#diesertageinleben 3: „Killevipps“ – ein Besuch beim Däumling

Ein Winzling zieht ein

Als ich kürzlich wieder über die Geschichte von Nils Karlsson-Däumling gestolpert bin, konnte ich mich ehrlich gestanden gar nicht mehr so recht daran erinnern, ob ich die Geschichte als Kind gelesen oder lediglich die Verfilmung davon gesehen hatte. Den Namen „Nils Karlsson-Däumling“ konnte ich zwar auf Anhieb dem kleinen Untermieter in Daumengröße zuordnen, der da eines Tages unter dem Bett eines kleinen Jungen hervorkriecht, ich hätte aber nicht mehr sagen können, dass der Junge Bertil hieß. Als sich mir dann eine ältere gebrauchte Ausgabe anbot, zögerte ich nicht lange, schlug zu und inhalierte die wenigen Seiten des Bilderbuches innerhalb kürzester Zeit weg.

„Was bist denn du für einer?“ fragte Bertil. „Und was machst du unter meinem Bett?“

Erst ein paar Tage vor seiner Begegnung mit Bertil ist Nils Karlsson-Däumling von seiner alten Wohnung unter einer Baumwurzel im Wald in das unmöblierte Zimmer einer Maus gezogen. Denn im Herbst zeigt sich das Lagerleben nicht von seiner komfortabelsten Seite und so zog es den Winzling in die Stadt. Bedauerlicherweise weist das alte Zimmer der Maus aber lediglich einen Kaminofen, und kein Holz zum Heizen oder Mobiliar auf und so friert Nils Karlsson Däumling wie ein Hund. Bertil kann davon ein Lied singen. Denn ihm geht es nicht anders. Wie gut, dass die beiden sich nun begegnet sind. Denn Bertil, der sich tagsüber die Zeit alleine vertreiben muss und sich schrecklich langweilt, kommt der kleine Däumling und die Möglichkeit, ihm zu helfen, gerade recht. 

Weil Kinderbetreuung nicht immer selbstverständlich war

Zugegeben, an der Stelle, wo zur Sprache kommt, dass Bertil ganz allein zu Hause ist, habe ich mich als Erwachsener schon gefragt, warum so ein fünfjähriger Junge ganz alleine zuhause gelassen wird, aber nach dem 2. Weltkrieg waren die schwedischen dagis (Kindertagesstätten), die man anfangs vor allem für Kinder alleinerziehender oder besonders armer Mütter kostenfrei zugänglich gemacht hat, wohl für Familien aus armen Verhältnissen nicht mehr finanzierbar. Denn mit dem wachsenden Anspruch auf Qualität konnten die Einrichtungen natürlich nicht dauerhaft kostenfrei bleiben und so hatten vielen Familien keine andere Wahl, als die Kinder zu Hause alleine zu lassen während beide Eltern einer Erwerbstätigkeit nachgingen. Diese Problematik zog sich auch noch weit bis ins Schulalter hinein. Man nennt Kinder berufstätiger Eltern, die tagsüber weitgehend sich selbst überlassen sind, Schlüsselkinder. Mit ihrer Geschichte um Nils Karlsson-Däumling hat Lindgren das Problem dieser Schlüsselkinder thematisiert und den Missstand des Landes beim Namen genannt, denn eine staatliche Kinderbetreuung gab es damals in Skandinavien noch nicht. In Zeiten der Coronakrise wurden wir mit dem Thema Kinderbetreuung bzw. der Vereinbarkeit von Familie und Beruf ganz ungewollt noch einmal konfrontiert. Viele Eltern mussten bzw. müssen in diesen Zeiten die Arbeit mit der Betreuung ihrer Kinder vereinbaren. Kein leichtes Unterfangen, im Gegensatz zu früher aber sicher ein bisschen einfacher. Denn die Möglichkeit, die Arbeit im Home-Office zu verrichten haben wir sicher dem digitalen Zeitalter zu verdanken. 

Wusstest du es?

Für dieses Bilderbuch wurde Astrid Lindgren 1950 mit der Nils-Holgersson-Plakette, einem schwedischen Literaturpreis, ausgezeichnet. Der Preis ist nach der Titelfigur des bekannten Romans von Selma Lagerlöf, „Die wunderbare Reise des kleinen Nils Holgersson mit den Wildgänsen“, benannt.

„Bertil kroch unter das Bett, drückte den Zeigefinger auf den Nagel und sagte: „Killevipps“. Und tatsächlich! Da stand er vor dem Mäuseloch, genauso klein wie der Däumling.“

Nisse verrät Bertil einen Zaubertrick, und so kann er sich mit dem Ausdruck „Killevipps“ und dem Berühren des Nagels neben dem Mäuseloch auf magische Weise auf die Größe des Däumlings schrumpfen und auch wieder zurück zu seiner Normalgröße heranwachsen. Und Bertil macht davon fortan auch rege Gebrauch um seinen neuen Freund zu besuchen. Ich musste hier irgendwie an Alice im Wunderland denken, deren Größe sich nach einem Schluck des Schrumpftranks ebenfalls verkleinert und durch den Biss in ein Törtchen wieder vergrößert hat. Ob die Parallele reiner Zufall ist, oder Lindgren sich hier von Lewis Carrolls Geschichte inspirieren hat lassen (schließlich erschien das Kinderbuch „Alice im Wunderland“ bereits 1865), kann ich nicht sagen. Ich weiß allerdings, dass ich manchmal auch gern schrumpfen und Mäuschen spielen wollen würde. Geht es dir da genauso?

Wusstest du es?

Das kurze Märchen von Nils Karlsson-Däumling war anfangs nur Teil der 1949 veröffentlichten Märchensammlung „Im Wald sind keine Räuber“ und erschien erst 1956 (1957 in Deutschland) als eigenständiges Bilderbuch mit Illustrationen von Ilon Wikland . Die Geschichte wurde 1990 verfilmt und von Astrid Lindgren um weitere Figuren ergänzt.

Wenn Kleines ganz groß wird

Die Geschichte von „Nils Karlsson-Däumling“ verdeutlicht auf so wunderbare Weise, dass auch kleine Dinge ganz Großes bewirken können. Denn auch wenn Bertil selbst nicht viel hat, schafft er es dennoch das Leben des kleinen Däumlings zu bereichern (und umgekehrt). Aus den abgebrannten Streichhölzern von Bertils Eltern wird wunderbares Brennholz für Nisses Kamin, die spärlichen Reste aus dem Küchenschrank wachsen plötzlich zu riesigen Vorräten heran und das winzige Mobiliar aus der Puppenstube der verstorbenen Märta  (auch den Tod von Nisses Schwester und damit das Thema Kindstod verwebt Lindgren ganz beiläufig in ihre Geschichte) bringt Gemütlichkeit in Nisses Stube. Mit einer abgebrochenen Zahnbürste putzen sie Nisses dreckiges Mäuseloch und baden anschließend gemeinsam in einer leeren Geleeschale von Nisses Küchenschrank. Durch die Gesellschaft des jeweils anderen wird das trostloses Leben der beiden Jungs so viel schöner und bunter. Wie schön es doch ist, wenn man einen Freund an seiner Seite hat!

Und so trägt das kleine Büchlein, egal wie dünn es auch sein mag, so viel Gutes in sich. Es verdeutlicht uns nicht nur, was Zusammenhalt und Freundschaft ausmacht, sondern auch, dass auch wenig jemandem ganz viel bedeuten kann bzw. dass schon ganz kleine Gesten zum großen Glück führen können. Ich wünschte, wir würden alle manchmal ein bisschen mehr Bescheidenheit an den Tag legen und die Devise „Immer höher, schneller und weiter“ mal ganz außer Acht lassen. Denn wenn wir uns genau wie Bertil und Nisse ein bisschen mehr an den kleinen Dingen des Lebens, am Miteinander, erfreuen, stellen wir fest, wie wenig uns doch eigentlich zu einem schönen Leben verhilft. Gerade jetzt ist die Geschichte um Nils Karlsson-Däumlich aktueller denn je, denn sie zeigt uns auf ganz charmante und behutsame Weise, wie wertvoll soziale Kontakte doch für uns sind.

Mäuseloch und Namenschild sind auch nach dem Aufnehmen des Titelfotos (s.o.) an unserer Wand kleben geblieben. Die Räubertochter meint, dass jetzt Nils Karlsson-Däumling auch bei uns eingezogen ist, und sie ihn genau wie Bertil besuchen wird. Bislang hat das mit dem Schrumpfen bei uns allerdings noch nicht ganz geklappt! Da können wir noch so viele Nägel in die Wand schlagen und „Killevipps“ rufen!

Quelle

„Nils Karlsson-Däumling“, Verlag Friedrich Oetinger (1960)

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