Britain meets Spain

lesenslust über „Die schönste Art, sein Herz zu verlieren“ von Mamen Sánchez

dsc_1608-01.jpeg

Marlow Craftsman, englischer Verleger und Inhaber eines Traditionshauses, schickt seinen Sohn Atticus nach Spanien. In Madrid soll er die gesamte Belegschaft der Literaturzeitschrift „Librarte“, die schon seit Jahren miese Zahlen schreibt, kündigen und die Herausgabe der Zeitschrift unwiderruflich einstellen. Doch die fünf Damen des Redaktionsbüros, die für ihre Arbeit und die Literatur brennen, lassen sich nicht so einfach abspeisen.

Eine List soll den jungen Craftsman vorübergehend von seiner Mission ablenken und auf Abwege bringen. Soléa, die Feurigste unter den Damen, soll den unbedarften Atticus, der seine Sinne gelegentlich mit seiner kleiner erotischen Bibliothek betört und seine schwachen Nerven mit Earl Grey Tea besänftigt, mit ihren Reizen benebeln und ihn unter Ankündigung falscher Tatsachen nach Andalusien locken.

Gesagt, getan. Bereits wenig später sitzt der junge Atticus neben der schönen Soléa auf dem Weg gen Granada, der Heimatstadt von Soléa und Urquell der spanischen Gitarrenmusik. Für Atticus gilt es ein unveröffentlichtes Werk von Schriftsteller Federico García Lorca auf dem Speicher von Soléas Großmutter Remedios zu entdecken.

In England indes zerbricht sich Craftsman Senior vor Sorge um seinen abtrünnigen Sohn den Kopf und engagiert Inspektor Manchego als Privatdetektiv.

dsc_1605-01-01.jpeg

Was Sanchéz Feder hier zutage gebracht hat, ist ein äußert interessantes Aufeinandertreffen von britischem Understatement und andalusischem Feuer. Unter dem entzückend blumigen Buchdeckel nebst begleitendem Lesezeichen verbirgt sich ein amüsanter, aber keineswegs zu plötzlichen Lachattacken führender Roman mit unverwechselbarem Charme.

„Die schönste Art sein Herz zu verlieren“ erzählt nicht nur eine feurige Liebesgeschichte, für die der Leser bereits nach wenigen Seiten entflammt, sondern auch vom Zusammentreffen fremder Kulturen, von kleinen Lügen und großen Fehltritten, von Werken Lorcas und Hemingways, dem Zauber der spanischen Gitarrenkunst und nicht erwiderten Sehnsüchten.

„Der emotionale Aufruhr in Soléas Seele konzentrierte sich unerklärlicherweise nur noch auf eines: ihr gebrochenes Herz. Wie ein Arzt, der seine Patienten an diversen Stellen des Körpers berührt, bis er den Herd der Infektion gefunden hat, spielte Soléa die Klaviatur ihrer Gefühle.“

Zitat, Seite 277

Mit Berta, Asunción, Maria, Gabriela und Soléa als Redaktionsbesetzung sorgt Sanchéz für ein amüsantes Wechselbad der Gefühle. Die fünf Damen, die unterschiedlicher nicht sein könnten, beleben die Geschichte auf ihre ganz eigene Weise. Alle fünf Damen hat Sanchéz geschickt in ihre Geschichte verwoben, die mithilfe von Craftsman und Manchego zu einem skurrilem Liebes- und Lügennetz reift.

Die Eigenschaften der jeweiligen Landesbewohner Englands und Andalusiens stellt Sanchéz in ihrer Geschichte besonders überspitzt dar, weswegen man weder den konservativen Briten noch den vor Temperament überschäumenden Andalusier auf seinem Weg durch das Buch verpasst. Das daraus entstehende Liebesspiel von Atticus und Soléa ufert daher in so manchem Klischee aus, tut dem Charme der Geschichte aber keinen Abbruch.

Wenn es ein einziger Kuss war, dann war es der längste, den es je gegeben hatte; waren es mehrere, konnte Soléa nicht sagen, wann der eine endete und der nächste begann.“

Zitat, Seite 298

Sanchéz ist ein Feel-Good-Roman mit interessanter Gewürzmischung gelungen. Sie kombiniert feurige mit besänftigenden Kombonenten und schafft dadurch eine Geschichte mit kulturellen Gegensätzen und unverwechselbarer Note.

<3 <3 <3 <3

Die Botschaft einer Katze..

lesenslust über „Cabo de Gata“ von Eugen Ruge

image

„Ich erinnere mich an die Verzweiflung und an die Wut, die ich dabei empfand, denn in Wirklichkeit (…) ging es darum, dass ich meine Gewohnheiten über den Haufen warf, dass ich ein unausweichliches Ritual durchkreuzte, dass ich im Begriff war, die mir selbst auferlegte Arbeitsverpflichtung zu schwänzen.“

Zitat, Seite 11

Er lässt alles hinter sich. Seine Stadt, sein Land und sein bisheriges Leben. Er hat es satt, sich in den täglichen Wiederholungen seiner Gewohnheiten wiederzufinden und steigt in den Zug nach Süden. Im kalten Barcelona lässt er sich von seinem Bauchgefühl leiten und beschließt zum orangefarbensten Fleck auf der Wetterkarte weiterzuziehen: Cabo de Gata, einer Ortschaft im Südosten Andalusiens.

„Ungefähr auf halber Strecke am Wegrand, ein riesiges Schild, für dessen Übersetzung man eigentlich kein Wörterbuch braucht. Trotzdem schlage ich nach, weil ich nicht glaube, was ich da lese:

PARQUE NACIONAL CABO DE GATA – EL ULTIMO PARAISO DE EUROPA

Von jetzt an beginne ich die Minuten zu zählen, die bleiben, bis zum Paradies.“

Zitat, Seite 67

An der Mittelmeerküste angekommen findet er nichts vor, dass auf das scheinbare Paradies hindeutet: karge Landschaften, kalte Temperaturen und eigenbrötlerische Einwohner. Doch irgendwas hält ihn dennoch im tristen Fischerdörfchen; lässt ihn verharren, in der einsamen Pension einer alten Witwe.

Eines Tages begegnet ihm eine Katze. Eine Katze, in der er ein Zeichen sieht und die, so hofft er es, ihm eine Botschaft überbringt. Eine essentielle Botschaft, durch die sein Leben endlich eine Wendung nimmt.

„So gehe ich, mit gesenktem Blick, such den Boden ab. Muschelkalk knirscht unter meinen Füßen. Hin und wieder tauchen kleine Kieselfelder auf. Ich darf nicht stehen bleiben, seltsame Regel. Langsam gehen ist erlaubt. Ich schreite weiter, die Kiesel kratschen. Über mir schlagen die Möwen Alarm. Ich höre sie, sehe sie aber nicht. Mein Blick ist zu Boden gerichtet. Ich suche, suche … Wenn nicht, dann … Was dann? … Das Meer kichert. Es schwatzt. Das Meer atmet. Das Meer ist plötzlich still, einen Moment lang und noch einen … nur der Wind, der auf meinen Ohren herumorgelt – und dann ist es wieder da, das Meer. Meldet sich zurück, als hätte es mich hereingelegt: mit einem prustenden Lachen. “

Zitat, Seite 142

Ich streiche sanft über den Buchdeckel und betrachte erneut das Cover. Ein schönes Cover, ein interessanter Titel, ja selbst ein interessanter Klappentext. Dinge, die mich zum Kauf des Buches bewegten und mich dennoch in die Irre geführt haben. Denn entweder wollte der Funke nicht überspringen oder ich habe den Moment des Entzündens verpasst. Herr Ruge lässt mich nach dem Lesen seines Romans „Cabo de Gata“ irritiert und nachdenklich zurück, ja fast schon genervt, weil ich den Sinn dieser Geschichte nicht verstanden zu haben scheine.

Der Protagonist, dessen Name unbekannt bleibt, gelangt nach einer gescheiterten Beziehung und den eher kläglichen Versuchen als Schriftsteller Fuß zu fassen an einen Punkt in seinem Leben, der ihn zu einer radikalen Entscheidung treibt: alles hinter sich zu lassen. Er kündigt seine Wohnung in Berlin, verscherbelt seine Möbel und setzt sich mit kaum mehr Gepäck als einer Hängematte und ein paar Schreibheften in einen Zug Richtung Süden.

Von einem Bauchgefühl leitend lässt er sich im kalten und ungemütlichen Barcelona, seinem ersten Halt, ausgerechnet von einer Wetterkarte einer lokalen Zeitung ins scheinbar warme Cabo de Gata locken, dem Kap der Katzen – wie sich später herausstellt.

Obwohl der Ort an der Mittelmeerküste nicht annähernd das Paradies zu sein scheint, das er sich ausgemalt hat, beschließt er zu bleiben und findet sich schon nach kurzer Zeit in der Anhäufung kaum erwähnenswerter und täglich gleicher Verhaltensweisen wieder. Ein Aspekt, der seinem Leben nicht wirklich zu einem besseren verhilft.

Als er bei seinen täglichen Spaziergängen durch den Ort eines Tages einer rotgetigerten Katze mit grünen Augen begegnet, scheint ihm plötzlich alles daran zu liegen, sie zu seiner Wegbegleiterin zu machen. Denn er sieht in ihr ein Zeichen; vielmehr seine verstorbene Mutter, die ebenfalls rotgefärbte Haare und grüne Augen besaß und die ihm etwas mitteilen zu wollen scheint.

Die Katzenbotschaft, auch in Cabo de Gata nicht das zu finden, was er suche und vor allem es nicht während des bewussten Suchens zu finden, erscheint mir banal und kindlich. Soll das die große Botschaft des Autors sein? Benötigt Ruge tatsächlich eine über 203 Seiten lange Geschichte um zu dieser phänomenalen Einsicht zu gelangen? Ratlosigkeit macht sich breit.

Was ich dem Autor lassen muss, sind die liebevollen und lebendigen Zeilen von Naturschauspielen und die schrägen und durchaus amüsanten Schilderungen der Gedanken eines scheinbar rastlosen und in Cabo de Gata gestrandeten Mannes, die mich zumindest an der ein oder anderen Stelle gut unterhalten konnten. Was den Rest anbelangt muss ich passen. Ich vermute, dass ich es auch mithilfe mehrerer Anläufe nicht verstehen werde, was mir Eugen Ruge da eigentlich sagen wollte.