Still aLeif

lesenslust über „Die sieben Tode des Max Leif“ von Juliane Käppler

image

„Ich bin ein Kerl, verdammt! Ich trinke Espresso und keinen Kakao. Ich trage Sneaker und keine Sandalen. Weder Bienen noch Spinnen lassen mich in Panik geraten, höchstens ein aus dem Zoo ausgebrochener, halb verhungerter Tiger. Wenn ich was toll finde, sage ich „toll“ und nicht „supi“, und ist was blöd, dann finde ich es scheiße und nicht schitti. Komme ich mal in die Verlegenheit zu kochen, dann landen alle Zutaten frei Schnauze in der Pfanne. Ein Kochbuch besitze ich nämlich nicht. Genauso wenig wie einen Föhn, einen Motorroller oder lila Klamotten. (…) Weil ich ein Kerl bin!“

Zitat, Seite 45

Eigentlich hat Max Leif alles, was man(n) braucht. Als Besitzer eines eigenen Plattenlabels genießt er ein Leben auf der Überholspur: schicke Wohnung, fette Autos und Geld wie Heu. Drei Mal die Woche putzt seine russische Putzfrau Jekaterina die Bude plitzeblank und  Popsternchen Claudia wärmt ihm das Bett.

Doch als sein bester Freund Paul ganz plötzlich stirbt und Claudia sich mit dem Gärtner vergnügt, ziehen düstere Wolken über Max‘ Leben auf. Irgendwie war das alles aber auch zu schön, um wahr zu sein!

Max ist sich sicher, dass das nur Vorboten sind. Denn schon bald wird auch er aus dem Leben scheiden und zwar so plötzlich wie sein Freund Paul. Sein plötzliches Fieber kann nur eine HIV-Infektion, der schmerzende Magen eine exotische Seuche und seine permanente Müdigkeit die Schlafkrankheit sein. Weder die Diagnosen von Dr. Bärbeißer, noch die Besänftigungsversuche seiner Freunde kommen gegen Max Einbildung, bald das Zeitliche zu segnen, an. Und so trennt er sich von Plattenlabel, Fuhrpark und Geld. Schließlich sollte so ein Abgang aus dem Leben perfekt geplant sein!

„Ich will nicht länger über meine Scheiß-Lungen nachgrübeln. Auch nicht über meine Scheiß-Venen oder mein Scheiß-Herz. Eine Mücke im Zimmer sollte für mich nicht zu einem Elefanten werden, und wenn jemand niest, sollte ich freundlich „Gesundheit“ sagen, statt Desinfektionsmittel inhalieren zu wollen. Vor allen Dingen aber sollte ich nicht halb ersticken, nur weil ich nicht weiß, wie ich etwas sagen soll. Ich sollte es einfach sagen!“

Zitat, Seite 265

Zugegeben, ich stand Juliane Käpplers Roman anfangs sehr skeptisch gegenüber. Eigentlich werde ich nämlich mit Geschichten, die extrem überspitzt geschrieben sind, nicht wirklich warm. Nach einigen Empfehlungen und positiven Besprechungen im Netz war ich aber so angefixt, dass ich unbedingt selbst herausfinden wollte, wie schlecht es um Max Leif steht.

„Die sieben Tode des Max Leif“ beginnt als angenehm leichtfüßiger und humorvoller Roman, dessen Seiten wie im Nu verfliegen. Denn Käpplers Zeilen sind von schwarzem Humor und Sarkasmus getränkt und ganz nebenbei auch von einem überraschend rauen Ton, den ich vielmehr einem Autor als einer Autorin zugeordnet hätte. Durch diesen Aspekt haucht Käppler ihrem Protagonisten sehr authentisch Leben ein.

Seite um Seite werden wir Zeuge wir von Max hypochondrischen Anfällen, die schier kein Ende zu nehmen scheinen. Schon bald hat er sich in ein verheerendes Geflecht von Einbildungen verheddert, aus dem er sich so schnell nicht wieder befreien kann. Was als Angst vor dem Tod beginnt, entwickelt sich zur manischen Krankheitssuche und bestimmt schon bald das Leben des Protagonisten. Google wird zu seinem besten Freund. Seine Selbstdiagnosen sind dabei so herrlich überzogen, dass man sich vor Lachen kaum einkriegt.

Doch gegen Mitte des Romans schleicht sich fast unbemerkt ein neuer Ton in Käpplers Zeilen ein. Ein ehrlicher Ton, der erschüttert, ergreift und nachdenklich stimmt und dem Roman plötzlich viel mehr Tiefe verleiht, als man es jemals vermutet hätte. Käppler hält uns deutlich vor Augen, dass wir den Dingen, die im Leben wirklich zählen, manchmal viel zu wenig Aufmerksamkeit schenken und unsere Lebenszeit an unwichtige Details verschwenden.

Neben Max widmet sich die Autorin auch zahlreichen Nebendarstellern, die alle Teil von Max Leben werden. So begegnen wir der drolligen Jekaterina Poljakow, Max‘ Putzfrau, die ihre russisch deutschen Anekdoten in die Runde wirft wie eine Marktverkäuferin auf dem Fischmarkt; Maja, der mürrischen Barista in Max Espresso-Stammbar; Dr. Ingrid Bärbeißer, der Ärztin, die Max bei seinen regelmäßigen Besuchen ordentlich die Leviten liest und letztendlich Machete, einem echten ostdeutschen Unikat, der während des gesamten Romans versucht, Max mit seinen Versicherungen zu beglücken.

Käppler kreiert mit „Die sieben Tode des Max Leif“ einen wilden Hypochonder-Cocktail, der die unterschiedlichsten Gefühlsregungen in uns hervorruft. Ich hätte gerne noch so einen Drink, aber bitte geschüttelt, und nicht gerührt!

<3 <3 <3 <3

 

 

Das Ende der Freiheit

lesenslust über das Hörspiel „Wir“ von Jewgenij Samjatin/ Gisela Drohaa

image

„Hunderte, tausende Nummern mit goldenen Abzeichen an der Brust, die uns vom Staat gegebene Nummer die wir tragen. Strahlendes Glück des blauen Himmels, nirgends ein Gesicht, das verdüstert ist. Überall heller Glanz. Alles aus einer leuchtenden lächelnden Materie gewogen.“

Wir schreiben das 26. Jahrhundert. Die Menschheit, die sich früher einer zügellosen Freiheit hingegeben hat, besteht nur noch aus durchnummerierten einheitlichen Bürgern. Wie ein perfekt eingestelltes Uhrwerk herrscht „der einzige Staat“ über sie. Lässt sie in durchsichtigen, wie aus Luft gewebten Häusern hausen und sie durchweg bewachen.

Selbst das intime Beisammensein ist den Bürgern vorgeschrieben. Ausschließlich an festgelegten Geschlechtstagen darf man sich der sexuellen Lust hingeben und sich dem Recht bedienen, mit der Nummer seiner Wahl zu schlafen. Die Liebe wird dabei als ein Beherrscher der Welt erachtet; eine unnötige Gefühlsregung, die die Sinne benebelt und den perfekten Bürger vom Weg abkommen lässt. Einzig und allein die Fortpflanzung scheint hierbei im Vordergrund zu stehen.

Auch der 32-jährige Mathematiker D-503 lebt unter dem Volk „des einzigen Staates“. Für den Konstrukteur des Integral, einem Raketenflugzeug, mit dem schon bald das Weltall befahren werden soll, zählt einzig und allein die Logik und eine funktionierende Einheit, ein Kollektiv von geordneten Nummern. Doch als er der rebellischen I-330 begegnet, gerät seine durchgetaktete Welt aus den Fugen. Er ist sowohl merkwürdig fasziniert als auch angewidert von der Nummer, die sich gegen die Regeln des einzigen Staates aufzubäumen scheint und sich frei wie ein Vogel durch das Land jenseits der grünen Mauer bewegt.

Eine Versuchung, die sein gesamtes Denken und Handeln einnimmt und bald schon schwerwiegende Konsequenzen mit sich bringt.

„Diese Frau ist ebenso unangenehm wie ein unlösbares irrationales Glück, das unvermutet in einer Gleichung auftaucht.“

Bereits 1920 erschien „Wir“ als Vorläufer von „1984“ des russischen Autors Jewgeni Samjatin. In seiner Dystopie, die jetzt als aufwendig produziertes Hörspiel auf CD erschienen und als „Bestes Hörbuch 2016“ ausgezeichnet wurde, beschreibt Samjatin auf düster lebendige Weise von einer gläsernen Gesellschaft und dem Ende der Freiheit.

Das packende Hörspiel, das der SWR mit einem Geräuschemacher, dem Radiosymphonieorchester und vielen prominenten Schauspielern aufgenommen hat, hat mir trotz seiner überwältigenden Art, oder gerade deshalb, einiges abverlangt. Es ist aufgrund seines aufwendig gestalteten Gewands inhaltlich nämlich nicht leicht zu erfassen. Die Geschichte, die mich an sich schon auf völlig unbekanntes Terrain begeben ließ, bringt als Hörspiel sicherlich noch ein paar zusätzliche Hürden mit sich.

So reise ich mit Samjatin und seinem Protagonisten D-503 fünf Jahrhunderte in die Zukunft. Ein Volk von Nummern umgibt mich. Die Menschen bilden eine fast schon mechanische Armee, die der „große Wohltäter“, das Oberhaupt des Staates, sich mithilfe eines Regelwerks zu perfekten Nummern herangezogen hat. Mit der Begegnung von D-503 und I-330 durchbricht Samjatin diese perfekte Welt und streut eine gehörige Portion Leidenschaft, Fantasie und Zügellosigkeit in den Raum.

Die imposanten Untermalungen des Symphonieorchesters nehmen im Hörspiel einen sehr dominanten Part ein, der je nach Situation von D-503’s Eintragungen an Intensität an- bzw. abschwillt. Neben den vielen anspruchsvollen Hürden, die ich in „Wir“ überwinden musste, hat mich Samjatins Darstellung eines Geräts namens Musikometer, mit dem man bis zu drei Sonaten in der Stunde komponieren kann und seine insgesamt ganzheitliche Betrachtungsweise sehr fasziniert. Auch die Begeisterung als eine Art der Epilepsie zu betrachten, ist gleichermaßen brillant wie gestört. Mit argwöhnischem Blick schaut er auf das scheinbar ungeordnete und zügellose Treiben der Menschen des 21. Jahrhunderts. So scheinen ein Klavier, ein Bücherregal oder die Anordnung unserer Wohnungen im 26. Jahrhundert nicht mehr en vogue zu sein, da man sich bei ihrer Bedienung von Gefühlen leiten lassen muss.

„Wir“ ist ein 95-minütiges Hörbuch, dass sich wie eine große Maschinerie aus unendlich vielen kleinen Bestandteilen präsentiert und sowohl von der musikalischen Untermalung als auch der Wandlungsfähigkeit seiner wechselnden Hörbuchsprecher lebt.

„Ich glaube, dass die schwierigste höchste Form der Liebe, die Grausamkeit ist.“

Im Rahmen eines besonderen Hörbuchprojekts, initiiert von Kerstin Scheurer, haben sich Buchblogger den Preisträgern des Deutschen Hörbuchpreises 2016, der heute Abend verliehen wird, angenommen.

Mit Klick auf den Link kommt ihr zu der jeweiligen Besprechung

Preis: „Beste Interpretin“ für Sophia Rois

  • Der Planet Trillaphon im Verhältnis zur Üblen Sache“ von David Foster Wallace Fantasie und Träumerei

Preis: „Bester Interpret“ für Lars Eidinger

  • „Wir“ von Jewgenij Samjatin / Gisela Drohaa – meine Wenigkeit & The Read Pack

Preis: „Bestes Hörspiel“

  • „Deutschland. Erinnerungen einer Nation“ von Neil MacGregor / Klaus BinderKerstin Scheurer

Preis: „Bestes Sachhörbuch“

Preis: „Beste Unterhaltung“

  • Oliver Rohrbeck, Jens Wawrczeck und Andreas Fröhlich als „Die drei ???“ – Rezensionär

Preis: Sonderpreis

Glückstheorie

lesenslust über „Die Sache mit dem Glück“ von Matthew Quick

image

„So tun als ob kann in vielerlei Hinsicht helfen.“

Als seine Mutter stirbt, findet der 39-jährige Bartholomew in der Unterwäscheschublade seiner Mutter einen Befreit-Tibet! – Brief von Richard Gere, einen kommerziellen Aufruf des Schauspielers, die olympischen Spiele in Peking zu boykottieren; den Bartholomews naive und altmodische Mutter damals wohl für einen persönlichen an sie adressierten Brief hielt und seither aufbewahrt hat.

Der völlig unselbständige und leicht verschrobene Bartholomew, der Zeit seines Lebens für seine Mutter gelebt hat, beginnt, dem Lieblingsschauspieler seiner Mutter fortan Briefe zu schreiben. In der Hoffnung, dass der Schauspieler ihn aus seiner persönlichen Lebenskrise befreit; erzählt er ihm ganz ungeniert die Glückstheorie seiner weisen Mutter, über Außerirdische, Buddhismus und die Liebe zu Katzen. Und selbstverständlich auch über die Jungthekarin Elizabeth, die er seit Jahren im Auge hat; die er aber nicht schafft, anzusprechen.

Bisher hat Richard Gere nicht geantwortet, aber Bartholomew ist sich ganz sicher, dass es dem Pretty Women – Star gelingen wird, auch sein Leben zu einem besseren zu machen.

„Irgendwie, und wer kann schon genau sagen, wie sich sowas entwickelt, verfielen Mom und ich im Laufe vieler Tage und Wochen in eine Routine. Wir begannen beide so zu tun, als ob. Sie tat so als ob ich Sie wäre – Richard Gere, ich tat so als ob Mom nicht dabei wäre, den Verstand zu verlieren. Ich tat so, als ob sie nicht mal sterben würde. Ich tat so, als ob ich nicht lernen müsste, ohne sie zu leben. Die Dinge eskalierten, wie man so sagt.“

Nach Jahren erfolgloser Chemotherapie wird Bartholomews an Krebs erkrankte Mutter in der letzten Phase ihres Lebens auch noch von Demenz heimgesucht, was zu einem schleichenden Verfall ihres Geistes führt. Sie beginnt, Fantasie und Wirklichkeit miteinander zu vertauschen; bemerkt nicht, dass es ihr geliebter Sohn Bartholomew ist, den sie fortlaufend Richard nennt – Richard, wie Richard Gerne. Bartholomew, der an den fortan spärlich gesäten Glücksmomenten seiner kranken Mutter festhält, spielt das Spiel mit. All die Jahre lebt er ein Leben als Medium, als Inkarnation des Schauspielers Richard Gere im Leben seiner Mom.

„Richard Gere zu sein, war, als würde ich mir selbst per Schmerzpumpe Morphin verabreichen. Ich war ein besserer Mensch, wenn ich Sie war. Beherrschter, selbstsicherer als je zuvor.“

Es ist daher nicht groß verwunderlich, dass der orientierungslose Bartholomew sich nach dem Tod seiner Mutter an eben jenen Schauspieler wendet, den er über all die Jahre verkörpert hat. In Briefen an den Hollywoodstar schüttet er sein Herz aus. Schließlich hat der übergewichtige und arbeitslose Bartholomew sonst keine Freunde, denen er sich anvertrauen könnte. In seinen Briefen an Richard berichtet er ihm von den Erlebnissen seiner Kindheit, von der unerschütterlichen Liebe zu seiner Mutter und seinem streng katholischen Vater, den er nie kennengelernt hat, weil er bereits in seiner Kindheit am Märtyrertod durch den Ku-Kux-Clan gestorben ist.

Er erzählt ihm aber auch von seinen ganz geheimen Sehnsüchten. Von dem Versuch, die Jungthekarin Elizabeth in der Stadtbibliothek durch Telepathie zu erreichen oder dem allgemeinen Wunsch einer Frau nahe zu sein bzw. die Frau fürs Leben zu finden. Brief für Brief lernt Bartholomew über sich selbst hinaus zu wachsen und vom loyalen Trottel und Mama Hempel zu einem erwachsenen eigenständigen Mann zu werden.

Es ist eine kunterbunte Reise auf die uns der US-Autor Matthew Quick uns in „Die Sache mit dem Glück“ nimmt. Nach seinem Bestseller „Silver Linings“ widmet er sich in seinem Nachfolgeroman dem Leben des Versagers Bartholomew Neil. Einem Eigenbrötler, der mit 39 Jahren noch immer zu Hause wohnt, noch nie Sex hatte und außerdem noch nie gearbeitet hat. Mithilfe der schrägen Hauptfigur, die als Ich-Erzähler agiert, hinterfragt Quick die Gründe des Universums und offenbart seinen Lesern die Kraft der Güte und der Liebe. Er inspiriert, schenkt Hoffnung und unterhält in höchstem Maße.

„Das Leben ist beschissen!“, sagt meine rothaarige Trauerbegleiterin Wendy jedes Mal wenn wir in unserem Gespräch einen toten Punkt erreichen. Das ist ihre Standard-Plattitüde, ihre goldenen Worte für mich.“

Denn es sind verrückte Geschichten, die uns Bartholomew erzählt. Geschichten von gemeinsamen Abendessen mit imaginären Filmstarts, von dem kleinen wütenden Mann in seinem Bauch, Obdachlosen, die sich in der Stadtbibliothek Pornos einverleiben und von rosa Perücke tragenden Undercover Polizistinnen, die sich an seinem Bein reiben. Er berichtet von vollgepissten Hosen, seiner mit Vogelmetaphern therapierenden Trauerberaterin Wendy und dem Skandal-Father McNamee.

Quick spielt in seinem Roman sehr offene Töne über Sexualität, Religion und Rassismus an. Er scheut weder vor Themen wie Selbstverbrennung tibetischer Mönche, noch Fragen über Masturbation. Er entsetzt und begeistert zugleich und schenkt mir damit ein paar sehr heitere Stunden.

Dass die Wahl als Sprecher des Hörbuchs auf Boris Aljinovic fiel, ist wie ein Sechser im Lotto. Es scheint fast so, als sei die Rolle des Bartholomew Neil auf die facettenreiche Stimme des Hörbuchsprechers, den man u.a. aus Rollen im Theater, Film und Fernsehen kennt (z.B. dem Berliner Tatort), zugeschnitten. In sehr lebendigen Tönen macht er Quicks ohnehin schon skurille Geschichte zu einem wahren Hörerlebnis. Er ächzt und stöhnt, imitiert den kleinen wütenden Mann in Bartholomews Bauch als auch die vor sich hinstöhnenden Frauen aus dem Porno in der Stadtbibliothek so leidenschaftlich, dass es mich vor Lachen fast aus den Latschen kippt.

„Worte ließen sich als Waffen benutzen, die zu viel Schaden anrichten.“

<3 <3 <3 <3 <3

Vom Ende der Einsamkeit

lesenslust über „Vom Ende der Einsamkeit“ von Benedict Wells

dsc_0462-01.jpeg

„Eine schwierige Kindheit ist wie ein unsichtbarer Feind. Man weiß nie, wann er zuschlagen wird.“

Zitat, Seite 136

Jules, Marty und Liz erfahren eine behütete Kindheit, bis ein tragischer Unfall ihr Leben von Grund auf verändert. Die familiäre Geborgenheit muss einem Internat weichen, in dem die Geschwister fortan nicht nur ohne ihre Eltern, sondern auch ohne einander aufwachsen. Denn die unterschiedlichen Standorte ihrer Klassen ermöglichen ihnen nur noch seltenen Kontakt. Über die Jahre werden sie sich so fremd, dass nur ihre gemeinsame Vergangenheit sie noch miteinander zu verbinden scheint.

Der elfjährige Jules, früher draufgängerisch und selbstgewusst, verarbeitet diese Entwicklung nur schwer. Vor allem der Verlust seiner großen Schwester Liz lastet schwer auf ihm. Er wirkt zunehmend abwesend, flüchtet sich in seine Traumwelten und findet kaum Zugang zu seinen Mitschülern. Nur in der Nähe der geheimnisvollen Alva, die selbst ein düsteres Geheimnis in sich zu tragen scheint, fühlt er sich auf Anhieb wohl. Dass zwischen ihnen nicht nur freundschaftliche Gefühle herrschen, erkennt Jules erst viele Jahre später.

Denn auch Jules und Alva sollen sich über viele Jahre verlieren, ehe sie sich mit Mitte Dreißig, Alva bereits verheiratet, wiedersehen und das Gefühl von damals wieder aufflammt. Doch die Vergangenheit scheint präsenter denn je und holt sie mit unverminderter Wucht in die Realität zurück.

„Vom Ende der Einsamkeit“ ist bereits der vierte Roman des in München geborenen Benedict Wells. Der jüngste Romanautor des Diogenes Verlag, von dem mir bisher tatsächlich noch kein Buch in die Hände gefallen war, scheint tatsächlich für das Schreiben geboren worden zu sein. Selten habe ich eine Geschichte gelesen, die so erschreckend ehrlich, aufwühlend und herzerwärmend schön zugleich war, dass ich sie mit gefühlt einem Atemzug inhaliert habe.

image

Es sind daher zahlreiche Post-Its, die an seinem Werk kleben. Das bemerkt auch Benedict, als er mir mein Exemplar bei seiner Livestream-Lesung in München abnimmt und meine angestrichenen Textstellen überfliegt. Zeilen, die von Verlust, Einsamkeit und Liebe geprägt sind und die ich für immer festhalten musste, weil sie mich so berührt und fasziniert haben. Gedanken, in denen sich die Persönlichkeit von Jules, dem Protagonisten und Erzähler der Geschichte, wiederspiegelt.

„Im Radio liefen Chansons, und führ einen Moment war es wie früher, nur dass zwei Menschen fehlten. Es war wie früher, nur dass nichts mehr wie früher war.“

Zitat, Seite 72

Wells gelingt in dem für ihn wichtigsten Roman, der sieben Jahre reifen musste, eine zeitlose Geschichte, die nicht nur von der Entwicklung der Geschwister Jules, Marty und Liz, sondern auch von einer großen Liebesgeschichte geprägt wird. Er erzählt von Trauer und vor allem von der Einsamkeit, die sich nach dem frühen Verlust der Eltern in den Geschwistern, vor allem aber in Jules breit macht. Immer wieder driftet er ab, lebt gedanklich das unbeschwerte Leben von früher weiter; kann die schreckliche Tatsache, seine Eltern für immer verloren zu haben, nicht wirklich akzeptieren. Während Marty, der lange Zeit als Freak galt, eine positive Entwicklung durchläuft und sich als erfolgreicher Unternehmer und Ehemann beweist, sucht auch Liz lange nach ihrer Rolle im Leben. Sie kompensiert ihre Trauer mit Drogen, Alkohol oder ihrer Rebelligkeit; verliert jahrelang den Kontakt zu ihren Geschwistern.

„Täglich wartete ich auf ein Zeichen von Liz, auf einen erklärenden Brief, eine Karte oder einen Anruf. Wie ein Schiffbrüchiger, der unermüdlich an den Knöpfen seines Funkgeräts dreht, in der Hoffnung, endlich auf eine Stimme zu stoßen. Doch alles, was von meiner Schwester kam, war jahrelanges Rauschen.“

Zitat, Seite 74

Doch als Jules der rothaarigen Alva begegnet, ist es wie um ihn geschehen. Es ist ihre sanfte Stimme, ihr hübsches blasses Gesicht, vor allem aber ihr schiefer Schneidezahn, den sie beim Lachen immer verbergen will, den er besonders an ihr liebt. In der Nähe des nachdenklichen Mädchens fühlt er sich wohl, ähnlich geborgen, wie bei seinen Eltern. Dass langsam aber sicher Gefühle in ihm sprießen, die über bloße Freundschaft hinausgehen; gesteht er sich, aus Angst sie zu verlieren, lange nicht ein. Irgendwann ist es zu spät und Alva fort. Doch Wells lässt Jules und Alva erneut einander finden. Denn auch Jahre später, als Alva mit dem russischen Schriftsteller Romanow verheiratet ist, scheint ihre Sehnsucht zueinander nicht erloschen.

„Da war eine Vertrautheit zwischen uns, die unendlich schien; wie zwei Spiegel, die einander spiegelten.“

Zitat, Seite 274

Wells erzählt seine Geschichte mithilfe von unterschiedlichen Zeitabschnitten, die er fließend ineinander übergehen lässt. So begegnen wir nicht nur dem erwachsenen Jules, sondern auch seinem früheren Ich. Seine melancholischen Zeilen reißen uns mit, lassen seine Gefühle der Trauer, Einsamkeit und Liebe auch die unseren werden und uns nur schwer von der Geschichte lösen. Lange hallt sie in mir nach, diese emotionale Lebensreise, die am Ende der Einsamkeit endet und zu meinem ersten Jahreshighlight wird.

Es gab Dinge, die ich nicht sagen, sondern nur schreiben konnte. Denn wenn ich redete, dann dachte ich, und wenn ich schrieb, dann fühlte ich.“

Zitat, Seite 233

<3 <3 <3 <3 <3

dsc_0759-02.jpeg 

Le chapeau de Mitterand

lesenslust über „Der Hut des Präsidenten“ von Antoine Laurain

image

„Die wichtigsten Ereignisse unseres Lebens sind immer die Folge einer Verkettung winziger Details.“

Zitat, Seite 28

Es ist nicht irgendein Hut, der in der Brasserie liegenbleibt und in den Besitz des Pariser Buchhalters Daniel Mercier übergeht. Es ist der schwarze Filzhut des französischen Staatsoberhauptes François Mitterrand.

Ein Hut, der mindestens genauso mächtig scheint, wie der Präsident selbst. Denn er soll den Köpfen, die ihn fortan tragen, eine geheimnisvolle Macht und Entschlossenheit verleihen, die so manch unausgesprochenes Wort und ausstehende Entscheidung in die Freiheit entlässt.

So verweilt der Hut nicht lange bei seinem neuen Besitzer Daniel, sondern wandert frohen Mutes weiter. Er soll auch die unglücklich verliebte Fanny Marquant, den ausgebrannten Parfümier Pierre Aslan und den desillusionierten Bernard Lavallière erreichen, um ihrem Leben eine völlig neue Richtung zu schenken. Wie eine schicksalshafte Fügung formieren sich die Ereignisse im Leben seiner Träger neu. Es scheint fast so, als bedarf es nur eines schlichten Hutes, um das Leben vieler Menschen von Grund auf zu verändern.

image

„Ein Hut auf dem Kopf verleiht einem eine unleugbare Autorität über die, die keinen tragen.“

Tristan Bernard

Müde und niedergeschlagen betritt Buchhalter Daniel Mercier die kleine Pariser Brasserie, um seine Sorgen mit ein paar erlesenen Austern einer Meeresfrüchteplatte Royal und einer gut-temperierten Flasche Pouilly-Fuissé wegzuspülen. Dass am Nebentisch eine Gruppe der einflussreichsten Männer Frankreichs Platz genommen hat, bemerkt er erst, als ihre Gesprächsfetzen zu ihm dringen und sein Blick bei niemand Geringerem als Präsident François Mitterand hängenbleibt.

Von da an lauscht Daniel gebannt ihren Gesprächen und wünscht sich nichts sehnlicher, als der Vierte ihrer illustren Runde zu sein. Als sie gehen, schwelgt er noch lange in der Erinnerung dieser Begegnung, weswegen er erst viel später entdeckt, dass Mitterand seinen schwarzen Filzhut vergessen hat. Mit pochendem Herzen nimmt er den Hut an sich und setzt damit eine magische Entwicklung in Gang, die das Leben vieler von Grund auf verändern soll.

Es ist eine unleugbare Tatsache, dass Antoine Laurains Roman nicht nur reizend anzusehen, sondern auch genauso zu lesen ist. Denn das Buch, das sich mit seinem wunderschönen Cover optisch an den Erstling „Liebe mit zwei Unbekannten“ anlehnt, beherbergt nicht nur magische Hutbegegnungen, sondern auch ein zauberhaftes Porträt von Paris der 80er Jahre. Mit viel Liebe zum Detail, einer Prise Magie und lebendiger Ausdruckskraft schenkt uns Laurain Momentaufnahmen der besonderen Art.

Kaum hat man die ersten Seiten des Buches umgeschlagen, wird man schon vom Zauber des Hutes erfasst. Mit spielerischer Leichtigkeit schwebt er von Seite zu Seite und damit auch von Person zu Person. Seine Reise beginnt bei Daniel Mercier, einem unscheinbaren Buchhalter, der so viel mehr in Petto hat, als es zunächst scheint. Es ist das Tragen des Hutes, das in Daniels Innerem einen Schalter umlegt und ihm plötzlich Autorität und Selbstbewusstsein verleiht. Mit einer ungewohnt strategischen Vorgangsweise, überrascht er nicht nur die Kollegen und den Finanzchef des Unternehmens, sondern allen voran sich selbst.

„Er schloss die Augen und atmete ein, bis die immaterielle Verbindung in seinen Körper drang, das Blut erreichte, seine Venen füllte, sich mit seinen Blutkörperchen vermischte und sein ganzes Wesen durchströmte, die schlafenden Schätze der alexandrinischen Bibliothek, die er in sich trug, wiederbelebte, die Bibliothek, die an einem Abend Ende der siebziger Jahre abgebrannt war und deren Glutwolke Pierre Aslans Genie fortgeblasen hatte.“

Zitat, Seite 113/114

Auch bei Parfümeur Pierre Aslan macht der Hut des Präsidenten Halt. Aslans letzte Geruchskomposition liegt bereits acht Jahre zurück. Die Nase des einst so großartigen Geruchsvirtuosen scheint längst einer alltäglichen gewichen, sein Alltag – geprägt von unbefriedigenden Gesprächen mit Analytiker Dr. Fremenberg und den mitleidsvollen Blicken seiner Frau. Seine Person ist in Vergessenheit geraten, er scheint gefangen in der Eintönigkeit seines so drist gewordenen Lebens. Doch als Aslan den Hut auf der Bank im Park entdeckt und ihn mit nach Hause nimmt, verabschiedet er sich mehr und mehr von den Geistern der vergangenen acht Jahre. Sein feines Gespür für Düfte kehrt zurück und beschert ihm einen Duft von kristalliner Vollkommenheit, die Engelsnote.

Man glaubt es kaum, dass es ein schlichter Filzhut ist, mit dem Laurain seine Leser verzaubert. Mit einer unglaublichen Eigendynamik lässt er ihn durch die Zeilen schweben, als wenn er vom Wind des Schicksals getragen wird. Er wird zur symbolischen Leitfigur der Geschichte, die ihn bereits im Titel trägt. Er ist es, der den Menschen den nötigen Schubs in die richtige Richtung gibt und ihnen den Glauben an sich selbst zurückgibt.

Während ich kurz auf zwei Figuren von Laurains Geschichte zu sprechen gekommen bin, weil sie mit Daniel beginnt und der Halt bei Pierre zu meinen liebsten zählt, möchte ich die Momentaufnahmen von Fanny und Bernard unerwähnt lassen. Es sollte das Bestreben der Leser sein, die Geschichte selbst zu entdecken und diesen Abschnitten jungfräulich zu begegnen. Denn gerade bei Bernard handelt es sich sicherlich um die anspruchsvollste Episode des Buches, die sich zeitgleich auch als feine Skizze von Paris der 80er Jahre präsentiert. Laurain geht in diesem Abschnitt unter anderem auf die politische und kulturelle Situation Frankreichs ein.

Laurains Geschichte entfaltet während dem Lesen seine besondere Wirkung. Die Reise des Hutes präsentiert sich wie eine runde Sache. Ein harmonischer Kreislauf, der sich durch das Zusammentreffen von Anfang und Ende wieder zu schließen scheint. Darüber hinaus begeistert mich der französische Autor mit einem sehr ungewöhnlichen Ende und zeigt mir damit einmal mehr, dass meine Schwierigkeiten mit vorangegangenen Geschichten französischer Autoren nicht dem landestypischen Naturell, sondern vielmehr den Geschichten selbst zuzuordnen ist. Chapeau, lieber Monsieur Laurain!

„Er spürte dunkel, dass dem Hut noch etwas vom Präsidenten anhaftete, in einer immateriellen Form, vielleicht als Mikropartikel, aber diesem Etwas wohnte der Hauch des Schicksals inne.“

Zitat, Seite 44

<3 <3 <3 <3 <3

image

Ein Hauch Altes Land

lesenslust über „Apfelblütenzauber“ von Gabriella Engelmann

image

Nachdem sie sechs Jahre in einer Hamburger Stadtvilla zusammengewohnt haben, kann sich Leonie ein Leben ohne ihre Freundinnen Nina und Stella nicht mehr vorstellen. Umso größer ist der Schock, als die Wohngemeinschaft auseinanderzubrechen droht und sie auch noch ihren Job verliert.

Da kommt es ihr gerade recht, dass sie auf dem elterlichen Apfelhof samt Pension und Hofladen aushelfen soll. Schon nach ihrer Ankunft spürt sie, wie viel ihr die alte Heimat und die familiären Wurzeln bedeuten.

Doch bald steht Leonie vor neuen Herausforderungen und Entscheidungen. Die Hamburger Stadtvilla soll verkauft werden, und Leonies bisheriger Lebensmittelpunkt scheint entgültig verloren. Schließlich taucht auch noch ein Mann auf, der früher schon ihren Weg gekreuzt hat – und diesmal fängt Leonie Feuer.

Haben nicht alle Dinge ihre Zeit?, denkt sie und lässt sich auf das Abenteuer Liebe ein. Um sich aber endgültig über ihre Wünsche und Ziele klarzuwerden, braucht sie vor allem eins: ihre besten Freundinnen.

Kurzbeschreibung des Verlags

Ich hatte mir alles so schön zurechtgelegt. Es sollte ein idyllischer Ausflug ins Grüne werden. Ich wollte durch eine Geschichte reisen, die an einem Meer von rosa-weißen Apfelblüten, malerischen Fachwerkhäusern und romantischen Flusslandschaften vorbeiführt. Die mich verzaubert und für gute Stimmung sorgt. Doch was ich beim Lesen von „Apfelblütenzauber“ verspürt habe, war lediglich eine leichte Prise des Erhofften. Denn vom vielbesagten Zauber, der von Engelmanns Zeilen ausgehen soll, hat mich leider nur ein klitzekleiner Windhauch erreicht. Ich bedaure es zutiefst, aber Engelmanns Geschichte begegnete mir seicht und unfassbar kitschig.

Dabei sind Leonie, Nina und Stella, die Engelmann bereits in ihrem Vorgängerroman „Eine Villa zum Verlieben“ zueinanderfinden ließ, ein bunter und sympathischer Haufen. Durch sie spinnt Engelmann ein enges Freundschaftsgeflecht, von dem das ganze Buch eingehüllt wird. Vor allem Protagonistin Leonie, eine Anfang Vierzigjährige Singlefrau und Restaurantleitung eines angesehenen Hamburger Restaurants, ist mir auf Anhieb sympathisch. Ich finde mich sowohl in ihrer Berufung, ihrem nordischen Wohnort als auch ihrer Sehnsucht nach Liebe und Geborgenheit wieder. Alle Komponenten spiegeln Facetten meines eigenen Lebens wieder, weshalb die Hoffnung auf die Geschichte groß war. Vielleicht zu groß.

Denn als Leonie, die sich schon lange nach einem Mann an ihrer Seite sehnt, sich dem schmierigen Thomas hingibt, kommt meine Sympathie für ihre Person abhanden. Aus ihrer Begegnung resultiert ein merkwürdiges Gebaren, das ich sicherlich Teenagern. Aber keineswegs erwachsenen Leuten zuordnen würde. Ihr vergnügtes Stelldichein auf dem Küchenfußboden und kitschiges Liebesgesäusel a la Rosamunde Pilcher waren mir einfach ein bisschen zu viel des Guten. Romantik ja, Kitsch nein. Erst als Leonie auf den natürlichen Markus trifft, lenkt Engelmann das Schiff wieder auf einen einigermaßen erträglichen Kurs. Sie hätte den Kontrast von Leonies Männerbegegnungen nicht deutlicher darstellen können, als mithilfe dieser beiden Figuren.

Neben der persönlichen Entwicklung von Leonie widmet sich die Autorin auch Leonies Eltern, deren Liebe zueinander durch die viele Arbeit auf dem ländlichen Apfelhof mit Pension und Hofladen im Alten Land über all die Jahre in den Hintergrund rückt. Engelmann verdeutlicht sehr gut, wie die Selbständigkeit das Leben der beiden in Beschlag nimmt. Allerdings gefiel mir auch hier das egoistische Vorgehen von Leonies Mutter nicht, die sich von den Strapazen des Alltags in Südfrankreich eine Auszeit nimmt und ihren Mann auf dem Apfelhof mehr oder weniger sich selbst überlässt.

Ehrlich gesagt kam ich mir in Engelmanns Roman vor wie ein Storch im Salat. Meine Faszination für das Alte Land nahm einen schalen Beigeschmack an. Ungelenk stakselte ich von Seite zu Seite und war dann doch irgendwie erleichtert, als ich am Ende angelangt war. So leid es mir um die mühsame Recherchearbeit und leidenschaftliche Hingabe Engelmanns tut, aber „Apfelblütenzauber“ und ich werden keine Freunde. Ich konnte mich dem Zauber dieses Romans wohl ebenso wenig hingeben, wie dem eines Rosamunde Pilcher Romans.

Mit der liebevollen Aufmachung des Buches und den Rezepten eines Altländer Drei-Gänge-Menüs und des Fillet of Soul Polentabrotes mit Peperoncino im hinteren Teil des Buches weiß mich der Verlag und die Autorin dennoch zu begeistern. Ich bin mir sicher, dass der Roman auch ohne mich zahlreiche begeisterte Anhänger findet.

„Man muss dem Glück Raum geben, sich zu entfalten, sich tief in der Seele einzunisten, damit man für unvorhergesehene Widrigkeiten gewappnet ist.“

Zitat aus dem Buch

image

<3 <3 <3

Nur Millie

lesenslust über „Noch so eine Tatsache über die Welt“ von Brooke Davies

image

„Es wird Millie von jetzt an überallhin begleiten, dieses Bild von ihrer Mum, die immer kleiner wird. Ihr Leben lang wird es immer wieder hinter ihren Augen aufscheinen. Wenn auf der Kinoleinwand jemand ‚Bin gleich wieder da‘ sagt. Wenn sie mit Mitte vierzig ihre Hände anschaut und sie nicht als ihre eigenen erkennt. Wenn sie eine dumme Frage hat und absolut nicht weiß, wem sie sie stellen soll. Wenn sie weint. Wenn sie lacht. Wenn sie auf etwas hofft. Jedes Mal, wenn sie zuschaut, wie die Sonne im Wasser versinkt, wird sie einen Anflug von Panik verspüren und nicht wissen, warum.“

Zitat, Seite 13

Millie Bird ist sieben, als sie das erste Mal dem Tod ins Auge blicken muss. Nach ihrem Hund Rambo verabschiedet sich ihr Dad ins Jenseits. Von da an erfasst sie sämtliche Verluste in einem Buch. Als ihre Mum im Kaufhaus weggeht und nicht mehr wiederkommt, fragt Millie sich, ob sie sie nun auch in ihrem Buch der toten Dinge erfassen muss.

Karl der Tasttipper ist siebenundachtzig, als er aus dem Altersheim flieht, in das ihn sein verzweifelter Sohn gesteckt hat. Seit dem Tod seiner Frau Evie ist er zu einem noch eigenartigeren Kauz geworden, als er ohnehin schon war. Er fühlt sich laut und ungeschickt, fast wie ein Fremdkörper in seinem eigenen Leben. Seine Hände sind unruhig, ständig auf der Suche nach einer Aufgabe. Auf Evie spielten sie die Klaviatur ihres Körpers, ließen Karl ruhig und zärtlich werden.

Agatha Pantha ist zweiundachtzig und verlässt seit dem Tod ihres Mannes nicht mehr das Haus. Vom Küchenfenster aus beobachtet, analysiert und beschimpft sie Passanten. Sie klammert sich an Rituale, hangelt sich aus Angst vor der Einsamkeit durch ihre tägliche Checkliste. Ihre Tätigkeiten kommentiert sie lautstark, wirft die Worte gewaltsam und anklagend in den Raum, wo sie unerwidert an der Wand abprallen. Auch Millie bleibt ihren Argusaugen nicht verborgen. Auch nicht, dass sie ohne Mutter nach Hause kommt.

„Sie setzt sich auf den Stuhl der Fassungslosigkeit und misst Wangenelastizität, Abstand zwischen Brustwarzen und Taille, fremdartigen Haarwuchs, Faltenanzahl, prognostizierten Faltenverlauf und Armschwabbelstärke. Notiert die Werte in ein Schulheft mit der Aufschrift Alter. Kommentiert das gesamte Geschehen, während sie sich selbst im Spiegel betrachtet. ‚Ich messe gerade die Armschwabbelstärke!‘ Schreit sie sich selbst zu, während sie auf die Unterseite ihres Oberarms schlägt. ‚Sie ist höher als gestern!‘ Schreit sie, nachdem sie die Daten verglichen hat. ‚Sie ist immer höher als gestern!‘ “

Zitat, Seite 68

image

„Millie wacht mitten in der Nacht auf. Sie zieht einen Zettel aus ihrem Rucksack, verlässt das Schlafzimmer, geht den Flur entlang, öffnet die Haustür und heftet den Zettel mit Klebeband an die Tür. Hier bin ich Mum.“

Zitat, Seite 150/151

Davies Geschichte ist außergewöhnlich. Sie ist herrlich schräg, erschreckend ehrlich und amüsant zugleich. Kaum hat man ihr Buch zugeklappt, möchte man es noch einmal lesen. Dabei geht es in „Noch so eine Tatsache über die Welt“ um nichts als Verlust. Davies, die mit Mitte Zwanzig selbst ihre Mutter verlor, widmet sich in ihrer Geschichte nämlich dem Tod. Das ist eine traurige Tatsache, aber kein Hindernis, ihr Buch zu lesen. Denn schon als sie dir die Lebensgeschichten der Protagonisten offenbart, überrascht dich ihr ungewohnter Stil. Sie weicht von vertrauten Verhaltensmustern ab, bewegt sich fast leichtfüßig durch die düstere Thematik.

Millie, Karl und Agatha. Drei Menschen, drei Verluste. Jeder von ihnen verliert eine feste Konstante im Leben. Während Karl und Agatha im hohen Alter den Partner verlieren, verliert Millie schon im Alter von sieben Jahren beide Elternteile. Während ihr geliebter Vater stirbt, macht sich Millies unfähige Mutter einfach aus dem Staub.

Millie, die fest mit der Rückkehr ihrer Mutter rechnet, erklärt den Supermarkt indes zu ihrem neuen Refugium. Sie schreibt Hinweisschilder, die ihre Mutter auf ihren Verbleib und aktuellen Standort hinweisen sollen, damit diese sie wiederfindet. Nachts im Supermarkt tobt sie sich aus; macht, wozu sie Lust hat und findet sich eigentlich auch ohne Hilfe ganz gut zurecht. Am Morgen danach, als ihre Mum noch immer mit Abwesenheit glänzt, wiegt der Verlust bereits schwer auf dem Herzen.

Am zweiten Tag stolpert Millie an Karl vorbei, der sich ebenfalls im Supermarkt eingenistet hat und findet in ihm und der Schaufensterpuppe der Damenwäscheabteilung einen Verbündeten. Auch wenn Manny, wie sie den starren Puppenmann taufen, nur einer von vielen toten Dingen ist, die ihr im Laufe ihres jungen Lebens begegnen. Als Millie vom Sicherheitspersonal erwischt wird, sind es die beiden, die an ihrer Seite stehen.

Schon kurze Zeit später findet sich Millie mit Karl und Agatha auf einer abgefahrenen Reise wieder, bei der die Reisenden nicht nur zu sich selbst, sondern auch zueinander finden werden.

„Es liegt durchaus Musik in ihrem Schnarchen, in dem Anschwellen und Abflauen, ein Echo des Lebens mit seinen Höhen und Tiefen. Karl würde den Klang am liebsten grafisch darstellen und sieht schon den gebirgigen Umriss auf dem Blatt vor sich, die langen, geschwungenen Bögen und zackigen Linien.“

Zitat, Seite 179

Davies spickt ihre scheinbar alltägliche Geschichte mit so viel Skurrilität, dass man sich auf höchstem Niveau unterhalten fühlt. Sie präsentiert uns Alltäglichkeiten in ungewohntem Licht, umspielt sie mit überraschender Offenheit und schamlosem Witz. Davies beweist nicht nur eine gute Beobachtungsgabe und ein unglaubliches Gespür für das Emotionale, sondern verkettet die unmöglichsten Dinge zu einem harmonischen Ganzen. So erzählt sie nicht nur von Verlust, Trauer und Hilflosigkeit, sondern auch von Freundschaft, Zusammenhalt und zwischenmenschlicher Kraft.

„Was ist Liebe, Agatha Pantha? sagt Karl, als mache er eine Ansage, und verkleckert dabei seinen Wein. Liebe? fragt sie und drückt ihre Nase an die Fensterscheibe. Ich sehe rein gar nichts! Genau. Ganz genau, Agatha Pantha. Es ist zu dunkel! Ja. Ihre Stirn wippt an der Scheibe auf und ab. Das ist mir nicht geheuer!“

Zitat, Seite 210

<3 <3 <3 <3 <3

image

Neuformation

lesenslust über „Die Nacht schreibt uns neu“ von Dani Atkins

image

„Das ist das Problematische am Tod: Es gibt keine festen Anstandsregeln, die einem vorschreiben, wie man richtig trauert oder anderen sein Beileid bekundet. An die klaffende Wunde, von der die Hinterbliebenen gezeichnet sind, wagt sich keiner nahe heran, aus Furcht, sie könnte womöglich ansteckend sein.“

Zitat aus dem Buch

Emmas Zukunft schien zum Greifen nah: ein erfülltes Leben an der Seite ihrer Jugendliebe Richard und ihren besten Freundinnen Amy und Caroline. Doch als Amy nach einem Unfall in der Nacht ihres Junggesellinnenabschieds stirbt, formt die Zukunft ein neues Blatt. Eins ohne Amy. Eins, in dem Emma selbst nur dank der Rettung in letzter Sekunde vorkommt.

Nach dem Unfall ist für Emma nichts mehr wie vorher. Ihr Alltag ist geprägt von Schuldgefühlen, unendlicher Trauer und einer seltsamen Einsamkeit, die ihr selbst ihr Verlobter Richard nicht nehmen kann. Der Einzige, der zu Emma Zugang findet, scheint Lebensretter Jack. Ein Fremder. Irgendein Mensch, der zur richtigen Zeit am richtigen Ort war.

Er bringt in ihr Dinge in Bewegung, die sie für ihn eigentlich nicht verspüren dürfte. Dennoch sind es seine Worte und Gesten, die ihr Kraft schenken und sie durch die dunkelste Zeit ihres Lebens begleiten. Und nicht die ihres Verlobten Richard. Dem Mann, mit dem Emma den Rest ihres Lebens verbringen wollte.

So schwappt sie auf einem scheinbar uferlosen Boot hin und her, zwischen dem vertrauten Hafen Richard und der fremden Insel Jack. Und muss sich einmal mehr entscheiden, wohin der Wind sie tragen soll.

image

Meine erste Annäherung an Dani Atkins neuen Roman verlief zugegeben etwas zögerlich. Gemischte Gefühle begleiteten mich, als ich den entzückenden Buchdeckel von „Die Nacht schreibt uns neu“ aufklappte, um mich auf die Geschichte einzulassen. Denn auch Atkins zweiter Roman ist von Verlust und Trauer bestimmt. Merkmale, von denen bereits ihr Debüt „Die Achse meiner Welt“ geprägt wurde und mich daher eine aufgewärmte Story befürchten ließen.

Doch wenige Seiten später war ich bereits so tief in Atkins Geschichte abgetaucht, dass es für meine anfänglichen Befürchtungen weder Zeit noch Raum gab. Denn die Zeilen der britischen Autorin haben an emotionaler Tiefe nicht verloren. Sie schockieren dich, fegen dir Gänsehaut über die Arme und zaubern dir ein Lächeln ins Gesicht. Sie klammern sich an dir fest und lassen dich nicht wieder los, ehe du nicht an ihrem Ende angelangt bist.

„Taubheit – ich empfand ein Gefühl von Taubheit, wie es von Nivocain verursacht wird oder von Eiswasser. Es kam mir vor, als hätte ich stundenlang dagesessen und versucht, etwas zu begreifen und zu verarbeiten, das so schrecklich war, dass man es einfach nicht wahrhaben wollte. (…) Amy hatte ihre Philosophie, jeden Tag so zu leben, als wäre es der letzte, in eine Prophezeiung verwandelt.“

Zitat aus dem Buch

Atkins wirbelt Emotionen durch die Luft wie eine Artistin. Ehe du dich versiehst, wirst du von ihnen erfasst und ins tosende Gefühlschaos von Protagonistin Emma geschleudert, wo du dich zwischen einer Bandbreite an widersprüchlichen Gefühlen wiederfindest. Nach dem Unfall hat Emma nicht nur Schuldgefühle und wachsende Gefühle für ihren Lebensretter Jack, sondern auch Zweifel an ihrer Liebe zu Richard.

Atkins Darstellung von Emmas Zerrissenheit führt beim Leser zu gegensätzlichen Reaktionen. Einerseits möchte man sie trösten und andererseits ihr eine schallende Ohrfeige verpassen. Hilflos tänzelt sie zwischen kindlicher Naivität und erwachsener Vernunft hin und her und strapaziert die Nerven der Leser bis aufs Äußerste.

Emmas Geschichte verwebt Atkins mit der von Emmas demenzkranker Mum, wodurch sie dem Leser eine wage Vorstellung vom Alltag eines an Alzheimer erkrankten Menschen und den unmittelbaren Auswirkungen auf das Leben der Angehörigen gibt. Denn die Krankheit bestimmt nicht nur das Leben von Emmas Dad, sondern auch das von Emma, die sich gegen ihr Leben in London und für das Zurückkehren in die heimatliche Provinz entscheidet. Atkins lässt es jedoch nicht zu, dass das Krankheitsbild der Mutter die Oberhand gewinnt, und richtet ihren Fokus voll auf Emma. Das mochte ich. Denn schließlich ist es ihre Geschichte, und nicht die der Mutter.

Atkins entschied sich bei ihren Figuren für ein kunterbuntes Potpourri aus Persönlichkeiten, das am Ende ein komplexes Beziehungsgeflecht zum Vorschein bringr. Obwohl man schnell mutmaßt, wie die Geschichte ausgeht, hat die Autorin auch ihrem zweiten Roman ein paar überraschende Elemente beigemischt, die den Leser vorübergehend in die Irre führen. Ihre Geschichte ist eine Abfolge von unterschiedlichen Zeitabschnitten. Sie beginnt dabei mit dem Ende und lässt den Leser von dort aus in die Vergangenheit zurückreisen.

Atkins ist es noch einmal gelungen, mir einen Tag und eine Nacht den Atem zu rauben, wenn auch auf völlig andere Weise. Im Vergleich zum Vorgänger besitzt „Die Nacht schreibt uns neu“ um einiges stärkere erotische Wesenszüge und erzählt deshalb nicht nur die dramatische Geschichte einer jungen Frau, sondern auch von einer magischen körperlichen Anziehungskraft zwischen zwei Menschen, die sich eigentlich gar nicht kennen.

„Lebe für das Heute, das Morgen ergibt sich von selbst.“

Zitat aus dem Buch

<3 <3 <3 <3 <3

image

Un posto al sole

lesenslust über „Pikkolo und Panettone“ von Astrida Wallat

dsc_0202-01.jpeg

„Weihnachten mit der Verwandtschaft? Ich wollte, es wäre schon Ostern.“

Zitat, Seite 21

Weihnachten bei Famiglia Maiotti ist immer ein bisschen wie un posto al solegute Zeiten, schlechte Zeiten. Die 23-jährige Anna Maiotti weiß das, und möchte am Liebsten fliehen. Auch dieses Jahr wird sich der bunte Haufen aus fränkischer und neapolitanischer Verwandtschaft wieder in ihrem Haus versammeln, um der gemeinsamen Völlerei zu frönen.

Doch als Großmutter Liselotte bei ihrer Anreise die Weihnachtsgans im Zug vergisst, Tochter Maura in einer Welle von Liebeskummer badet und Nonno Corrado die Zukunft in den Sternen liest, ist das Chaos vorprogrammiert. Und während die temperamentvolle Meute um das beste Gästezimmer und die Gänge des Festtagsmahls streitet, widmet sich Nonna Elsa einfach ihrem geliebten Pikkolo und Panettone.

Doch als kurz vor der Bescherung Annas Patenkind verschwindet, scheinen sowohl das Fest der Liebe als auch Nonnas Entspanntheit Geschichte. Panisch schert der planvoll chaotische Maiottihaufen aus um den kleinen Ugolino zu suchen. Durch ihre ungeschickte Stolperei bringen sie weitere überraschende Wahrheiten zutage, die kein Fest der Welt verkraften kann.

dsc_0196-01.jpeg

„Die Zeit vollführt eine Vollbremsung, rund um den Tannenbaum gerinnen die Sekunden. Massimos Hand auf Angelos Arm gefriert, Babbo gafft ins Leere, sogar Maura hält im Kauen inne. Allein aus dem Flur ertönt, einem bedrohlichen Ostinato gleich, weiterhin die Fragen beantwortende, fiebrige Stimme von Arianna. Dann tut es einen dumpfen Schlag: Opa Franz ist sein bayerisches Bierseidel aus der Hand geglitten und auf dem harten Olivenholzparkett zu Bruch gegangen. Zwischen den Scherben sammelt sich die braungelbe Flüssigkeit zu einer klebrigen Pfütze.“

Zitat, Seite 211

Famiglia Maiotti ist alles, nur nicht normal. Das beweist die chaotische Meute aus Neapolitanern und Franken einmal mehr zum diesjährigen Weihnachtsfest. Und während die schwäbischen Vorzeigenachbarn Schäberle noch vorbildlich ihren Gehweg von Schnee befreien und das merkwürdige Gebaren ihrer Nachbarn argwöhnisch beäugen, streuen die Familienmitglieder der Familie Maiotti lieber noch eine Prise Dramatik in die Runde. Buon Natale!

Was die geborene Fränkin Wallat hier geschaffen hat, ist beste Unterhaltung. „Pikkolo und Panettone“ trieft vor Sarkasmus und Wortwitz. Auf den Seiten tümmeln sich Szenerien des perfekten Chaos, das tatsächlich kein Ende zu finden scheint, bis die Weihnachtstage entgültig vorüber sind. Irgendwann findest du dich am Ende des Buches wieder und bemerkst bei deinem Blick auf die eigene Verwandtschaft eine unbekannte Nüchternheit.

Es scheint unumgänglich, dass sich Wallat bei ihrer amüsanten Berichtserstattung allbekannten Klischees bedient, die man den italienischen Landesbewohnern so nachsagt. Sie verzichtet weder auf Dramatik noch auf die Prise Besserwisserheit und das überschäumende Temperament.

Doch Il troppo e il troppo poco rampon la festa e il gioco – Zu wenig und zu viel verderben Fest und Spiel. Irgendwann wuseln tatsächlich so viele Familienmitglieder in der Geschichte von Wallat herum, dass man als Leser schon mal die Orientierung verlieren kann und sich etappenweise vom Theater zurückziehen muss.

Wallat beginnt ihre Kapitel mit Sprichwörtern und Phrasen, die zum jeweiligen Kapitel passen und neben der italienischen Übersetzung platziert sind. Im Fließtext baut sie weitere italienische Wörter und landestypische Gepflogenheiten ein, sodass man innerhalb kürzester Zeit über ein umfangreiches Italien-Know-how verfügt.

Ein besonderes Confetti – eine zuckersüße Beigabe ist Wallat mit den italienischen Weihnachtsrezepten auf den letzten Seiten gelungen, die dem Leser u.a. das Rezept für den Budino die Natale, einem dreischichtigen weihnachtlichen Orakelpudding mit Überraschungbeigaben in Form einer Pistazie, Mandel und Chilischote verrät.

Im freien Fall

lesenslust über „Ein ganz neues Leben“/“After you“ von Jojo Moyes

dsc_1475-01.jpeg

„Achtzehn Monate. Achtzehn ganze Monate. Wann ist es endlich genug?“, sage ich in die Dunkelheit. Und da ist sie. Ich spüre, wie sie wieder hochkocht, diese überfallartige Wut. (…) „Das hier ist nämlich kein Leben. Das hier ist gar nichts!“

Zitat, Seite 18

Sechs gemeinsame Monate hatte Louisa mit Will. Nur ein halbes Jahr hat Will gebraucht, um Lous Blick auf das Leben zu verändern. Doch achtzehn Monate nach seinem Tod schaut sie noch immer auf den emotionalen Scherbenhaufen, den er mit seinem Entschluss zu sterben in ihrem  Leben hinterlassen hat.

Mühsam und kraftlos taumelt sie durchs Leben, verschanzt sich in ihrem deprimierenden Job und ihrer spärlich eingerichteten einsamen Wohnung. Die Nächte verbringt Lou schlaflos, wird auf den Dächern Londons zu einem Schatten ihrer Selbst. Sie hat die Bodenhaftung verloren, findet nicht zurück ins Leben.

Doch eines Tages wartet eine unerwartete Überraschung auf sie, die sie mit voller Wucht ins Leben zurückschleudert. Und ehe sie sich versieht, steckt sie bereits mittendrin. Im Leben.

dsc_0174-01.jpeg

„Trauer hatte einen bestimmten Geruch. (…) Sie roch nach kleinen Siegen des Alltags über einem Sumpf der Verzweiflung.“

Zitat, Seite 62

In ihrem Fortsetzungsroman, der an die Geschichte von „Ein ganzes halbes Jahr“ anknüpft, beweist Jojo Moyes erneut ihr feines Gespür für das Emotionale. Einfühlsam und ausdauernd spielt sie Lous Klaviatur des Trauerns und trifft dabei genau die richtigen Töne.

Achtzehn Monate nach Wills Tod ist Lou noch immer ein emotionales Wrack. Die Tatsache, dass sie Will nicht vom Sterben abhalten konnte, lastet schwer auf ihr. Ihre Schuldgefühle lähmen sie, bringen sie um den inneren Antrieb zu leben und nachts um den nötigen Schlaf. Im Geiste sucht sie weiterhin Kontakt zu Will, ihre Schritte wirken wie unterbewusste Gesten an ihn, ihr Versagen  – eine stille Anklage an den Verstorbenen.

„It has become a secret habit, me, the city skyline, the comfort of the dark, the anonymity, and the knowledge that up here nobody knows who I am.“

Zitat, Seite 7 (OV)

Dieser emotionale langatmige Trauerprozess mündet in einem unglücklichen Sturz vom Dach. Ein Sturz, der folgenschwer und gleichzeitig befreiend wirkt. Denn Lou ist danach nicht nur eine Zeit lang auf die Hilfe ihrer Familie angewiesen, sondern wird von dieser auch zur aktiven Trauerbewältigung in einer Gruppe verdonnert. Eine Runde, in der sich Lou anfangs unbehaglich fühlt, die ihr langsam aber sicher auch die Kraft schenkt, sich von ihrer Trauer zu befreien.

„His eyes are on mine. Kind eyes. He seems to understand how much I need convincing. I feel his hand close on mine. I have never needed a human touch more.“

Zitat, Seite 12 (OV)

Es wirkt fast so, als befände sich Lou während des gesamten Romans über im freien Fall. Stück für Stück wirft sie Ballast von sich. Sie macht Begegnungen, die ihrem Leben wieder einen Sinn geben und die ich an dieser Stelle gerne unerwähnt lassen möchte, weil sie jeder Leser für sich selbst entdecken sollte.

Während sich der Vorgänger um das Leben von Will gedreht hat, richtet Moyes in „Ein ganz neues Leben“  ihren Blick auf Lou. Ihre Zeilen sind nicht weniger zauberhaft, besitzen aber dennoch nicht die identische emotionale Intensität des Vorgängers. Moyes schenkt ihren Lesern eine Versöhnung. Lous Versöhnung mit dem Leben. Und das ist gut so.

„We danced as if we had nothing to do but dance. Lord, it felt good. I had forgotten the joy of just existing; of losing yourself in music, in a crowd of people, the sensations that came with becoming one communal, organic mess, alive only to a pulsing beat. For a few dark, thumping hours, I let go of everything, my problems floating away like helium balloons. I became a thing, alive, joyful.“

Zitat, Seite 148 (OV)

Diese Geschichte war Teil eines bilingualen Leseprojekts. Aus diesem Grund findet ihr in der Rezension sowohl deutsche, als auch englische Zitate. Beide Ausgaben haben ihre eigenen sprachlichen Reize.

<3 <3 <3 <3

dsc_0177.jpg