Nach Sonne dürstend

„Die Sonnenwächterin: Eine Frühlingsgeschichte“ – Maja Lunde, Lisa Aisato

btb Verlag, erschienen am 9. November 2021, Preis 15,00 € [D], Hardcover, 208 Seiten, ISBN: 978-3-442-75933-0, hier geht’s zum Buch

„Wenn ich die Augen schloss, konnte ich auf den Wangen und der Nase noch die Sonne spüren, die prickelnde Wärme, die sich in mir ausbreitete und mit nichts zu vergleichen war, die mein Herz erweichte und meine Gedanken beruhigte. In gewisser Weise hatte ich also eine Vorstellung von der Sonne, obwohl sie vor langer Zeit verschwunden war, damals war ich gerade ein Jahr alt gewesen.“

Zitat, Seite 3

Lilja lebt in einer Welt ohne Licht. Das Dorf, in dem das kleine hagere Waisenmädchen mit ihrem Großvater wohnt, ist von ewiger Dämmerung erfüllt. Hier gibt es keine Jahreszeiten, keinen Wechsel zwischen Tag und Nacht und keine Sonne, an deren prickelnde Wärme sich Lilja noch genau erinnern kann. Nur ewiger Regen und trübes Licht. Es ist Liljas Großvater, der die Leute im Dorf mit Nahrung versorgt. Sein Gemüse ist ihr Lebenselixier. Die Turmuhr am Markplatz ihr Taktgeber. 

Eines Tages vergisst der Großvater sein Brot auf dem Tisch. Lilja will es ihm bringen und entdeckt dabei einen geheimen Pfad hinter Großvaters Gewächshaus. Es ist verbotenes Terrain und dennoch kann sie nicht widerstehen. Sie folgt dem Pfad in den Wald, der in ihr eine große Furcht aber gleichzeitig auch Neugierde weckt. Hier eröffnet sich ihr bald eine ganz neue Welt. Eine Welt, von der sie nicht zu träumen gewagt hat und die Fluch und Segen zugleich ist. Und mit dem Betreten dieser Welt beginnt ihr wohl größtes Abenteuer.

„Die Wärme umschloss meinen Körper und es fühlte sich plötzlich an, als würde ich um mehrere Zentimeter wachsen. Das Gleiche geschah anscheinend auch mit den Pflanzen. Sobald das Licht auf sie fiel, passierten die unglaublichsten Dinge. Blütenknospen öffneten sich, an einem Busch sah ich die Tomaten erröten, die Blaubeeren auf dem hügeligen Boden nahmen noch eine dunkelblauere Färbung an, und die Apfelsinen an einem der Äste wurden intensiver orange.“

Zitat, Seite 58

Hier, in diesem von Bergen umgebenen Tal begegnet Lilja einem wohlgenährten Jungen mit erdbeerroten Wangen und einer mit Sommersprossen übersäten Nase. Sie ist umgeben von dem raschelnden Blätterdach der üppigen Bäume und einem Meer aus dichtem Gras und Blumen, deren Farben sie bislang nur aus dem Malkasten ihres Vaters kannte. Lilja kann ihr Glück kaum fassen. Nie hätte sie gedacht, dass sie all das jemals sehen würde. Und es kommt noch besser. Denn hinter einem Stahltor in der Felswand liegt sie verborgen: Die verloren geglaubte Sonne. Es ist ihre Wärme und ihr Licht, das die Pflanzen und Blumen im Tal nährt und am Leben erhält. Doch die Sache hat einen Haken. Denn es darf nur zwei Mal am Tag für eine Sanduhr lang geöffnet werden. Es ist eine der Bedingungen, an der der Aufenthalt des im Tal lebenden Jungen geknüpft ist. Genau wie das Umsorgen der Beete und das Befüllen eines Korbes für das Dorf. Es sind die Regeln der Sonnenwächterin, die hier herrscht.

Und während Lilja sich fortan täglich am Ertrag dieses Paradieses labt, nagt schon bald das schlechte Gewissen an ihr und lässt sie eine folgenschwere Entscheidung treffen.

„Endlich gab es einen Ort, wo ich von allem wegkam. Von unserem beengten Zuhause, von meinem Dorf, von allen, die sich in Gummistiefeln und weiten Regenmänteln durch die Gegend schleppten mit Ringen unter den Augen, schwarz wie Regenwolken. Das hatte ich zumindest gedacht, aber jetzt wollten meine Beine plötzlich nicht mehr rennen. Sie wurden schwerer, je tiefer ich in den Wald kam und je mehr ich mich dem Tal näherte. Schließlich fühlte es sich an, als hinge Schlamm an meinen Stiefeln. […] Es war nicht gerecht, dachte ich, es war nicht gerecht, dass nur ich in dem Tal sein durfte, dass nur ich so viel essen durfte, wie ich wollte, und die Wärme der Sonne spüren.  Es war nicht gerecht, dass der Junge und ich das alles haben durften und die anderen Menschen im Dorf weiterhin im Dämmerlicht leben mussten.“

Zitat, Seite 82

Ich bin dem Ruf gefolgt, der in der Adventszeit von den Zeilen meines Bloggerkollegen und Freundes Arndt (von AstroLibrium) über ein Werk ausging, in das ich unbedingt selbst eintauchen wollte. Es ist „Die Sonnenwächterin“ von Maja Lunde, die bei mir ein Zuhause fand. Der zweite, völlig eigenständige Teil eines großen Jahreszeitenquartetts für die ganze Familie, der mit 27 Kapiteln und so farbenfrohen und gefühlvollen Illustrationen von Lisa Aisato daherkommt, dass mir beim Lesen ganz warm ums Herz wurde.

Schon 2018 sorgte das Erfolgsduo mit ihrer Geschichte um „Die Schneeschwester“ für Begeisterung bei ihren Leser*innen. Es war der Auftakt eines Quartetts, das nicht nur bunt und atmosphärisch, sondern auch besonders daherkommt. Sowohl der hochwertige, von einem Schutzumschlag umhüllte Einband, als auch die darin verborgene Geschichte schaffen es gleichermaßen, mich zu begeistern. Es ist das harmonische Zusammenspiel aus Text und Bild, das der Geschichte Leben einhaucht, den Leser und die Leserin einbettet, in ein berauschendes Meer aus Farben, Gefühlen und Gerüchen. 

Ich entschied mich dazu „Die Sonnenwächterin“ ebenfalls in der (Vor)Weihnachtszeit zu lesen. Denn warum sollte man sich im Dezember immer nur auf saisonale Geschichten beschränken, wenn man der kalten und dristen Jahreszeit auch so viel Farbe und Wärme einhauchen kann!? Die Gefühle, die Maja Lunde mit ihren berührenden Zeilen in mir freisetzte, fanden sich in Lisa Aisatos ausdrucksstarken Illustrationen wieder. Ihre Bilder sind erfüllt von einem Facettenreichtum an Gefühlen: von Tristesse, Angst, Hunger und dem unbändigen Wunsch nach Wärme, aber auch von Glück, Liebe, Freiheit und Leben. 

Doch nicht nur Aisatos Bilder sondern auch Lundes Figuren begegnen einem vielfältig. Es ist nicht nur das Waisenmädchen Lilja oder der Junge aus dem Tal, dessen Konturen sich hier von Seite zu Seite zu Persönlichkeiten entfalten, es ist auch Liljas Großvater, die vom Hunger gezeichneten Freunde von Lilja, die von Wut beherrschte Sonnenwächterin oder der treu ergebene Vierbeiner des Jungen, die im Lauf der Geschichte an Farbe gewinnen.

Maja Lunde, die sich bereits in ihrem Klimawandel-Quartett (u.a. „Die Geschichte der Bienen“ oder „Die Geschichte des Wassers“) mit Umwelt- und Politikthemen kritisch auseinandersetzt, ermahnt uns auch mit dieser Geschichte zu einem achtsamen und ressourcenschonenden Umgang mit der Natur. Sie zeigt uns nicht nur wie schön sondern auch wie vergänglich sie ist. Dass unser aller Leben unweigerlich mit ihr verbunden ist, wozu Menschen in Not im Stande sind und welch‘ menschlichen Abgründe sich dabei auftun können.

Doch auch wenn „Die Sonnenwächterin“ sicherlich kleine wie große Leser*innen zu begeistern versteht, kann ich sie Familien nicht uneingeschränkt ans Herz legen. Die Geschichte, die mitunter keine leichte Kost darstellt, sollte nur älteren Kindern, im Optimalfall mit erwachsener Lesebegleitung, zugemutet werden. Viele Passagen kommen sehr beängstigend oder emotional aufwühlend daher und sorgen mitunter für ein langes und tiefgehendes Nachhallen. Diesem Gedankenprozess ist sicherlich nicht jeder gewachsen, bringt aber auch einen gewissen Lern- bzw. Reflexionsprozess mit sich.

Das vorweihnachtliche Gedankenspiel von Arndt zur Sonnenwächterin lässt sich bei Instagram unter dem Hashtag #sonnenwächterinAstroLibrium nachverfolgen.

In seine Besprechung zum 1. Band des Jahreszeitenquartetts „Die Schneeschwester“ könnt ihr hier eintauchen.

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