Kinderfreuden #39: Meine Freundin, die Angst

„Ich und meine Angst“ – Francesca Sanna

„Ich habe immer schon ein Geheimnis gehabt: eine winzige Freundin namens Angst.“

Es ist ein kleines Mädchen, das uns ihr allergrößtes Geheimnis anvertraut. Denn seit es in dieses neue Land gekommen ist, kann sie ihre winzige Freundin nicht mehr kontrollieren. Die Angst wächst und wächst und macht es ihr nahezu unmöglich, Anschluss zu finden. Das stimmt sie traurig und einsam. Bis sie eines Tages auf einen Jungen trifft, der sich hinter etwas Kleinem und Seltsamem versteckt, das genauso ausschaut, wie ihre Freundin. Und plötzlich erkennt sie, dass sie mit ihrer Angst gar nicht so alleine ist, wie sie immer dachte.

Eckdaten

Hardcover, ab 4 Jahren

40 Seiten
23 x 26 cm
ISBN: 978-3-314-10471-8

Illustration: Francesca Sanna
Übersetzt von: Thomas Bodmer

NordSüd Verlag
16,00 € [D]

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Blickwinkel aus großen Augen

Francesca Sanna hat mich bereits mit ihrem Bilderbuchdebüt „Die Flucht“ unendlich berührt, in dem sie eine Flüchtlingsfamilie in den Mittelpunkt ihrer Geschichte stellt. Das Werk, das Bilder einer Familie auf der Flucht zeigt, hat mich auf Anhieb fasziniert. Denn was die Sardin Sanna mit ihren Illustrationen zu transportieren vermag, sind Gefühle. Während ihr erstes Werk mit einem ungewissen Ende, vielen Verlusten und Ängsten einhergeht und thematisch noch viel zu anspruchsvoll für meine Räubertochter ist, habe ich mich nun mit ihr gemeinsam an Sannas Nachfolger „Ich und meine Angst“ gewagt, selbst wenn die Altersempfehlung noch weit über ihrem Alter liegt.

Warum? Nun, in erster Linie begegnen uns Sannas Illustrationen sehr behutsam und zugänglich. Die Sardin versteht es bestens, gefühlvolle und ausdrucksstarke Bildern zu zeichnen. So ist für dieses Bilderbuch in erster Linie gar kein begleitender Text von Nöten, weil man bereits mit den Bildern bestimmte Situationen und Gefühle assoziieren kann. Wenn man in das vorliegende Buch also ohne Berücksichtigung des begleitenden Textes und des thematischem Hintergrundes abtaucht, begegnet einem ein Mädchen mit einer kleinen Freundin namens Angst. Und Angst ist das, was wir alle kennen und selbst Emma schon mit ihren 2,5 Jahren zuordnen kann. Dass die kleine weiße Freundin symbolisch für die Angst des Mädchens steht, kann sie sicherlich noch nicht erfassen, sehr wohl aber die Momente der Angst, die ihr im Buch begegnen: als die beiden eingeschüchtert vor bellenden Hunden stehen oder der Finsternis unter dem Bett ins Auge blicken. Und auch als die Angst von Seite zu Seite wächst, spürt Emma, dass sich das Mädchen unbehaglich fühlt und sich nicht wirklich frei entfalten kann.

Und obwohl die Freundin größtenteils für Unbehaglichkeit sorgt und das Mädchen in seinen Möglichkeiten einschränkt, versieht Sanna die beiden mit einer innigen Vertrautheit, die sich in gemeinsamen Abenteuern oder in einer Umarmung ausdrückt. Das ist mir persönlich sehr positiv aufgefallen. Denn es vermittelt den Kleinen, dass Angst nicht immer nur negativer Natur ist. Denn vor einer gewissen Vorsicht oder Angst sollten wir wohl alle begleitet sein. Wichtig ist nur, dass die Angst nicht von uns Besitz ergreift. Und so lässt Sanna ihr kleines Mädchen eines Tages auf einen kleinen Jungen treffen, der sich hinter seiner kleinen Freundin Angst versteckt. Und das Mädchen, das bis dato gedacht hat, dass es mit seiner Angst ganz alleine ist, bemerkt, dass irgendwie alle Menschen eine Freundin namens Angst haben. Und plötzlich wird ihre Angst Tag für Tag ein bisschen kleiner und das Mädchen Tag für Tag ein bisschen mutiger und selbständiger.

„Seit wir in dieses neue Land gekommen sind, ist die Angst nicht mehr so klein.“

Und nun kommt der begleitende Text ins Spiel. Spätestens nach diesem Satz werden größere Kinder etwas besser verstehen, dass es sich bei dem Mädchen um ein Migranten-Mädchen handelt, das in unser Land eingewandert ist. Dass das Mädchen in unserem Land möglicherweise auf Ablehnung und Vorurteile stößt, und deswegen von einer stetig wachsenden Angst umgeben ist. Ihnen gibt Sanna ein verständnisvollen und weltoffenen Umgang an die Hand, die sie anderen Menschen ohne Vorurteile begegnen lässt. Es wäre daher nicht nur den Kindern, sondern auch den Erwachsenen zu wünschen, dass sie sich durch die Geschichte ein bisschen mehr für dieses wichtige Thema sensibilisieren lassen, wir offen und nicht engstirnig auf die Welt blicken und jeden Menschen, egal welcher Herkunft er ist, als vollwertig und lebenswert ansehen.

Sanna ist mit „Ich und meine Angst“ eine sehr einfühlsame Geschichte gelungen. Ihren Illustrationen, die hier in wunderbar harmonischen Pastelltönen daherkommen, haftet ein besonderer Zauber an. Sie transportieren so unglaublich viel Gefühl, dass die Lektüre zu einem ausgesprochen intensiven Leseerlebnis wird. Ende März ist bereits ein neues Bilderbuch namens „Meine Freundin Erde“ bei NordSüd erschienen.

Blickwinkel aus kleinen Augen

Emmas Urteil:

Gefällt dir das Buch?

Ja!

Was hat dir besonders gefallen?

Dass sich das Mädchen und die Angst auch mal umarmen

Lieblingsstelle im Buch:

Wie das Mädchen und die Angst durch den Regen laufen

Bester Leseplatz:

Auf dem Kuschelteppich

Wozu lädt das Buch ein?

mit anderen Kindern zu spielen

Wird zu:

einer Freundin

[Werbung: Dieses Buch wurde mir freundlicherweise vom NordSüd Verlag als Rezensionsexemplar zur Verfügung gestellt]

5 Kommentare zu „Kinderfreuden #39: Meine Freundin, die Angst

    1. Liebe Johanna,

      es freut mich sehr, dass dir die Vorstellung aus kleinen und großen Augen gefallen hat. Sannas Illustrationen sind wirklich außerordentlich schön. Wenn dir gefällt, was du hier siehst, empfehle ich dir auch einen Blick ins Nachfolgewerk „Meine Freundin Erde“ zu werfen. Wir sind ganz verliebt in diese Ode an die Welt bzw. Natur.

      Und Tipps an Patentanten gebe ich immer ausgesprochen gerne ab. Ich bin neben Mama selbst dreifache Patentante und freue mich immer über Tipps zum Verschenken.

      Liebe Grüße
      Steffi

      Gefällt 2 Personen

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