Die Spitze des Eisbergs #baybuch

„Spitzenreiterinnen“ – Jovana Reisinger

Verbrecher Verlag, erschienen am 23. Februar 2021, Preis 22,00 € [D], Hardcover, 264 Seiten, ISBN: 978-3-95732-472-6, hier geht’s zum Buch

Wäre mir Jovana Reisingers Roman nicht an die Hand gegeben worden, hätte ich ihn wahrscheinlich nie gelesen. Das reduzierte Cover kommt nüchtern, nahezu farblos daher, ließ mich eine Geschichte vermuten, die mich nicht sonderlich mitreißen könne, sich ebenso farblos präsentiert. Doch der Blick hinter den Buchdeckel belehrte mich eines Besseren. Hier schlug mir die geballte Ladung Leben ins Gesicht. Schon im ersten Kapitel geriet ich ins Straucheln, verspürte den Sog, der von den Zeilen ausging, mich vollständig erfasste und erst am Ende des Buches wieder ausspuckte. Was für ein Ritt.

„Eine Frau, das ist ein Mensch, dachte Lisa bisher, die einmal im Monat ihre Periode bekommt, durchschnittlich 456 Mal in ihrem Leben, die Zähne zusammenbeißt, denn das bedeutet bei jeweils fünf Tagen Blutung umgerechnet sechskommazweifünf Jahre Periode am Stück, und mindestens ein Kind zur Welt bringt. Schöner wäre zwei, ein Bub und ein Mädchen. Oder Zwillinge. Mehr war es nicht. Es schien so einfach. So natürlich. Etwas, worum sie sich nicht kümmern musste. Etwas, das ihr einfach geschah. Eier, Sperma, Baby.“

Zitat, Seite 48

Rein subjektiv betrachtet ist sie das doch, die „Frau“, ihrer biologischen Uhr folgend. Von der Gesellschaft diktiert, ist es ihr Bestreben sich schnellst möglichst zu vermählen, fortzupflanzen und in einem netten Eigenheim bis ans Ende ihrer Tage niederzulassen. Das ist es doch, wozu sie erschaffen wurde!? Das ist es doch, was sie will!? Oder etwa nicht?

Es sind insgesamt neun Frauen, die Reisinger mit diesem gesellschaftlichen Klischee konfrontiert. In ihrem Episodenroman „Spitzenreiterinnen“, der sich über 5 Monate erstreckt, begleiten wir Frauen, die Namen von Frauenzeitschriften tragen und doch im krassen Gegensatz dazu stehen, was die illustren Magazine repräsentieren. Ihre Persönlichkeiten sind nicht schillernd, sondern vielmehr authentisch, voller Ecken und Kanten, voller Höhen und Tiefen.

Da ist Lisa, die keine Kinder bekommen kann und deshalb von ihrem Freund verlassen wird. Laura, die endlich den langersehnten Heiratsantrag bekommt und nun dem „Höhepunkt ihres Lebens“ entgegenfiebert. Verena, ihre erfolglose Single-Freundin, die durch eine geerbte Villa am Starnberger See ihren „Marktwert“ verbessert. Petra, die ihren „unbedeutenden“ Job aufgibt und dabei der Liebe abseits des Weges begegnet. Barbara, die seit dem Tod ihres Mannes nichts mehr mit sich anzufangen weiß und von einem kleinen Hund gerettet wird. Emma, der ein Stein vom Herzen fällt, weil sie ihre Freundin versorgt weiß. Ihre Tochter Jolie, die ungewollt schwanger wird. Und Tina, der alles entgleitet. 

„Sie ist nicht süchtig nach Schmerzen. Sie hat nur lange genug geglaubt, sie verdient zu haben. Wie Blasen an den Füßen von billigen, unbequemen oder unpassenden Schuhen. Wie ein Kater nach dem Saufen. Eine zwangsläufige Konsequenz ihrer mangelhaften Entscheidungen oder ihrer bloßen Existenz.“

Zitat, Seite 175

Reisinger gewährt einen tiefen Blick unter die Spitze des Eisbergs. Mit messerscharfem Blick seziert sie die verschiedenen Lebenswirklichkeiten dieser Frauen, die von massiver Unterdrückung, sexueller Belästigung am Arbeitsplatz, häuslicher Gewalt und von gesellschaftlichen Vorgaben geprägt sind.

Die Kapitel, die auf den ersten Blick alleinstehend wahrgenommen werden, jedoch sehr eng miteinander verwoben sind, sprechen für sich. Sie verdeutlichen, welch untergeordnete Rolle Frauen in unserer heutigen Welt noch immer einnehmen. In dem Reisinger die Menschen ins Rampenlicht stellt, die oft nur eine Nebenrolle spielen, schenkt sie ihnen nicht nur die gebührende Aufmerksamkeit, sie verdeutlicht zeitgleich auch, wie sich die Frauen oft aus lauter Gewohnheit, den Männern unterwerfen, wie selbstverständlich sie in die ihnen auferlegten Rollenbilder schlüpfen und erst langsam aber sicher lernen, aufzubegehren und für sich selbst einzustehen.

Die Autorin versieht die männlichen Figuren in ihrem Roman lediglich mit dem Anfangsbuchstaben ihres Vornamens. Sie schafft damit erzählerische Distanz und maßt sich zu keinem Zeitpunkt an, mit dem Finger auf sie zu zeigen. Sie sind Randfiguren und gleichzeitig tragende Kraft. Auch ihre weiblichen Figuren betrachtet Reisinger mit dem nötigen Abstand. Sie verurteilt nicht, feiert mit bitterbösem Blick und viel Liebe zu ihren Figuren die Frauen, ihre Wut und Ausdauer in dieser patriarchalen Welt. 

Durch ihre von satirischer Komik durchtränkten Zeilen schafft sie Momentaufnahmen, deren Verlauf man mit lachendem und weinendem Auge folgt. Ihr Roman, der für den Bayerischen Buchpreis 2021 nominiert ist und am heutigen Abend in der Allerheiligen-Hofkirche der Münchner Residenz einen der dotierten Löwen aus Nymphenburger Porzellan einheimsen könnte, hat sich mir als feministisches Highlight präsentiert.

Als offizielle Bloggerin des Bayerischen Buchpreises war es mir ein Anliegen, meinen heimlichen Favoriten in der Kategorie „Belletristik“ vor der Preisverleihung in die Welt zu tragen.  

„Eine Gegenerzählung wär jetzt gut. Eine, in der Frauen nicht sinnlos gemaßregelt werden, wenn sie die Anforderungen nicht erfüllen. Oder sich nicht zu benehmen wissen. Sie kann jetzt nicht das erfolgreiche Beispiel sein, an dem sich andere Frauen in dieser Lage später orientieren können. Sie muss erst heil davonkommen, ehe sie inspirieren und ein Idol sein kann. In der Zukunft werden solche Erzählungen möglich sein. Sich selbst wieder aufklauben ist eine heikle und komplizierte Aufgabe. Zeitintensiv und frustrierend.“

Zitat, Seite 153

Hier kommt ihr zu der Besprechung meines geschätzten Buchpreisbloggerkollegen Arndt in der kleinen literarischen Sternwarte „AstroLibrium“.

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