Ewig und eins..

lesenslust über “Ewig und eins” von Adriana Popescu

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„Es sind die Menschen, mit denen man sich umgibt, die das Leben mit Farbe und Musik füllen.“

Zitat, Seite 100

Sie waren das perfekte Dreiergespann: Ben, Jasper und Ella.

Doch das Leben kam dazwischen und riss die Drei auseinander. Ella und Ben, das große Traumpaar und Ella und Jasper, die engsten Freunde. Ellas Entschluss, nach dem Abitur nach New York auf eine der besten Ballettschulen der Welt zu gehen, ist folgenschwer. Denn er entzweit nicht nur ihre Beziehung zu Ben, sondern auch ihre Freundschaft zu Jasper. Von da an verändert sich alles in Ellas Leben. Eher zum Nachteil.

„Wenn man die Sterne nicht sieht, kann man auch nicht danach greifen.“

Zitat, Seite 148

Während Ben und Jasper über die Jahre hinweg in Kontakt bleiben, verfolgt Ella das Leben der beiden aus der Ferne. Nur durch Facebook erhascht sie Momentaufnahmen aus deren Leben. Von zwei Männern auf Erfolgskurs.

Einen wirklichen Abschied von Ben gab es nie. All die Worte blieben ungesagt. Zwei Herzen zerbrachen und mit ihnen die Hoffnung. Mit Ben verlor Ella ihre große Liebe und mit Jasper ihren engsten Vertrauten. Menschen, wie es sie nur einmal gibt.

Nach sieben Jahren Funkstille, treffen die Drei wieder aufeinander und ein emotionaler Roadtrip durch die Vergangenheit beginnt. Und je später der Abend wird, desto schneller pocht Ellas Herz.

Der Anfang von etwas Neuem oder ein Abschied für immer?

„Manchmal, wenn man Romane liest, wird etwas mit dem Wort ‚perfekt‘ beschrieben, und ich frage mich immer, wieso der Autor es nicht besser ausdrücken kann. Jetzt verstehe ich es. Weil es für manche Dinge im Leben eben keine Worte gibt.“

Zitat, Seite 302

Popescus Romane machen das Leben bunter. Sie sind aufwühlend, mitreißend und einfach nur herzerwärmend schön. Geschichten, wie sie das Leben schreibt, und sicherlich noch ein bisschen schöner. Auch mit ihrem neuen Roman schüttet die Autorin wieder eine gesamte Wagenladung voller Emotionen über mir aus. Ein emotionaler Roadtrip à la Popescu eben. So durchlebe ich sowohl Momente voller Unbeschwertheit und Freude als auch voller Verunsicherung und Schmerz. Die Wucht dieser Emotionen ergreift ihre Protagonisten ebenso sehr wie mich. Endlich begegne ich ihr wieder, der Gefühlsachterbahn auf dem Rummelplatz des Lebens.

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„Es heißt, wenn man scheitert, soll man da hingehen, wo man angefangen hat, wo es gut lief, und nochmal von vorne anfangen. Die meisten machen das nicht, weil es zu anstrengend ist, weil es zu viel Kraft kostet und weil man sich vorher eingestehen muss, dass man gescheitert ist. Dabei verpassen wir vielleicht die größte und beste Chance unseres Lebens, weil sie sich als vermeintliche Niederlage tarnt. Fehltritte, Stürze und Misserfolge von früher sind doch unterm Strich nichts weiter als alte Erinnerungen, die uns zu dem Menschen machen, der wir heute sind.“

Zitat, Seite 309

Es ist die Geschichte von Ella, Jasper und Ben, die Popescu in „Ewig und Eins“ erzählt. Eine neue Geschichte mit neuen Figuren, die mich nach „Lieblingsmomente“ und „Lieblingsgefühle“ nicht weniger verzaubert als ihre Vorgänger. Ihre Protagonisten schließt man bereits nach wenigen Zeilen ins Herz. Einen nach dem anderen. Denn Ella, Jasper und Ben sind grundverschieden und dennoch so ein perfektes Team. Mit der verträumten Ella, dem wagemutigen Ben und dem chaotischen Jasper, schenkt uns Popescu die gesamte Bandbreite an Persönlichkeiten.

„Das Leben ist keine Autobahn. Manchmal tut es auch die Landstraße oder ein Schotterweg.“

Zitat, Seite 264

„Ewig und eins“ erzählt uns nicht nur die Geschichte von aufrichtiger Freundschaft und der ersten großen Liebe, sondern auch vom Leben. Von falschen Entscheidungen und verpassten Chancen; von Wut, Trauer, Enttäuschung und auch von schmerzhafter Erkenntnis. Denn schließlich sind es die Begegnungen mit den Menschen, die das Leben so kostbar machen. Es sind all die Persönlichkeiten, die unserem Alltag Leben einhauchen. Menschen, die zu kostbaren Konstanten in unserem Leben werden und uns den nötigen Halt und Zuflucht schenken.

Mit den Worten eines Liebesbriefs und dem Songtext von Thomas Pegram verleiht Popescu ihrem Roman die perfekte musikalische Untermalung und das ganz besondere Sternbild der drei Freunde bringt die Geschichte zum Strahlen. „Ewig und eins“, ein neuer Stern am Literaturhimmel und ein neues Herzensbuch in meinem Regal. Ich danke dir, liebe Adriana.

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„Es gibt für jede Aufführung, für jede Choreografie den richtigen Partner. Für diesen Lebensmoment gibt es nur einen perfekten Partner, und die Wucht, mit der mich diese Erkenntnis trifft, erinnert stark an eine Tsunamiwelle.“

Zitat, Seite 259

„Immer glauben wir, es müsste dieser eine übergroße Moment sein: ein Blick, eine Berührung, und man ist unsterblich verliebt, schlagartig und wie vom Blitz getroffen. Was aber, wenn das nur ein haltloser Mythos ist? Was, wenn Liebe sich einen Weg in unser Leben sucht und langsam eine Gefühlsnetz um uns spinnt, bis es nicht mehr wegzudenken ist? Und ohne dass wir es merken.“

Zitat, Seite 275

<3 <3 <3 <3 <3

 

 

Ein schicksalhaftes Haus..

lesenslust über “Der gestohlene Sommer” von Lauren Willig

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„Julia konnte sich der Faszination des alten Hauses und seiner verstaubten Erinnerungen nicht entziehen: Topfhüte und zerfledderte Zeitungen, Knopfstiefel und Briefe mit Eingangsfloskeln wie aus einem Benimmbuch aus edwardianischer Zeit.“

Zitat, Seite 107

Ein uraltes Haus in Herne Hill.

Der Ort, an dem die Schicksale zweier Frauen miteinander verwoben sind.

Hier hat alles seinen Ursprung.

– New York, 2009 –

Julia Conley erbt ein uraltes Haus in der Nähe von London, in dem ihre verstorbene Mutter groß geworden ist. Im verstaubten Anwesen von Tante Regina stößt sie auf das Porträt einer jungen Frau mit verlorenem Blick und ein Gemälde aus den Anfängen der Präraffaelitischen Bruderschaft. Fortan wird sie mit Erinnerungsfetzen aus ihrer Kindheit konfrontiert, die ihr fremd sind. Sie ordnet sie Tagträumereien zu, doch als sie immer wiederkehren, kommt sie ins Grübeln. Sind es tief verwurzelte Momentaufnahmen aus ihrer Kindheit?

„In Julia entstand der Verdacht, dass alles, womit sie selbst sich umgeben hatte, nicht mehr gewesen war, als Kulisse, die so lange überzeugend wirkte, bis man ihr einen Stoß versetzte und alles zusammenklappte.“

Zitat, Seite 38

– Herne Hill, 1849 – 

Imogen ist jung und naiv, als sie sich trotz der Bedenken ihres kranken Vaters auf die Ehe mit dem weitaus älteren Kunstliebhaber Arthur Graham einlässt. Sie träumt von tiefer Liebe und unbändiger Leidenschaft. Doch der anfänglichen Euphorie weicht schon bald eine ernüchternde Realität. Einsame und ungeliebte Jahre beginnen für Imogen, in denen sie zum Besitz des mürrischen Kunsthändlers zählt. Erst als der junge Maler Gavin Thorne sie porträtiert, erfährt sie, was wahre Begierde und Leidenschaft ist und ein waghalsiges Unterfangen beginnt.

„Es gab Momente, da hätte sie Arthur am liebsten angeschrien, ihn dafür beschimpft, dass er ihr das alles genommen hatte, dass er ihre Jugend gestohlen hatte und sich auch noch einbildete, er hätte sie gerettet und sie müsste ihm ewig dankbar sein – für all das, womit er sie so hochherzig beschenkte: die Goldketten, die sie erstickten, die verschwenderischen Kleider, die sie einengten, opulente Mahlzeiten, die ihr im Hals stecken blieben, für diese Überfülle, die ihr keine Luft zum Atmen ließ.”

Zitat, Seite 119/120

„Das Klopfen der Bäume an den Fensterscheiben, das Rauschen des Windes und des Regens klangen sehr laut in der Stille, das in den graugelben Dämmerschein des trüben Regentages eingehüllte Zimmer schien wie von der Welt abgeschnitten. Imogen wurde sich plötzlich bewusst, dass sie ganz allein mit diesem Mann war, durch nichts als eine Staffelei von ihm getrennt.“

Zitat, Seite 178/179

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Lauren Willig bedient sich in ihrem Roman “Der gestohlene Sommer” eines alten verstaubten Anwesens in Herne Hill als Schauplatz. Hier finden die Geschichten zweier Frauen, zwischen denen 160 Jahre liegen, zueinander. Es sind die Geschichten von Imogen und Julia.

Willig verleiht ihren Protagonistinnen ähnliche Naturelle. Beide Frauen sind sowohl von Willensstärke als auch von kindlicher Zerbrechlichkeit erfüllt. Dramatische Ereignisse aus der Kindheit prägen sie und hinterlassen Spuren in ihrer Persönlichkeit. Ihre Unsicherheit ist auf jeder Seite präsent.  Diese spürbare Verletzlichkeit macht es dem Leser recht einfach, sich in die Lage beider Frauen hineinzuversetzen und sich ohne Probleme auf die Geschichte einzulassen.

Durch abwechselnde Erzählstränge aus Vergangenheit und Gegenwart wird die Geschichte sehr lebendig gestaltet. Nach und nach setzen sich die Dinge wie Bausteine aneinander und offene Fragen werden beantwortet. Doch leider behält die Autorin nicht all die zahlreichen Fäden zusammen, die sie im Verlauf der Geschichte aufnimmt. Manche Fäden entgleiten ihr. Sie wird schusselig und hinterlässt dadurch ungelöste und fragwürdige Konstellationen, die wie Fragezeichen im Raum schweben. Leider wirkt der Roman dadurch etwas unausgewogen.

Die Sprache der Autorin gefiel mir recht gut, da sie den jeweiligen Zeitepochen angepasst schien. Während die Passagen aus der Vergangenheit etwas altertümlicher zu lesen sind, präsentieren sich die Zeilen der Gegenwart sehr modern und zeitgemäß. Die Zeilen zwischen Imogen und Gavin sind mir dabei sehr ans Herz gewachsen, weil sie von purer Emotion getränkt sind. Leidenschaft, Begierde und aufrichtige Liebe werden zum Mittelpunkt ihres Miteinanders. Die Gefühle füreinander wachsen sehr behutsam, bevor sie sich letztendlich zu ihrer vollen Blüte entfalten.

„Gavin überkam plötzlich ein wildes Verlangen, seine Lippen auf das Grübchen an ihrem Hals zu pressen , auf jene Stelle, wo noch ihre Worte nachbebten. Er wollte seine Finger in die glänzende dunkle Fülle ihres Haares graben und es aus den Nadeln lösen, bis es ihm wie Seide über die Hände floss, wollte sie an sich ziehen und ihren Mund mit seinem bedecken, sie küssen, bis die Welt sich in betäubendem Wirbel um sie drehte und das Zwitschern der Vögel übertönt wurde vom ungestümem Schlag ihrer Herzen.“

Zitat, Seite 199

„Liebe. Sie sprachen nicht von Liebe; das war eine stillschweigende Vereinbarung. Es gab keine Zukunft für sie, und sie wussten es beide. Dies war geliehene Zeit, gestohlene Zeit, so sehr Phantasie wie das Kleid, das sie trug, wie die Requisiten, die sich in der Ecke stapelten, nichts davon geeignet, den Prüfungen der Zeit standzuhalten.“

Zitat, Seite 252

Lauren Willig hat einen atmosphärischen Roman geschaffen, der trotz kleiner Unstimmigkeiten zu fesseln vermag. Die Zeitreise nach Herne Hill lässt mich insgeheim davon träumen, ein verstaubtes Anwesen zu erben und auf die Spur seiner Geheimnisse zu kommen.

<3 <3 <3 <3

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Von Büchern und Begegnungen..

lesenslust über “Mr. Lawrence, mein Fahrrad und ich” von Shelly King

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“Bücher verändern das Leben eines Menschen nicht – zumindest nicht, wie man im Allgemeinen glaubt. Auf Messers Schneide zu lesen, während man Erster Klasse zum Meditieren in ein Luxushotel fliegt, oder Himmel über der Wüste, während man frisch geschieden den Spuren des Schnees am Kilimandscharo folgt, bringt auch nicht mehr Erleuchtung, als sich in Disneylands rotierenden Teetassen ein Schleudertrauma zu holen.

Doch die Leute kommen immer noch in die Buchhandlung und fragen mich nach einem Elixier aus Papier und Wörtern, das ihre Enttäuschungen lindern und ihre erloschenen Leidenschaften zu neuem Leben erwecken könnte. Sie kommen, weil sie glauben, ein Buch habe mein Leben verändert. Keiner von ihnen begreift, dass es nicht das Buch war, das dies bewirkt hat.”

Zitat, Seite 9

Maggie steht vor dem Nichts, als sie ihren gutbezahlten Job bei einem kalifornischen Internet-Start-up verliert. Doch anstatt sich nach einem neuen Job umzusehen, verbringt sie ihre neu gewonnene Freizeit lieber im verstaubten Antiquariat Dragonfly um die Ecke, um sich dort ihren heißgeliebten Schmonzetten zu widmen. Dem alten chaotischen Buchladen ihres schrulligen Nachbarn Henry fühlt sie sich auf Anhieb verbunden.

Doch das Dragonfly beherbergt nicht nur eine Reihe alter Ausgaben von Klassikern verschiedener Genres sondern auch einen bunten Haufen chaotischer Bücherfreaks, die sich in den Räumlichkeiten des alten Antiquariats, das im Gegensatz zu seinem Mitbewerber Apollo Books vis-à-vis abseits von digitalen Trends bewegt, ihrer Leidenschaft fürs Lesen nachgehen.

“Die Bücher im Dragonfly sind durch viele Hände gegangen und werden durch weitere gehen. Sie riechen nach menschlicher Berührung und nach all den Möglichkeiten, die eine solche mit sich bringt.”

Zitat, Seite 332

Hier stöbert Henry für Maggie eine zerfledderte Ausgabe von Lady Chatterley auf, mit dem sie laut Aussage ihres besten Freunds im Lesezirkel einer der wichtigsten Geschäftsfrauen von Silicon Valley punkten und so ihren alten Job zurückergattern soll. Doch als Maggie die uralte Ausgabe des Dragonfly näher in Augenschein nimmt, stößt sie auf die handschriftlichen Notizen von zwei unbekannten Liebenden, die sie unvermittelt in ihren Bann ziehen und nicht mehr loslassen.

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Noch ahnt sie nicht, dass die rührenden Zeilen der Unbekannten ihr ungeahnte Türen in ihrem eigenen Leben öffnen werden und dass die Begegnung mit dem indischen Fahrradfreak Rajhit für ein leidenschaftliches Unterfangen sorgen wird.

“Für das Meer ist es nicht wichtig, wen es schluckt. Ob Engel oder Sünder, den Fluten ist das gleichgültig.”

Zitat, Seite 44

Shelly King hat mir mit ihrem liebevollen Debüt ein neues Herzensbuch geschenkt und für mein erstes großes Lesehighlight in diesem Jahr gesorgt. Ihre Geschichte präsentiert sich dem Leser wie ein lebendiges Theaterstück, das sich um ein altes verstaubtes Antiquariat dreht. Die alte Buchhandlung beherbergt dabei nicht nur eine Menge alter Bücher sondern auch eine Fülle an Begegnungen. Begegnungen, hinter den sich farbenfrohe Persönlichkeiten verbergen. In diesen bunten Haufen von Bücherfreaks fügt sich Maggie, die Protagonistin, innerhalb kürzester Zeit wie von selbst ein.

“Für mich war Geld etwas, das man an der Kasse von Leuten bekam oder ihnen als Wechselgeld herausgab. Es ging – wie eine Schrittlaube, die man aus alten Teilen zusammengebaut hat – von einer Hand zur nächsten und klimperte, wenn man es in eine Sparbüchse warf. Die Zahlen, von denen hier die Rede war, wren zu flink, um ein Geräusch zu machen. Sie waren Lichtjahre, die man in einem Raumschiff durchquert.”

Seite 320

Mit der Lage des Dragonfly, in direkter Nachbarschaft von Apollo Books, dem modernen Pendant der alten Buchhandlung, greift die Autorin King geschickt die “Amazon vs. Buchhandel – Thematik” auf und veranschaulicht so sehr deutlich, welche Druck der Marktgigant Amazon auf den kleinen privaten Buchhandel ausübt.

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“Es ist kein Buchladen, sondern ein Mysterium. Man weiß nie, was man darin findet. Apollo ist vorhersehbar wie ein genau parzelliertes Grundstück. Dagegen ist das Dragonfly eine mittelalterliche Festung, zu der es keinen Stadtplan gibt. An jeder Ecke wartet das Unbekannte.”

Seite 67

Doch Kings Geschichte erzählt nicht nur von der Entwicklung eines alten Antiquariats und seinen abgewohnten Büchern, sondern auch vom Reifeprozess einer jungen Frau, die ihren Weg im Leben noch nicht gefunden hat. An der Seite von Henry verhilft sie dem Dragonfly zu neuer Blüte und findet dabei auch zu sich selbst. Die Besucher des Dragonfly werden dabei zu Maggies festen Wegbegleitern.

Mit der Liebesgeschichte zwischen Maggie und dem indischen Fahrradfreak Rajhit verleiht King ihrem Roman die Prise Andersartigkeit, das ihn vom vertrauten Weg abkommen lässt und ihn um eine wunderbare und ungewöhnliche Geschmacksnuance ergänzt.

“Liebe. Das Wort schien sich in mir zu entfalten wie ein Brief, den man aufklappt. Liebe. Ich könnte es sagen. Genau in diesem Moment. Es müsste ja nicht für ewig sein. Menschen verlieben und entlieben sich. Das war nicht anders. Es würde ein unausgesprochenes ‘für den Moment’ geben. Das würde er verstehen. Ich kostete die Worte in meinem Mund, und sie schmeckten nach Salz und nach Meer, weil sie eine so weite Strecke durch das Leben anderer Menschen hinter sich gebracht hatten, um endlich bei mir anzukommen.”

Zitat, Seite 228

Mit “Mr. Lawrence, mein Fahrrad und ich” ist King ein leiser und gefühlvoller Roman gelungen, der ohne Spektakulärem auskommt. Er begegnet dem Leser wie eine Hommage an das gute alte Buch, der Liebe und das Leben selbst. Die Autorin bedient sich dabei einer sehr poetischen und zugleich direkten Sprache, die ihrem Buch zu Authentizität verhilft. Ein ganz und gar bezauberndes Buch liebe Mrs. King!

“Das Problem bei gebrauchten Büchern ist, dass sie ihre Vergangenheit mit sich herumtragen. Sie werden nicht druckfrisch in Kisten verpackt und in einen Laden geschickt, sondern Leute überlassen sie uns, die sie nicht mehr haben wollen. Wie Waisenkinder aus einem Dickens-Roman. Sie werden ausrangiert, wenn ihre Besitzer ihr Leben verändern. (…) Wir müssen sie von ihrem früheren Leben befreien, damit sie zu denen weitergehen können, die sie wirklich wollen.”

Zitat, Seite 172/173

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Meine Empfehlungen zum Welttag des Buches

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Hallo ihr Lieben,

am Welttag des Buches feiern wir alle zusammen die Liebe zum Buch.

Dieses Jahr schreibt der 1995 von der UNESCO erklärte weltweite Feiertag für das Lesen, für Bücher und die Rechte der Autoren bereits sein 20. Jubiläum und lädt uns alle ein, mitzufeiern.

Meine Leidenschaft für Bücher wurde bereits im Kindesalter entflammt. Bücher waren und sind mir stete Wegbegleiter, die mir vor allem während meiner Entwicklung von Klein zu Groß besonders lieb und teuer waren. Sie haben mir nicht nur wertvolles Wissen vermittelt, sondern auch fantasievolle Abenteuerreisen in fremde Welten geschenkt.

Bücher sind wie wertvolle Schatzkisten! <3

Es liegt mir daher heute (und an all den anderen Tagen im Jahr ebenso) am Herzen, bereits bei den Kleinen unter uns die Lust auf das Lesen zu wecken und unsere Leidenschaft für Bücher an sie weiterzugeben.

Liebe Eltern, Großeltern, Tanten und Onkel (…), ich wünsche mir daher, dass ihr diesen Tag nutzt, um euren Kleinen einen besonderen Herzenswunsch in Sachen Bücher zu erfüllen. Nehmt sie bei der Hand, fahrt in die Buchhandlung eures Vertrauens und kauft euch euren gemeinsamen persönlichen Schatz.

Und für die unter euch, die ein paar Anregungen brauchen, habe ich anlässlich des heutigen Feiertages ein paar meiner Kinder- und Jugenbuchhighlights zusammengefasst:

Aktion zum Welttag des Buches 2015: Mein Herzbuch

Zum 20-jährigen Welttags-Jubiläum haben der Börsenverein des Deutschen Buchhandels mit der Kampagne Vorsicht Buch! und die Stiftung Lesen unter www.meinherzbuch.de eine virtuelle Fotowand eingerichtet. Lesebegeisterte jeden Alters sind dazu aufgerufen, auf dieser Seite ein Bild von sich mit einem ihrer Lieblingsbücher aus den letzten 20 Jahren sowie ein kurzes Statement zu posten und so Teil der Welttags-Bewegung zu werden.

Viel Spaß beim Lesen!

Man liest sich,

eure Steffi.

Der Teufel trägt Prada auf literarisch..

lesenslust über “Lieber Mr. Salinger” von Joanna Rakoff

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“Keine Anthologien. Keine Auszüge. Wer Salinger lesen will, muss seine Bücher kaufen.”

Zitat, Seite 74

Frisch von der Uni ergattert Joanna ihren ersten richtigen Job als Assistentin bei Little Brown, einer Literaturagentur, die J.D. Salinger vertritt. Joanna, die den legendären “Fänger im Roggen” nicht gelesen hat, begreift erst sehr viel später, wer dieser vielbesagte Jerry ist, dessen Anrufe sie regelmäßig entgegennimmt und mit dem sie laut ihrer Chefin nicht mehr als nötig sprechen darf: Jerome (Jerry) David Salinger.

So hangelt sich Joanna von Auftrag zu Auftrag ihrer Chefin, tippt sich beim Schreiben der geschäftlichen Korrespondenz die Finger wund und schwimmt täglich durch ein Meer von Fanbriefen an Salinger. Stets bemüht, den Anforderungen ihrer exzentrischen Chefin gerecht zu werden, steht sie im täglichen Kampf mit ihrer Arbeit und sich selbst.

“Ich las gerade Jean Rhys und identifizierte mich mit ihren so hinreißend in Not geratenen Heldinnen, die sich wochenlang von nichts als Croissants und Café crème ernährten, zum Frühstück in den Hotels serviert, deren Miete als Gegenleistung für beendete Affären von verheirateten Ex-Lovern beglichen wurde. Ich ahnte, dass meine Chefin Jean Rhys nicht gutheißen würde.”

Zitat, Seite 22/23

Auch ihr Privatleben bringt tägliche Herausforderungen mit sich: Sie zieht mit Don, einem selbstverliebten Profiboxer in eine billige Wohnung mit unebenem Boden, einer Küche ohne Spüle und einer nicht funktionierenden Heizung. Ihre gemeinsamen Freunde scheinen sich langsam aber sicher zu entfremden, das Geld ist knapp und die Liebe zwischen den beiden kommt meist viel zu kurz.

“Don umgab sich mit Narren – mit Gebrochenen, Versagern, Menschen, die traurig waren oder labil -, damit er ihr König sein konnte. Was ihn fraglos zum König der Narren machte.”

Zitat, Seite 185

Doch mit jedem Leserbrief wird Joanna neugieriger und selbstbewusster und es dauert nicht lange, bis auch sie für Salingers Zeilen lebt. Seine Bücher und Anrufe werden zu einem unverzichtbaren Bestandteil in ihrem Leben. Und ehe sie sich versieht, steht sie vor der Entscheidung ihres Lebens.

“Schließlich wurde mir klar, dass ich schlicht und ergreifend kein Individuum für sie war, sondern eine Funktion. (…) Wir waren Einwegartikel, austauschbar in unseren Wollröcken und College-Krawatten, die Augen glänzend vor kindischer Begeisterung für Bücher. Sie hatte keine Verwendung für uns. In einem Jahr würden wir wieder weg sein.”

Zitat, Seite 114

Joanna Rakoff entführt uns in “Lieber Mr. Salinger” auf eine Reise in ihre Vergangenheit. Es ist ihr persönliches Salinger-Jahr, von dem sie berichtet. Es ist die Geschichte einer persönlichen Entwicklung; einer Begegnung, die eine junge Frau lernen ließ, über sich hinaus zu wachsen und  ihre Träume zu verwirklichen.

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Leisen Schrittes bewegen wir uns über einen dunklen mit Bücherregalen übersäten Korridor einer Literaturagentur, auf dem Staubflusen im Lichtkegel einer geöffneten Tür tanzen und eine andächtige Ruhe herrscht. Die Zeit scheint still zu stehen, an dem Ort, der uns wie ein Dickens Roman durch ein New York vergangener Zeiten führt. Hier begegnet man der digitalen Revolution noch mit Skepsis und vertraut auf die gute alte Schreibmaschine.

Hier wagt Joanna das erste Mal einen Blick in Salingers legendäre Werke, die in jedem Regal so selbstverständlich ihren Platz haben, dass man sie fast übersieht. Bis dato hatte Joanna sie zwar in zahlreichen Händen von Freunden und Familienangehörigen gesehen, sie aber nie selbst gelesen. Es sind Werke wie “Der Fänger im Roggen”, “Franny und Zooey” oder “Neun Erzählungen”. Werke, die Anatomien des Verlustes beherbergen und die sich zu den besonderen Sorgen und Probleme der Jugend äußern. Bücher, die für viele Menschen zu einem treuen Weggefährten wurden und Zeilen in sich tragen, die mitten ins Herz gehen.

“Salinger war nicht kitschig. Seine Werke waren nicht nostalgisch. Es waren keine Märchen über irgendwelche genialen Kinder, die durch die Straßen des alten New York flanierten. Salinger war nicht annähernd so, wie ich gedacht hatte. (…) Salinger war knallhart. Knallhart, witzig und sehr genau. Ich war Feuer und Flamme für ihn und für alles, was er geschrieben hatte.”

Zitat, Seite 234

“Wenn man Salinger liest, ist es nicht so, als läse man eine Erzählung; es ist, als flüsterte einem Salinger höchstpersönlich seine Geschichten ins Ohr. Die Welt, die er in seinen Texten erschafft, ist greifbar, real und zugleich so wunderbar überhöht, als wandelte er mit frei liegenden Nervenenden auf Erden. Salinger zu lesen ist ein so intimer Akt, dass man sich dabei hin und wieder unbehaglich fühlt. Seine Figuren sitzen nicht herum und denken über Selbstmord nach. Sie nehmen die Pistolen und schießen sich in den Kopf.”

Zitat, Seite 240

Schreibmaschine

Mit leisen und behutsamen Tönen erzählt Joanna von ihrem ereignisreichen Jahr in der Literaturagentur von J.D. Salinger. Ein Jahr voll unerbittlicher Einsichten und persönlicher Kämpfe. “Lieber Mr. Salinger” berichtet über die prägende Begegnung mit einem Autor, dessen Worte nicht nur für zahlreiche Menschen, sondern auch für Joanna selbst von unerschöpflichem Wert wurden. Worte, die ihr bei ihrer persönlichen Entwicklung halfen und sie über sich hinaus wachsen ließen.

Ihre Reise in ein New York vergangener Zeiten wird zu einem Exkurs in die Verlagsgeschichte der 90er Jahre. Die atmosphärischen Zeilen geben dem Leser einen authentischen Einblick in ein Zeitalter, wo Bücher noch ein seltenes Luxusgut und der Zugang zu hochwertiger Literatur ein großes Privileg war. Es erzählt von der Kraft der Literatur und ist eine Liebeserklärung an das geschriebene Wort.

“Dies war nicht das New York von Woody Allen, das New York der Hochhäuser und Portiers, der großen Träume und Hollywood-Bildmontagen. Aber es war mein New York. Und ich liebte es.

Zitat, Seite 164

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Magic coins..

lesenslust über “Stuart Horten – Acht alte Münzen und eine magische Werkstatt” von Lissa Evans

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Ich muss weg, und es kann sein, dass ich nicht mehr zurückkehre. Wenn ich nicht wiederkomme, gehört meine Werkstatt und alles, was sich darin befindet, dir – wenn du sie finden kannst. Und wenn du sie findest, dann bist du auch der Richtige dafür.

Zitat aus dem Buch

Stuart ist für seine zehn Jahre etwas klein geraten. Aber dass die wahre Größe eines Menschen nicht von der Körpergröße abhängt, hat schon sein Onkel Kenny, der klitzekleine Kenny Horten, unter Beweis gestellt. Als Magier und Erfinder von mirakulösen Mechanismen wurde er in Beeton, dem Ort, in den Stuart mit seinen Eltern zieht, berühmt. Als Stuart herausfindet, dass Onkel Kenny im zweiten Weltkrieg plötzlich wie vom Erdboden verschluckt schien, ist ist er Feuer und Flamme, der Sache auf den Grund zu gehen.

In der Schatulle seines Vaters, einem Geschenk von Onkel Kenny, entdeckt er eine Nachricht seines Onkels, die auf Onkel Kennys magische Werkstatt hinweist. Neben dem Zettel findet er acht alte Three-Penny-Münzen in der Dose. Stuart will unbedingt wissen, was es mit ihnen auf sich hat. Auf der Suche nach der Werkstatt, stößt er auf acht alte Automaten aus der mirakulösen Horten-Fabrik, die ihm auf mysteriöse Weise einen Weg zeigen. Und ehe sich Stuart versieht, befindet er sich auf einer abenteuerlichen Entdeckungsreise durch Beeton. Kann er die magische Werkstatt des Onkels finden?

Wenn etwas schließt, klickt oder dreht, dann steht Horten auf dem Gerät. Münze rein und mit einem Klick kommt ein Geschenk – aus der Horton-Fabrik!

Zitat aus dem Buch

Lissa Evans hat mit “Stuart Horten – Acht alte Münzen und eine magische Werkstatt” eine magische Abenteuergeschichte für Kinder geschaffen. Mit Stuart ist ihr ein liebevoll gezeichneter kleiner Jungen gelungen, an dessen Seite man sich neugierig auf die Entdeckungsreise durch Beeton machen darf. Von der Nachricht des Onkels angetrieben, streifen wir durch die Beetoner Stadtgeschichte: Wir schnüffeln auf privaten Geländen und in heruntergekommenen Gebäuden herum, beäugen alte Mechanismen und lernen schräge Persönlichkeiten kennen. Dubiose und fantastische Dinge begeistern während der Geschichte. So erwachen selbst kaputte Telefone wieder zum Leben und alte Apparaturen klimpern um die Wette.

In der ihm anfangs lästigen schlauen April der Nachbarsdrillinge April, May und June und der blinden alten Leonora findet Stuart schnell Verbündete. Voller Neugier machen sie sich gemeinsam auf die abenteuerliche Suche nach der versteckten Werkstatt. Dass ihm die acht alten Münzen aus der Schatulle des Onkels dabei hilfreich sein werden, ahnt Stuart und auch der Leser schnell. Aber das tut der magischen und knisternden Stimmung keinen Abbruch. Auf dem Cover und am Anfang jedes Kapitels findet man liebevolle Illustrationen von Temujin Doran, die dem jeweiligen Inhalt an Ausdruck verleihen, meines Erachtens aber ruhig etwas üppiger hätten ausfallen dürfen. Wobei die kleinen bescheidenen Zeichnungen sicherlich dafür sorgen, dass eigens die Fantasie des Lesers für die nötigen Bilder im Kopf sorgt.

Evans Geschichte liest sich leicht und flüssig. Ohne Probleme lassen sich die einzelnen Handlungsstränge miteinander verknüpfen. Durch den spannenden und abwechslungsreichen Verlauf ist die Geschichte sowohl für abenteuerlustige Kinder als auch für fantasievolle Erwachsene ein kurzweiliges Lesevergnügen. Mit dem Nachfolgeroman “Stuart Horten – Sieben Rätsel und ein magischer Stern” lässt Evans Stuart erneut auf Reisen gehen.

<3 <3 <3 <3

Diese Rezension ist als Gastrezension bei der Bibliophilin erschienen.

Abgebrochen: die Pfaueninsel

lesenslust über “Die Pfaueninsel” von Thomas Hettche

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“Hier […] vermischen Vergangenheit und Zukunft sich auf besondere Weise, denn zwar verbindet die Havel die Auen des Spreewaldes mit denen der Elbe, gerade hier aber scheint ihr Wasser stillzustehen in einer Kette dunkler Seen und sich unter den schattig verhangenen Blätterdächern von Traubeneichen, Flatterulmen und Rotbuchen zu verlieren, in Auenwäldern, feuchten Erlenbrüchen, unter Grauweiden.”
Zitat, Seite 7/8
Hettches erzählerische Essays scheinen vielen Lesern vertraut. Sein Stil wird als außergewöhnlich bezeichnet und die Diskussionen darum scheinen den Autor, der um die Anerkennung als wahrer Erzähler kämpft, zu verärgern. In seinem neuesten Werk “Die Pfaueninsel”, das es auf die Shortlist für den Deutschen Buchpreis 2014 geschafft hat und mit dem Wilhelm Raabe – Literaturpreis 2014 ausgezeichnet wurde, präsentiert er eine wilde Mischung aus modernem Märchen, historischer Kulturgeschichte und tragischer Liebesgeschichte.
“Nichts auf der Pfaueninsel steht sicher in seiner Zeit. Jede Geschichte beginnt lange, bevor sie anfängt.”
Zitat, Seite 8
Nun, was die Rolle des Erzählers angeht, meistert Hettche sie ohne Frage. Doch für jeglichen Rest in dieser Geschichte kann ich mir nur bedingt Begeisterung abringen. Ich habe die “Mission Pfaueninsel” daher nach 100 Seiten, und damit nur einem Drittel des Buches, höchst verstört abgebrochen. Eine Entscheidung, die mir nicht leicht gefallen ist, weil mir die vielen begeisterten Leserstimmen noch im Gedächtnis geblieben waren. Und dennoch, scheinbar genau die richtige.

Ich werde daher meine innerhalb dieser 100 Seiten entstandenen Eindrücke zum Ausdruck bringen, um sie jenen Lesern unter euch, die ihren Lesegeschmack dem meinen zuordnen würden, als Orientierung zu schenken um sie vor einem etwaigen Fehlgriff zu bewahren.

Die Geschichte spielt sich auf ebenjener Pfaueninsel in der Havel, im Südwesten Berlins ab, deren riesiger und unter Naturschutzgebiet stehender Landschaftspark als UNESCO Weltkulturerbe gilt und sowohl dem Buch als Titel als auch den Figuren des Romans als verwunschener Schauplatz dient. Hettches Roman bedient sich lebendigen Beschreibungen über exotische Pflanzen, wilde Tiere und außergewöhnlichen Lebensräumen. Er streut sie gut überlegt in seinen Roman, doch scheint sich schwerpunktmäßig auf die Figuren der Erzählung, allen voran der Zwergin Marie, zu konzentrieren. Es ist ihre Geschichte.

Marie, die als sechsjähriges Waisenkind, zusammen mit ihrem Zwergenbruder Christian, auf die Insel gelangt, dient Hettche als zentrale Leitfigur. Die Geschichte ist daher größtenteils aus der Perspektive des kleinwüchsigen Schlossfräuleins erzählt, deren persönliche Entwicklung mit der Entwicklung der Insel fest verwoben ist. Die Erzählung beginnt wie ein modernes Märchen. Sie berichtet von der schockierenden Begegnung des Zwergen Christian mit Königin Luise, die sich beim Anblick des verschrumbelten Zwergenmännleins zu dem Ausruf “Monster” hinreißen lässt und kaum acht Wochen nach der Begegnung stirbt. Scheinbare Folgen eines Schocks.

“Es rufen Orte in uns ganz dieselben Gefühle hervor wie Menschen, man vertraut einer Landschaft wie einem Freund, ein Gesicht, das man zum ersten Mal sieht, behagt einem, oder eben nicht. An bestimmten Orten empfinden wir Mißtrauen und Furcht als schwer erträgliche körperliche Nähe, ohne daß diese Nähe Augen hätte und ein Gesicht.”
Zitat, Seite 11/12

Doch für die Zwergengeschwister bleibt diese königliche Begegnung nicht ohne Folgen. Denn die hässlich mönströse Bezeichnung der Königin soll die Zwergengeschwister fortan durchs Leben begleiten und hinterlässt tiefe Spuren. Sie leben ein Leben als Kuriosität und orientieren sich daher lieber aneinander. Diese innige Geschwisterliebe nimmt im Verlaufe der Geschichte seltsam inzestuöse Züge an, obwohl Marie sich vielmehr zu Gustav, dem Sohn ihres Ziehonkels, hingezogen zu fühlen scheint. Damit beginnt ein verzwicktes Dreiecksverhältnis, das sowohl von Eifersucht als auch Tragik geprägt ist.

Während die Geschichte mit sehr faszinierenden und phantasievollen Zeilen beginnt, bedient sich Hettche bereits nach kurzer Zeit einer für mich sehr komplexen, fast schon hochtrabenden und merkwürdig altertümlichen Sprache. Ein Zug, der es mir unmöglich macht, seinen Gedanken zu folgen und am Vorhaben, den Roman bis zum Ende zu lesen, festzuhalten. Mein Abbruch ist größtenteils sicherlich den ausschmückenden Beschreibungen der inzestuösen Beziehung der Zwergengeschwister zuzuordnen, denn sie sorgten dafür, dass ich angewidert die Nase rümpfte, weil die geschmacklosen Zeilen zu Kopfkino führten, das mir ganzheitlich widerstrebt. Man mag mich als prüde oder empfindlich einstufen, aber sowas will ich nicht lesen, wenn ich nicht muss! Und ich muss nicht!

“Maries Körper begann wieder zu summen, und sie spürte, daß sie ein Ding war, das er ansah. Ganz so, wie wenn der König sie betrachtete. War ein Ding wie alle anderen in seiner Welt und meinte tatsächlich zu spüren, wie sie ihm, wie alle Dinge, eine Seite zeigte, die sie selbst nicht kannte. Die nur er sah.

Christian hockte sich auf ihre Brust, seine Schenkel an ihre Seiten gepreßt, als ritte er ein kleines Tier. Es gab keinen Grund, die Augen zu öffnen, wohl aber die Lippen, zwischen die jetzt die feuchte Spitze seines Gliedes drängte.”

Zitat, Seite 46

Ich würde mir nie erlauben, Hettches Werk als schlecht einzuordnen, muss allerdings feststellen, dass der Autor es mir unmöglich macht, einen Zugang zu seiner Geschichte zu bekommen. Alles im Ganzen scheint es die Kombination aus beidem, dem hochtrabenden Stil und der ausufernden Bindung dieser verschrumbelten Wesen, die dieses Buch für mich zu einem der seltenen Abbruchkandidaten in meinem Bücherregal macht. Wenn auch zu einem Abbruchkandidaten mit wundervoll stimmiger und liebevoller Aufmachung.