Warum ich lese

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Was sich Sandro Abbate, Betreiber des Literaturblogs Novelero im Mai fragte, bewegte zahlreiche Leser. Seine persönliche Antwort Warum ich lese hat auch mich zum Nachdenken gebracht. Heute finde ich meine eigene Antwort.

Die Anfänge

Ich inhalierte schon damals Geschichten wie die Luft zum Atmen.

Dass auch die kleinsten Dinge Großes bewirken können, habe ich beim Lesen entdeckt. Es muss eines meiner ersten selbst gelesenen Bücher gewesen sein, in dem mir die kleinen Geschöpfe, besser bekannt als Buchstaben, so ungeheuer mächtig erschienen, dass es um mich geschehen war. Die Faszination um ihr magisches Miteinander, das nicht nur bedeutende Wörter und Sätze, sondern auch großartige Geschichten zu formen vermag, wuchs seitdem stetig.

Ich bin das Kind einer Astrid Lindgren – Geschichten liebenden Mutter und das Patenkind einer leidenschaftlichen Buchhändlerin. Lange bevor man das von beiden kontinuierlich gefütterte und mittlerweile bis zum Bersten gefüllte Bücherregal in meinem Zimmer vorfand, stillte ich meine Lust nach Geschichten in der heimatlichen Stadtbücherei. Ich stürzte mich mit Ronja Räubertochter ins Unterholz, rannte mit Momo um die Zeit und heckte mit Dolly neue Streiche aus. Mein Gebührenkonto stieg stetig. Nie erschien mir die geliehene Zeit mit den Büchern lange genug. Der Abschied von ihnen fiel mir so schwer, dass ich ihn ständig nach hinten verschob.

DAS HEUTE

„Ein Raum ohne Bücher ist ein Körper ohne Seele.“ ~ Cicero

Auch heute sorgt der Anblick von bis zur Decke reichenden Bücherregalen oder einer neuen Eroberung in meinen Händen noch für heftiges Herzklopfen. Es bereitet mir Freude, über ein gedrucktes Buch zu streichen, den modrigen Duft eines Antiquariates einzuatmen und mich vom magischen Strudel einer Geschichte mitreißen zu lassen.

Bücher begleiten mich durch mein Leben, sind die wohl treuesten Wegbegleiter meines bisherigen Lebens. Ich kann und will nicht ohne sie sein. Ob unterwegs oder zuhause: ständig rangeln sie sich um den Platz in meinen Händen; winseln um Aufmerksamkeit, wenn die Frage nach dem nächsten Leseprojekt im Raum steht wie eine Aufforderung zum Tanz.

WARUM ICH LESE

Lesen ist wie Reisen mit unbekanntem Ziel.

Bücher entführen mich nicht nur in die entlegensten Winkel dieser Erde und auf spannende Abenteuerreisen, sondern vermitteln mir auch wertvolles Wissen. Sie sind facettenreich und randvoll von Schätzen: mit neuen Denkansätzen, unbekannten Blickwinkeln und lehrreichen Erfahrungen.  Sie schenken einem oft viel mehr, als man es anfangs vermutet. Es liegt in deinen Händen, wohin dich eure gemeinsame Reise führt.

Doch Lesen bedeutet auch die Seele baumeln lassen. Beim Lesen versinke ich in einer Geschichte, blende alles um mich herum aus, bis nur noch das Buch und ich existieren. Das Lesen hat auf mich eine sehr beruhigende Wirkung, wirkt nahezu schmerzlindernd, wenn der hektische Alltag mal wieder tief in den Knochen steckt.

Und darum lese ich.

Und wie steht’s mit dir?

„True love stories never have endings.“ ~ Richard Bach

Mrs. Hemingway

lesenslust über „Als Hemingway mich liebte“ von Naomi Wood

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„Write drunk; edit sober.“

Ernest Hemingway

Es waren vier Frauen, die das Leben von Ernest Hemingway primär bestimmten. Hadley, Fife, Mary und Marty. Neben zahlreichen Affären waren sie es, die den nach Leidenschaft, Alkohol und Erfolg dürstenden Schriftsteller ein Stück seines Weges begleiteten.

Während sich die Frauen dem Schriftsteller vollends hingaben, rauschte der exzentrische Womanizer ungeniert durchs Leben, durchlief berauschende Hochs und verzweifelte Tiefs. Was 1926 im südfranzösischen Antibes begann, wo Hemingway sich mit seiner ersten Frau Hadley und deren Freundin Fife zurückzog, findet 1961 sein jähes Ende.

Naomi Wood erschafft aus Briefen authentischer Quellen eine atmosphärische Geschichte um einen der wohl berühmtesten Schriftsteller, die von den Blickwinkeln der Frauen Hemingways und der Pariser Bohème bestimmt ist. Eine Geschichte, die sowohl leiser als auch herzergreifend tragischer Natur ist.

„Keiner sagte etwas. Ach ja, sie hat vergessen, dass Erfolg sich entweder mühelos einstellt oder gar nicht. Es muss stets spielerisch bleiben. Eine immerwährende Cocktailstunde. Als bestünde das Leben nur aus schmachtender Jugend oder ständigem Vergnügen. Harte Arbeit war nichts für Leute von ihrem Schlag.“

Zitat, Seite 87

Ernest Hemingway galt als einer der erfolgreichsten Schriftsteller des 20. Jahrhunderts. Der Exzentriker, der mit seinem brausenden Temperament und seinen literarischen Werken die Pariser Bohème der 20er Jahre mitbestimmte, gilt auch heute noch als eine der bedeutendsten Persönlichkeiten der Literaturgeschichte. Seine Novelle „Der alte Mann und das Meer“, die in Hemingways Wahlheimat Kuba spielt, hat ihm 1953 und 1954 nicht nur zu Pulitzer- und Literaturnobelpreis verholfen, sondern sorgt auch heute noch für die anhaltend verehrende Haltung der Kubaner, die ihm Museen, Literaturfestivals und Münzen widmen.

Doch in Naomi Woods „Als Hemingway mich liebte“ soll nicht Hemingway, sondern vielmehr seine vier Ehefrauen im Mittelpunkt stehen. Der Schriftsteller nimmt in dem knapp 350 Seiten umfassenden Roman tatsächlich nur eine Nebenrolle ein. Denn Wood widmet nicht ihm, sondern seinen Ehefrauen jeweils ein Kapitel des Romans. Sie präsentiert uns dadurch Hemingways Leben aus der Sicht wechselnder Perspektiven. Die Beziehungen, die dank Woods Kapitelzuordnung zwar jeweils einer Frau, aber nicht unbedingt einem Anfang bzw. Ende zuzuordnen sind, fließen dennoch schon bald ineinander über.

„Oben im Badezimmer teilen die Flügel des Spiegels ihr Gesicht. In diesen zweidimensional wirkenden Zwillingsbildern sieht sie aus wie ein Kind. Doch unendlich viele betrogene Frauen starren sie aus den tieftraurigen schwarzen Augen an. (…) Nesto. Sie will nichts außer ihren Ehemann. An der kalten Keramik des Waschbeckens stützt sie sich ab, als ließe sich das so in ihrem Kopf schwirrende Karussel zum Stillstand bringen: Fife, Martha, Hadley – die ganze Gruppe taumelt vorüber -, ein nicht endender Reigen aus Ehefrauen und Geliebten, mit fadenscheinigem Lächeln und teigigem Teint.“

Zitat, Seite 166/167

Der Weiberheld, der sich Zeit seines Lebens durchweg mehrgleisig vergnügte, scheint nicht nur besonders exzentrischer, sondern auch sehr leichtfertiger Natur gewesen zu sein. Das spiegelt sich zumindest im Umgang mit seinen Frauen wieder. Bereits im ersten Kapitel, als der Schriftsteller sich gemeinsam mit Ehefrau Hadley und seiner Geliebten Fife in der südfranzösischen Sonne rekelt, ist dies zu spüren. Hemingway nahm was sich ihm darbot. Er sah, nahm und liebte und schien nicht im Mindesten daran interessiert, wieviele Herzen er damit brach; geschweige denn, wie viel Verzweiflung und Wut er in den Frauen entflammte.

Trotz oder gerade wegen seines lange auf sich wartenden Erfolges als Schriftsteller verlor er sich zunehmend in Alkohol, Depressionen und unberechenbaren Wutausbrüchen. Der Selbstmord seines Vaters haftete an ihm wie eine klaffende Wunde, die niemals wirklich verheilte und die Persönlichkeit Hemingways entscheidend prägte. Diese markanten Ecken und Kanten Hemingways veranschaulicht Wood mithilfe einer sehr bildhaften und damit lebendigen Sprache, weswegen ich ihm in diesem Roman keine Sympathien zusprechen konnte. Auch die unterschiedlichen Persönlichkeiten von Hemingways Ehefrauen sind Wood vortrefflich gelungen. Jede blickt auf die gemeinsame Zeit mit dem Schriftsteller auf seine Weise zurück. Keine Ehefrau gleicht der anderen, und dennoch verbindet sie alle das Gleiche: ihre Leidenschaft. Sie lieben, verzweifeln und kämpfen. Die eine mehr, die andere weniger.

„Als Hemingway mich liebte“ ist eine ruhige, aber dennoch nicht minder faszinierende Reise durch Hemingways Leben. Wie Glieder eines Kettenkarussels schweben alle Figuren aneinander vorbei, scheinen Teil eines großen Ganzen und dennoch eigenständig zu sein. Woods Geschichte, die von der Faszination um den berühmten Schriftsteller, einer knisternder Atmosphäre und alkoholbeschwipster Luft erfüllt ist, hat mich nicht nur wegen Woods unaufdringlichen, lebendigen und emotionalen Beschreibungen, sondern auch als harmonisches Gesamtwerk überzeugt.

„Als sie sich wiedersahen, am Hafen von Boulogne-sur-Meer erklärte sie, sie werde den Rest ihres Lebens nicht mehr von seiner Seite weichen. Erst später wünschte sie sich, er hätte ihr dasselbe versprochen.“

Seite 144

Mein herzlicher Dank gilt Mareike von Herzpotential, die mir diesen Roman bei meinem Besuch in den Hamburger Verlagsräumen von Hoffmann und Campe mit auf den Weg gegeben hat.

Hier könnt ihr Maike & Mareikes Eindrücke zu Woods Roman einfangen…

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LitBlog Convention #lbc16 in Köln: Klappe – die Erste!

Litblog Convention

Hallo ihr Lieben,

am vergangenen Samstag war es endlich soweit, die  LitBlog Convention #lbc16 hat ihre Premiere gefeiert. Schon bei der Leipziger Buchmesse im März wurde fleißig für die erste Bloggerkonferenz in den Verlagsräumen von Bastei Lübbe in Köln geworben. Die auf 150 Teilnehmer begrenzte Veranstaltung am 04. Juni 2016 war bereits nach drei Stunden ausverkauft und die Warteliste für die Nachrücker wuchs stetig. Auch ich konnte mir eines der begehrten Tickets sichern und habe mich unter das (im wahrsten Sinne des Wortes!) feuchtfröhliche Volk gemischt.

 

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Credits: LBC – Litblog Convention

Bloggerevents erfreuen sich seit einiger Zeit großer Beliebtheit. Neben den #bookupDE – Veranstaltungen, bei denen Verlage, Buchhandlungen oder Bibliotheken Literaturbegeisterten einen Blick hinter die Kulissen gewähren und der Blogst, die sich in den letzten Jahren einen festen Namen in der Bloggergemeinde gemacht hat, hat nun auch Bastei Lübbe den Sprung ins Bloggerevent-Gefilde gewagt. Für die LitBlog Convention hat sich der Kölner Verlag mit den regional ansässigen Verlagen Kiepenheuer & Witsch, DuMont Buchverlag, DuMont Kalenderverlag und Egmont LYX/INK zusammengetan.

Neben der Weiterbildung in den unterschiedlichsten Fachgebieten steht bei Bloggerevents ganz klar das Vernetzen im Vordergrund. Genau wie auf den Buchmessen bekommt man hier die Gelegenheit, sich mit anderen Bloggern, Verlagsmitarbeitern, Journalisten oder AutorINNen auszutauschen. Man trifft auf bekannte Gesichter, lernt neue Persönlichkeiten kennen und bekommt zu vielen Cyber-Avataren endlich auch das dazugehörige Gesicht. Es fühlt sich daher meist an, als sei man auf einem großen Familientreffen.

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Für die 1. LitBlog Convention in Köln haben sich die veranstaltenden Kölner Verlage für ein umfangreiches Programm von Workshops aus den verschiedensten Themengebieten entschieden. Insgesamt standen 19 Workshops und ein Autoren-Speed-Dating am Ende des Tages zur Auswahl. Diese drehten sich u.a. um Themen wie Selfpublishing, Illustration, Lizenzrechte, Covergestaltung und natürlich dem Schreiben selbst. Zu jeder vollen Stunde konnte man sich zu den Räumlichkeiten der jeweils fünf Workshops, die auf sechs Stockwerke verteilt waren, aufmachen. Es galt first come, first serve!

Timetable LitBlog Con

Das Programm der #lbc16

Zugegeben, ich stand der Herangehensweise an die Workshops anfangs sehr skeptisch gegenüber. Ich hätte mich gerne schon im Vorfeld für meine bevorzugten Workshops registriert und bei 150 Teilnehmern nicht wirklich damit gerechnet, dass sich die spontane Aufteilung der Teilnehmer so harmonisch gestalten wird. Schließlich waren manche Workshops auf max. 20 Personen begrenzt. Doch ich wurde eines besseren belehrt und konnte mir sogar in jedem meiner präferierten Workshops einen Platz ergattern. Yeah!! #lbc16, you rock!

Nachfolgend gebe ich euch einen kleinen Einblick in die vier Workshops, die ich besucht habe. Ich möchte euch damit nur einen klitzekleinen Eindruck vermitteln, warum es sich lohnt, einmal selbst an einer derartigen Veranstaltung teilzunehmen. Wirklich nützlich werden die Informationen sicherlich erst, wenn man persönlich anwesend war.

Meine Workshops

  1. Workshop: Wonach riecht Murakami?

Was sich hinter der ungewöhnlichen Fragestellung um den berühmten japanischen Kultautor Haruki Murakami verbirgt, hat uns Murakami-Übersetzerin Ursula Gräfe und Dumont Bellestrik-Programmleiterin Annette Weber verraten. Murakami ist mit seinen in 40 Sprachen übersetzten Werken bei Lesern auf der ganzen Welt bekannt. Seine Romane machen sich nicht nur optisch gut in den heimischen Regalenreihen, sondern sorgen auch für zahlreichen Gesprächstoff im Feuilleton, im Literarischen Quartett und auf den Buchblogs dieser Welt.

imageSein Roman „Gefährliche Geliebte“, der 1999 erstmalig als deutsche Übersetzung aus dem Amerikanischen (South of the border, West of the Sun) erschien, hat bei der Sendung „Das Literarische Quartett“ für einen heftigen Schlagabtausch zwischen Marcel Reich-Ranicki und Kollegin Sigrid Löffler gesorgt, die das Buch als literarisches Fastfood bezeichnete und darüber hinaus Reich-Ranicki das Gefühl vermittelte, sie empfände erotische Literatur bzw. Liebesromane im Allgemeinen als anstößig.

Wir haben Gräfes neuübersetzte Fassung aus dem Japanischen, die 2013 unter dem Titel Südlich der Grenze, westlich der Sonne erschien, mit der bereits 1999 erschienenen Übersetzung verglichen und am direkten Vergleich dieser beiden Fassungen schnell feststellen können, dass eine Geschichte sehr stark von der jeweiligen Übersetzerin bzw. dem jeweiligen Übersetzer geprägt wird. Da das Japanische laut Gräfe sehr zweideutig ist, ist es nicht immer einfach, mit der Übersetzung atmosphärisch nah am Original zu bleiben.

In Japan hat man Murakami gegenüber eine sehr kritische Haltung eingenommen. Seine Werke werden teils sehr abfällig betrachtet. Man spricht dem Autor einen sehr intensiven Geruch nach westlichem Ausland zu, wodurch die Fragestellung des Workshops entstand.

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2. Workshop: Bücher auf Weltreisen: Wie verkauft man einen Roman nach Island?

Wie verkauft man ein Buch ins Ausland? Aleksandra Erakovic von Kiepenheuer & Witsch vermittelt uns das Handwerk einer Lizenzabteilung. Das A und O dieser Abteilung sei es, stetig Kontakte aufzubauen und zu pflegen, um durchgängig von einem guten Netzwerk zu profitieren. Den jeweiligen Kontakte im Ausland kann man dann das jeweilige Buch an die Hand geben, dafür sorgen, dass es gelesen und im besten Falle dann auch herausgebracht wird. Hier ist die Zusammenarbeit mit sogenannten Subagenten, die im Land selbst sitzen und der Lizenzabteilung in Deutschland zuarbeiten, wohl Gang und Gebe. Außerdem kann man für das Lesen und Einschätzen von Romanen von Scouts Gebrauch machen, die für den Verlag arbeiten.

Es scheint nicht einfach zu sein, einen ausländischen Hausverlag zu finden, der dem Stil des deutschen Verlags entspricht. Dass es bei der ausländischen Covergestaltung und dem Titel gute wie schlechte Beispiele gibt, merken wir, als Erakovic uns ein paar der im Kiepenheuer & Witsch – Programm herausgebrachten Bücher und ihre jeweiligen ausländischen Pendats im direkten Vergleich zeigt. Manchmal muss auch ein deutscher Verlag feststellen, dass ein ausländischer Verlag den Inhalt des Buches um einiges ansprechender verpackt hat, als er selbst. In diesen Fällen hat man sich durchaus auch schon mal mit der Covergestaltung der deutschen Taschenbuchausgabe an das ausländische Pendant angepasst.

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Covergestaltung am Bsp. „Tigermilch“, in gelb die gebundene deutsche, in weiß die englische Ausgabe – r.u. die angepasste deutsche TB Ausgabe

3. Workshop: Mit anderen Worten: Literaturübersetzungen – was steckt alles dahinter?

Über den Dächern Kölns, im Raum DAN auf der Dachterrasse von Bastei Lübbe, treffen wir nicht nur auf einen fantastischen Ausblick über die Stadt am Rhein, sondern auch auf Bloggerin, Übersetzerin und Autorin Isabel Bogdan, die für Kiepenheuer & Witsch bereits zahlreiche Bücher übersetzt und kürzlich ihren ersten Roman „Der Pfau“ herausgebracht hat.

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Über den Dächern Kölns

Von ihr erfahren wir auch, dass man für den Beruf der Übersetzerin gar keine bestimmte Ausbildung benötigt, sondern sich das Wissen vielmehr durch ein Aufbaustudium bzw. bestimmte Schulungen aneignet. Dass sich das beim Beruf der Lektorin ähnlich verhält, erklärt uns KiWi – Lektorin Helga Frese-Resch, die Bogdan beipflichtet, dass eine routinierte Vorgehensweise durch „learning by doing“ kommt, man das im Job benötige Werkzeug jedoch bereits im Volondariat an die Hand gegeben bekommt.

Bogdan, deren Ausführungen durch das Grummeln eines heranrollenden Unwetters noch atmosphärischer werden, berichtet, dass es beim Übersetzen die unterschiedlichsten Herangehensweisen gibt. Während sie selbst am Anfang eines Buches beginnt, arbeiten sich andere Übersetzer durch bestimmte Bausätze des Buches und beginnen an den unterschiedlichsten Stellen einer Geschichte.

Sie erwähnt, dass Rezensenten oftmals die Sprache eines Buches einzig und allein dem Autor / der Autorin zusprechen anstelle der übersetzenden Zwischeninstanz. Ein übersetztes Buch ist das Gemeinschaftswerk von AutorIN und ÜbersetzerIN und das sollte man beim Rezensieren eines Buches berücksichtigen. Sie spricht damit einen sehr wichtigen und zugegeben von mir bisher völlig unbeachteten Aspekt an.

  1. Workshop: Blog oder Tagebuch: Schreiben am Beispiel von Nigel Slaters Küchentagebüchern

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Schreiben ist vielfältig. Die Zeilen eines Buches können die unterschiedlichsten Gefühle und Bilder bei Lesern hervorrufen. Auch der englische Food-Journalist Nigel Slater, der zu den besten Food-Journalisten der Welt zählt, besitzt einen sehr lässigen Schreibstil. In seinen Küchentagebüchern entführt er die Leser durch die Jahreszeiten seiner Küche. Er erzählt vom Reifeprozess der Lebensmittel, die er teilweise auf seinem kleinen Balkon selbst heranzieht und in seiner Küche zubereitet.

Es ist der unverwechselbare Slater Sound, so Sofia Blind, Sachbuchübersetzerin bei DuMont, der seinen Zeilen einen so appetitlichen und würzigen Ton verleiht. So kreiert er lebendige Küchentagebücher, die sich perfekt als Bettlektüre oder Inspirationsquelle eignen und nur im Ansatz an ein normales Kochbuch erinnern. Neben den Rezepten, die Slater darin seinen Lesern an die Hand gibt, schafft er es, literarisch übers Essen zu schreiben.

Ähnlich wie Blogger begegnet auch Slater damit seinen Lesern auf einer sehr persönlichen Ebene. Sein Gespür für die Sprache ist in seinen unterhaltsamen und teilweise sehr amüsanten Zeilen durchweg spürbar. Davon können sich die Teilnehmer des Workshops überzeugen, als Blind Passagen aus Slaters Küchentagebüchern vorliest. Ein Workshop, der Lust aufs Kochen und vor allem aufs Essen macht.

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Begegnungen

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Selfie-Time mit Daniela

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Gruppenbild mit Ilja, Gérard, Sonja, Uwe und Tobias

 

 

 

 

 

 

 

 

Mein Resümee

Für mich steht fest: die 1. LitBlog Convention in Köln war ein voller Erfolg. Sicherlich kann man ihr an der ein oder anderen Stelle noch ein bisschen Feinschliff verpassen, wie z.B. dass man die Konzentration der einzelnen Workshops noch etwas mehr auf die Blogger richtet und sie damit in einen lebendigeren Austausch bringt, oder das Timing der Vorbereitung des Buffets am Ende der Veranstaltung, das für lange Wartezeiten und knurrende Mägen gesorgt hat (wobei hier sicherlich meine Gastroseele ans Tageslicht kommt). Alles im Ganzen präsentierte sich die Veranstaltung aber sehr rund und harmonisch.

In den Goodie-Bags, die den Teilnehmern der LitBlog Convention am Anfang der Veranstaltung überreicht wurden (effektiver fände ich hier im Übrigen die Übergabe am Ende des Events), habe ich zu meinem Entzücken ein Buch gefunden, das mich persönlich sehr anspricht. Denn Delphine de Vigans „Nach einer wahren Geschichte“ trifft auf den ersten Blick zu 100% meinem Lesegeschmack. Die zahlreichen Goodies neben den Büchern präsentieren sich wie das Tüpfelchen auf dem I. Well done!

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Du möchtest noch mehr Eindrücke zur #lbc16 einfangen? Dann schau mal hier:

Börsenblatt.net: Vom Schreiben und Büchermachen

Book Walk: Die 1. LitBlog Convention #LBC16 in Köln – Mein Rückblick

Buchverrueck.de: [Unterwegs]: LitBlog Convention am 04.06.2016 in Köln

Who is Kafka?: Impressionen: Die erste LitBlog Convention in Köln

Maaraavillosa: LBC 2016 – Litblog Convention in Köln 

Muromez: Das war die LitBlog Convention

Little Words: Gedankenschnappschuss #12: Litblog Convention 2016

Herzliche Grüße, eure Steffi.

Kinderfreuden #14: Der Bär am Klavier

lesenslust über “Der Bär am Klavier” von David Litchfield

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 Beschreibung:

Eines Tages stößt ein junger Bär imageauf ein seltsames Ding im Wald. Als er es mit seinen patschigen Pfoten berührt, entfährt ihm ein fürchterliches Geräusch. Doch seine Neugier ist entflammt und so findet er immer wieder zu dem seltsamen Holzkasten zurück. Es vergehen Tage, Monate und Jahre bis es dem Bären gelingt, dem hölzernen Ding eine Melodie zu entlocken, deren Klang weit durch den Wald reicht und die anderen Bären zu ihm lockt.

 Schon bald lieben die Bärenfreunde es, seinen Melodien zu lauschen. Die Klänge des Holzkastens entführt sie hinaus in die Welt und der Bär träumt sich an den Rand des Waldes. Eines Tages findet ein junges Mädchen zu ihm, das ihm verrät, dass man das Ding Klavier und die Melodie Musik nennt. Sie sagt ihm eine große Karriere in der Stadt voraus, wo der „Bär am Klavier“ schon bald in aller Munde sein wird.

Also begibt sich der Bär auf die Reise in die Stadt. Wie vermutet erobern seine Melodien die Herzen im Sturm. Er spielt sich durch ausverkaufte Konzertsäle, sorgt für gerührte Gesichter, tosenden Applaus und zahlreiche Auszeichnungen. Doch je erfolgreicher der Bär wird, umso einsamer fühlt er sich. Nachts sehnt er sich nach seinen alten Freunden und der Ruhe des Waldes. Und obwohl der Bär alles erreicht hat, wovon er je geträumt hat, erkennt er, dass auch die kleinen Dinge im Leben für eine Bärengänsehaut sorgen können.

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Eckdaten

Hardcover mit ausgestanztem Schutzumschlag

Ab 3 Jahren

40 Seiten
220mm x 300mm
ISBN: 978-3-95939-025-5

Aus dem Englischen

Bohem Press
14,95 €

Sicher dir hier dein persönliches Exemplar…

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Blickwinkel aus groSSen Augen

Bühne frei für den Bären am Klavier!

Dieses Bilderbuch ist die perfekte Symbiose von atmosphärischen Zeichnungen und einer berührenden Geschichte. Ein Bilderbuch, das sich in die Herzen der Kinder tanzt.

Die Story ist so simpel wie großartig. Litchfield erzählt die Geschichte eines jungen Bären, der seine Liebe zur Musik entdeckt und den heimischen Wald hinter sich lässt, um sich in der großen Stadt zu verwirklichen. Sein Talent, als Bär das Klavier zu beherrschen, sorgt nicht nur bei seinen Freunden im Wald, sondern auch in der Stadt für Begeisterungsstürme. Innerhalb kürzester Zeit füllt er riesige Konzertsäle und rührt mit seinem Klavierspiel zahlreiche Zuhörer zu Tränen.

Die Stadt feiert ihren neuen Star und überhäuft ihn mit Aufmerksamkeit und Auszeichnungen. Glanz und Ruhm bestimmt fortan sein Leben. Doch jeder Erfolg hat auch seine Schattenseiten. Und so zieht sich der Bär nachts in die Ruhe und Abgeschiedenheit über den Dächern der Stadt zurück und muss feststellen, dass er sich trotz allem Erfolg sehr einsam fühlt. Die Welle der Sehnsucht nach dem Wald und seinen Freunden erfasst ihn so stark, dass er beschließt, in seine Heimat zurückzukehren.

Die Botschaft, die Litchfields Geschichte trägt, ist ähnlich die der Zeilen aus Goethes Gedicht Erinnerung: „Willst du immer weiter schweifen, sieh das Gute liegt so nah“. Es ist die Erkenntnis, dass wahres Glück oftmals viel näher liegt, als man es vermutet. Es vermittelt den kleinen Entdeckern die Wertschätzung von kleinen Dingen und öffnet ihren Blick auf das Unscheinbare. Auf die Dinge, die im Leben wirklich zählen.

Litchfield gelingt mit seinem ersten Bilderbuch nicht nur eine lehrreiche sondern auch bezaubernde Geschichte. Der Illustrator fing schon sehr früh an zu zeichnen. Dass es seine besondere Liebe zur Musik war, die ihn zu diesem Bilderbuch inspiriert hat, ist durchweg spürbar. Denn die Geschichte ist von ihr geprägt. Fast meint man, dass den Seiten ein melodischer Klang innewohnt, der den Leser während dem Betrachten begleitet. Dieser Wesenszug verleiht dem Buch eine besondere und nahezu magische Atmosphäre.

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Die Zeichnungen des Bilderbuches präsentieren sich nicht nur sehr filigran, sondern auch in den lebendigsten Farbtönen, die sich an die jeweilige Stimmung des Bären und dem jeweiligen Schauplatz der Geschichte anpassen. Im Wald begegnet man eher Braun- und Grüntönen, wohingegen man in der Stadt von glitzernd bunten Farben empfangen wird.

„Der Bär am Klavier“ ist eine Ode an die Musik, den Wald und an die Freundschaft. Es veranschaulicht den Kleinen auf sehr liebevolle Weise die Bedeutung von Heimat, Sicherheit und Zugehörigkeit. Es ist die Geschichte eines Erfolges und vom Zurückfinden zu den Wurzeln. Ein Buch, das kleine wie große Augen zu begeistern versteht.

Immer häufiger trifft man auf Kinderbücher, die sich mit einem Umschlag schmücken. Auch Litchfields Werk ist sehr stimmungsvoll in eine Art roten Samtvorhang als Schutzumschlag gehüllt. Der Blick darunter gewährt dem Betrachter einen weiteren sehr interessanten Blick in den Wald. Dennoch kann ich mich nicht erwehren, dass ein derartiger Umschlag bei Bilderbüchern für eine so junge Leserschaft nur wenig Sinn macht.

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Blickwinkel aus kleinen Augen

Joschuas Urteil:

Steckbrief Joschi Blog 2

Gefällt dir das Buch? Ja

Was hat dir besonders gefallen? der Bär am Klavier

Worum geht die Geschichte? um Musik

Wo steht das Buch im Regal? neben „Der Löwe in dir“

Lesezeit: am Abend, um sich von den Melodien des Bären in den Schlaf wiegen zu lassen

Bester Leseplatz: im Bett

Schlüpft in die Rolle von: einem Pianisten

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Meine Empfehlungen zum Welttag des Buches

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Hallo ihr Lieben,

am Welttag des Buches feiern wir alle zusammen die Liebe zum Buch. Bereits seit 1995 gilt der 23. April als weltweiter Feiertag für das Lesen, für Bücher und die Rechte der Autoren.

Meine Leidenschaft für Bücher wurde bereits im Kindesalter entflammt. Bücher waren und sind mir stete Wegbegleiter, die mir vor allem während meiner Entwicklung von Klein zu Groß besonders lieb und teuer waren. Sie haben mir nicht nur wertvolles Wissen vermittelt, sondern auch fantasievolle Abenteuerreisen in fremde Welten geschenkt.

Es liegt mir daher besonders am Herzen, bereits bei den Kleinen unter uns die Lust auf das Lesen zu wecken und sie mit unserer Leidenschaft für Bücher anzustecken.

Liebe Eltern, Großeltern, Tanten und Onkel (…), ich wünsche mir, dass ihr diesen und alle folgenden Tage nutzt, um euren Kleinen einen besonderen Herzenswunsch in Sachen Bücher zu erfüllen. Nehmt sie bei der Hand, fahrt in die Buchhandlung eures Vertrauens und kauft euch euren gemeinsamen persönlichen Schatz.

Nachstehend gibt es vier meiner bisherigen Kinderbuchhighlights aus 2016 für euch, die ich zusammen mit meinem Patenkind Joschua bereits ausführlich unter die Lupe genommen habe.

„Der Bär am Klavier“ von David Litchfield

Eines Tages entdeckt der Bär ein eigenartiges Ding im Wald. Als er lernt, ihm nicht nur schräge Töne, sondern wundervolle Melodien zu entlocken, beginnt er für die anderen Bären zu spielen. Er spielt sich bis auf die Bühnen der Welt. Doch im tosenden Meer seiner Töne erkennt er, dass ihm der Applaus seiner Freunde am Meisten bedeutet. Litchfield begeistert mit Töne voller Wertschätzung, Freundschaft und ein kleines bisschen Magie.

14,95 EUR, Bohem Press, ab 3 Jahren, ISBN 978-3-95939-025-5

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„Opas Insel“ von Benji Davies

Sam und sein Opa nehmen Kurs auf ihr größtes Abenteuer auf und stoßen dabei auf eine geheimnisvolle Südseeinsel voller Wunder und berauschender Entdeckungen. Die Insel wird zu Opas letzter Ruhestätte und Sam muss lernen, dass man selbst die Menschen, die einem am Meisten bedeuten, irgendwann loslassen muss. Trostschenkend, lebendig und berauschend schön.

12,95 EUR, Aladin Verlag, ab 4 Jahren, ISBN 978-3-8489-0102-9

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„Allerbeste Freunde: Das Flugalong“ von Antje Bohnstedt

Mit ihrem selbstgebautem Flugschiff segeln Bär, Hase und Pinguin durch die Lüfte. Doch mitten im Meer müssen sie notlanden und schaffen es nur mit Erfindergeist, Mut und Zusammenhalt sich aus den Fängen einer schrecklichen Gefahr zu befreien. Eine Geschichte, die von der Freundschaft und den berauschenden Farben seiner Bilder lebt.

12,95 EUR, Orell Füssli Verlag, ab 4 Jahren, ISBN 978-3-280-03511-5

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„Pino Pfote, ab die Post“ von Tor Freeman

Nach der ersten Geschichte um Pino („Pino Pfote Päckchenbote“) düst Pino erneut mit seinem Roller durch die Stadt um die Päckchen des Tages zu verteilen. Im Gewusel der Stadt gilt es einiges zu entdecken. Und nur den wachsten Augen entgeht keines der Details, die sich im bunten Durcheinander der Seiten verstecken. Ein magellanisches Wimmelsuchbuch, das aus kleinen Entdeckern große Spürnasen werden lässt.

13,95 EUR, Magellan Verlag, ab 3 Jahren, ISBN 978-3-7348-2023-6

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Habt einen wunderbaren Welttag des Buches

Zirzensisch

lesenslust über „Der Zirkus der Stille“ von Peter Goldammer

img_20160418_185300.jpg„Leben ist, wenn etwas dazwischenkommt.“

Zitat, Seite 246

Nach dem frühen Tod ihrer Mutter wächst Thaïs Leblanc bei ihrer Großmutter, der unvergleichlichen Madame Viktoria, im Zirkus auf. Ihre Kindheit ist von glitzernden Kostümen, magischen Zaubertricks und einer scheinbaren Unbeschwertheit begleitet. Doch bei Thaïs weicht die kindliche Faszination für den Zirkus einer Abscheu für das eigenartige Künstlervölkchen, das aus ihrer Großmutter eine egozentrische Künstlerin macht, die nur noch mithilfe von Alkohol und Tabletten in den Schlaf findet.

Mit ihrer Volljährigkeit entscheidet sich Thaïs deshalb der verhassten Zirkuswelt den Rücken zu kehren um in Paris ein neues Leben zu beginnen. Ein normales Leben, in dem sie selbst die Hauptrolle spielt und nicht von der Berühmtheit eines anderen Menschen überschattet wird. Doch als ihre Großmutter stirbt, wird Thaïs von ihrer schmerzhaften Vergangenheit eingeholt und muss erneut nach Arles reisen, um sich um deren Nachlass zu kümmern.

Das ominöse Testament von Madame Viktoria schickt Thaïs auf die Suche nach dem wundersamen cirque perdu, einem Zirkus, der seiner glänzenden Zeit hinterherzutrauern scheint und sich in die Stille zurückgezogen hat. Doch was Thaïs hinter seinem verwilderten Vorhang entdeckt, ist überraschenderweise keine ausgeleierte Zirkusshow, sondern vielmehr das Leben selbst.

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„Papó, welches große Kunststück lehrst du mich denn? Womit darf ich in der Manege auftreten? Er bedeutete mir mit einem Nicken näher zu kommen. Als ich mich zu ihm gebeugt hatte, flüsterte er mir ins Ohr: Leben.“

Zitat aus dem Buch

Goldammer ist mit seinem „Der Zirkus der Stille“ ein wirklich eindringliches Debüt gelungen, das auch mit leisen Tönen beim Leser Gehör findet. Entgegen der Vermutung, dass es sich hier um eine klassische Zirkusgeschichte handelt, präsentiert er uns eine melancholische Entdeckungsreise mit magischem Flair und den Wesenszügen eines modernen Märchens. Eine Geschichte, die eng mit dem Zirkus verwoben ist, sich aber abseits der Manege abspielt.

In seiner Geschichte widmet er sich einer jungen Frau, die ihre gesamte Kindheit im Schatten ihrer großen Großmutter steht. Einer Pferde-Dresseurin im silber-weiß glitzernden Kostüm, die selbst mit abnehmender Ausdruckskraft auf ihr Enkelkind herabblickt. Thaïs, die sich all die Jahre ein inniges Verhältnis zu ihrer Großmutter herbeisehnt, entwickelt durch deren Exzentrik eine immer tiefergehende Abneigung für die schillernde Zirkuswelt.

„Hätte mich je ein Mensch gefragt – was nie jemand tat – , wie ich mich in diesem wunderbaren Moment gefühlt habe, er hätte eine ganz andere Geschichte zu hören bekommen: Für mich zeigte die Aufnahme ein verstörtes kleines Mädchen, das ein wildgewordener Zirkusaffe angesprungen hatte, um ihm ins Gesicht zu beißen.“

Zitat, Seite 7

Thaïs flüchtet nach Paris. Sie stürzt sich in eine scheinbar glückliche Beziehung und einen Job, in dem sie Frauen Brautkleider verkauft. Doch als sie zur Beerdigung von Viktoria nach Arles zurückkehrt, beginnt ihre Überzeugung, glücklich zu sein, langsam aber stetig zu schwinden. Im Haus ihrer Großmutter wird Thaïs von einer merkwürdigen Wehmut erfasst, die sie auf die gemeinsame Zeit mit Viktoria zurückblicken lässt. Diese melancholischen Rückblicke verleihen der verstorbenen Großmutter während der gesamten Geschichte sehr lebendige Züge.

Doch Thaïs erliegt nicht nur im Haus ihrer Großmutter starken Gefühlsschwankungen, sondern wird auch im Beisein der sonderbaren Zirkustruppe des cirque perdu und einer Reihe an wundersamen, scheinbar zufälligen und schicksalsgetränkten Gegebenheiten, zunehmend nachdenklicher. Mit Papó, dem alten Zirkusdirektor des cirque perdu, und einem recht wortkargen Rumänen durchläuft sie nicht nur ein besonderes Trauerritual um ihre Großmutter, sondern auch eine Art Mutprobe für ihren großen Auftritt im cirque perdu.

„Eine Manege ist ein Ort, der einem eine neue Welt eröffnet, weil man dort das absolute Staunen lernt.“

Zitat aus dem Buch

Was mir an Goldammers Zeilen sehr gut gefällt, ist sein dichter atmosphärischer Schreibstil, der den Leser sehr schnell mitten ins Geschehen zieht. Der Schauplatz und die Figuren des Romans nehmen dadurch schnell Form und Farbe an. Und auch wenn sich die  Geschichte größtenteils sehr philosophisch liest, schimmert ein realistischer, fast schon kritischer Blick auf die Dinge durch. Denn es bleiben auch die Klischees, die Künstlern oft nachgesagt werden, nicht ungeachtet. Auch Thaïs ist durch ihre neuen Freunde oft Blicken voller Argwohn und Abscheu ausgesetzt.

Doch während Goldammer Thaïs und den Zirkusleuten besonders viel Aufmerksamkeit schenkt, wendet er manch anderen Figuren der Geschichte nur einen oberflächlichen Blick zu und stellt damit ihre Daseinsberechtigung im Roman in Frage. Thaïs Freund Daniel zum Beispiel, in dessen Nähe man Thais Persönlichkeitsveränderung am intensivsten wahrnimmt, begegnet dem Leser nur in einem sehr blassen Licht.

„Der Zirkus der Stille“ beschenkt seine Leser mit keiner fantastischen Zirkusshow, sondern vielmehr einem Blick hinter die Fassade, hinter das Offensichtliche. Es ist eine Geschichte, die zum In-sich-gehen und dem Ordnen seiner Gefühle anregt. Sie widmet sich der Versöhnung, Selbstverwirklichung und der Erkenntnis, dass die wirklich wichtigen Dinge im Leben keinen Applaus brauchen.

„Wir sind alle Gauner, die durchs Leben rennen und versuchen, so viel Liebe zu stehlen, wie sie nur kriegen können, ohne selbst welche zu geben – weil uns niemand beibringt, dass wir nur ernten, was wir gesät haben.“

Zitat, Seite 209

❤❤❤❤

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Ein letzter bester Sommer

lesenslust über „Mein bester letzter Sommer“ von Anne Freytag

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„Ich bin wie ein unbeschriebenes Blatt, das der Wind vor seiner Zeit davonträgt.“

Zitat, Seite 21

Als Tessa mit siebzehn erfährt, dass sie nicht mehr lange zu leben hat, zerplatzen all ihre Träume wie Seifenblasen. Immer hat sie auf den perfekten Augenblick gewartet: für den perfekten Jungen und den perfekten Kuss. In der Annahme, alle Zeit der Welt zu haben, hat sie ihre Chancen verstreichen lassen.

Das stimmt Tessa traurig. Sie ist wütend und verletzt. Hasst ihre Eltern dafür, dass sie ihr diesen entscheidenden Hinweis all die Jahre vorenthalten haben. Wer wird sich nach ihrem Tod schon noch an sie erinnern? An das unscheinbare Mädchen ohne Führerschein, Abi und ein erstes Mal.

Doch sie hat nicht mit Oskar gerechnet. Dem ersten Jungen, der sie wirklich sieht und der ihr Herz höher schlagen lässt. Und egal wie sehr Tessa ihn wegstößt, er weicht nicht mehr von ihrer Seite. Mit seinem klapprigen Volvo will er ihr das pure Leben zeigen und beschert ihnen dabei den besten letzten Sommer ihres Lebens.

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„Musik überdauert alles. (…) Vielleicht verhält es sich mit der Liebe genauso.“

Zitat, Seite 76

Zugegeben, ich bin ein Gefühlsdusel. Ich hab’s mit Geschichten, die tief unter die Haut gehen, die dir Gänsehaut über die Arme jagen, dich mit Glücksgefühlen durchströmen und dich bis zur absoluten Lächerlichkeit grinsen oder schluchzen lassen. Es ist daher nicht groß verwunderlich, dass ich mich in Anne Freytags Jugendbuchdebüt „Mein bester letzter Sommer“ schon nach wenigen Zeilen verliebt habe. Denn es ist eine Geschichte, die dich erfasst wie ein Rausch.

Mit siebzehn erfährt Tessa dass sie nicht einfach nur krank, sondern sterbenskrank ist. Ihre gesamte Kindheit verbrachte sie in Krankenhäusern. Der kindlichen Unbeschwertheit wich stetige Angst. Tessa bot ihrem Schicksal dennoch die Stirn, begegnete ihm mit Entschlossenheit und scheinbar grenzenloser Willensstärke. Schließlich hat sie noch so viele Träume: sie will Musik studieren, ihren Führerschein machen und die Liebe ihres Lebens finden. Doch die Kombination aus einer fehlenden Lungenschlagader und einem löchrigen Herzen bremst die Verwirklichung dieser Träume aus. Tessa bleiben nur noch wenige Wochen. Vielleicht mehr, vielleicht weniger.

Tessa Enttäuschung und Traurigkeit verwandelt sich schon sehr bald in Wut und Schmerz. Sie kann es nicht fassen, dass man ihr die Wahrheit all die Jahre vorenthalten hat. Das entscheidende Detail, an dem ihr gesamtes Leben hängt und das alles von Grund auf verändert. Nichts scheint nun noch etwas wert zu sein. Auch nicht ihre Bemühungen, auf den richtigen Moment zu warten. Sie fühlt sich um ihre Zukunft beraubt. Ihr Leben hängt an einem einzigen seidigen Faden.

„Wenn dich dieser eine Mensch berührt, der dich berührt, bleibt die Welt stehen. Deine Beine laufen weiter und deine Lungen atmen, obwohl du nicht mehr kannst, und alles, was du spürst, ist diese Berührung. Haut auf Haut, wie ein Flüstern zwischen Körpern.“

Zitat, Seite 74

Als Oskar in Tessas Leben tritt, scheint es genau der richtige und zugleich schlechteste Zeitpunkt der Welt zu sein. Denn einerseits nimmt ihre Begegnung Tessas Schicksal ein bisschen an Schwere, andererseits wird ihre wachsende Liebe von der Unausweichlichkeit des Todes überschattet. Mich hat Freytags lebendiges Zusammenspiel dieser beiden Komponenten wirklich fasziniert. Glück und Unglück liegen nah beieinander. Doch auch wenn der Tod auf allen Seiten präsent ist, gelingt es Freytag ihn mit einer reizenden Unbeschwertheit auszublenden. Das Gefühl von schier grenzenloser Freiheit breitet sich aus und macht ihren gemeinsamen Sommer zum besten letzten Sommer ihres Lebens.

So wandern wir mit Tessa und Oskar nahezu leichtfüßig durch Italien, schlecken cremiges Eis in der Mittagshitze, düsen im Einkaufswagen über den Mailänder Domplatz und bestaunen vom Dach des alten Volvos den funkelnden Sternenhimmel. Die Liebe, die dabei zwischen Freytags Protagonisten wächst, ist von schonungsloser Offenheit und Respekt, aber auch von Angst und Unsicherheit begleitet. Mit ihr reift die schüchterne verschlossene Tessa zu einer mutigen und aufgeschlossenen Persönlichkeit.

„Ich dachte, Liebe ist eine Illusion. Kitschig und überbewertet. Aber wenn man es genau nimmt, kann man Liebe gar nicht genug überbewerten.“

Zitat, Seite 343

Freytags Botschaft liegt dabei klar auf der Hand. Lebe jeden Moment, als wäre es dein letzter. Und zwar kompromisslos. Wir alle warten viel zu oft auf den perfekten Augenblick und vergessen dabei völlig, dass wir bereits mittendrin stecken. Dass das Leben auch dann passiert, während wir im Stillen noch darauf warten.

Obwohl ich normalerweise nicht sehr nah am Wasser gebaut bin, habe ich gerade gegen Ende der Geschichte Rotz und Wasser geheult, weil sie so unfassbar traurig und schön zugleich ist. Es ist eine jener Geschichten, durch die man glückstrunken durchrauscht und sich wünscht, dass sie nie zu Ende geht.

„Das Leben wird nicht definiert von den Momenten, in denen du atmest, sondern von denen, die dir den Atem rauben.“

Zitat, Seite 24

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