Das Ende der Freiheit

lesenslust über das Hörspiel „Wir“ von Jewgenij Samjatin/ Gisela Drohaa

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„Hunderte, tausende Nummern mit goldenen Abzeichen an der Brust, die uns vom Staat gegebene Nummer die wir tragen. Strahlendes Glück des blauen Himmels, nirgends ein Gesicht, das verdüstert ist. Überall heller Glanz. Alles aus einer leuchtenden lächelnden Materie gewogen.“

Wir schreiben das 26. Jahrhundert. Die Menschheit, die sich früher einer zügellosen Freiheit hingegeben hat, besteht nur noch aus durchnummerierten einheitlichen Bürgern. Wie ein perfekt eingestelltes Uhrwerk herrscht „der einzige Staat“ über sie. Lässt sie in durchsichtigen, wie aus Luft gewebten Häusern hausen und sie durchweg bewachen.

Selbst das intime Beisammensein ist den Bürgern vorgeschrieben. Ausschließlich an festgelegten Geschlechtstagen darf man sich der sexuellen Lust hingeben und sich dem Recht bedienen, mit der Nummer seiner Wahl zu schlafen. Die Liebe wird dabei als ein Beherrscher der Welt erachtet; eine unnötige Gefühlsregung, die die Sinne benebelt und den perfekten Bürger vom Weg abkommen lässt. Einzig und allein die Fortpflanzung scheint hierbei im Vordergrund zu stehen.

Auch der 32-jährige Mathematiker D-503 lebt unter dem Volk „des einzigen Staates“. Für den Konstrukteur des Integral, einem Raketenflugzeug, mit dem schon bald das Weltall befahren werden soll, zählt einzig und allein die Logik und eine funktionierende Einheit, ein Kollektiv von geordneten Nummern. Doch als er der rebellischen I-330 begegnet, gerät seine durchgetaktete Welt aus den Fugen. Er ist sowohl merkwürdig fasziniert als auch angewidert von der Nummer, die sich gegen die Regeln des einzigen Staates aufzubäumen scheint und sich frei wie ein Vogel durch das Land jenseits der grünen Mauer bewegt.

Eine Versuchung, die sein gesamtes Denken und Handeln einnimmt und bald schon schwerwiegende Konsequenzen mit sich bringt.

„Diese Frau ist ebenso unangenehm wie ein unlösbares irrationales Glück, das unvermutet in einer Gleichung auftaucht.“

Bereits 1920 erschien „Wir“ als Vorläufer von „1984“ des russischen Autors Jewgeni Samjatin. In seiner Dystopie, die jetzt als aufwendig produziertes Hörspiel auf CD erschienen und als „Bestes Hörbuch 2016“ ausgezeichnet wurde, beschreibt Samjatin auf düster lebendige Weise von einer gläsernen Gesellschaft und dem Ende der Freiheit.

Das packende Hörspiel, das der SWR mit einem Geräuschemacher, dem Radiosymphonieorchester und vielen prominenten Schauspielern aufgenommen hat, hat mir trotz seiner überwältigenden Art, oder gerade deshalb, einiges abverlangt. Es ist aufgrund seines aufwendig gestalteten Gewands inhaltlich nämlich nicht leicht zu erfassen. Die Geschichte, die mich an sich schon auf völlig unbekanntes Terrain begeben ließ, bringt als Hörspiel sicherlich noch ein paar zusätzliche Hürden mit sich.

So reise ich mit Samjatin und seinem Protagonisten D-503 fünf Jahrhunderte in die Zukunft. Ein Volk von Nummern umgibt mich. Die Menschen bilden eine fast schon mechanische Armee, die der „große Wohltäter“, das Oberhaupt des Staates, sich mithilfe eines Regelwerks zu perfekten Nummern herangezogen hat. Mit der Begegnung von D-503 und I-330 durchbricht Samjatin diese perfekte Welt und streut eine gehörige Portion Leidenschaft, Fantasie und Zügellosigkeit in den Raum.

Die imposanten Untermalungen des Symphonieorchesters nehmen im Hörspiel einen sehr dominanten Part ein, der je nach Situation von D-503’s Eintragungen an Intensität an- bzw. abschwillt. Neben den vielen anspruchsvollen Hürden, die ich in „Wir“ überwinden musste, hat mich Samjatins Darstellung eines Geräts namens Musikometer, mit dem man bis zu drei Sonaten in der Stunde komponieren kann und seine insgesamt ganzheitliche Betrachtungsweise sehr fasziniert. Auch die Begeisterung als eine Art der Epilepsie zu betrachten, ist gleichermaßen brillant wie gestört. Mit argwöhnischem Blick schaut er auf das scheinbar ungeordnete und zügellose Treiben der Menschen des 21. Jahrhunderts. So scheinen ein Klavier, ein Bücherregal oder die Anordnung unserer Wohnungen im 26. Jahrhundert nicht mehr en vogue zu sein, da man sich bei ihrer Bedienung von Gefühlen leiten lassen muss.

„Wir“ ist ein 95-minütiges Hörbuch, dass sich wie eine große Maschinerie aus unendlich vielen kleinen Bestandteilen präsentiert und sowohl von der musikalischen Untermalung als auch der Wandlungsfähigkeit seiner wechselnden Hörbuchsprecher lebt.

„Ich glaube, dass die schwierigste höchste Form der Liebe, die Grausamkeit ist.“

Im Rahmen eines besonderen Hörbuchprojekts, initiiert von Kerstin Scheurer, haben sich Buchblogger den Preisträgern des Deutschen Hörbuchpreises 2016, der heute Abend verliehen wird, angenommen.

Mit Klick auf den Link kommt ihr zu der jeweiligen Besprechung

Preis: „Beste Interpretin“ für Sophia Rois

  • Der Planet Trillaphon im Verhältnis zur Üblen Sache“ von David Foster Wallace Fantasie und Träumerei

Preis: „Bester Interpret“ für Lars Eidinger

  • „Wir“ von Jewgenij Samjatin / Gisela Drohaa – meine Wenigkeit & The Read Pack

Preis: „Bestes Hörspiel“

  • „Deutschland. Erinnerungen einer Nation“ von Neil MacGregor / Klaus BinderKerstin Scheurer

Preis: „Bestes Sachhörbuch“

Preis: „Beste Unterhaltung“

  • Oliver Rohrbeck, Jens Wawrczeck und Andreas Fröhlich als „Die drei ???“ – Rezensionär

Preis: Sonderpreis

Glückstheorie

lesenslust über „Die Sache mit dem Glück“ von Matthew Quick

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„So tun als ob kann in vielerlei Hinsicht helfen.“

Als seine Mutter stirbt, findet der 39-jährige Bartholomew in der Unterwäscheschublade seiner Mutter einen Befreit-Tibet! – Brief von Richard Gere, einen kommerziellen Aufruf des Schauspielers, die olympischen Spiele in Peking zu boykottieren; den Bartholomews naive und altmodische Mutter damals wohl für einen persönlichen an sie adressierten Brief hielt und seither aufbewahrt hat.

Der völlig unselbständige und leicht verschrobene Bartholomew, der Zeit seines Lebens für seine Mutter gelebt hat, beginnt, dem Lieblingsschauspieler seiner Mutter fortan Briefe zu schreiben. In der Hoffnung, dass der Schauspieler ihn aus seiner persönlichen Lebenskrise befreit; erzählt er ihm ganz ungeniert die Glückstheorie seiner weisen Mutter, über Außerirdische, Buddhismus und die Liebe zu Katzen. Und selbstverständlich auch über die Jungthekarin Elizabeth, die er seit Jahren im Auge hat; die er aber nicht schafft, anzusprechen.

Bisher hat Richard Gere nicht geantwortet, aber Bartholomew ist sich ganz sicher, dass es dem Pretty Women – Star gelingen wird, auch sein Leben zu einem besseren zu machen.

„Irgendwie, und wer kann schon genau sagen, wie sich sowas entwickelt, verfielen Mom und ich im Laufe vieler Tage und Wochen in eine Routine. Wir begannen beide so zu tun, als ob. Sie tat so als ob ich Sie wäre – Richard Gere, ich tat so als ob Mom nicht dabei wäre, den Verstand zu verlieren. Ich tat so, als ob sie nicht mal sterben würde. Ich tat so, als ob ich nicht lernen müsste, ohne sie zu leben. Die Dinge eskalierten, wie man so sagt.“

Nach Jahren erfolgloser Chemotherapie wird Bartholomews an Krebs erkrankte Mutter in der letzten Phase ihres Lebens auch noch von Demenz heimgesucht, was zu einem schleichenden Verfall ihres Geistes führt. Sie beginnt, Fantasie und Wirklichkeit miteinander zu vertauschen; bemerkt nicht, dass es ihr geliebter Sohn Bartholomew ist, den sie fortlaufend Richard nennt – Richard, wie Richard Gerne. Bartholomew, der an den fortan spärlich gesäten Glücksmomenten seiner kranken Mutter festhält, spielt das Spiel mit. All die Jahre lebt er ein Leben als Medium, als Inkarnation des Schauspielers Richard Gere im Leben seiner Mom.

„Richard Gere zu sein, war, als würde ich mir selbst per Schmerzpumpe Morphin verabreichen. Ich war ein besserer Mensch, wenn ich Sie war. Beherrschter, selbstsicherer als je zuvor.“

Es ist daher nicht groß verwunderlich, dass der orientierungslose Bartholomew sich nach dem Tod seiner Mutter an eben jenen Schauspieler wendet, den er über all die Jahre verkörpert hat. In Briefen an den Hollywoodstar schüttet er sein Herz aus. Schließlich hat der übergewichtige und arbeitslose Bartholomew sonst keine Freunde, denen er sich anvertrauen könnte. In seinen Briefen an Richard berichtet er ihm von den Erlebnissen seiner Kindheit, von der unerschütterlichen Liebe zu seiner Mutter und seinem streng katholischen Vater, den er nie kennengelernt hat, weil er bereits in seiner Kindheit am Märtyrertod durch den Ku-Kux-Clan gestorben ist.

Er erzählt ihm aber auch von seinen ganz geheimen Sehnsüchten. Von dem Versuch, die Jungthekarin Elizabeth in der Stadtbibliothek durch Telepathie zu erreichen oder dem allgemeinen Wunsch einer Frau nahe zu sein bzw. die Frau fürs Leben zu finden. Brief für Brief lernt Bartholomew über sich selbst hinaus zu wachsen und vom loyalen Trottel und Mama Hempel zu einem erwachsenen eigenständigen Mann zu werden.

Es ist eine kunterbunte Reise auf die uns der US-Autor Matthew Quick uns in „Die Sache mit dem Glück“ nimmt. Nach seinem Bestseller „Silver Linings“ widmet er sich in seinem Nachfolgeroman dem Leben des Versagers Bartholomew Neil. Einem Eigenbrötler, der mit 39 Jahren noch immer zu Hause wohnt, noch nie Sex hatte und außerdem noch nie gearbeitet hat. Mithilfe der schrägen Hauptfigur, die als Ich-Erzähler agiert, hinterfragt Quick die Gründe des Universums und offenbart seinen Lesern die Kraft der Güte und der Liebe. Er inspiriert, schenkt Hoffnung und unterhält in höchstem Maße.

„Das Leben ist beschissen!“, sagt meine rothaarige Trauerbegleiterin Wendy jedes Mal wenn wir in unserem Gespräch einen toten Punkt erreichen. Das ist ihre Standard-Plattitüde, ihre goldenen Worte für mich.“

Denn es sind verrückte Geschichten, die uns Bartholomew erzählt. Geschichten von gemeinsamen Abendessen mit imaginären Filmstarts, von dem kleinen wütenden Mann in seinem Bauch, Obdachlosen, die sich in der Stadtbibliothek Pornos einverleiben und von rosa Perücke tragenden Undercover Polizistinnen, die sich an seinem Bein reiben. Er berichtet von vollgepissten Hosen, seiner mit Vogelmetaphern therapierenden Trauerberaterin Wendy und dem Skandal-Father McNamee.

Quick spielt in seinem Roman sehr offene Töne über Sexualität, Religion und Rassismus an. Er scheut weder vor Themen wie Selbstverbrennung tibetischer Mönche, noch Fragen über Masturbation. Er entsetzt und begeistert zugleich und schenkt mir damit ein paar sehr heitere Stunden.

Dass die Wahl als Sprecher des Hörbuchs auf Boris Aljinovic fiel, ist wie ein Sechser im Lotto. Es scheint fast so, als sei die Rolle des Bartholomew Neil auf die facettenreiche Stimme des Hörbuchsprechers, den man u.a. aus Rollen im Theater, Film und Fernsehen kennt (z.B. dem Berliner Tatort), zugeschnitten. In sehr lebendigen Tönen macht er Quicks ohnehin schon skurille Geschichte zu einem wahren Hörerlebnis. Er ächzt und stöhnt, imitiert den kleinen wütenden Mann in Bartholomews Bauch als auch die vor sich hinstöhnenden Frauen aus dem Porno in der Stadtbibliothek so leidenschaftlich, dass es mich vor Lachen fast aus den Latschen kippt.

„Worte ließen sich als Waffen benutzen, die zu viel Schaden anrichten.“

<3 <3 <3 <3 <3

Appelhuuslüüd

lesenslust über „Altes Land“ von Dörte Hansen

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1945 flüchtet die 5-jähige Vera mit ihrer Mutter aus Ostpreußen ins Alte Land, ein idyllisches und ertragreiches Obstbaugebiet südlich von Hamburg und jenseits der Elbe. Auf dem Hof von Ida Eckhoff finden sie Unterschlupf, werden als Flüchtlinge aber nur geduldet. Ihr Leben lang fühlt sich Vera fremd und doch irgendwie zugehörig in dem großen dunklen Bauernhaus, das von der Apfel- und Kirschblüte begleitet wird und das bereits Generationen von Flüchtlingen ein und ausgehen hat lassen.

„Sie war auf Ida Eckhoffs Hof gespült worden wie ein Ertrinkener auf eine Insel. Um sie herum war immer noch das Meer. Und Vera hatte Angst vor diesem Wasser. Sie musste bleiben auf ihrer Insel, auf diesem Hof, wo sie zwar keine Wurzeln schlagen konnte, aber doch festwachsen konnte an den Steinen, wie eine Flechte oder ein Moos. Nicht gedeihen. Nicht blühen. Nur bleiben.“

Als Erbfolger Karl Eckhoff stark lädiert aus dem Krieg zurückkommt, findet er in der ostpreußischen Hildegard von Kamcke eine Frau und in Vera eine Adoptivtochter. Doch die hochmütige Hildegard weilt nicht lange auf dem Land, das ihr zu kalt und ungestüm ist. Nach zahlreichen Wortgefechten mit ihrer resoluten Schwiegermutter ergreift sie erneut die Flucht, zieht nach Hamburg, heiratet dort einen Architekten und wird noch einmal Mutter. Ihre Tochter Vera lässt sie unbeachtet zurück.

Sechs Jahrzehnte sind vergangen, als Vera, mittlerweile gealtert und dem alten knorrigen Fachwerkhaus immer noch treu, erneut mit ihrer Familie in Berührung kommt. Ihre Nichte Anne wird mit Sohn Leon ins alte Land gespült. Auch sie scheinen vor ihrem Leben zu flüchten. Einem Leben im schicken Hamburg-Ottensen, wo Eltern ihre Kinder mit großstädtischer Arroganz durch die Straßen schieben und wo sich Anne nach einer unglücklichen Kindheit selbst neben ihrem Mann nicht zugehörig fühlt.

„Die Familienstillleben in den Cafés und Parkes von Hamburg-Ottensen zeigten alle was sie nicht waren. Ein fest verschnürtes Paket. Vater, Mutter, Kind. Verwoben zu einem stabilen Familienstoff. Sie waren zwei Leute mit einem Kind. Lose verhäkelt. Drei Luftmaschen.“

„Sie kaufte sich ein Brötchen, für sich selbst einen Cappuccino im Pappbecher, und schob die Kinderkarre Richtung Fischerspark, reihte sich ein in den Treck der Ottenser Vollwert-Mütter, die jeden Tag aus ihren Altbauwohnungen strömten, um ihren Nachwuchs zu lüften, die Einkäufe aus dem Bio-Supermarkt im Netz des Testsieger-Buggy, den Kaffeebecher in der Hand und im Fußsack aus reiner Schafwolle ein kleines Kind, das irgendetwas Durchgespeicheltes aus Vollkorn in der Hand hielt.“

Obwohl die beiden Frauen einander fremd sind und sich das gemeinsame Zusammenleben anfangs als Herausforderung entpuppt, wächst eine kostbare Vertrautheit zwischen den Frauen heran. Eine Vertrautheit, die Annes Sohn Leon nicht nur ein neues Zuhause schenkt, sondern auch die verletzten Seelen der Frauen langsam aber sicher heilen lässt.

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Geschichten über das Leben auf dem Land werden häufig romantisiert. Die Menschen werden plötzlich zärtlicher, die Jahreszeiten scheinen im perfekten Einklang zur Natur zu stehen und der Alltag rekelt sich versonnen auf der idyllischen Blumenwiese. Nicht so bei Dörte Hansen. Denn die Autorin, die selbst vom Land kommt, weiß wovon sie spricht. Mit ihrer Familie spricht sie platt. Und wer so einem plattdeutschen Menschen schon mal begegnet ist, der weiß, was das heißt: die Wahrheit kommt schörkellos und unverblümt auf den Tisch. Hansens Debütroman begegnet uns daher völlig authentisch und klischeefrei, und begeistert mich umso mehr. Er ist wie eine saure Kirsche, die wir trotz Säure wohlwollend in den Mund stopfen und nach einer noch lange nicht genug haben.

„Man kannte seinen Platz und seinen Rang in dieser Landschaft, es ging immer nach dem Alter: Erst kam der Fluss, dann kam das Land, dann kamen Backsteine und Eichenbalken und dann die Menschen mit den alten Namen, denen das Land gehörte und die alten Häuser. Alles, was dann noch kam, die Ausgebombten, Weggejagten, Großstadtmüden, die Landlosen und Heimatsucher, waren nur Flugsand und angespülter Schaum. Fahrendes Volk, das auf den Wegen bleiben musste.“

So erzählt Hansen vom Leben zweier heimatloser Frauen, die nach Jahren fehlender familiärer Zugehörigkeit in Ida Eckhoffs altem Bauernhaus aufeinandertreffen. Die aneinanderecken und dennoch Halt beim Gegenüber finden. Die lernen, gemeinsam neue Kraft zu schöpfen und die endlich im Leben ankommen. Hansen verwebt die beiden Frauen dabei geschickt in das alte knorrige Bauernhaus, das mit seinen ächzenden Balken und knarrenden Scharnieren im perfektem Kontrast zu seinen heimatlosen Hausbewohnern steht.

Mit schwarzem Humor und Ironie, aber auch von einer spürbaren Schwere begleitet, verdeutlicht uns Hansen die Schicksalshaftigkeit des Lebens. Dass nicht immer alles glatt laufen kann. Dass Menschen zueinander finden und manchmal eben auch wieder auseinander driften. Dass eine Liebe ebenso kein Garant für ein gemeinsames Leben bis ans Ende der Tage ist, wie Verwandtschaftsgrade. Ihre lebendigen und vom Metaphern getränkten Beschreibungen, in denen auch das Plattdeutsch nicht zu kurz kommt, schenken dem Roman an Atmosphäre. Ein Hauch norddeutscher Flair weht uns um die Nase, der uns gedanklich an die Stationen der Hansestadt und geradewegs in das alte Land spült.

Dass man sich bei der Erzählerin des Hörbuchs für Hannelore Hoger entschieden hat, begeistert mich daher ungemein. Hoger ist authentisch, hanseatisch trocken und wandlungsfähig. Sie beherrscht die Rolle der hochmütigen Hildegard ebenso wie die Rolle der kantigen aber insgeheim liebenswerten Ida Eckhoff.  Sie trällert Liedpassagen, schreit und flucht, und unterhält mich in höchstem Maße. Eine Vorleserin, die ihre Geschichte mit Haut und Haaren lebt. „Altes Land“ ist ein grandioses Debüt und mein persönliches Hörbuchhighlight.

<3 <3 <3 <3 <3

Altes Land

Hörfreuden #3: Glücksgeblubber..

lesenslust über „Das Blubbern von Glück“ von Barry Jonsberg

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„Kennst du den Ausdruck: Zerrüttete Familie? Willkommen in meiner Welt.“

„Lachen ist gut. Lachen ist wundervoll. Ich verstehe oft nicht, wo es herkommt, genieße jedoch die Wirkung, die es hervorbringt. In meiner Familie wird nicht genügend gelacht. Alles Lachen verflüchtigte sich, als meine Schwester starb.“

Candice Phee

Candice Phee ist 12 Jahre alt. Sie ist wunderbar ehrlich und ein bisschen anders. Ihr Körper ist übersät von Sommersprossen, ihr Haar schimmert in einem dreckigen Blond und ihre Augen strahlen leuchtend blau. Eigentlich wirkt sie wie ein normales Mädchen. Doch Candice Blick auf das Leben unterscheidet sich von dem ihrer Mitmenschen, weshalb viele sie nicht auf Anhieb verstehen.

Candice ist das egal, denn sie ist wild entschlossen, die Welt wieder glücklich zu stimmen. Allen voran ihre Familie, in der es früher vor Glück geblubbert hat und die seit dem plötzlichen Tod ihrer Schwester Sky wie gelähmt durchs Leben geht. Ihre Mutter, ihr Vater und Onkel Brian bilden einen zerrütteten Haufen aus Krankheit, Enttäuschung und Trauer.

Doch obwohl das Unglück in jeder Ecke lauert, verliert Candice ihren Traum nicht aus den Augen: Sie will das Glück für alle zurückerobern, um die Welt lebendiger blubbern zu lassen als jemals zuvor!

„Unser ganzes Haus verströmte Glück. Es blubberte vor Glück und ließ uns strahlen. Die Sonne schien heller damals, das Gras war grüner, die Wolken waren weißer.“

„Ich möchte nach Glück streben. Ich möchte es einfangen, am Wickel packen, mit nach Hause schleifen und zwingen sämtliche (…) Menschen zu umarmen.“

Am Anfang der Sommerferien bekommen Candice und ihre Mitschüler von ihrer Englischlehrerin Mrs. Bamford die Aufgabe, einen Aufsatz über ihr Leben zu schreiben. Jedem Buchstaben des Alphabets soll ein Absatz gewidmet werden.

Und mit dieser Aufgabe beginnt die Geschichte.

„Du bist auf einem Meer der Liebe in diese Welt gesegelt. Du bist durch ruhiges Gewässer gefahren und fast, ohne ein Wellenkräuseln, in unseren Herzen vor Anker gegangen. Und dort bist du immer noch, ein süßer kleiner Matrose, in Liebe angedockt.“

„Weißt du was das Beste an dir ist, Pumpkin?“ fragte er. „Nein.“ – „Du singst dein eigenes Lied und du tanzt nach deiner eigenen Melodie. Du siehst die Welt mit anderen Augen als wir. Und weißt du was? Manchmal wünschte ich, fast jeder sehe sie mit deinen Augen. Ich weiß das die Welt dann ein besserer Ort wäre.“

Onkel Brian

Tränen der Freude kullern über meine Wangen.

Selten begegnet man so traurigen und zugleich lebensbejahenden Zeilen wie die von Jonsberg. Mit „Das Blubbern von Glück“ gelingt dem Autor ein wahres Wunderwerk. Es erzählt uns nicht nur eine ganz und gar andersartige Geschichte eines andersartigen Mädchens, sondern stimmt uns damit auch glücklich. Einfach so.

Es ist die Geschichte von Candice, einem zwölfjährigen Mädchen und Protagonistin der Geschichte. Jonsberg lässt sie zur Stimme seiner Geschichte werden und eröffnet uns damit die Sicht aus Kinderaugen. Die 26 Buchstaben des Alphabets werden zu unseren Wegbegleitern. Mit der Konzentration auf den Aufsatz über ihr Leben, ordnet Candice jedem einzelnen Buchstaben des Alphabets ein besonderes Merkmal zu. Merkmale, die von zentraler Bedeutung sind und ihr Leben zu dem machen, was es ist.

Da ist ihre verstorbene Schwester Sky; ein Goldfisch, dem sie den Namen Erdferkel Fisch schenkt, weil Erdferkel das erste wirkliche Wort in ihrem Lieblingsbuch (dem Wörterbuch) ist; ihr schräger und superkluger Freund Douglas Benson, der aus einer anderen Dimension zu kommen scheint; das Kullerauge ihrer Englischlehrerin Mrs. Bamford, das unkontrolliert durch die Gegend kullert; ihre amerikanische Brieffreundin, die ihr niemals antwortet, und so viel mehr.

Candice Perspektive schenkt uns einen besonders wertvollen Blick auf das Leben. Mit ihr sehen wir die Welt aus anderen Augen: Sie macht sie bunter, lebendiger und herzlicher. Doch sie schaut nicht nur optimistisch auf das Leben, sondern spricht ihre Gedanken auch erschreckend ehrlich und direkt aus. Sie hilft uns dabei, den traurigsten Momenten mit Hoffnung zu begegnen und dem Leben entgegenzulachen. Trotz tragischem Familienhintergrund scheint Candice ihren Lebensmut niemals zu verlieren. So begibt sie sich hoffnungsvoll auf die Suche nach dem verlorengegangenen Blubbern von Glück. Und wird fündig!

Sensibel, humorvoll und voller Leichtigkeit verleiht die Sprecherin Laura Maire der zwölfjährigen Candice und ihren Mitmenschen eine Stimme. Lebhaft und facettenreich erweckt sie ein kleines Mädchen zum Leben und zeigt mir wie abwechslungsreich die eigene Stimme sein kann.

Trotz völlig unterschiedlichen Alters von Sprecherin und Protagonistin begegnet mir die Sprache als sehr passend und harmonisch. Laura Maire versteht es, die Rolle der Candice ohne musikalischen Hintergrund oder Audiobeigaben authentisch umzusetzen. Jede Minute des Hörbuchs wird so zu einem besonderen Hörerlebnis.

Eine wunderbare Geschichte. Ein wunderbares Hörbuch. Herzliche Weiterempfehlung!

„Familien sind anfällig. Meine starb nicht, als Sky starb, aber sie musste einen schweren Schlag ertragen, und war danach völlig blauer Flecken.“

<3 <3 <3 <3 <3

Hörfreuden #2: Eine Welt hinter den Zeilen..

lesenslust über das Hörbuch des Romans „Sehen wir uns morgen?“ von Alice Kuipers

 Kurzbeschreibung des Verlags

Claire und ihre Mutter verpassen sich ständig.

Dann hinterlassen sie sich Nachrichten an der Kühlschranktür – mit Einkaufslisten, Verabredungen, kleinen Geschichten aus ihrem Leben.

Bis die Mutter eines Tages eine Entdeckung macht, nach der nichts mehr ist, wie zuvor. Und Mutter und Tochter auf den kleinen Zetteln so viel mehr unterbringen müssen als bisher…

Mein Fazit

Ein Griff in das Hörbuchwanderpaket lies mich stolze Besitzerin eines kleinen aber feinen Hörbuchs werden. „Sehen wir uns morgen?“ ist tatsächlich mehr als man im ersten Moment erwartet.

Es ist die Geschichte von Claire und ihrer Mutter. Ein Mutter-Tochter-Gespann, wie es einem nur allzu vertraut ist. Zwei Menschen, die gemeinsam Höhen & Tiefen erleben, die sich lieben und manchmal auch hassen. Mit Mama an der Seite ist Claire genervt, ohne sie ist es allerdings auch nicht besser. Schon gar nicht, wenn man sich damit auseinander setzen muss, dass die Mama diese Welt schon bald für immer verlassen wird.

Denn Claires Mama erkrankt an Krebs. Ihr Tumor ist bösartig und hat schon weit mehr Schaden angerichtet, als beide es vermuten. Der Eifer bzw. die anfängliche Willenskraft der Mutter, der Krankheit die Stirn zu bieten, beginnt zu flackern. Bald ist nur noch eine kleine lodernde Flamme übrig, die dem nächsten Windstoß nicht standhalten wird. Auch Claire wird diese Tatsache irgendwann bewusst. Eine Tatsache, die nichts mehr so sein lässt, wie vorher.

Mutter und Tochter werden von Josefine Preuß und Anna Stieblich gesprochen. Zwei Frauen, die mir bereits aus der Tv-Serie „Türkisch für Anfänger“ als Mutter und Tochter vertraut sind. Beide haben in ihre Rolle sehr viel Herzblut gesteckt und die jeweiligen Gefühle sehr stark zum Ausdruck gebracht. Man begegnet Freude und Trauer als auch Wut und Enttäuschung.

Die Geschichte wird durch wechselnde Dialoge zwischen Mutter und Tochter erzählt. Die Geschichte ist keine reine Erzählung, sie beinhaltet vielmehr ein Lebenspuzzle, das durch viele kleine Puzzleteile entsteht. Da sich Mutter und Tochter immer wieder verpassen, tauschen sie „Post its“ aus, kleine Notizzettel, auf denen sie sich Nachrichten hinterlassen. Die Geschichte beginnt ganz harmlos, entwickelt sich zum Ende hin jedoch ganz plötzlich. Irgendwann wird dir diese Entwicklung bewusst und trifft dich wie ein Schlag ins Gesicht.

Doch dann ist es bereits zu spät. Denn morgen wird man sich nicht wiedersehen…

<3 <3 <3 <3

Hörfreuden #1: Herzliches Geflunker..

lesenslust über „Lügen, die von Herzen kommen“ von Kerstin Gier

Lügen die von Herzen kommen

 ~*°..Die Story..°*~

Hanna ist Single und besitzt eine klassische Eieruhrfigur. Gut gepolsterte Hüften, einen ausladenden Po und stämmige Oberschenkel. Man könnte sagen, sie verfügt über eine sehr weiche Körpermitte. Als leidenschafliche Esser scheint Hanna jedoch über den Dingen zu stehen, weshalb sie erst gar nicht, etwas daran zu ändern. Schließlich hat sie mit ihren Freundinnen, den überforderten Geschwistern und dem Ex-Freund schon mehr wie genug zu tun.

Als ihr neuer Chef sie für das Projekt „Liebe auf den ersten Blick“in die unendlichen Weiten der Cyperwelt hinausschickt und sie im Onlinechat den sympathischen Boris68 kennenlernt, ändert sich das Blatt allerdings schlagartig. Boris scheint nämlich der perfekte Mann zu sein. Bei einem Online-Partnerschaftstest erreicht er sage und schreibe 397 von 400 Punkten. Für Hanna der Beweis, dass er ihr Hauptgewinn ist. Doch schon bald fragt Boris nach einem persönlichen Treffen und Hanna muss sich etwas einfallen lassen, die von ihr erflunkerten Modelmaße schnellstmöglich zu erreichen. Denn statt Kleidergröße 36 benötigt sie doch eher Größe 42-44.

Mit dem Ziel eine Menge überflüssiger Pfunde in Rekordzeit zu verlieren, muss sie sich künftig auf Sport, eine gesunde Ernährung und die Gewichtsanzeige ihrer Waage konzentrieren. Doch das ist gar nicht so einfach wie gedacht. Und zu allem Übel bringt auch ihr neuer Chef sie mächtig aus dem Gleichgewicht. Er scheint nämlich charmanter, als anfangs vermutet und könnte für Boris zu ernsthafter Konkurrenz werden…

~*°..Mein Fazit..°*~

Kerstin Giers Geschichte hat mir ein paar sehr unterhaltende Hörmomente geschenkt. Was nicht minder an Mirja Boes liegt, die Hanna im Hörbuch von „Lügen, die von Herzen kommen“ eine unverwechselbare Stimme schenkt. Boes ist mir als Person unheimlich sympathisch. Durch ihren derben Humor und ihre einzigartige Person hat sie es innerhalb kürzester Zeit zu einer meiner Lieblings-Comedians geschafft. Ihr komödiantisches Talent ist vielfältig. Während sie aus der Sendung „Die dreisten Drei“ wohl am meisten bekannt sein sollte, spielte sie auch schon in Kinofilmen wie „Siegfried“ mit (den ich ganz nebenbei für großen Murks halte). Ihre Stimme erweckt Hanna zum Leben. Allein durch Boes ergattert das Hörbuch schon im Vorfeld einen Sympathie-Stern. Ich könnte ihr einfach den ganzen Tag beim Klönen zuhören.

Doch was nützt einem eine talentierte Sprecherin, wenn die Geschichte gähnend langweilig ist? Richtig, nichts. Also sollte auch die Story überzeugen. Doch auch hier scheint das Hörbuch zu punkten. Giers Geschichte ist zwar ziemlich vorhersehbar und erfüllt nahezu alle gängige Klischees in Sachen Frauen-Problematik, kann aber durch eine gute Umsetzung trotzdem glänzen. Giers Schreibstil ist ausschmückend, erfrischend und strotzt vor Lebendigkeit. Mit witzigen Dialogen und treffenden Pointen schafft es Gier, ihre Leser und in diesem Fall Zuhörer in ihren Bann zu ziehen und in höchstem Maße zu unterhalten.

Hanna war mir bereits nach wenigen Minuten sympathisch. Generell juckt es sie nicht die Bohne, was andere über sie denken. Sie sagt, was sie denkt und lässt sich schon gar nicht auf der Nase herumtanzen. Doch als es um Herzensangelegenheiten geht, gerät auch ihr Selbstbewusstsein ins Wanken. Doch welchen Einfluss gerade die Menschen, die einem am meisten am Herzen liegen, auf einen haben, wird hier sehr schnell bewusst. Schließlich orientiert sich jeder an seiner Umgebung. Zumindest ein bisschen. Man will ja gefallen.

Giers Geschichte und die musikalische Umsetzung des Hörbuchs ergattern daher 4 von 5 Diät-Möhrchen, die für ein wohliges Sättigungsgefühl sorgen sollen und Hannas Magen laut rebellieren lassen.

<3 <3 <3 <3