Guten Tag, Leben!

„Wenn man den Himmel umdreht, ist er ein Meer“ – Tabea Hertzog

„Oft sitze ich jetzt einfach nur in meiner Küche. Der Frühling ist da und die Vögel und das Licht und die hellgrünen Knospen. Manchmal komme ich mir so lächerlich vor. Jeder Augenblick erscheint lächerlich. Als wäre der Sinn verloren gegangen.“

Zitat, Seite 17

Kurz vor ihrem dreißigsten Geburtstag erhält Tabea die lebensverändernde Diagnose „Chronische Niereninsuffizienz“. Plötzlich steht alles in den Sternen, nicht nur ihre geplante Reise in den Iran, sondern auch ihr weiterer Weg durchs Leben. Kurz darauf verschlechtert sich ihr Zustand, zwingt sie zur regelmäßigen Dialyse und schon bald ist klar, dass auch kein Weg an einem Spenderorgan vorbeiführt.

Auf der Suche nach einer neuen Niere irrt sie auch durch ihr zerklüftetes Familienkonstrukt, das sich aus einem schwierigen Verhältnis zu ihrer Mutter und einem relativ neuen Kontakt zum Vater, der über Jahre nicht Teil ihres Lebens war, zusammensetzt. Während die Mutter anfangs noch sporadisch an ihrer Seite steht, dann aber völlig von der Bildfläche verschwindet, ist es der Vater, der plötzlich wieder eine entscheidende Rolle in ihrem Leben spielt: Er fungiert als lebensrettender Organspender.

Dass es ausgerechnet die Niere ihres Vaters sein wird, die ihr das Weiterleben ermöglicht, versetzt Tabea in Aufruhr. Seine Art, ihr plötzlich alles recht machen zu wollen, macht sie wütend. Ihre Wut ist von Abwehr begleitet, von dem Wunsch weiterhin eigenständig agieren zu können und nicht von ihrem Vater abhängig zu sein. Wo er doch ihr halbes Leben nicht für sie da war. Seine Niere mag ihr ein neues Leben schenken, nicht aber die verloren gegangene Bindung zu ihm zurückbringen.

„Manchmal ist es besser, dass alles neu ist, als umgekehrt. (…) Manche Erfahrungen noch nicht gemacht zu haben bedeutet auch, dass der Umgang damit noch nicht von Gefühlen vorbelastet ist.“

Zitat, Seite 20

Es sind leise und behutsame, aber sehr berührende Zeilen, mit denen Tabea Hertzog uns ihre Geschichte erzählt. Denn „Wenn man den Himmel umdreht, ist er ein Meer“ ist ein autobiografischer Roman, er spiegelt Hertzogs persönlichen Weg als Organempfängerin wieder. Und so begegne ich in diesem Roman einer jungen Frau, die uns auf sehr offene, ehrliche und zugleich kühle und humorvolle Art ihre Geschichte erzählt, die uns ihre Gedanken und Gefühle anvertraut, die sie während all der Zeit durchfluteten.

„Mir wurde nicht beigebracht zu fühlen. Mir wurde beigebracht, stark zu sein. Vielleicht stammt daher mein Wille. Das Fühlen versuche ich zu lernen . Den Willen würde ich niemals aufgeben.“

Zitat, Seite 93

Die Diagnose an sich, so unerwartet und plötzlich sie für Hertzog kam, schien die Autorin ganz gut wegzustecken. Sie reagierte souverän, bewahrte über all die Zeit eine unglaubliche Ruhe und arrangierte sich mit den Veränderungen, die die Krankheit mit sich brachte. Die Dialyse, die Umstellung von Ernährungs- und Trinkgewohnheiten, die Veränderungen im Privatleben, die sich in einem stetigen wachsenden Rückzug von ihren Freunden und einer wachsenden Verbundenheit zu anderen Dialysepatienten bemerkbar machte. Doch was Hertzog auf ihrem ohnehin schon beschwerlichen Weg wirklich zusetzte, war der familiäre Ballast. Ballast, der schwer auf ihr wog, ihr die Luft zum Atmen nahm und sie in ihrer Freiheit einschränkte. Während die eigene Mutter sich bereits bei der Suche nach einem geeigneten Organ klammheimlich aus der Affäre zieht und ihrer Tochter damit jegliche Unterstützung verwehrt, ist es Hertzogs Vater, der sich bereiterklärt, seine Niere zu spenden.

Doch wie steht man zu einem Menschen, der das halbe Leben nicht da war, zu dem man keinerlei väterliche Bindung hat, der wie ein Fremder ist? Wie schwierig es war, mit ihrem Vater plötzlich so vieles teilen zu müssen, sich auf ihn einzuspielen, seinem ständigen Bedürfnis nach Konversation gerecht zu werden, bringt Hertzog wunderbar zum Ausdruck. Überhaupt sorgt sie dafür, dass man ihr während des Lesens sehr nahe kommt, sich gut in ihre Haut hineinversetzen, ihre Enttäuschung, ihre gelegentlich aufkommende Wut und ihre Furcht um schwindende Eigenständigkeit absolut verstehen kann.

„Ich vermisse die uneingeschränkte Freiheit. Manchmal glaubt man, unbedingt einen Liter Cola trinken zu müssen. Es geht dabei nicht um den ganzen Liter, weit weniger würde reichen. Doch will man die Möglichkeit haben. Bedingungslos. Das Gefühl, keine Grenzen zu haben. Phosphat ist Gift für meinen Körper. Cola hat viel zu viel Phosphat. Das erste, was ich nach der Operation tun werde (…) ? Mir am Automaten eine Cola kaufen.

Zitat, Seite 149/150

Doch trotz des an sich traurigen Themas gelingt Hertzog die Geschichte mit einer wunderbaren Leichtigkeit zu versehen. Nahezu leichtfüßig bewegt sie sich durch ihren Roman, zeigt, dass sie über all die Zeit ihren Humor und ihren Lebenswillen beibehalten hat und ihre Krankheit manchmal sogar auf die Schippe nahm. Hertzogs Art und Weise auf die Welt zu blicken, uns zu verdeutlichen, wie selbstverständlich wir Dinge oft nehmen, die alles andere als selbstverständlich sind, dass es die kleinen und nicht die großen Dinge sind, die das Leben lebenswert machen – all das hat mich wirklich unglaublich berührt.

Es ist schon faszinierend, wie anders einem das Leben plötzlich begegnet, obwohl es eigentlich immer noch das gleich ist. Und doch irgendwie nicht.

„Wir neigen dazu, Dinge aufheben zu wollen für eine Zeit, die möglicherweise niemals kommt. Die Vorstellungskraft ist am größten, wenn ein Schritt noch nicht getan wurde. Denn genau dann ist noch alles möglich.“ 

Zitat, Seite 121

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