Der Weg ist das Ziel

„Töchter“ – Lucy Fricke

Martha und Betty, zwei Frauen um die vierzig, brechen zu einer Reise in die Schweiz auf. Im Schlepptau Marthas todkranker Vater Kurt. Es soll seine letzte Reise werden und doch kommt alles ganz anders.

Während Kurt bei einer verloren geglaubten Liebe am Lago Maggiore strandet, reisen die beiden Frauen alleine weiter. Mit Kurts altem Golf kämpfen sie sich durch den italienischen Verkehr, quetschen sich durch beengte Parkhäuser und schleichen durch zwielichtige Gassen. Als sie im italienischen Nirgendwo stranden, lassen sie sich fortan von ihren Gefühlen leiten. Es gilt für beide aufgestaute Emotionen zu verarbeiten, von denen es aufgrund der zerklüfteten Familienverhältnisse beider zuhauf gibt. Während sich Betty in Griechenland ihrer Vergangenheit hingibt, versucht Martha den Abschied von Kurt zu verkraften.

Doch die Frauen haben ihre Rechnung ohne das Schicksal gemacht! Denn in der Einöde einer griechischen Insel treffen alle drei wieder aufeinander.

„Mir war nicht ganz klar, wer hier wen wohin fuhr. Zu wessen Abschieden und Erinnerungen wir auf dem Weg waren. „Was soll das eigentlich werden?“, fragte ich. „Thelma und Louise?“ „Die waren jung, sexy und unterdrückt“, sagte Martha. „Guck uns an, wir sind nicht mal unterdrückt.“ „Tschick?“, probierte ich weiter. „Das waren Jungs. Wir sind Frauen kurz vor den Wechseljahren. Ich hoffe, das willst Du nicht vergleichen.“

Zitat, Seite 87

Manchmal nimmt man Bücher genau zum richtigen Zeitpunkt in die Hand. Und dann inhaliert man sie einfach so weg. Bei diesem hier verhielt es sich genau so. Dabei erzählt Lucy Fricke in „Töchter“ an sich keine heitere Geschichte. Denn es ist die einer letzten Reise, einer verzweifelten und von widersprüchlichen Gefühlen begleiteten Fahrt in die Schweiz. Denn Martha soll Kurt zum Sterben fahren. Dabei hatten Vater und Tochter zu Lebzeiten kaum Kontakt. Martha steht ihrem leiblichen Vater nicht mal sonderlich nahe, fühlt sich ihm aber dennoch verpflichtet, weshalb sie ihre Freundin Betty um Hilfe bittet. Seit einem Autounfall vor ein paar Jahren saß sie nicht mehr am Steuer. Betty sichert ihre Unterstützung zu, nimmt mit Martha und Kurt schon bald Kurs Richtung Schweiz auf.

Doch manchmal kommt alles ganz anders als geplant und so reiht sich Kurts klappriger und nach Öl lechzender Golf schon wenig später in die Spur Richtung Italien ein und spuckt seine Passagiere am Lago Maggiore aus. Hier soll Kurt auf auf eine alte Liebschaft treffen und seinem Schicksal überlassen werden. Da in Italien auch ein Teil von Bettys Vergangenheit begraben liegt, bleiben auch Betty und Martha dem Land vorerst treu und packen die Gelegenheit beim Schopf mit der Vergangenheit reinen Tisch zu machen. Doch der Kurs der Reise ändert sich erneut und schickt sie in die Einöde einer griechischen Insel.

„Ein letztes Mal drehte Martha sich um, schickte einen Abschiedsgruß aus dem geöffneten Fenster. Wir fuhren los, und vor uns lag der Lago Maggiore. Der Nebel hatte sich gelichtet, auf die Berggipfel fiel das klare Sonnenlicht, wir sahen die drei winzigen Inseln im Wasser liegen. Es war ein wirklich schöner Anblick, das Kitschigste, was die Natur zu bieten hatte, und offenbar mehr, als Martha aushalten konnte.“

Zitat, Seite 81

Wenn man alleine den Verlauf der Reise betrachtet, kann man schon erahnen, auf welch schrägen Roadtrip uns Lucy Fricke schickt.  Ihre Geschichte ist durchweg von Wehmut und Trauer begleitet, aber auch mit jeder Menge schwarzem Humor, der sich vor allem in Italien von einer sehr ausgeprägten Seite zeigt. Im Verlauf der Geschichte zeigt sich auch, dass Kurts baldiges Ableben tatsächlich nur ein kleiner Bestandteil des Romans ist und Fricke sich auch den Schicksalen seiner weiblichen Protagonistinnen widmet.

Mit Martha und Betty sind der Autorin zwei wunderbare Charaktere gelungen. Beide Frauen stehen in der Mitte ihres Lebens, sind über die Jahre zu selbständigen Persönlichkeiten herangereift. Eine verkorkste Kindheit und emotionale Tiefschläge haben sie in die Knie gezwungen, aber auch wieder aufstehen und ihren eigenen Weg finden lassen. Wie sehr sich die zerrütteten Familienverhältnisse der beiden Frauen ähneln, wird dem Leser von Seite zu Seite klarer, während die Freundinnen selbst nichts davon ahnen. Denn obwohl Betty und Martha bereits seit über zwei Jahrzehnten eine innige Freundschaft verbindet, haben sie über all die Jahre so wenig  wie möglich von ihrer Vergangenheit preisgegeben. Sie zehrt an ihnen, macht sie nahezu zerbrechlich.

Es ist Kurts letzte Reise, die ihnen die Chance schenkt, sich von ihrem emotionalen Ballast zu befreien. Uwe alias Kaffeehaussitzer bezeichnete das Buch in seiner Rezension als Midlifecrisis-Roadmovie-Roman mit weiblicher Besetzung, und das trifft, wie ich finde, den Nagel auf den Kopf. Auch bei Eliane alias mintundmalve könnt ihr eine wunderbare Rezension über das Buch lesen, die mich das Buch aus einem öffentlichen Bücherregal fischen und geradewegs in die Geschichte versinken hat lassen.

„Martha wollte, nach zahlreichen gescheiterten Fluchtversuchen, nun um jeden Preis eine Familie gründen, um alles besser zu machen, um es überhaupt zu machen, glücklich werden, es durchziehen. Mir hatte die Kindheit und mehr noch die Jugend jede Sehnsucht nach Familie so gründlich aus den Knochen getrieben, dass schon die Aussicht darauf Beklemmung in mir auslöste.“

Zitat, Seite 19/20

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