#diesertageinleben 1: Am Anfang stand die Biografie

Zugegeben, bisher war ich nicht so der Biografie-Typ. Dachte ich zumindest. Denn alles was ich bis dato an Lebenswerken (an)gelesen hatte, begegnete mir größtenteils trocken, überbordend oder langatmig. Irgendwann verging mir einfach die Lust daran, mich durch die Leben berühmter Persönlichkeiten zu hangeln, von der stillen Hoffnung begleitet, zwischen den Zeilen etwas für mich mitnehmen zu können: Denkansätze, Folgelektüren – was auch immer! Dass ich trotz allem Jens Andersens Biografie „Astrid Lindgren – Ihr Leben“ in die Hand nahm, lag hauptsächlich einer Irritation zu Grunde. Und zwar der, die der Film „Astrid“ bei mir verursachte. Eine wirklich nette Verfilmung von Astrids Jugendjahren, die mit einem überzeugenden Cast und einer sehr emotionalen Stimmung daherkam, allerdings aber auch mit ein paar verzerrten Bildern (zumindest aus meinen Augen). Und so saß ich nach Filmende ziemlich ratlos da. Fragend, ob Astrid den Männern wirklich so zugeneigt und ihre Mutter wirklich so gefühlskalt war, ob der Film tatsächlich vor ihrem Durchbruch als Schriftstellerin enden hätte sollen und was ich überhaupt weiß, vom Leben der Schriftstellerin, deren Werke meine Kindheit am Meisten geprägt haben.

Wusstet ihr, dass der große Bonniers Verlag Lindgrens Manuskript ablehnte und „Pippi Langstrumpf“ deshalb bei Ráben & Sjögren erschien? Dass Ráben & Sjögren erst mit Pippi wieder grüne Zahlen schrieb und nur um Haaresbreite einem Konkurs entkommen ist?

Ich beschloss also, meine Lücken über das Leben dieser beeindruckenden Schriftstellerin zu füllen, der erst 1945 der Durchbruch mit „Pippi Langstrumpf“ gelang. Nach einiger Recherche stieß ich auf die Biografie von Jens Andersen, die mir von einigen Lindgren-Fans (allen voran @superheldliestgern bei Instagram) besonders ans Herz gelegt wurde, weil sie zu den zugänglichsten und am besten recherchiertesten Biografien gehört. Darüber hinaus liefert sie sicher mitunter das umfassendste Bild von Astrid Lindgren, da Andersen sie erst 2002 nach Lindgrens Tod verfasst hat. Für die Biografie wurde er 2015 mit dem renommierten Politikens Litteraturpris ausgezeichnet und das Buch genoss in Dänemark und Schweden lange Zeit den Titel „Sachbuch des Jahres“.

„Schön und gut!“ werdet ihr euch jetzt denken. „Aber wie genau hat es Andersen geschafft, dass du dich nun näher mit Astrids Leben auseinandersetzen und ihre Werke erneut oder erstmalig lesen möchtest?“ Ich will es euch verraten. Ich habe Blut geleckt. Denn Andersens Stil ist einfach fantastisch. Es ist diese sagenhaft gute Mischung aus gut recherchierten Fakten, zahlreichen Zitaten der Schriftstellerin selbst oder ihrer Familie, den Textstellen aus ihren Büchern, Bildern aus dem persönlichen Fundus der Familie und Andersens unglaublich zugänglichem Stil, die mir Lust auf mehr gemacht haben. Die Zeilen dieser Biografie zogen mich in ihren Bann, versetzten mich in einen regelrechten Lindgren-Flow, weshalb ich die Zeilen förmlich inhalierte und nun alles von und über diese beeindruckende Persönlichkeit lesen möchte.

„Oh! Heute hat der Krieg angefangen. Niemand wollte es glauben. Gestern Nachmittag saßen Elsa Gullander und ich im Vasapark, und die Kinder rannten um uns herum und spielten, und wir schimpften in aller Gemütlichkeit auf Hitler und versicherten uns gegenseitig, dass es bestimmt keinen Krieg geben würde – und dann heute! (…) Gott helfe unserem armen, vom Wahnsinn betroffenen Planeten!“

Auszug aus Astrid Lindgrens Schriftverkehr an Margareta Strömstedt 1976/77

Die Biografie enthält außerdem zahlreiche Auszüge aus Lindgrens Haushalts- bzw. Kriegstagebüchern, die einem bewusst werden lassen, wie sehr sich die Schriftstellerin während ihres ganzen Lebens mit dem aktuellen Weltgeschehen auseinandergesetzt hat. In „Astrid Lindgren – Die Menschheit hat den Verstand verloren“ wurden ihre Tagebücher 1939 – 1945 erstmals zusammen veröffentlicht. Lindgren schrieb sie wohl um ihre Erinnerungen zu sortieren, sich einen Überblick über die Weltereignisse zu verschaffen und um zu sehen, welchen Einfluss sie auf das Leben der Menschen hatten. Im späteren Stadium ihres Lebens engagierte sich Lindgren auch zunehmend in der Politik, von der sie anfangs bewusst Abstand hielt (u.a. hat sie sich für die Anpassung der Steuergesetzgebung, den Erhalt der Umwelt und eine artgerechte Tierhaltung eingesetzt).

„Was der Sinn des Lebens nicht ist, das weiß ich. Geld und anderes Zeug zusammenzukratzen, ein Promileben zu führen, auf den entsprechenden Seiten der Frauenzeitschriften zu posieren und solch eine Angst vor Einsamkeit und Stille zu haben, dass man nie in Ruhe und Frieden über die Frage nachdenken kann: Was mache ich mit meiner kurzen Zeit auf Erden?“

Astrid Lindgren, 1983

Bereits das vorangestellte Zitat im Buch holte mich persönlich ab. Das mag zum einen daran liegen, dass es sich um eine Aussage handelt, die Lindgren im Jahr meiner Geburt gemacht hat und zum anderen, dass ihre Einstellung zum Leben der meinen sehr ähnlich war. Während Astrid eine sehr idyllische Kindheit genoss und die meisten ihrer Geschichten davon erfüllt sind, gab es auch lange Phasen der Trauer in Lindgrens Leben. Die Ehekrise mit Ehemann Sture als auch sein späterer Tod, der Tod ihres Bruders Gunnar und ihres über alles geliebten Lasse haben sie sehr mitgenommen und sich in einigen ihrer Werke bemerkbar gemacht (u.a. „Klingt meine Linde“, „Mio, mein Mio“ und „Die Brüder Löwenherz“), die mit einer weitaus melancholischeren bzw. traurigeren Stimmung daherkommen als der Rest.

Irgendwann schien sich Lindgren allerdings mit der Stille bzw. Einsamkeit arrangiert zu haben, von der später ihre Stockholmer Wohnung in der Dalagatan erfüllt war. Sie schien das Beste daraus zu machen und ihr Leben ganz im Sinne des Satzes „Dieser Tag, ein Leben“ des schwedischen Philosophen und Dichters Tomas Thorild, zu leben. Seit sie den Satz 1927 bei ihrem Besuch in der sagenumwobenen Villa Strand der Schriftstellerin Ellen Key las, ließ er sie nicht mehr los. Er wurde zu einer Art Lebensphilosophie für sie, hat sie über ihr gesamtes Leben hinweg begleitet. Genau deshalb habe ich dieses Motto auch für meine Reise durch die Werke von und über Astrid Lindgren gewählt.

„Der größte Geniestreich in Michel aus Lönneberga ist der humanistische Grundstrom des Werkes. Dieses leise, eindringliche Echo im Kielwasser des Lachens, das uns daran erinnert, wer wir sind und was wir als Menschen nie vergessen dürfen: Das für andere zu tun, vom dem wir uns wünschen, dass es die anderen für uns täten.“

Zitat aus dem Buch

Doch die Biografie ist nicht nur ein unglaublich tolles Nachschlagewerk im Bezug auf Astrid Lindgrens persönlichen Lebensweg, sondern auch wenn es um ihre Bücher geht. Dank zahlreicher Textstellen und Bilder sowie einer Bibliografie am Ende des Buches (in der man alle Werke Lindgrens nach dem Jahr ihres Erscheinens in Deutschland findet), inspiriert die Biografie auch zu zahlreichen Folgelektüren. In meinem Fall resultierte es in dem Wunsch, die mir vertrauten Bücher aus meiner Kindheit noch einmal zu lesen und sie nun aus einem anderen Blickwinkel zu betrachten, nämlich dem einer erwachsenen Frau, die nun auch die einzelnen Entstehungsgeschichten und zeitgeschichtlichen Hintergründe der Werke kennt. Sicher aber nicht gänzlich ohne die Augen eines Kindes, für die Lindgren ihre Geschichten letzten Endes geschrieben hat.

„Ich will für einen Kreis von Lesern schreiben, der Wunder bewirken kann. Nur Kinder können beim Lesen Wunder bewirken.“

Aus „Astrid Lindgren – Ihre fantastische Geschichte“

Wusstet ihr, dass nach dem Erscheinen von Pippi Langstrumpf ein regelrechtes Pippi-Fieber in Schweden ausgebrochen ist? 1949 fand es seinen Höhepunkt, als am „Tag des Kindes“ im Park Humlegården ein Pippi-Themenpark aufgebaut wurde, bei dem es zu tumultartigen Szenen kam. Hier fand auch ein Lookalike Wettbewerb mit lauter frechen Rotschöpfen statt!

„Kinder und Eltern drängten sich um die große Villa-Kunterbunt-Bühne in der Mitte des Parks, um eine Runde auf Pippis Pferd zu reiten, am Wettbewerb um die beste Pippi-Verkleidung teilzunehmen oder um einige der glitzernden Goldmünzen zu erwischen, die laut Programm zwei Mal am Tag vom Himmel „regnen“ sollten. Die Schlange zum Miniaturzug „Pippi Express“, der durch Humlegården tuckerte, war kilometerlang, und die Bahn hatte so prominente Passagiere wie Carl Gustaf, den „Kleinen Prinzen“ von Schweden, und seine ältere Schwester Christina an Bord.“

Zitat aus dem Buch

Wer Lust dazu bekommen hat, mich fortan bei meiner Lindgren-Reise zu begleiten, dem sei die Seite „Dieser Tag, ein Leben“ ans Herz gelegt, die ihr oben im Menü an dritter Stelle findet. Dort werde ich nach dem Veröffentlichen meiner Beiträge die Links dazu der Einfachkeit halber sammeln.

Und jetzt fragt ihr euch sicher, ob die Irritation, mit der mich der Film zurückgelassen hat, nun erloschen ist. Nein, das ist sie nicht. Zumindest nicht vollständig. Kinofilme dienen sicher in erster Linie zur Unterhaltung und unterliegen der künstlerischen Freiheit des Filmemachers (bzw. Regisseurs oder Drehbuchschreibers). Nach dem Lesen der Biografie bin ich dennoch der Ansicht, dass sich manche Dinge im Film anders dargestellt haben als ich sie mir in diesem Buch begegnet sind. Was nun der Wahrheit entspricht, kann ich nicht beurteilen. Fest steht, dass sich die Lektüre der Biografie im Anschluss an den Film als sehr lohnend herausgestellt hat, da sie weitergeht wo der Film endet. Diejenigen unter euch, die sich im Film die Darstellung eines längeren Zeitabschnitts von Astrids Leben gewünscht hätten, sind deshalb bei der Biografie bestens aufgehoben. Denn Jens Andersens begleitet uns bis zu Astrid Lindgrens Tod.

Wie hat euch die Verfilmung „Astrid“ gefallen? Habt ihr Jens Andersens Biografie schon gelesen und in welchem Lindgren-Buch steckt ihr möglicherweise gerade? Ich werde mich jetzt noch einmal in die Abenteuer von Astrids stärkstem Mädchen, Pippi Langstrumpf, stürzen und dabei auf die Töne zwischen den Zeilen achten.

Dieser Tag, ein Leben. 

8 Kommentare zu „#diesertageinleben 1: Am Anfang stand die Biografie

  1. Danke für diese Rezension. Ich werde mir das Buch kaufen.
    Astrid Lindgren begleitet mich mit ihren Büchern ein Leben lang(ich bin 63 Jahre), meine Töchter, hoffentlich bald meine beiden Enkelinnen. Mein Lieblingsbuch von ihr sind „Die Brüder Löwenherz“, trotz des Themas „Tod“ hat es etwas sehr Tröstliches und auch Befreiendes für mich.
    Kürzlich gekauft habe ich mir: „Bei Astrid Lindgren zu Tisch“, sehr schön mit einer Kurzbiographie und schönen Texten zu den Speisen von Sybil Gräfin Schönfeldt.
    Da dieses Buch Lust machte, mehr zu erfahren von Lindgren liegt jetzt „Das entschwundene Land“ auf meinem Bücherstapel. Schon jetzt fühle ich eine Melancholie in mir aufsteigen, wenn ich an das Lesen denke, denn die Jahre meiner (glücklichen) Kindheit liegen ja auch um einige Jahrzehnte zurück.

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    1. Liebe Brigitte,

      das freut mich sehr. Denn das Buch ist jedem Lindgren – Fan wirklich sehr ans Herz gelegt. Auch mich begleitet Astrid Lindgren schon über zwei Jahrzehnte. „Die Brüder Löwenherz“ mag ich auch sehr, selbst wenn es um das Thema „Tod“ geht, oder auch gerade deswegen. Ich mag es, wenn auch traurige und schwierige Themen in Büchern behandelt werden und wenn sie dann noch so tröstlich wie bei ihr ausfallen, umso mehr. Ich habe erst kürzlich „Sonnenau“ aus „Klingt meine Linde“ gelesen und mit der Geschichte verhält es sich ja ähnlich. Auch wenn sie weitaus kürzer ausfüllt. „Bei Astrid Lindgren“ zu Tisch hatte ich schon ein paar Mal in der Hand, vielleicht hole ich es mir irgendwann noch. Denn für die Kategorie „Dieser Tag ein Leben“ werde ich mich Buch für Buch durch die Lindgrenwelt vorarbeiten, ihre Bücher noch einmal lesen, unbekannte Geschichten erstmals lesen und mich auch mit Büchern über sie beschäftigen. „Das entschwundene Land“ liegt hier auch schon auf dem Stapel, ich hatte es damals bei meiner Mama angelesen, aber nie beendet. Ja, das mit der Melancholie kann ich nachvollziehen. Ein Hauch von Melancholie macht sich auch schon bei mir bemerkbar. Zumindest, was die Kindheit angeht.

      Liebe Grüße
      Steffi

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  2. Hi Steffi, danke für diesen tollen Beitrag! Mir ging es beim Anschauen des Films „Astrid“ ganz ähnlich wie dir. Auch ich hab mich gefragt, wie wirklichkeitsgetreu er ist. Gleichzeitig wurde ich sehr neugierig auf die „echte“ Astrid Lindgren und v.a. auch ihre Karriere als Schriftstellerin. Wie wurde aus der jungen Astrid „die“ Astrid Lindgren? Aber jetzt weiß ich ja, welche Lindgren-Biographie ich lesen muss, um noch mehr über ihr Leben und Schreiben zu erfahren 🙂 LG Steffi

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    1. Hi Steffi,

      lieben Dank für deine Zeilen. Ich glaube, der Film hat einige irritiert oder enttäuscht zurückgelassen. Ich finde, die Zeitspanne hätte einfach größer sein dürfen. Und bei der Verfilmung einer berühmten Persönlichkeit sollte man einfach weitesgehend bei der Wahrheit bleiben – künstlerische Freiheit hin oder her. Ich meine gelesen zu haben, dass bei Astrids Familie auch etwas Unmut aufgekommen ist. Ich wurde auch sehr neugierig auf die „echte“ Astrid gemacht. Mir ist fast schlagartig klargeworden, wie wenig ich von der Person weiß, deren Bücher ich als Kind heiß und innig geliebt habe und es noch heute tue. Ja, die Biographie ist wirklich zu enpfehlen. Ich konnte schon einige Menschen darauf stupsen und alle fanden sie toll.

      LG Steffi

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      1. Ja, genauso geht’s mir auch. Als Kind habe ich (fast) alle ihre Bücher verschlungen, die Verfilmungen geliebt (Michl!), aber über die Autorin selbst weiß ich nicht allzu viel. Daher steht die Biographie jetzt ganz oben auf meiner „To-Read-Liste“ 😉 LG Steffi

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      2. Das beruhigt mich. Ich dachte schon, ich bin die Einzige, der es so geht. ;-)

        Als Kind denkt man ja auch weniger darüber nach, wie die Autorin wohl so ist, die die ganzen Bücher schreibt, die man so liebt. Das kommt dann erst mit dem Älterwerden. Ich bin gespannt, was du zur Biographie sagst. Lass das Buch nicht allzu lange auf der Liste liegen.

        LG
        Steffi

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