Kinderfreuden #6: Ein Mäuseheld

lesenslust über “Hermelin: Der Mäusedetektiv” von Mini Grey

Hermelin

Beschreibung:

Hermelin ist eine ganz besonderer Detektiv. Er ist klitzeklein und kommt in jeden Winkel. Er ist in einer Käseschachtel aufgewacht und lebt seither auf dem Dachboden eines alten Hauses in der Sonnenstraße 33. Er ist pfiffig, kann Bücher lesen und auf der Schreibmaschine schreiben. Aber ganz besonders gut kann er Rätsel lösen. Daher ist Hermelin für die verstreuten Bewohner der Sonnenstraße unverzichtbar!

Rund um die Uhr ist er im Einsatz um verlegte Brillen, verschwundene Goldfische, Diamantarmbänder und Teddys. Er schreibt den Bewohnern Hinweiszettel und wenn es schnell gehen muss, schickt er ihnen ein auch mal ein Papierflugzeug mit einer Nachricht. Eigentlich lieben die Bewohner der Sonnenstraße ihren kleinen Helden. Doch als sie herausfinden, dass Hermelin eine Maus ist, ergreifen sie die ganz schnell die Flucht. Nur Emily nicht, denn Hermelin ist genau die Art Partnerdetektiv, die sie für ihre Ermittlungen braucht.

Eckdaten

Hardcover, ab 4 Jahren

32 Seiten
23,8 cm x 227,5 cm

ISBN 978-3-86873-746-2

Übersetzt von: Susanne Schmidt-Wussow

Knesebeck Verlag
12,95 €

Sicher dir hier dein persönliches Exemplar…

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Blickwinkel aus grossen Augen

In “Hermelin: der Mäusedetektiv” lädt Mini Grey kleine und große Spürnasen auf Entdeckungsreise ein. Mit lebendigen Illustrationen unterschiedlicher Größe, die sich teilweise wie in einem Wimmelbuch präsentieren, zeichnet sie die Geschichte von Hermelin, dem Mäusedetektiv, der die verlorenen Dinge der Bewohner seiner Straße aufspürt. Die Geschichte ist voller Rätsel: Schnell war die Lupe ausgepackt und die Spur aufgenommen.

Während das Cover ein sehr liebevolles und stimmiges Bild abgibt, verlieren Greys Illustrationen im Buch allerdings etwas an Feinheit. Je größer die Illustrationen werden umso oberflächlicher werden sie. Da bin ich von Büchern wie Torben Kuhlmanns “Lindbergh” vielleicht etwas verwöhnt. Zumal es unglücklich ist, wenn man Schädlinge wie Zecken, Kakerlaken und Motten vergrößert und mit schreckverzogener Miene in ein Kinderbuch platziert, weil man die Kinder damit unnötig in Panik versetzt.

Ähnlich wie in “Lindbergh” oder Disneys “Ratatouille” hat sich Grey für eine Maus als Protagonist entschieden, die recht schnell zum Sympathieträger der kleinen Leser wird. Auch wenn Mäuse als Schädlinge gelten, nehmen sie in Kinderbüchern eine charmante Rolle ein. Gegenüber Ratten scheinen Mäuse bei den Kindern gern gesehen. Das war auch bei Hermelin so.

Doch ich treffe auf kleine Ungereimtheiten, die ich nicht unerwähnt lassen kann: Stellenweise  hapert es an der Übersetzung und Logik. Während die im Fokus stehenden Briefe und Notizzettel auf deutsch sind, schleichen sich englische Bezeichnungen auf herumliegende Briefe, Bücher und Dosen, die sicherlich Kinder mit 4 Jahren nicht lesen können, wohl aber die Vorleser. Ein Goldfisch, der im Maul einer Katze hängt, blickt meines Erachtens nicht seiner Rettung sondern eher dem Tod ins Auge und dass ein Baby aus Versehen in den Mülleimer fallen kann, entzieht sich vollends meinem Verständnis.

Mini Greys Werk ist bis auf ein paar Ausnahmen wirklich schön anzusehen und die Geschichte ist spannend aufgebaut. Die erwähnten Ungereimtheiten hätte man meines Erachtens vermeiden können, indem man sich dem Werk vor der Veröffentlichung bis ins kleinste Detail annimmt.  Kinder erachten die kleinen Logiklücken des Buches sicherlich nicht als schlimm, aber meine Erfahrung flüstert mir, dass es gerade ihnen als erstes auffällt, wenn etwas nicht stimmt.

<3 <3 <3

Lupe Cover

Blickwinkel aus kleinen Augen

Joschuas Urteil:

Steckbrief Joschi Blog 2

Lieblingsfiguren der Geschichte: Hermelin

Anzahl der Blicke: zahlreich, am Liebsten mit Lupe

Bester Leseplatz: auf dem Sofa

Schlüpft in die Rolle von: Sherlock Junior

Joschi

Kinderfreuden #5: Walgut

lesenslust über “Nick und der Wal” von Benji Davies

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Beschreibung:

Nick lebt mit seinem Papa am Meer. Jeden Morgen fährt Nicks Papa mit seinem Fischerboot aufs Meer hinaus und kommt erst bei Sonnenuntergang wieder nach Hause.

Nick fühlt sich einsam.

Nach einer tosenden Sturmnacht, entdeckt er am Strand einen kleinen Wal. Er weiß, dass er auf dem Land nichts verloren hat und nimmt ihn kurzerhand mit nach Hause. Nick tut alles, damit sich der Wal wohlfühlt. In der Badewanne scheint er ganz in seinem Element.

Doch was wird Papa sagen, wenn er den waligen Besuch in der Wanne vorfindet?

Eckdaten

Hardcover, ab 4 Jahren

32 Seiten
284mm x 251mm
ISBN: 978-3-8489-0076-3
Übersetzt von Johanna Hohnhold

Aladin Verlag
12,95 €

Sicher dir hier dein persönliches Exemplar…

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Blickwinkel aus grossen Augen

“Nick und der Wal” ist Benji Davis erstes Bilderbuch und in meinen Augen bereits ein großer Fang. In ihm erzählt er die Geschichte von dem Jungen Nick und einem kleinen gestrandeten Wal. Eine Geschichte, die von Freundschaft, Liebe und Abschied geprägt ist und sowohl kleine als auch große Leser zu begeistern vermag. Die kleinen Leser spüren recht schnell, dass der kleine Nick sich einsam fühlt und seinen Papa vermisst, wenn der den ganzen Tag auf dem Meer herumschippert. Nur sechs Katzen leisten Nick während Papas Abwesenheit Gesellschaft.

Nick begrüßt es daher sehr, dass er nach einer stürmischen Unwetternacht einen gestrandeten Wal am Strand entdeckt. Er weiß, dass der Meeresbewohner nichts auf dem Land zu suchen hat und beschließt ihn mit nach Hause zu nehmen. Er tut sein Bestes, damit der kleine Wal sich wohlfühlt und erzählt ihm Geschichten vom Leben auf der Insel. Die Badewanne scheint ihm ideal, um den Wal bei Laune zu halten. Als der Papa nach Hause kommt und Nick und den Wal in trauter Zweisamkeit miteinander vorfindet, wird ihm schmerzlich bewusst, wie sehr er seinen Sohn durch die viele Arbeit vernachlässigt hat. Gemeinsam bringen sie ihn zurück ins Meer und Nick muss sich von seinem neuen Freund verabschieden.

Davis liebevolle Illustrationen präsentieren sich größtenteils in zurückhaltenden Farbtönen mit Konzentration auf Blau und Beige. Farbtöne, die die Farben des Meeres und Strandes widerspiegeln und sich dem waligen Protagonisten anpassen. Die Geschichte lebt größtenteils von den Bildern. Der Autor bedient sich lediglich ein paar wenigen Zeilen, die man in gut leserlicher und groß abgedruckter Schriftart auf den Seiten vorfindet. Die detailvollen Zeichnungen sind nicht nur wunderschön anzuschauen, sondern laden über die eigentliche Geschichte hinaus auch zu phantasievollen Nebengeschichten ein.

“Nick und der Wal” ist ein herzerwärmendes Bilderbuch, dass den kleinen Entdeckern Lust aufs Meer macht. Mit seinem Werk vermittelt Davis den kleinen Lesern den Wert von Freundschaft und hilft ihnen entspannter mit Abschied umzugehen.

Ein waliger Freund strandet im heimischen Kinderzimmer.

<3 <3 <3 <3 <3

Wal

Blickwinkel aus kleinen Augen

Joschuas Urteil:

Steckbrief Joschi Blog 2

Lieblingsfiguren der Geschichte: die Katzen, der Wal

Anzahl der Blicke: zahlreich, am Liebsten vor dem Schlafengehen

Bester Leseplatz: im kuscheligen Bett

Schlüpft in die Rolle von: einem Freund, einem Seemann

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A Single Breath..

lesenslust über “Der Sommer, in dem es zu schneien begann” von Lucy Clarke

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“Jackson zieht sich die Mütze über die Ohren und wirft noch einen Blick auf Eva, die sich im Bett zusammengerollt hat, die Bettdecke unter das Kinn gestopft. Mit geschlossenen Augen murmelt sie schläfrig etwas vor sich hin. Geh nicht, soll das heißen. Aber er muss gehen. Er kann nicht neben ihr liegen, wenn er sich so fühlt wie in diesem Moment.”

Zitat, Seite 5

Seit Monaten plant Eva gemeinsam mit ihrem Mann dessen australische Heimat, die Insel Tasmanien, zu bereisen. Doch nur wenige Monate nach der Hochzeit wird Jackson beim Angeln von einer Welle erfasst. Man nimmt an, dass er beim Kampf mit dem tosenden Meer ertrunken ist. Eva ist verzweifelt und beschließt, sich alleine auf die Reise in Jacksons Heimat zu begeben. Sie hofft auf Trost im Kreis seiner Familie, doch was sie empfängt, ist Ablehnung und Schmerz. Auch Vater und Bruder scheinen den Verlust von Jackson, der vor zwei Jahren fluchtartig das Land verlassen hat, nicht umgehen zu können.

Doch die Verzweiflung in Evas Augen und ihre unermüdliche Suche nach der Wahrheit erweicht langsam aber sicher die beiden Männer. Was sie zu erzählen haben, ist nicht das, was Eva sich erhofft hat: Sie sieht sich schon bald mit einer schockierenden Wahrheit konfrontiert, die sie zu einem schicksalhaften Sommer in der Vergangenheit führt – dem Sommer, in dem es zu schneien begann.

Quelle: Piper Verlag

Quelle: Piper Verlag

“Ihre Gedanken verlieren sich in alle möglichen Richtungen. Sie balancieren über weit voneinander entfernte Erinnerungen hinweg, graben Fetzen der Geschichte aus und kreisen unentwegt um das Wörtchen warum.”

Zitat, Seite 205

Lucy Clarke entführt uns in ihrem zweiten Roman “Der Sommer, in dem es zu schneien begann” ins raue Tasmanien: Die australische Inselwelt mit ihren bizarren Felsküsten, atemberaubenden Landschaften und ihrer bunten Unterwasserwelt scheint dabei der perfekte Hintergrund für ihre vielschichtige Geschichte, in der Clarke uns auf eine emotionale und  atmosphärische Reise mitnimmt.

Selten packt mich die Vorfreude auf ein Buch so sehr, wie sie es bei diesem Werk getan hat. Der Roman, der schon von außen eine wahre Entdeckungsreise ist, hat mich von Anfang an für sich gewonnen. Sowohl Farbgebung und Gestaltung des Covers, als auch Titel stehen im perfekten Einklang zur Geschichte. Die blauen Wellen verkörpern das Meer, das im Roman eine zentrale Rolle spielt und der Titel trägt den Namen des schicksalhaften Ereignis, auf dem Jacksons Persönlichkeit beruht. Eine stimmungsvollere Aufmachung scheint mir nahezu unmöglich!

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Clarke erzählt ihre Geschichte aus wechselnden Perspektiven. Neben dem Blick auf die verzweifelte Eva wird der Leser mit persönlichen Zeilen von Jackson konfrontiert, die uns das Gefühl vermitteln, Jackson begleite uns. Im Gegensatz zu anderen Romanen, in denen der Verlust eines Menschen im zentralen Mittelpunkt steht, präsentiert uns Clarke ein breitgefächertes Werk, das sich neben dem Leitthema auch noch mit den Themen Geschwisterliebe, familiären Zusammenhalt und der Suche nach Anerkennung auseinandersetzt.

Es geht um Enttäuschung, Wut und Verzweiflung. Um Leidenschaft, Liebe und Vergebung.

Mit Eva zeichnet Clarke eine starke Persönlichkeit, die sich auch durch den Verlust ihres Ehemannes nicht ausschließlich ihrer Trauer hingibt, sondern sich auf die Suche nach der Wahrheit macht und dabei das Land Tasmaniens in seiner ganzer Pracht entdeckt. Sie leidet still, vermeidet leidensvolle Gefühlsausbrüche und macht die Story daher nicht weinerlich, sondern emotional und ausdrucksstark.

Mit “Der Sommer, in dem es zu schneien begann” ist Clarke ein beeindruckendes Werk gelungen, das uns nach “Die Landkarte der Liebe” erneut mit der schicksalhaften Macht des Lebens konfrontiert. Seite um Seite beginnt das Fundament von Jacksons und Evas Liebe zu bröckeln. Der Schein von einer heilen Welt wird von einer erschreckenden Wahrheit abgetragen und zeigt uns wie unverzichtbar Ehrlichkeit und Vertrauen ist. Ein emotionales Werk, dessen Seegang mich durch alle Gefühlslagen geschaukelt und mich durch seine Bandbreite begeistert hat. Es scheint diesen Sommer unausweichlich, mit Schnee in Berührung zu kommen!

<3 <3 <3 <3 <3

“Das Leben hat die Neigung, dich auf unerwartete Pfade zu führen – und dann schaust du dich plötzlich um und fragst dich, wie, zum Teufel, du dort gelandet bist.”

Zitat, Seite 309

“Irgendwie ist es, als gäbe es diese Momente in meinem Leben – eine Art Scharniere -, an denen alles hängt, was ich als Nächstes tue. Nur dass ich mich dann immer für das Falsche entscheide”

Zitat, Seite 363

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Mein <3 – licher Dank gilt dem Piper Verlag, der mir diesen Roman bei seiner Book Up Veranstaltung in eine randvolle Tüte voller Buchentdeckungen gesteckt und mein Leben damit um ein paar atmosphärische Lesemomente bereichert hat.

Seelenfeuer

lesenslust über “Ich bin gleich da” von Anne Köhler

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“Schweigen floss durch die gesamte Länge des Telefonkabels, über sechshundert Kilometer Ungesagtes in der Leitung zwischen ihnen, Elsa spürte, wie es aus dem Hörer drang, ihre Wange streifte und sich im Zimmer verteilte, den Sauerstoff verdrängte.”

Zitat, Seite 68

Es ist die Nacht des Maifeuers, in der Elsa ihren Vater für immer verliert. Als Jost in einem Moment von Elsas Abwesenheit einen Herzinfarkt erleidet und stirbt, hinterlässt er eine verunsicherte Tochter voller Schuldgefühle. Von da an kreisen ihre Gedanken um diese eine Nacht. Nichts ist mehr wie vorher. Die Mutter ist fortan ein Wrack, wirkt nur noch wie ein Schatten ihrer Selbst. Der Bruder, distanziert und stets auf Konfrontation mit Elsa. Ein unangenehmes Schweigen gewinnt die Oberhand in der Familie.

Langsam aber sicher beginnt Elsa zu fliehen, entfernt sich Stück für Stück von ihrem alten Leben und versucht die Schatten der Vergangenheit abzustreifen, die ihr Nacht für Nacht den Schlaf rauben. Im hitzigen Alltag als Köchin gelingt es Elsa ihre Sorgen für eine Weile zu vergessen. Hier versteckt sie sich vor der restlichen Welt, nutzt jeden Moment der Arbeit um sich an routinierte Arbeitsabläufe zu klammern, die ihr notwendigen Halt schenken.

Doch Elsa bleibt rastlos und will ans Meer. Eine undefinierbare Sehnsucht ergreift sie. Am Meer erhofft sie sich einen Neuanfang. Ihr Vater meinte immer, dort lösen sich alle Probleme auf. Doch die erhoffte Erlösung bleibt aus. Es ist vielmehr ein 5-Gänge-Menü auf der Durchreise, das in ihr die Sehnsucht nach dem Kochen auf hohem Niveau endgültig weckt, das sie während ihrer Ausbildung kennengelernt und danach aus den Augen verloren hat. Im Hafen von Hamburg trifft sie auf die gestrandete Seele Jan und findet bei ihm Zuflucht. Plötzlich scheint alles möglich. Und noch viel mehr.

Doch ein Anruf ihres Bruders lässt Elsa jäh erwachen. Sie muss sich nun endlich ihrer Vergangenheit stellen.

“Oben Himmel, unten Holz, rundum Wasser. Die Sonne blendete, strahlte von der Meeresoberfläche zurück in die Augen. Es fehlte nicht viel und der Wind trüge sie davon. Der Himmel öffnete sich über ihr, stieß in der Ferne mit dem Wasser zusammen. Hier endete nichts, hier fing alles erst an.”

Zitat, Seite 130

Brücke 5

“Als Kind hatte Elsa geglaubt, indem sie die Augen schloss, könnte sie die ganze Welt verschwinden lassen. Nach dem Tod ihres Vaters fürchtete sie sich davor, die Augen wieder zu öffnen. (…) Sie versuchte den Prozess des Erwachens in die Länge zu ziehen, die Realität so lange wie möglich vor den geschlossenen Lidern zu lassen. Spürte das Licht auf der Haut. (…) Doch irgendwann konnte man nicht mehr anders, irgendwann musste man die Augen aufschlagen, und dann war die ganze Welt da.”

Zitat, Seite 113

Köhler ist ein sensibles Debüt gelungen. Unaufdringlich und einfühlsam erzählt sie in “Ich bin gleich da” die Geschichte von Elsa, einer rastlosen jungen Frau, die nach dem Verlust ihres Vaters ziellos durchs Leben taumelt. Kaum 23 Jahre alt, sehnt sie sich schon nach Erlösung. Die Schuldgefühle, die sie seit dem Tod ihres Vaters verfolgen, haften an ihr wie Kletten. Weder bei ihrer Familie noch in ihren Beziehungen findet sie Trost. Nur beim Kochen gelingt es ihr abzuschalten und ganz Ella zu sein. Das grelle Licht in der Küche betäubt sie, lässt sie Zeit und Raum vergessen.

Doch das qualitativ hochwertige Kochen hat Elsa längst hinter sich gelassen. Sie ist in einem XXL-Megatempel gestrandet, in dem Quantität vor Qualität steht. Hauptsache viel für wenig Geld. Ihr Chef lebt das Motto. Der scheiß Sternegastronomie kann er nichts abgewinnen. Als es während der Arbeit zu einem Zwischenfall kommt, schmeißt Elsa die Stelle. Sie will ans Meer. Hauptsache weg von zuhause. Sie landet in Hamburg und trifft an den Landungsbrücken auf die ähnlich verlorene Seele Jan. Plötzlich ist da jemand, der sie versteht und sie bestärkt, ihre Träume zu leben. Man schenkt ihr die Möglichkeit, sich in einem Sternerestaurant zu beweisen.

Ohne es zu wissen, hat Köhler mir ein ganz persönliches Herzensbuch geschenkt. Sie vereint Dinge, die mir lieb sind: die Liebe zum Kochen, meine liebste Hansestadt und die Sehnsucht nach dem Meer. Vor diesem Hintergrund spielt sich Elsas Geschichte ab. Eine Suche nach Liebe und Geborgenheit. Eine Suche nach sich selbst.

Köhlers Zeilen sprudeln vor Lebendigkeit. Mit ihren detailreichen und atmosphärischen Beschreibungen katapultiert sie mich direkt an den Ort des Geschehens, lässt mich Zeuge von der schäbigen Arbeitsweise im XXL-Billigrestaurant werden und professionellen Sterneköchen über die Schulter schauen. Ich vernehme intensive Gerüche, Farben und Geschmäcker. Spüre, wie mir der Wind durch die Haare weht, höre die Möwen schreien und Signalhörnern der Schiffe am Hamburger Hafen tuten. Alles scheint zum Greifen nah! Plötzlich bin ich wieder mittendrin. Denke an die vertrauten Abläufe in der Küche, die für lange Zeit auch zu meinem täglichen Arbeitsablauf gehörten und an die vielen Momente am Hamburger Hafen. Hamburg, meine Perle!

Liebevoll zeichnet Köhler ihre Figuren, erweckt nicht nur Elsa sondern auch all die Nebenfiguren der Geschichte zum Leben. Versorgt uns mit kleinen Details, liebevolle Gesten und verlorenen Blicken. Köhlers Botschaft scheint ganz klar: Weglaufen ist keine Lösung. Nur wenn man sich seiner Vergangenheit stellt, kann man in der Gegenwart ankommen.

Leben.

<3 <3 <3 <3 <3

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Morty Reloaded..

lesenslust über “Heute beginnt der Rest des Lebens” von Marie-Sabine Roger

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“Familiengeheimnisse sind schwarze Spinnen, die uns mit einem klebrigen Netz umweben. Wir geraten immer tiefer hinein, irgendwann sind wir gefesselt, geknebelt, gefangen. Unfähig, uns zu regen, zu reden. Zu leben.”

Zitat, Seite 165

Sein gesamtes Leben blickt Mortimer dem Ende entgegen: seinem frühen Tod. All die Jahre lebt er in den Tag hinein, bleibt unnahbar, lebt oberflächliche Beziehungen und verdrängt den Wunsch eine eigene Familie zu gründen, weil eine Sache so sicher scheint wie das Amen in der Kirche: Er wird das gleiche Schicksal erleiden wie all die Männer in seiner Familie und an seinem 36. Geburtstag sterben. Es scheint unausweichlich.

Er kündigt seinen Job und seine Wohnung, bringt das letzte Mal den Müll raus und lässt seine Freundin Jasmine ziehen, die er eigentlich viel lieber behalten möchte. Er ist bereit das Zeitliche zu segnen. Doch der Tod lässt auf sich warten. Alles bleibt wie gehabt und Mortimers Geburtstag verstreicht ereignislos. Der erwartete Todeszeitpunkt tritt nicht ein, weshalb der gute Mortimer auch Stunden später noch in seinem Beisetzungsanzug und in allerbester Verfassung am Crêpestand seiner Freunde sitzt und die Welt nicht mehr versteht. War alles nur eine Farce?

Mortimer muss nun endlich beginnen, zu leben und stellt fest, dass das Leben eine viel größere Herausforderung ist, wenn der Todeszeitpunkt in den Sternen steht.

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“Erzählen Sie mal herum, dass Sie mit Ihren Pflanzen reden, damit sie besser wachsen, dass Ihnen Ihre Großmutter im Traum erscheint, um Sie vor misslichen Ereignissen zu warnen, dass Sie aufs Gramm genau wissen, wie viel Sie wiegen, bevor Sie auf die Waage steigen – da landen Sie schnurstracks in einer Schublade mit all den anderen Spinnern, irgendwo zwischen Spiritisten und Zwiebelanbetern.”

Zitat, Seite 42/43

Marie-Sabine Roger schreibt Geschichten rund ums Herz. In ihren Romanen widmet sie sich zwischenmenschlichen Problemen. Ihre Zeilen sind geprägt von Feingefühl, Toleranz und Nächstenliebe. Werte, die in all ihren Werken präsent sind. Zahlreiche Leserherzen hat sie dadurch bereits für sich gewonnen. Romane wie “Das Labyrinth der Worte”, “Der Poet der kleinen Dinge” oder auch “Das Leben ist ein listiger Kater” sind bereits in aller Munde. Auch in ihrem neuen Roman widmet sie sich einem eigenbrötlerischen Protagonisten, weshalb sich der Roman ganz harmonisch in das vertraute Genre einreiht.

Mortimer Décime, kurz Morty, ist Mitte Dreißzig. Er steht kurz vor seinem Geburtstag und hat bereits alles für seinen Abgang aus dem Leben arrangiert. Er nimmt an, dass ihn dasselbe Schicksal erleiden wird, wie all den Décime Männern vor ihm: Der plötzliche Tod mit 36. Nun ja, warum also in ernsthafte Beziehungen investieren und eine Familie gründen, wenn er sich bereits mit Mitte Dreißig von ihnen verabschieden muss? Er vermeidet es, in die Fußspuren seiner Vorfahren zu treten um Schmerzen und Tränen des Abschieds vorzubeugen. Er bleibt unnahbar, oberflächlich und emotionslos.

“Ich könnte mich auf eine Bank setzen und heulen, soviel ich wollte. Ich würde mir die Tränen eines ganzen Lebens ausweinen, bevor sich auch nur ein Passant für mich interessierte. Ich würde so viel Wasser vergießen, bis ich erschöpft, verschrumpelt, ausgetrocknet wäre.”

Zitat, Seite 141

Mortimer

Er fährt gut mit seiner Strategie. Die Menschen in seiner Umgebung nehmen ihn kaum wahr. Eigentlich verspürt kaum jemand Lust, den unattraktiven leicht übergewichtigen Morty kennenzulernen. Seine Bekanntschaften sind spärlich gesäht. Einzig und allein Paquita und Nassardine, die Besitzer eines Crêpestandes, werden für ihn zu einer Art Ersatzfamilie. Nach dem Tod des Vaters hat sich Mortys Mutter schnell aus dem Staub gemacht; verzweifelt, mit dem Tod ihres Sohns nicht umgehen zu können. Morty bleibt alleine zurück.

Als Morty erfährt, dass er vorerst gar nicht sterben wird, sitzt der Schock tief. Seine Strategie war für den Arsch. Die ganzen Jahre verschwendet. Selbst die Beziehung zu der verrückten Jasmine, in der er das perfekte Gegenstück findet, lässt er zerbrechen. Er hatte schließlich fest mit seinem Tod gerechnet. Doch mit der Aussicht auf weitere Lebenszeit wächst auch die Hoffnung auf eine zweite Chance im Leben. Eine Chance, die er nicht ungenutzt lassen darf.

“Dieses Mädchen war wie Alufolie zwischen zwei Zahnkronen, wie eine Papierschnittwunde am Zeigefinger, eine rissige Lippe, die immer wieder aufgeht, wenn man lacht. Etwas völlig Belangloses, das aber unheimlich nerven kann. Ich hatte Lust sie zu schütteln, sie zu zerkrümeln, sie zu zerkratzen.”

Zitat, Seite 143

“Sie baute Luftschlösser, ich rechnete und zählte. Sie war die Grille, verschwenderisch und sorglos, ich war die Ameise, die an Worten sparte und mit dem Herzen geizte. Ich hatte Gewissheiten, sie glaubte an Dinge. Ich würde eines Tages sterben. Sie lebte die ganze Zeit. Vielleicht war es das, was ich am meisten an ihr liebte. Dieses übersprudelnde Leben, das sie mit einer Aura von Wünschen und Verlangen umgab. Ich lebte mehr und besser, wenn ich mit ihr zusammen war.”

Zitat, Seite 160

Roger erzählt uns in “Heute beginnt der Rest des Lebens” die Geschichte eines Außenseiters. Es sind leise Töne, mit denen die einfühlsame Autorin uns die Geschichte erzählt. Töne, die von Mitgefühl und Toleranz getränkt sind. In ihren Zeilen fehlt es weder an schwarzen Humor noch hilfreichen Lehren. Mit ihren Figuren schenkt sie uns ein exotisches Potpourri von Menschen: Einen bunten Haufen Exoten, die unterschiedlicher nicht sein könnten und sich dennoch perfekt ergänzen. Roger gelingt ein humorvoller und zugleich phantasievoller Roman mit klitzekleinen Längen – unterhaltsam, lehrreich, anrührend. Alles Roger eben!

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<3 <3 <3 <3

Ewig und eins..

lesenslust über “Ewig und eins” von Adriana Popescu

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„Es sind die Menschen, mit denen man sich umgibt, die das Leben mit Farbe und Musik füllen.“

Zitat, Seite 100

Sie waren das perfekte Dreiergespann: Ben, Jasper und Ella.

Doch das Leben kam dazwischen und riss die Drei auseinander. Ella und Ben, das große Traumpaar und Ella und Jasper, die engsten Freunde. Ellas Entschluss, nach dem Abitur nach New York auf eine der besten Ballettschulen der Welt zu gehen, ist folgenschwer. Denn er entzweit nicht nur ihre Beziehung zu Ben, sondern auch ihre Freundschaft zu Jasper. Von da an verändert sich alles in Ellas Leben. Eher zum Nachteil.

„Wenn man die Sterne nicht sieht, kann man auch nicht danach greifen.“

Zitat, Seite 148

Während Ben und Jasper über die Jahre hinweg in Kontakt bleiben, verfolgt Ella das Leben der beiden aus der Ferne. Nur durch Facebook erhascht sie Momentaufnahmen aus deren Leben. Von zwei Männern auf Erfolgskurs.

Einen wirklichen Abschied von Ben gab es nie. All die Worte blieben ungesagt. Zwei Herzen zerbrachen und mit ihnen die Hoffnung. Mit Ben verlor Ella ihre große Liebe und mit Jasper ihren engsten Vertrauten. Menschen, wie es sie nur einmal gibt.

Nach sieben Jahren Funkstille, treffen die Drei wieder aufeinander und ein emotionaler Roadtrip durch die Vergangenheit beginnt. Und je später der Abend wird, desto schneller pocht Ellas Herz.

Der Anfang von etwas Neuem oder ein Abschied für immer?

„Manchmal, wenn man Romane liest, wird etwas mit dem Wort ‚perfekt‘ beschrieben, und ich frage mich immer, wieso der Autor es nicht besser ausdrücken kann. Jetzt verstehe ich es. Weil es für manche Dinge im Leben eben keine Worte gibt.“

Zitat, Seite 302

Popescus Romane machen das Leben bunter. Sie sind aufwühlend, mitreißend und einfach nur herzerwärmend schön. Geschichten, wie sie das Leben schreibt, und sicherlich noch ein bisschen schöner. Auch mit ihrem neuen Roman schüttet die Autorin wieder eine gesamte Wagenladung voller Emotionen über mir aus. Ein emotionaler Roadtrip à la Popescu eben. So durchlebe ich sowohl Momente voller Unbeschwertheit und Freude als auch voller Verunsicherung und Schmerz. Die Wucht dieser Emotionen ergreift ihre Protagonisten ebenso sehr wie mich. Endlich begegne ich ihr wieder, der Gefühlsachterbahn auf dem Rummelplatz des Lebens.

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„Es heißt, wenn man scheitert, soll man da hingehen, wo man angefangen hat, wo es gut lief, und nochmal von vorne anfangen. Die meisten machen das nicht, weil es zu anstrengend ist, weil es zu viel Kraft kostet und weil man sich vorher eingestehen muss, dass man gescheitert ist. Dabei verpassen wir vielleicht die größte und beste Chance unseres Lebens, weil sie sich als vermeintliche Niederlage tarnt. Fehltritte, Stürze und Misserfolge von früher sind doch unterm Strich nichts weiter als alte Erinnerungen, die uns zu dem Menschen machen, der wir heute sind.“

Zitat, Seite 309

Es ist die Geschichte von Ella, Jasper und Ben, die Popescu in „Ewig und Eins“ erzählt. Eine neue Geschichte mit neuen Figuren, die mich nach „Lieblingsmomente“ und „Lieblingsgefühle“ nicht weniger verzaubert als ihre Vorgänger. Ihre Protagonisten schließt man bereits nach wenigen Zeilen ins Herz. Einen nach dem anderen. Denn Ella, Jasper und Ben sind grundverschieden und dennoch so ein perfektes Team. Mit der verträumten Ella, dem wagemutigen Ben und dem chaotischen Jasper, schenkt uns Popescu die gesamte Bandbreite an Persönlichkeiten.

„Das Leben ist keine Autobahn. Manchmal tut es auch die Landstraße oder ein Schotterweg.“

Zitat, Seite 264

„Ewig und eins“ erzählt uns nicht nur die Geschichte von aufrichtiger Freundschaft und der ersten großen Liebe, sondern auch vom Leben. Von falschen Entscheidungen und verpassten Chancen; von Wut, Trauer, Enttäuschung und auch von schmerzhafter Erkenntnis. Denn schließlich sind es die Begegnungen mit den Menschen, die das Leben so kostbar machen. Es sind all die Persönlichkeiten, die unserem Alltag Leben einhauchen. Menschen, die zu kostbaren Konstanten in unserem Leben werden und uns den nötigen Halt und Zuflucht schenken.

Mit den Worten eines Liebesbriefs und dem Songtext von Thomas Pegram verleiht Popescu ihrem Roman die perfekte musikalische Untermalung und das ganz besondere Sternbild der drei Freunde bringt die Geschichte zum Strahlen. „Ewig und eins“, ein neuer Stern am Literaturhimmel und ein neues Herzensbuch in meinem Regal. Ich danke dir, liebe Adriana.

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„Es gibt für jede Aufführung, für jede Choreografie den richtigen Partner. Für diesen Lebensmoment gibt es nur einen perfekten Partner, und die Wucht, mit der mich diese Erkenntnis trifft, erinnert stark an eine Tsunamiwelle.“

Zitat, Seite 259

„Immer glauben wir, es müsste dieser eine übergroße Moment sein: ein Blick, eine Berührung, und man ist unsterblich verliebt, schlagartig und wie vom Blitz getroffen. Was aber, wenn das nur ein haltloser Mythos ist? Was, wenn Liebe sich einen Weg in unser Leben sucht und langsam eine Gefühlsnetz um uns spinnt, bis es nicht mehr wegzudenken ist? Und ohne dass wir es merken.“

Zitat, Seite 275

<3 <3 <3 <3 <3

 

 

Ein schicksalhaftes Haus..

lesenslust über “Der gestohlene Sommer” von Lauren Willig

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„Julia konnte sich der Faszination des alten Hauses und seiner verstaubten Erinnerungen nicht entziehen: Topfhüte und zerfledderte Zeitungen, Knopfstiefel und Briefe mit Eingangsfloskeln wie aus einem Benimmbuch aus edwardianischer Zeit.“

Zitat, Seite 107

Ein uraltes Haus in Herne Hill.

Der Ort, an dem die Schicksale zweier Frauen miteinander verwoben sind.

Hier hat alles seinen Ursprung.

– New York, 2009 –

Julia Conley erbt ein uraltes Haus in der Nähe von London, in dem ihre verstorbene Mutter groß geworden ist. Im verstaubten Anwesen von Tante Regina stößt sie auf das Porträt einer jungen Frau mit verlorenem Blick und ein Gemälde aus den Anfängen der Präraffaelitischen Bruderschaft. Fortan wird sie mit Erinnerungsfetzen aus ihrer Kindheit konfrontiert, die ihr fremd sind. Sie ordnet sie Tagträumereien zu, doch als sie immer wiederkehren, kommt sie ins Grübeln. Sind es tief verwurzelte Momentaufnahmen aus ihrer Kindheit?

„In Julia entstand der Verdacht, dass alles, womit sie selbst sich umgeben hatte, nicht mehr gewesen war, als Kulisse, die so lange überzeugend wirkte, bis man ihr einen Stoß versetzte und alles zusammenklappte.“

Zitat, Seite 38

– Herne Hill, 1849 – 

Imogen ist jung und naiv, als sie sich trotz der Bedenken ihres kranken Vaters auf die Ehe mit dem weitaus älteren Kunstliebhaber Arthur Graham einlässt. Sie träumt von tiefer Liebe und unbändiger Leidenschaft. Doch der anfänglichen Euphorie weicht schon bald eine ernüchternde Realität. Einsame und ungeliebte Jahre beginnen für Imogen, in denen sie zum Besitz des mürrischen Kunsthändlers zählt. Erst als der junge Maler Gavin Thorne sie porträtiert, erfährt sie, was wahre Begierde und Leidenschaft ist und ein waghalsiges Unterfangen beginnt.

„Es gab Momente, da hätte sie Arthur am liebsten angeschrien, ihn dafür beschimpft, dass er ihr das alles genommen hatte, dass er ihre Jugend gestohlen hatte und sich auch noch einbildete, er hätte sie gerettet und sie müsste ihm ewig dankbar sein – für all das, womit er sie so hochherzig beschenkte: die Goldketten, die sie erstickten, die verschwenderischen Kleider, die sie einengten, opulente Mahlzeiten, die ihr im Hals stecken blieben, für diese Überfülle, die ihr keine Luft zum Atmen ließ.”

Zitat, Seite 119/120

„Das Klopfen der Bäume an den Fensterscheiben, das Rauschen des Windes und des Regens klangen sehr laut in der Stille, das in den graugelben Dämmerschein des trüben Regentages eingehüllte Zimmer schien wie von der Welt abgeschnitten. Imogen wurde sich plötzlich bewusst, dass sie ganz allein mit diesem Mann war, durch nichts als eine Staffelei von ihm getrennt.“

Zitat, Seite 178/179

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Lauren Willig bedient sich in ihrem Roman “Der gestohlene Sommer” eines alten verstaubten Anwesens in Herne Hill als Schauplatz. Hier finden die Geschichten zweier Frauen, zwischen denen 160 Jahre liegen, zueinander. Es sind die Geschichten von Imogen und Julia.

Willig verleiht ihren Protagonistinnen ähnliche Naturelle. Beide Frauen sind sowohl von Willensstärke als auch von kindlicher Zerbrechlichkeit erfüllt. Dramatische Ereignisse aus der Kindheit prägen sie und hinterlassen Spuren in ihrer Persönlichkeit. Ihre Unsicherheit ist auf jeder Seite präsent.  Diese spürbare Verletzlichkeit macht es dem Leser recht einfach, sich in die Lage beider Frauen hineinzuversetzen und sich ohne Probleme auf die Geschichte einzulassen.

Durch abwechselnde Erzählstränge aus Vergangenheit und Gegenwart wird die Geschichte sehr lebendig gestaltet. Nach und nach setzen sich die Dinge wie Bausteine aneinander und offene Fragen werden beantwortet. Doch leider behält die Autorin nicht all die zahlreichen Fäden zusammen, die sie im Verlauf der Geschichte aufnimmt. Manche Fäden entgleiten ihr. Sie wird schusselig und hinterlässt dadurch ungelöste und fragwürdige Konstellationen, die wie Fragezeichen im Raum schweben. Leider wirkt der Roman dadurch etwas unausgewogen.

Die Sprache der Autorin gefiel mir recht gut, da sie den jeweiligen Zeitepochen angepasst schien. Während die Passagen aus der Vergangenheit etwas altertümlicher zu lesen sind, präsentieren sich die Zeilen der Gegenwart sehr modern und zeitgemäß. Die Zeilen zwischen Imogen und Gavin sind mir dabei sehr ans Herz gewachsen, weil sie von purer Emotion getränkt sind. Leidenschaft, Begierde und aufrichtige Liebe werden zum Mittelpunkt ihres Miteinanders. Die Gefühle füreinander wachsen sehr behutsam, bevor sie sich letztendlich zu ihrer vollen Blüte entfalten.

„Gavin überkam plötzlich ein wildes Verlangen, seine Lippen auf das Grübchen an ihrem Hals zu pressen , auf jene Stelle, wo noch ihre Worte nachbebten. Er wollte seine Finger in die glänzende dunkle Fülle ihres Haares graben und es aus den Nadeln lösen, bis es ihm wie Seide über die Hände floss, wollte sie an sich ziehen und ihren Mund mit seinem bedecken, sie küssen, bis die Welt sich in betäubendem Wirbel um sie drehte und das Zwitschern der Vögel übertönt wurde vom ungestümem Schlag ihrer Herzen.“

Zitat, Seite 199

„Liebe. Sie sprachen nicht von Liebe; das war eine stillschweigende Vereinbarung. Es gab keine Zukunft für sie, und sie wussten es beide. Dies war geliehene Zeit, gestohlene Zeit, so sehr Phantasie wie das Kleid, das sie trug, wie die Requisiten, die sich in der Ecke stapelten, nichts davon geeignet, den Prüfungen der Zeit standzuhalten.“

Zitat, Seite 252

Lauren Willig hat einen atmosphärischen Roman geschaffen, der trotz kleiner Unstimmigkeiten zu fesseln vermag. Die Zeitreise nach Herne Hill lässt mich insgeheim davon träumen, ein verstaubtes Anwesen zu erben und auf die Spur seiner Geheimnisse zu kommen.

<3 <3 <3 <3

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