahnvorstellungen und das Ganze entspränge ihrer lebhaften Fantasie.

Doch in den darauffolgenden Tagen ereignen sich weitere merkwürdige Dinge, die sie sich nicht zu erklären weiß: Ihr Kater Popcorn kann plötzlich mit ihr sprechen, sie sieht schwarzgefiederte Menschen in ihrem Garten und der Mann aus dem Auto taucht plötzlich wieder auf und behauptet ihr Schutzengel zu sein. Dreht sie jetzt völlig durch?

Als sie ein paar Tage später nachts auf dem Heimweg von zwei maskierten Männern verfolgt wird, sieht Rachel ein, dass es sich dabei nicht mehr um bloße Zufälle handeln kann. Sie beginnt die Veränderungen in ihrem Leben zu hinterfragen und stößt dabei auf fantastische Ergebnisse…

~*°Mein Fazit°*~

„Rebellion der Engel“ stand eine gefühlte Ewigkeit unangetastet in meinem Bücherregal. Ein Fauxpas – denn die Geschichte hat mich wirklich begeistert. Selten können mich Romane derart in den Bann ziehen, dass ich sie in einem „gefühlten Atemzug“ lese. Meine Erwartungen an „Rebellion der Engel“ waren relativ gering und das Genre Fantasy war mir regelrecht suspekt, doch die Entwicklung der Geschichte hat mich positiv überrascht und macht mir nun Lust auf mehr.

Was mir an Melzers Geschichte auf Anhieb gefallen hat, ist die Tatsache, dass sie in einer „mehr oder weniger normalen Welt“ spielt – Seattle und Ruby Falls. Durch diesen Aspekt wirkt die Geschichte nicht übertrieben fantastisch und besitzt zudem einen authentischen Charakter.
Obwohl die Überschrift auf dem Buchrücken „Eine Liebe gegen alle Gesetze des Himmels“ heißt und sich die Kurzbeschreibung meines Erachtens viel zu sehr auf die Begegnung von Rachel und ihrem Schutzengel Akashiel konzentriert, offenbarte sich mir hier mehr als nur eine Liebesgeschichte. In „Rebellion der Engel“ wurden so viel mehr Gefühlszustände berücksichtigt als bloß die Liebe. Man spürte Trauer um verlorene Familienmitglieder, die Gefühle von Freundschaft, Angst und Verlust sowie Zustände der Verwirrung und der Überraschung.

Bereits die ersten Zeilen des Buches (Zitat, Seite 5) haben mich in ihren Bann gezogen. Das Schicksal der kleinen Rachel hat mich zutiefst berührt. Durch die lebendige Sprache der Autorin erschienen mir viele Ereignisse sehr präsent, fast schon real. Bei der Beerdigung auf den ersten Seiten konnte ich beispielsweise die Trauer der Anwesenden spüren. Sie war so bedrückend, dass mir fast die Luft weg blieb. Gefühlsregungen, die nicht jeder Autorin/jedem Autor gelingen, sie beim Leser hervorzurufen.

Durch unerwartete Wendungen, fantastische Offenbarungen und sehr viel Gefühl lässt Melzer uns an einer rauschenden Achterbahnfahrt teilhaben. Die Spannung weicht ab und an sehr gefühlvollen Stellen, nie aber der Langeweile. Der Verlauf der Ereignisse ist nicht immer so vorhersehbar, wie ich anfangs dachte, wodurch die Neugierde des Lesers immer wieder aufs Neue geweckt wird. Auf die Figuren in der Geschichte geht die Autorin sehr intensiv ein, was uns ihre persönlichen Hintergründe und Gedanken verstehen und die verschiedenen Blickwinkel einnehmen lässt.
Obwohl der Schwerpunkt der Autorin auf Rachel und Akashiel lag, waren mir deshalb auch die Nebenrollen schnell vertraut, die nicht unwesentlich zum Verlauf der Geschichte beitrugen.

Insgesamt hat Brigitte Melzer es geschafft, mich zu begeistern. Ihr nächster Roman, der im September erscheint, ist schon auf meiner Wunschliste gelandet. Näher ins Detail zu gehen, würde unnötig viel verraten. Melzers Werk ist definitv das Lesen wert und bekommt deswegen 5 von 5 schwarzgefiederten Engeln!!