#litlove2016 oder „Wo’s tausend Herzen regnet“

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Meine lieben Leserinnen und Leser,

ich bin ein Herzensmensch. Das ist sicherlich schon an der ein oder anderen Stelle meines Blogs durchgeschimmert. Ich brenne für von Emotionen getränkte Geschichten, die ebenjene auch in mir hervorrufen. Die, die mich freudig durch die Wohnung tanzen oder peinlich ergriffen aufschluchzen lassen. Die mir Gänsehaut über die Arme jagen und mich hineinziehen, in die Gefühlsachterbahn, deren tosende Fahrt all die Emotionen aufwirbelt, die am manchmal nur sehr spärlich glitzernden Boden vom Rummelplatz des Lebens liegen.

Während ich mich bis vor einigen Jahren fast ausschließlich von Romanen von Cecelia Ahern, Susan Elizabeth Phillips oder Marian Keyes literarisch ernährt habe, haben sich über die Jahre zahlreiche andere HerzensbuchautorINNen dazugesellt. Es sind Geschichten von Nina George, Adriana Popescu oder Anne Freytag. Sie alle rauben mir regelmäßig den Atem, bereichern mein Bücherregal um zahlreiche Herzensbücher und emotionale Momente. Ja, ich bin auf der emotionalen Ebene richtig gut zu kriegen. Und darum geht’s hier auch: um Emotionen.

Als ich vom Lesefestival der Münchner Verlagsgruppe Random House erfuhr, dauerte es daher nicht lange, bis die Karten gesichert waren und die Vorfreude täglich bis ins Unermessliche wuchs. Heute möchte ich euch meine Eindrücke und Momentaufnahmen zur vergangenen lit.Love präsentieren, die vom 12.-13.11.16 ihre Premiere gefeiert hat. Und da gut Ding Weile haben will, erscheint dieser Bericht nicht nur erst knapp zwei Wochen nach der Veranstaltung, sondern auch in sehr umfangreicher Natur. Ich bitte euch nachzusehen, dass mir eine Kürzung absolut unmöglich war. Dafür haben sich einfach zu viele Eindrücke und Momentaufnahmen im Entwurfordner angesammelt. Ich empfehle euch die Orientierung anhand der Überschriften.

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Samstag, 12. November 2016

10:00 TALK mit Autorin Silvia Day, Moderation Anouk Schollähn

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Zugegeben, ich konnte mich bisher weder für die mittlerweile fünf erschienenen Teile der Crossfire-Reihe, noch für irgendein anderes Buch aus dem Bereich der erotischen Literatur erwärmen. Eines muss ich aber zugeben, was da an mein Ohr drang, war gar nicht so schlecht, wie anfangs gedacht. Es scheint sich bei Silvia Days Romanen nicht ausschließlich nur um Leidenschaft und Sex zu drehen, sondern auch um Tabuthemen wie Missbrauch. Days Zeilen begegneten mir dabei sehr passionert. Insgesamt scheint die Autorin, die unter Tränen von ihren Romanfiguren Abschied nahm und von ihrer Tochter als melodramatisch bezeichnet wird, eine sehr vernünftige Einstellung zu haben. Sie schreibt nämlich nur das, was sie will und nicht das, was ihren LeserINNen wohl gefallen könnte. Gefällt mir. Vielleicht hat sie mich damit als neue Leserin gewonnen.

Hier kommt ihr zum Livestream des lit.Lounge.TV

11:00 Uhr LESUNG: Anne Freytag & Adriana Popescu lesen aus „Mein bester letzter Sommer“ und „Paris, du und ich“

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img_3812-01.jpegWas eine Lesung von Anne & Adriana so besonders macht? Ist das eine ernst gemeinte Frage? Wer jemals die beiden Herzensdamen live erlebt hat, wird sich förmlich eine Wiederholung herbeisehnen. Denn das Autorenduo, deren Freundschaft tatsächlich bei Facebook ihren Ursprung fand, steht meines Erachtens für Leidenschaft & Lebensfreude pur.

Welches Buch den Anfang der Lesung macht, entscheidet „Stein, Schere, Papier“, vorgelesen wird gemeinsam aus den Jugendromanen „Mein bester letzter Sommer“ und „Paris, du und ich“. Mal findet sich Anne, mal Adriana in der männlichen Rolle wieder, es gibt Special Sounds zur Untermalung und Gesichtsentgleitungen deluxe. Ja, und die beherrschen beide ganz gut!

img_3819-01-01.jpegUnd wenns auf deutsch zu langweilig wird, dann switchen die beiden einfach zu österreichisch oder russisch. Eine charmant chaotische Lesung.

Da vergisst man fast, dass es in Anne Freytags Jugendroman „Mein bester letzter Sommer“ ums Sterben geht und verschluckt ganz unbemerkt den Kloß im Hals, der sich bei der Textstelle „Ich suche einen Freund zum Sterben.“ ganz automatisch breit macht. Während Annes Roman sich schon zu meinen Jahreshighlights ins Regal gesellt hat, stecke ich noch mittendrin, in Adrianas Reise durch die Stadt der Liebe in „Paris, du und ich“.

12:00 Uhr Vermittler zwischen den Welten: Was macht eigentlich eine Literaturagentur? (MIT Autorin Claudia Winter, Lektorin Claudia Negele und der Agentur erzähl : Perspektive)

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Ja, warum braucht man als Autor eigentlich eine Agentur? Diese Frage habe auch ich mir schon oft gestellt. Wo es doch Verlage gibt. Autorin Claudia Winter sieht das Zusammenspiel zwischen Verlag & Agentur wie eine Art Patchworkfamilie. Sie möchte weder die Verlags- noch Agenturseite missen. Für die Schwabinger Agentur erzähl : perspektive war die Autorin damals ein Glücksgriff, da sie bereits ein nahezu fertiges Buch („Aprikosensommer“) und das Manuskript für ein weiteres in petto hatte und damit auf Anhieb begeisterten konnte. Dabei erhält eine Agentur im Schnitt 1000 unverlangte Skripte pro Jahr, wovon wohl kaum eins eine reelle Chance hat, ein Buch zu werden.

13:00 Uhr Eine Verschnaufpause
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Follow the lights

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Ein Blickfang von Buchregal

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Madness an der Fotobox Vol. I

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14:00 BLOGGERLOUNGE II: Adriana Popescu, Anne Freytag & Constanze Wilken

2016-23-11-21-46-29Die Bloggerlounge hat mir nicht nur die Möglichkeit geschenkt, mit meinen Lieblingsautorinnen Anne Freytag und Adriana Popescu ein bisschen zu plaudern, sondern auch ein bisschen Kraft zu tanken. Für das leibliche Wohl war bestens gesorgt. Welch ein Glück habe ich mich rechtzeitig für die Lounge akkreditiert, wo ich mir sonst ein Plätzchen in der Kantine hätte suchen müssen.

Hier wurde ganz unbefangen über Gott und die Welt geredet. Dabei kam nicht nur zum Vorschein, dass Selfpublishing ein hartes Stück Arbeit ist und das Veranstalten von Gewinnspielen lästig sein kann, sondern auch, dass die Autorinnen gerne zur Abwechslung auch mal Blogger unter die Lupe nehmen und bewerten möchten. In ihrem Youtube Podcast „Jeden Freytag und Popescu“ quatschen sich Anne und Adriana bereits seit einiger Zeit ihre Gedanken von der Seele. Ein wirkliches chilliges Unterfangen! Für beide Seiten.

15:00 Das will jeder lesen – Vom Phänomen All Age (Moderation Anka von Ankas Geblubber, Autorinnen Ulla Scheler, Bettina Belitz, Anne Freytag und Literaturagentin Sophie Wittmann)

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Dürfen Jugendromane nur von Jugendlichen gelesen werden? Diese Frage habe auch ich mir lange gestellt, als man mir mit Anfang Dreißig ein Jugendbuch in die Hände gedrückt und es mir empfohlen hat. Völler Unsinn, sage ich heute. Es gibt Romane, die sind für Leser jeden Alters gemacht. Anspruchsvolle Jugendromane von heute unterstreichen das, begegnen sie uns doch manchmal auf viel anspruchsvollerer Ebene, als so mancher Erwachsenenroman.

„Man holt Menschen mit Emotionen ab.“, so auch Autorin Anne Freytag, die ihren Gesprächspartnern und mir aus der Seele spricht und den Nagel auf den Kopf trifft. „Bücher tut es gar nicht gut, sie in ein Korsett zu quetschen. Sie sollten Leser unterschiedlichen Alters erreichen.“ Ein All Age Roman also, ein Buch für jedermann. Dass viel mehr Büchern dieses zeitlose Genre  geschenkt werden sollte, da sind sich alle Gesprächspartner einig.

Wo man doch am liebsten manchmal im Buchladen alles umräumen möchte, weil ein Roman einfach nicht da steht, wo er eigentlich hingehört und damit auch nicht seine potentiellen LeserINNen erreicht. Für Ulla Scheler, die ihren Debütroman mit 24 Jahren veröffentlicht hat („Es ist gefährlich, bei Sturm zu schwimmen“) ist diese Gesprächsrunde fast therapeutisch. Eine spannende Talkrunde unter der charmanten Moderation von Anka (Ankas Geblubber).

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16:00 LESUNG: Stefanie Gerstenberger liest aus „Das Sternenboot“

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Eine Lesung, die sich wie eine Reise nach Sizilien anfühlt. Das war sie, die Reise in Stefanie Gerstenbergers „Sternenboot“.

Die Autorin, die selbst ganz lange auf Sizilien gelebt hat, hat mir durch ihre bildhafte und lebendige Sprache nicht nur authentische Momentaufnahmen sizilianischer Art, sondern auch eine sizialianische Zitrone geschenkt. Der Roman ist ein Lese- und Hörgenuss gleichermaßen. Selbst wenn auf Sizilien nicht immer alles Gold ist, was glänzt, möchte ich nach der Lesung unverzüglich nach Italien reisen.

La dolce vita eben!

17:00 TALK: Vom Hausmädchen zur Bestsellerautorin! Katherine Webb und ihr Weg zum Erfolg(Moderation Anouk Schollähn)

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Eine Autorin, die für altes historisches Gemäuer brennt. Kein Wunder, dass Katherine Webb Geschichte studiert hat und ein altes Cottage und ehemaliges Polizeirevier ihr Heim nennen kann (allerdings ohne noch exisitierende Gefängniszellen. Ihr Roman ist selbstverständlich ein Abenteuerroman, in dem sich die Figuren durch die staubige Wüste des arabischen Oman quälen. Webb erzählt von ihrem Weg durchs Leben, von ihren zahlreichen Jobs (u.a. als Housekeeper) und ihrem Durchbruch als Bestsellerautorin, der ihr mit „Das geheime Vermächtnis“ gelang.

Hier kommt ihr zum Livestream des lit.Lounge.TV

Sonntag, 13. November 2016

10:00 Uhr LESUNG: Geneva Lee liest aus der Royal-Saga, Moderation durch Irina v. Bentheim

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Als hätte ich es geahnt. Reichlich verspätet treffe ich zu Lesung von Geneva Lees Lesung aus der Royal-Saga ein und laufe direkt rot an. Ist das nicht? Ja, ist sie. Die Synchronstimme von Sex and the City- Star Carrie Bradshow ertönt aus den Lautsprechern. Schließt man die Augen, meint man Carrie vor sich zu sehen und ist daher auch nicht verwundert, dass es sich fast ausschließlich um harten Sex und der Beschreibung von Genitalien dreht.

Irgendwie einfach nicht mein Ding. Diese sexy talks mit Fremdschämfaktor 10. Man nenne mich prüde, aber manche Dinge kann und will ich einfach für mich behalten!

11:00 Uhr STUDIOTOUR durchs #lit.lounge.TV Studio
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And Action!!

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Hi George, nice to meet you!

12:00 Uhr LESUNG: Katherine Webb liest aus „Das Versprechen der Wüste“, deutsche Stimme Julia Fischer

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Für ihren Abenteuerroman „Das Versprechen der Wüste“ ist Autorin Katherine Webb 2 Wochen durchs arabische Oman gereist. In der staubigen Landschaft der Wüste, in the middle of nowhere, wurde sie ausgesetzt und später wieder eingefangen, als sie schon geglaubt hatte, verlorengegangen zu sein. Während Webb sich nach Ruhe sehnte und die Isolation förmlich genoss, war ihr junger Tourguide eher auf Action aus. Bei ihrem „Wild camping“ hat sie die meditative Kraft der Stille entdeckt und in ihre Zeilen einfließen lassen.

Mit kraftvoller, magischer und atmosphärisch geladener Stimme liest uns Schauspielerin und Autorin Julia Fischer („Sehnsucht auf blauem Papier“) deutsche Passagen des Romans vor und macht die Lesung zu einem absoluten Highlight.

13:00 Uhr „Schreiben Sie mir, oder ich sterbe!“ Liebesbriefe berühmter Frauen und Männer

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„Ich liebe dich wahnsinnig, unsäglich, maßlos.“ Edith Piafs Zeilen an ihren kleinen Schatz.

Dass Liebesbriefe nicht immer mit schwulstigen Liebesoffenbarungen zu tun haben müssen, sondern auch tief empfundene Liebe auf Papier zum Ausdruck bringen können, zeigten mir die Briefe aus „Schreiben Sie mir, oder ich sterbe!“. Darin sind Liebesbriefe berühmter Frauen und Männer zu finden, u.a. von Edith Piaf und Marie Curie. Beide zerrissen mir schier das Herz und ließen meine Augen wässrig werden. Was wohl nicht nur an den herzzerreissenden Zeilen, sondern auch an der an den großartigen Sprechern Friederike Kempter und Christian Baumann lag, die aus Tv und Theater bekannt sind. Minuten, die wie Sekunden verstrichen.

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14:00 Uhr  Eine ErHOLSAME Nachmittagspause MIT HERZENSMENSCHEN
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Begegnung mit Jonas Jonassons Zebra

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Madness an der Fotobox Vol. II

15:00 Uhr 1000 & 1 Idee – doch wie wird’s ein Buch? (Mit AUTORIN Constanze Wilken, Brigitte Riebe und Petra Durst-Benning)
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Ladiesrunde auf der Kleinen Bühne

3 Autorinnen, 3 Ideen, 3 spontane Geschichten: Was aus 1000 & 1 Idee entstehen kann, haben die Autorinnen Constanze Wilken, Brigitte Riebe und Petra Durst-Benning auf Anhieb gezeigt. Alle drei wurden spontan mit Bildern konfrontiert: ein Postbote, der einer alten Dame ein Päckchen übergibt; ein Mann am Bahnhof; und ein Zusammenstoß in der Fußgängerzone. Woher die Autorinnen ihre Inspiration holen und welche noch so unbequemen Schreibecken sie in ihren eigenen vier Wänden bevorzugen, verrieten sie uns im Gespräch auf der Kleinen Bühne.

16:00 Uhr Sehnsuchtsorte oder mehr Meer: Welche Rolle spielt die Landschaft im Liebesroman?

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„Das Meer ist unheimlich viel: bedrohlich und wunderbar.“ Stefanie Gerstenberger über das Meer

Landschaften in Liebesromanen erzeugen ein bestimmtes Bild beim Leser. Daher sind manche Orte einem bestimmten Genre zuzuordnen, während andere widerum wie die eierlegende Wollmilchsau sind und viele Genres beherbergen, so z.B. Frankreich. Das Meer ist für viele ein Sehnsuchtsort, weswegen der Leser schon im Kopf heimlich zu reisen beginnt. So auch in Ulla Schelers Jugendbuch „Es ist gefährlich, bei Sturm zu schwimmen.“, in dem das Meer nicht nur einen Sehnsuchtsort, sondern auch eine eigene Figur verkörpert. Stefanie Gerstenbergers Roman „Das Sternenboot“ hingegen spielt in Sizilien. Die Insel der Kontraste. Denn hier liegen  Hässlichkeit und Schönheit nah beeinander, das weiß die Autorin aus eigener Erfahrung.

Ein leidenschaftliches Plädoyer über Sehnsuchtsorte oder mehr Meer. Eine wunderbare Unterhaltung als Abschluss eines gelungenen Lesefestivals. #litlove2016

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Over & out

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Für die Planung, Organisation und Umsetzung dieses einzigartigen Lesefestivals danke ich dem gesamten Team von Random House. Ich lege jedoch herzlichst die Aufnahme einer festen Mittagspause bzw. kleinen Zwischenpausen ans Herz.

#fbm16 oder „Ein verspäteter Messebericht“

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Zwei Wochen ist sie her – die Frankfurter Buchmesse. Während zahlreiche Bloggerkollegen bereits ihrer Begeisterung Ausdruck verliehen haben und unmittelbar in den Messeblues verfallen sind, fiel ich aus dem Raster. Denn meine Stimmung war getrübt. Doch die Eindrücke sind so langsam gesackt, mein Ärger so langsam versiegt und die Orientierung zurückgekehrt (zumindest teilweise).

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Meine Tage in Frankfurt waren eine einzige Geduldsprobe. Zig Menschen mit Rollkoffern tummelten sich um mich, schubsten und drängelten bis zum Abwinken und fegten die Tische mit Leseproben und kostenlosen Beigaben leer, ohne auch nur einen einzigen Blick darauf zu werfen. Der Magen wurde vollgestopft, die Blase bis zum Bersten gefüllt und die Schokolade, ja die, die landete gleich vorratsweise in der Handtasche. Schließlich braucht man ja was für unterwegs! Das Entscheidende wurde dabei irgendwie vergessen: es geht hier um Bücher!

Selbst schuld, höre ich euch rufen. Warum fährst du auch zu den Besuchertagen zur Frankfurter Buchmesse, wenn du als Blogger auch an den Fachbesuchertagen gehen kannst!? Öhm, ja. Ich nahm wohl was ich kriegen konnte. Schließlich sind die Urlaubstage spärlich gesät und im Normalfall zur Erholung da. Erholung – nun ja, davon kann man in diesem Fall wohl nicht reden!

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Ich war aufgeregt wie ein kleines Kind, als sich ich kurzfristig ein Sparpreisdeal bei der Bahn und ein Zimmer im zentralen Hostel in Frankfurt ergattert habe. Glücksgriffe, die ich zu schätzen wusste. Endlich durfte ich auch mal anreisen, zum Literaturevent des Jahres. Doch spätestens nach einer halben Stunde auf dem Frankfurter Messegelände, war mir eines klar: Frankfurt und ich werden irgendwie nicht richtig warm. Zu groß, zu unübersichtlich, zu voll. Beim krampfhaften Versuch mich logisch durch die Messehallen zu bewegen, scheiterte ich kläglich. Keine Ahnung, wie alle anderen das machen, aber das System des Messegeländes hat sich mir einfach nicht erschlossen.

img_3246-01.jpegUnd dennoch. Ich habe reizende Bloggerkollegen getroffen, mich mit Vertragsmitarbeitern über Neuheiten ausgetauscht und Lieblingsautoren erlebt. Ich habe mir Wünsche beim magischen Illumat illustrieren lassen, mich in der Fotobox des reizenden Fotobullis ausgetobt, Zitate to go ergattert (und habe die erste Schneeflocke bereits gefangen), habe mir  Schokolade auf der Zunge zergehen lassen und an der Küste des Gastlandes Niederlande und Flandern eine Runde gechillt. Ich habe Vorlesungen gelauscht und zahlreiche Momentaufnahmen eingefangen. Ob ich ein zweites Mal nach Frankfurt fahre, steht allerdings noch in den Sternen.

Doch was wäre eine Buchmesse ohne Highlights. Natürlich gab’s die und wird es immer geben. Meine präsentieren sich in Form von Momentaufnahmen, die ich wie immer mit meiner Kamera einfangen konnte. Für alle Messeblues-Erkrankten, für die Daheimgebliebenen und die Neugierigen im Bunde gibt’s daher noch ein paar meiner Schnappschüsse. Have fun & enjoy!

In diesem Sinne: See you in Leipzig #lbm17!

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Heldenreise

lesenslust über „Wir waren keine Helden“ von Candy Bukowski

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„Das Leben ist kein Geschenk. Das ist völliger Unsinn. Es ist ein Gutschein. Und das Einzige, worum es geht, ist, ihn einzulösen, bevor er verfällt.“

Zitat aus dem Buch

Schon das Cover von Candy Bukowskis Romandebüt hat mich umgehauen. Der Tiger verleiht ihm so viel Kraft, Lebendigkeit und Ausdrucksstärke, das man bereits vor dem Lesen vermutet, dass sich dahinter eine charakterstarke Geschichte verbirgt. Das und noch viel mehr. Ein Roman, zum Bersten gefüllt mit Leben.

„Wir waren keine Helden“ ist ein Coming of Age Roman. Die Geschichte, die in den rebellischen 80ern „am Arsch der Welt“ beginnt, strandet irgendwann im nordischen Hamburg. Es geht um Protagonistin Sugar. Eine Frau, die mit Vollgas durchs Leben brettert und dabei stets mit vollem Körpereinsatz dabei ist. Doch ihr Einsatz bringt nicht nur Glücksmomente, sondern auch zahlreiche Niederlagen mit sich. Heftige Momente. Die, in denen man ungedämpft am Boden aufkommt und nicht weiß, ob man je wieder aufstehen kann.

Während Sugar anfangs mit Punker Pete durchs Leben zieht, gesellen sich mit den Jahren Luke und Silver dazu. Männer, die sie ihr Leben lang begleiten und es entscheidend prägen. Doch die Suche nach dem großen Glück und der einzig wahren Liebe verlangt ihr alles ab. Sie wird zu einem Kraftakt in 236 Seiten. Einer, bei der man bis zur letzten Seite mitfiebert; mit pochendem Herzen, heißen Wangen und jede Menge Adrenalin im Blut.

„Der eine, lange, unwiederholbare Moment. Einer von denen, die du dein ganzes Leben lang immer wieder mal vermisst. Der als verblichene Schwarz-Weiß-Fotografie irgendwo in deiner rechten Herzkammer steckt. Nicht im Portemonnaie wie all der andere, vermeintlich wichtige Kram. Das kleine, riesengroße Sepiaglück, mit den richtigen Menschen im richtigen Moment. Das man nicht halten kann, nur bewahren.“

Zitat aus dem Buch

Candy Bukowski ist ein grandioses Romandebüt gelungen. Ihre schonungslosen Zeilen treffen dich mit all ihrer emotionalen Härte. Sie sind berauschend, wortgewaltig und erschreckend ehrlich. Viele Zeilen begleitete ich mit einem zustimmenden Nicken, während mich andere bis ins Mark erschütterten. Sugars Leben ist kein leichtes Spiel, eine ständige Achterbahnfahrt mit allen Hochs und Tiefs. Ein Leben, das irgendwie auch Bukowskis ist. Denn es offenbart die Erlebnisse der Autorin selbst, zu deren Veröffentlichung sie sich nun entschloss.

Doch es kommt noch viel mehr zum Vorschein. Denn neben all der Härte werden Bukowskis Zeilen von Melancholie, aber auch von Hoffnung begleitet. So hangelt sich die Protagonistin bedächtig an ihr entlang. Lernt, trotz Schicksalshaftigkeit des Lebens das Gute nie aus den Augen zu verlieren. Der unkonventionelle Schreibstil der Autorin verleiht den Zeilen dabei nicht nur eine sehr authentische, sondern auch persönliche Note.

„Wenn du einen wachen Moment hast, dann fallen sie dir wieder ein, die ganz großen Geschichten, in den ganz großen Lederbändchen aus gegerbter Menschenhaut mit Lesebändchen aus geflochtenem Erinnerungshaar. Mit all dem Seufzen und Sehnen zwischen den handgeschriebenen Seiten und dem Schönsten. Dem immer wieder schönsten Schluss von allen.“

Zitat aus dem Buch

„Wir sind keine Helden“ ist kein Spaziergang durch den Paradiesgarten Eden. Es ist eine Ode an das Leben mit all seinen Facetten. Eine lehrreiches Abenteuer und eine spannende Entwicklungsreise einer jungen Frau, deren jugendlicher Panzer langsam aber sich einem reiferen und erwachseneren weicht. Der Roman präsentiert sich dabei mithilfe von unterschiedlichen Zeitetappen und den dazugehörigen Songs der damaligen Zeit. Würde ihr Roman als Soundtrack vertont werden, würde sein Beat mit voller Dröhnung durch die Boxen wummern. Mein absolutes Lesehighlight in 2016!

 „Manchmal ist es bedeutend einfacher, unvorstellbare Dinge zu tun, als man dachte. Wenn all die sperrigen Wenn und Aber aus dem Weg geknickt und all die sinnbefreiten Konjunktive vom Herz gerissen wurden, dann läuft es schon irgendwie in die richtige Richtung. In eine zumindest.“

Zitat aus dem Buch

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Wenn Worte beflügeln

lesenslust über „Der Wörterschmuggler“ von Natalio Grueso

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Als Bruno Lapastide, Zeit seines Lebens als Vagabund, Charmeur und leidenschaftlicher Geschichtenerzähler im Land unterwegs, in Venedig die geheimnisvolle Japanerin Keiko kennenlernt, ist es wie um ihn geschehen. Doch um ihr Herz zu gewinnen, bedarf es viel mehr Einsatz als sonst. Denn was die junge Japanerin mit dem scheuen Lächeln und den honigfarbenen Augen betört, ist nicht sein Charme, sondern vielmehr das geschriebene Wort.

„Für sie zählten einzig und allein die Worte, der geschriebene Vers, das zu Papier gebrachte Gefühl.“

Zitat, Seite 11

Jeden Abend bei Sonnenuntergang öffnet Keiko die Briefe ihrer zahlreichen Verehrer. In ihrem Briefkasten stecken Umschläge voll unbändiger Lyrik, klarer Worte und purer Leidenschaft. Auch die Briefe von Lapastide gesellen sich dazu. Während seiner Reisen um die Welt hat der Abenteurer so viele Geschichten gesammelt, dass es ihm ein Leichtes erscheint, seine Mitbewerber auszustechen. Mit seinen raffinierten Zeilen will er das Herz der jungen Japanerin ganz für sich gewinnen.

„Wörter waren der einzige Schlüssel, der die Türen zum Paradies öffnete. (…) Um die Schwelle des magischen Bordells von Dorsoduro zu überschreiten, musste man etwas gänzlich Wohlklingendes erschaffen, Verse, Gedichte oder wundersame Geschichten ersinnen, die berührten. Nur wer es schaffte, Keikos Herz zu liebkosen, erwarb sich auch das Privileg, ihren Körper zu liebkosen.“

Zitat, Seite 225

Doch schon bald ringt der leidenschaftliche Geschichtenerzähler um Worte und die Quelle der Inspiration versiegt. Wird es ihm dennoch gelingen, Keikos Herz zu erobern?

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„Der Wörterschmuggler“ birgt nicht nur eine, sondern zahlreiche Geschichten in sich. Er erzählt von einem Geschichtenerzähler, der sich seiner Eindrücke als Weltenbummler bedient, um eine ganz besondere Frau zu berühren. Denn die Japanerin Keiko lässt sich von Worten betören. Als Gegenleistung bietet sie ihren Körper. Für eine Nacht.

Doch Lapastide will Keiko ganz für sich alleine haben und so schreibt er sich die Finger wund. Er erzählt von einer Zeit, in der man Wörter schmuggelt, weil man für sie bezahlen muss und ein Junge sie braucht um dem Mädchen seines Herzens seine Liebe zu gestehen; von einem Mann, der Bücher wie Medizin fürs Leben verschreibt, und damit so manches Schicksal mitbestimmt oder von einem berühmten Moderator, der seine Karriere opfert, um den Herzenswunsch seines Großvaters zu erfüllen. Geschichten voller Leidenschaft. Lebendig. Schräg. Fantasievoll.

Natalio Gruesos Debüt ist alles, aber definitiv nicht alltäglich. Die darin verborgenen Geschichten sprudeln vor Kreativität und Lebendigkeit und lesen sich nicht nur atmosphärisch, sondern auch noch erstaunlich leicht. Viele Zeilen wirken im ersten Moment unbekümmert, obwohl sie von erstaunlicher Tiefe und Einsamkeit getränkt sind. Der Autor, der Regisseur am Teatro Espanol und am Institut für Performing Arts of the City of Madrid ist, versteht es, seine einzelnen Geschichten raffiniert ineinander zu verschachteln. Wie Puzzleteile setzt er sie  Stück für Stück aneinander und präsentiert den „Wörterschmuggler“ als großes Ganzes.

Während wir den Protagonisten Lapastide sehr gut kennenlernen, bleibt die Japanerin Keiko geheimnisumwoben und unnahbar. Ihr Wesen verzaubert nicht nur Lapastide, sondern auch den Leser, weshalb wir uns Seite für Seite durch die Geschichte locken lassen, in der Hoffnung mehr über sie zu erfahren.

Gruesos Geschichte begegnet uns wie eine Gutenachtgeschichte am Abend, die Eltern ihren Kindern vorlesen, um sie ins Land der Träume zu begleiten. Sie lummelt dich ein, bettet dich in ein weiches Nest aus federleichten Zeilen und wohliger Wärme.

„Abschiede sind stets seltsame Augenblicke. Sie sind geprägt von einer Nostalgie gegenüber dem Erlebten, nicht Wiederholbaren, von der Aufregung angesichts der ungewissen Zukunft, der neuen Vorhaben und der kommenden Abenteuer. Auch von dem Glück über die Freunde, die wir gewonnen haben, und von der Melancholie, die uns unweigerlich überfällt, wenn etwas zu Ende geht, wenn ein Kapitel unseres Lebens abgeschlossen wird.“

Zitat, Seite 165

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Traumbild

lesenslust über „Das Bild aus meinem Traum“ von Antoine Laurain

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„Die Dinge bewahren die Erinnerung derjenigen, die sie besessen haben. (…) Wenn sie alt sind, bewahren sie Seelen.“

Zitat, Seite 27

Pierre-François Chaumonts Herz schlägt für das Sammeln alter Dinge. Jeder Gegenstand aus seiner privaten Sammlung erzählt eine Geschichte und birgt die Erinnerungen seines Vorbesitzers in sich. Als Pierre-François in seinem Pariser Stammauktionshaus Drouot auf ein geheimnisvolles Gemälde aus dem 18. Jahrhundert stößt, trifft ihn jedoch fast der Schlag: es zeigt ihn selbst.

Seine ausgiebige Recherche führt ihn in ein Dorf in Burgund, wo er zu seinem Verwundern als verlorengeglaubter Graf von Mandragore wiedererkannt wird. Er soll das Schloss und die Seite von Gräfin Mélaine de Rivaille wieder mit Leben erfüllen, die seit Jahren auf ihren verschwundenen Gatten wartet. Für den Pariser Anwalt, dem Eheglück und Freude am Beruf nie wirklich vergönnt waren, öffnet sich damit eine Tür in ein neues Leben. Ein Leben, das ihm bereits im Traum begegnet ist.

„Dieses Porträt von mir, das zweieinhalb Jahrhunderte zuvor angefertigt worden war und nun in meinem sechsundvierzigsten Lebensjahr auftauchte, war der Wendepunkt eines vor langer Zeit begonnenen Anhäufens von Dingen. Jahr um Jahr, Gegenstand um Gegenstand, Rechnung um Rechnung, bis zu diesem späten Vormittag im Saal 8 des Auktionshauses Drouot.“

Zitat, Seite 19

Zweieinhalb Jahrhunderte trennen Pierre-François von dem erstandenen Portät. Und dennoch zeigt es zweifellos ihn. Die Ähnlichkeit zum Porträtierten liegt klar auf der Hand, selbst wenn das hämische Gelächter seiner Ehefrau und seinen Freunden eine andere Geschichte erzählt. Er hat seine ganzen Reserven geopfert, um das Gemälde zu ergattern. Denn es scheint nicht nur die Seele seines Vorbesitzers in sich zu bergen, sondern auch einen Teil seiner.

Während seiner Recherche wird Pierre-François von einem immer wiederkehrenden Traum heimgesucht, dessen Ende verschwimmt. Bis er auf das Wappen einer Adelsfamilie in Rivaille stößt, vergehen zahlreiche Tage und Nächte. Sein Weg zum Weingut der Rivaille scheint sein Leben bereits auf völlig neuen Kurs zu lenken, der ihn in den Rosengarten des Anwesens, in die Arme der jungen Gräfin Mélaine de Rivaille, führt.

Antoine Laurains Romane sind nicht nur bezaubernd anzusehen, sondern auch genauso reizend zu lesen. Nahezu federleicht und unschuldig schweben seine Zeilen an dir vorbei, und hinterlassen vorerst nur eine leicht-süßliche Duftnote, deren schweres Aroma sich erst mit der Zeit vollends entfaltet.

Nach „Liebe mit zwei Unbekannten“ und „Der Hut des Präsidenten“ verzaubert Laurain seine Leser nun zum dritten Mal mit „Das Bild aus meinem Traum“. Eine Geschichte, die sich um ein geheimnisvolles Portätgemälde und dessen Ursprung dreht, und dennoch um so viel mehr. In wechselnden Zeitabschnitten erzählt Laurain von der Reise eines Mannes, der sich in einem Leben voller Oberflächlichkeiten und Reichtum verloren hat. Wie ein Kleidungsstück legt er es ab und streift sich eine völlig neue Identität über, die ihm zu neuer Lust und Liebe verhilft.

Es ist eine zweite Chance, für die Laurain seinen Protagonisten weit gehen lässt. Ein gefährliches Spiel aus dreister Hochstapelei und dem unbändigen Wunsch nach Leben. Doch das Schicksal macht auch nicht Halt vor einem Laurain. Und so wartet auf den Leser ein unerwartetes Ende, das dem Roman nicht nur eine gehörige Portion Ironie, sondern auch Realität einhaucht. Ein Laurain, wie man ihn kennt.

„Ohne es zu wissen, verschwand ich bereits.“

Zitat, Seite 94

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Wenn das Leben es gut mit dir meint

Es wird ein besonderer Abend werden, da sind sich Arndt von der literarischen Sternwarte Astrolibrium und ich bereits sicher, als wir den unter Blättern versteckten Schriftzug „Maria Passagne“ des kleinen Club Privé in Haidhausen am Montagabend entdecken. Durch den schmalen Eingang der Bar können wir bereits ein rötlich schimmerndes Spirituosenregal erspähen. Gedämmtes Licht empfängt uns, als wir eintreten und urplötzlich in eine andere Welt versetzt werden.

Wir sind eingeladen, zur Livestreamlesung von Alex Capus dsc_0218-01.jpegneuem Roman „Das Leben ist gut“. Für die Lesung des Schweizer Autors hat sich Lovelybooks dieses Mal außerhalb seiner eigenen Räumlichkeiten umgesehen und mit dem Carl Hanser Verlag eine besonders schöne Location gewählt. Denn das Innere der kleinen Münchner Bar, die an ein privates Wohnzimmer der 50er Jahre erinnert, präsentiert sich mit einem exotischen Allerlei aus Flohmarktnippes und kleinen intimen Sitzgelegenheiten. Die perfekte Location für ein Date, unsere erste Begegnung mit Alex Capus.


Alex Capus: „Besuchsweise gefällt’s mir überall. (…) Ich mag nur die Städte nicht, die sich selber so hübsch finden.“

Kurz nach seinem Erscheinen erfüllt Capus den Raum mit seinem unverwechselbaren Charme. Ein Lächeln umspielt seine Lippen, er wirft lockere Sprüche in den Raum und begrüßt uns voller Herzlichkeit. Frei von jeglicher Arroganz, natürlich und unbekümmert nimmt Capus am Nachbartisch Platz. Die Luft ist von knisternder Spannung erfüllt, als die letzten Minuten vor der Übertragung laufen und sich Aila von Lovelybooks und Capus ins rechte Licht rücken.

Nahezu ohne Hilfestellung des Buches, begleitet von spielerischer Leichtigkeit und schweizerischem Dialekt, liest uns Capus aus seinem Roman vor, der vom Leben des Barbesitzers Max, seiner Frau Tina und der „unübersichtlichen“ Anzahl an Söhnen erzählt. Es entfaltet sich ein interessantes Spiel aus Fiktion und Realität. Alltäglichkeiten, wie wir sie alle kennen und die sich dennoch höchst charmant präsentieren.

Alex Capus: „Es steht Roman vorne drauf, also ist auch Roman drin.“

Es ist eine Geschichte, die Spiegelungen von Capus Leben enthält, der selbst im schweizerischen Olten eine kleine Bar (Bar Galicia) besitzt und dort montags hinterm Tresen steht. Doch der Autor betont, es sei nicht seine, sondern die Geschichte von Protagonist Max. Er sehe dem Helden lediglich ähnlich.

Während die Schweizer Presse sein neuestes Werk sehr gut angenommen hat, vernimmt man seit ein paar Tagen in den sozialen Netzwerken Unruhen unter Lesern und Bloggern. Capus Werk sei diskriminierend, er konfrontiere die Leser mit einem bestimmten Frauenbild. Außerdem sei die Geschichte langweilig und verlöre sich in nichtssagenden Alltäglichkeiten.

Alex Capus: „Frauen unter 40 machen mit Angst, die haben so gewalttätige Gefühle.“

Ich muss gestehen, dass ich das Werk bis dato lediglich angelesen und noch nicht vollständig gelesen habe. Vielleicht hat mir aber gerade diese literarische Jungfräulichkeit ermöglicht, vorbehaltslos den Textstellen und Anekdoten Capus‘ zu lauschen, die sich mir keineswegs frauenfeindlich oder langweilig, sondern vielmehr bewusst überspitzt und höchst charmant präsentiert haben.

Was in Capus Roman durchblitzt, ist eine tiefempfundene Liebe zu der Ehefrau und zum Leben. Dass so ein 25-jähriges Eheleben auch mal die eine oder andere Unstimmigkeit mit sich bringt, scheint mir legitim, weswegen ich es dem Protagonist Max nachsehen kann, dass er sich bei Touren um den Block von Unmut und in sich schlummernden Schimpftiraden für seine Frau befreit. Es ist die Geschäftsreise seiner Frau die Max ihre fehlende Präsenz und seine tiefe Liebe zu ihr und der gemeinsamen Familie bewusst macht. Tapfer nimmt er sich seinem Baralltag an, empfängt tagsüber strandende Freunde, bringt Altglas vom Vortag weg, repariert Mobiliar und bringt verstecktes Fischgrätenparkett zum Vorschein, bis die Bar in den Abendstunden seine Türen öffnet.

„Der Capus klaut Türen.“

Doch der Abend offenbart uns nicht nur eine Reihe ausgewählter Textstellen aus dem Roman, sondern auch zahlreiche Anekdoten aus Capus‘ Leben, der nachts heimlich Türen für das Nachbarschaftshaus klaut, die Schicksalshaftigkeit eines Wirbelsturmes namens Lotar kennenlernt und mit seinem Freund Vincenzo über die Funktionalität einer Ampel philosophiert. Darüber hinaus widmet sich Capus den Fragen die während der Lesung von den Lovelybooks Nutzern eintrudeln. Die Fiktion, auf die Capus während seiner Lesung wiederholt hinweist, trifft den Schriftsteller während des gesamten Abends frontal. Irgendwie scheint es das Leben mit Alex Capus recht gut zu meinen, oder Alex Capus mit dem Leben.

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Mein Dank für diesen wundervollen Abend gilt dem Team von Lovelybooks, dem Carl Hanser Verlag und Bloggerkollegen Arndt für die charmante Begleitung. Und da vier Augen immer mehr sehen und vier Ohren immer mehr hören als zwei, gibt’s hier noch Arndts Impressionen obendrauf. Den Stream von Lovelybooks könnt ihr euch hier jederzeit noch einmal ansehen.

Alex Capus: „In einer Bar trifft man die Menschen nicht immer in ihren besten Momenten an.“

Schicksal auf Rollen

lesenslust über „Riviera Express“ von Gaëlle Josse

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Der sagenumwobene Riviera Express verkehrt zwischen Frankreich und Moskau. In fünf Tagen durchkreuzt er sieben Länder und passiert dabei rund dreißig Stationen. Eine Reise, die niemals dieselbe ist. Denn es sind die Lebensgeschichten seiner Passagiere, die sie so besonders macht. Ihre Geschichten verflechten sich mit der des Zugs, spinnen ihr weitreichendes Netz über seine Gleise.

Auch das Leben von Anna und Irina, zweier Frauen, die im Abstand von über einem Jahrhundert mit dem Riviera Express reisen, lenkt der Zug in eine neue Richtung.

März, 1881: Voller Hoffnung steigt Anna in Nizza in den Zug. Sie fiebert der Endhaltestelle St. Petersburg entgegen. Dort möchte sie Dimitri endlich ihre Liebe gestehen. Dem Mann, der in ihr etwas sieht, das vielen anderen verborgen bleibt.

März, 2012: Irina reist in entgegengesetzte Richtung nach Nizza. Sie wird dort ihren zukünftigen Mann Enzo treffen, den sie bisher nur aus Briefen kennt. Für die mittellose Frau verkörpert er die Chance auf ein besseres Leben.

Doch es ist nicht nur die Erfüllung ihrer Träume, denen die Frauen mit jedem Kilometer näher kommen, sondern auch ihrem tiefen Inneren. Eine hochemotionale Reise gerät ins Rollen.

„Unsere Existenz wird durch das geprägt, was wir erlebt haben, durch die Ereignisse, die uns zugestoßen sind, die uns geformt oder für immer beschädigt haben. Ein scheinbar unbedeutender Vorfall kann sich ewig auswirken, so wie sich an der Wasseroberfläche kreisförmige Wellen bilden, noch lange nachdem der geworfene Stein im See verschwunden ist.“

Zitat, Seite 133/134

Gaëlle Josses Reise mit dem Riviera Express hat mich wirklich beeindruckt. Was Josse auf bescheidenen 140 Seiten an Emotionen aufwirbelt, füllt locker ein ganzes Leben. Ihr Roman, der sich über zwei Jahrhunderte erstreckt, begegnet dem Leser trotz emotionaler Schwere angenehm charmant und teilweise poetisch.

Als Riviera Express hat man mehrere Fernzüge bezeichnet, die zwischen 1900 und 1993 von diversen Städten im nördlichen Mitteleuropa zur Riviera fuhren. Bis 1993 war der Riviera Express ein von der CIWL betriebener Luxuszug zwischen Berlin und der Riviera. Er galt als einer der bekanntesten Luxuszüge. Die Reise in Josses Roman ist jedoch stark geprägt von der Gesellschaftsschicht seiner Protagonistinnen, die in Abteilen unterschiedlicher Klasse reisen.

„Ein seltsames Gefühl, morgens an irgendeinem Ort aufzuwachen, ohne zu wissen, wo. Ein eigenartiger Schwebezustand; mein Körper scheint losgelöst von seinen Bezugspunkten, von seinen Gewohnheiten, seinen Gesten. Als begänne das Leben ganz von vorn, doch plötzlich führt mir ein Gedanke, ein Detail, ein Objekt, auf das sich mein Blick richtet, vor Augen: Nein, alles ist noch genau wie zuvor, und ich nehme mein altes Leben wieder auf – wie ein Kleiderstück, das man am Vorabend auf einem Stuhl zurückgelassen hat.“

Zitat, Seite 57

Anna ist die Tochter einer reichen russischen aristokratischen Familie. Sie steigt im März 1881 gemeinsam mit ihrer Familie in den Zug um die Rückreise nach St. Petersburg anzutreten. Das gehobene Ambiente im Luxusabteil des Zuges ist ihnen wohlvertraut, man genießt hochwertige Kost und frönt dem Leben.

Irina hingegen, mittellos und alleinreisend, steigt im März 2012 in St. Petersburg in den Riviera Express, um ihrem bisherigen Leben zu entfliehen und in Nizza ein neues Leben zu beginnen. An der Seite eines Mannes, den sie nur aus Briefen kennt und der ihr dennoch bereits so nah zu stehen scheint, wie niemand anderes, will sie in eine bessere Zukunft starten.

Die Besonderheit dieser Reise liegt nicht im jeweiligen Ziel, sondern vielmehr in der Reise selbst. Denn während der Fahrt nimmt eine hochemotionale und schicksalsgetränkte Entwicklung ihren Lauf, die das Leben seiner Passagiere auf neuen Kurs lenkt.

Dank der Übersetzung von Mayela Gerhardt, die Josses französisches Original „Noces de Neige“ übersetzte, ist das Werk der zahlreich ausgezeichneten Autorin nun auch in Deutsch verfügbar. Josse erzählt uns auf höchst sensible Weise eine russisch-französische Geschichte die uns gleichermaßen berührt, wie entsetzt. Gekonnt spielt sie mit den Lebensgeschichten zweier Frauen, die sich zwar in erster Linie markant voneinander unterscheiden, letztendlich aber ineinander fließen. Sie sind beide von der Suche nach Glück und wahrer Liebe bestimmt.

„Geben Sie auf ihre Seele Acht, sie ist es, die uns Schönheit verleiht. Ihre Güte allein macht Sie schön, und zwar verlässlicher und andauernder als ein frischer Teint oder eine schmale Taille.“

Zitat, Seite 112

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