Das Museum der Welt

„Das Museum der Welt“ – Christopher Kloeble

Bartholomäus wächst als Waise in einem jesuitischem Waisenheim in Bombay auf, das von allen das Glashaus genannt wird. Hier ist er einer von vielen, doch der Jesuitenpater Vater Fuchs erkennt früh die Begabungen des indischen Jungen, der mit ungefähr zwölf Jahren im Glashaus strandet, und lehrt ihm die Sprachen der Welt. Bald beherrscht Bartholomäus mindestens so viele Sprachen wie er Lebensjahre zählt. Er ist es, der den übrigen Kindern im Glashaus erklärt, was die Köchin Smitaben ihnen täglich auftischt.

Doch mit seinem wissbegierigem und neunmalklugem Wesen macht Bartholomäus sich nicht viele Freunde und wird Opfer von Hänseleien und Spott. Das Blatt soll sich allerdings wenden, als eines Tages drei deutsche Wissenschaftler das Glashaus betreten. Es sind die Gebrüder Schlagintweit, die sich auf die größte Forschungsreise ihrer Zeit begeben wollen und Bartholomäus dafür als Übersetzer engagieren.

Noch ahnt der Junge nicht, dass ihn diese Reise nicht nur weit weg vom Glashaus und quer durch Indien und den Himalaya, sondern auch mitten hinein, in das „Great Game“, führen wird. 

Ein Roman – zu Füßen der Gebeine Schlagintweits, Alter Südfriedhof München

Zugegeben, hätte man mir „Das Museum der Welt“ nicht an die Hand gegeben, hätte ich wahrscheinlich nie zu diesem großartigen Roman gegriffen, der sich mir als gelungene Mischung aus Abenteuer-, Spionage- und Coming of Age – Roman präsentiert hat. Ich bin in den meisten Fällen nämlich sehr vorsichtig, wenn Bücher historisches Grundmaterial aufweisen. Oft werde ich mit dem Schreibstil vergangener Tage oder der immensen Fülle an geschichtlichen Fakten nicht warm und verliere dann häufig das Interesse am Buch. Bei Christopher Kloebles Roman war das dann aber doch ganz anders.

Warum? Nun, was Kloeble hier macht, ist in erster Linie eine Geschichte erzählen. Und zwar eine unglaublich Gute. Sie ist abenteuerlich, spannend und unglaublich facettenreich. Es ist die eines bemerkenswerten Waisen. Und nicht nur das. Es ist auch eine, die wir aus seiner Perspektive erleben dürfen. Denn der Autor lässt uns nicht nur durch die Augen des zwölfjährigen Bartholomäus blicken, sondern auch seine Gefühle verspüren und uns an seinen Beobachtungen teilhaben, die für einen Jungen diesen Alters beachtlich sind. Sie gehen über die eigentliche Wahrnehmung hinaus, werden von holistischen Aspekten ergänzt.

„Holistisch bedeutet das Ganze betreffend. Es baut auf der Idee, dass alles mit allem zusammenhängt. Jedes Objekt, wie wertlos es auch erscheinen mag, ist auf seine Art bemerkenswert und kann uns helfen, die Welt zu verstehen.“

Zitat, Seite 16

Bartholomäus wird sozusagen unser „Mann“. Der vorwitzige, talentierte und wissbegierige Junge, der alles in seiner Umgebung aufsaugt wie einen Schwamm, dient uns als Führer durch ein historisches Setting, das sich aus überlieferten Fakten und fiktiven Elementen Kloebles zusammensetzt. Und so reiht sich „Das Museum der Welt“ nicht in vorangegangene Berichterstattungen über die Forschungsreise der Gebrüder Schlagintweit ein, sondern agiert vielmehr als eigenständige Geschichte.  

Die Geschichte von Adolph, Hermann und Robert Schlagintweit spielt dabei nur eine untergeordnete Rolle, sie dient quasi als historisches Setting. Die bayerischen Wissenschaftler, Forschungsreisende und Bergsteiger gingen damals in die Geschichte ein, wenn auch sie heute kaum noch Erwähnung finden. Ich selbst kannte sie bis dato nicht. Im September 1854 brachen sie auf Empfehlung Alexander von Humboldts und im Auftrag der East India Company allerdings auf die wohl größte Forschungsreise ihrer Zeit auf. Der subindische Kontinent sollte magnetischen Vermessungen unterzogen werden. Durch ihren Anspruch auf Ganzheitlichkeit fingen die Brüder Indien aber nicht nur mit Landkarten, Zeichnungen und Bodenproben, sondern auch mit Gesichtsmasken, Gliedmaßen und Tierkadavern ein. Sie trugen damit maßgeblich zur „wissenschaftlichen Eroberung“ des subindischen Kontinents bei. Die Gebeine der Gebrüder selbst liegen heute am Alten Südfriedhof in München begraben. Ihre Vornamen und ihre Tätigkeit als Wissenschaftler sucht man auf ihrem Grabstein aber leider vergebens. 

Das Grab der Gebrüder Schlagintweits, Alter Südfriedhof München

„Die schönsten Sprachen brauchen keine Worte. Um sie zu hören, muss man still zusammen sein.“

Zitat, Seite 345

Und während die Gebrüder Schlagintweit auf dieser Forschungsreise nur Augen für das Land haben, hat Bartholomäus Augen für das Bemerkenswerte. Es ist sein „Museum der Welt“, mit dem er Gefühle, Gerüche, Augenblicke und Begegnungen des Landes einfangen und allen Menschen Indiens zugänglich machen will. Während er seine Entdeckungen anfangs in einer alten Holzkiste sammelt, die ein paar Kinder des Glashauses bereits in den Anfängen zerstören, wird es während der Forschungsreise ein Notizbuch und später eine Art „Gedankenschublade“, in der Bartholomäus seine Beobachtungen zusammenhält.

Auch die Gebrüder Schlagintweit geraden dabei ins Visier des Jungen, dem die Gefühle und Eigenarten von Adolph, Hermann und Robert Schlagintweit nicht verborgen bleiben. Durch seine enge Bindung zu den Brüdern und die daraus resultierenden Notizen erhalten wir Zugang zu den Wissenschaftlern wie nie zuvor. Und so wird plötzlich nicht nur das schwierige Verhältnis zwischen den Brüdern, sondern auch die Einsamkeit sicht- und spürbar, die sich zwischen den Forschungsreisenden ausbreitet. Eine Einsamkeit, so präsent wie ein eigenständiges Mitglieds des Trains. Eine Einsamkeit, die sich auch durch immense Krafteinwirkung nicht abschütteln lässt.

„Einsamkeit ist wie Wasser, sie findet immer einen Weg. Sie dringt ein, sammelt sich an. Und wenn man nicht aufpasst, ertrinkt man von innen.“

Zitat, Seite 289

Und so begeben wir uns in „Das Museum der Welt“ nicht nur auf ein wagemutiges Abenteuer, das uns Seite für Seite mehr in das große Spiel zwischen England, Russland und China um die Vorherrschaft in Zentralasien, verstrickt, sondern auch auf eine holistische Entdeckungsreise. Bartholomäus wird dabei zum „Archivar dieser Reise“. Wahrscheinlich würde ich dem bemerkenswerten Jungen bis ans Ende der Welt folgen. Und eins sei gewiss, nicht nur Bartholomäus, sondern auch wir, sind am Ende der Reise ein großes Stück über uns selbst hinausgewachsen.

„Warum gibt es keine Karte der Einsamkeit? Manch einer mag einwenden, weil Einsamkeit kein stabiler Wert ist und von so vielem beeinflusst wird. Aber beides gilt auch für Magnetismus. Und Einsamkeit ist eine mindestens genauso bedeutende Kraft. Nur ist das bessere Messgerät dafür leider sehr unzuverlässig: der Mensch. Jeder ist anders einsam.“

Zitat, Seite 283

Einen sehr beeindruckende, man könnte sagen holistische Berichterstattung über dieses Abenteuer findet ihr auch bei meinem geschätzten Bloggerkollegen Arndt von Astrolibrium. Die weiterführende Lektüre wird euch mindestens genauso wärmstens empfohlen wie die Lektüre des Romans selbst! 

Mit einem Klick zu Arndt’s Besprechung!

6 Kommentare zu „Das Museum der Welt

    1. Ja, was für eine Reise. Das dachte ich mir auch, als ich das Buch zugeklappt habe. Irgendwie ist es auch eine Reise durch die Sprachen und die Geschichte greift tatsächlich noch so viel mehr auf. Aber alles zu erwähnen, hätte den Rahmen der Rezension gesprengt und schließlich soll sie ja nur zur Lektüre anregen und nicht die komplette Geschichte wiedergeben.

      Das mit dem Lichtstrahl am Grab war irgendwie cool. So standen die vergessenen Brüder Schlagintweit erneut im rechten Licht. Ich finde es traurig, dass kaum einer von ihren Errungenschaften weiß. Umso besser, dass sich Kloeble ihnen nun erneut gewidmet hat.

      Ja, die Welt ist wohl ein riesiges Museum. Nur beinhaltet sie weitaus mehr Bemerkenswertes, als wir es oft wahrnehmen. Die kleinen Dinge, die wir oft als selbstverständlich nehmen, haben oft weitaus mehr bemerkenswertes an sich, als viele Menschen es glauben.

      Liebe Stöbergrüße
      Steffi

      Gefällt 1 Person

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