Fabulieren gegen die Kälte

„Königskinder“ – Alex Capus

Max und Tina sind seit 26 Jahren miteinander verheiratet und verstehen sich blind, zumindest in den wirklich großen Dingen des Lebens. Über die kleinen Dinge zanken sie sich jedoch unablässig. Und so wird auf der Fahrt durch das schweizerische Greyerzerland nicht nur inbrünstig darüber diskutiert, wann es ideal sei, einen Scheibenwischer einzusetzen, sondern auch, ob die Entscheidung, den Weg über den nächtlichen Jaun-Pass einzuschlagen, wirklich sinnvoll war. Als es zu schneien beginnt und ihr Auto von der schmalen Passstraße rutscht, herrscht Einigkeit: sie war saudämlich!

Weil es keinen Sinn macht, das Auto mitten in der Nacht zu verlassen und sich ins kalte Schneetreiben zu begeben, harren Max und Tina der Dinge. Die morgendliche Schneefräse wird sie sicher aus ihrer Misere befreien. Bis dahin heißt es im eingeschneiten Toyota Corolla eng zusammenkuscheln, damit die eisige Kälte sich nicht in ihren Gliedern festsetzt. Zum Glück haben sie gut zu Abend gegessen und eine Decke dabei. Um ihnen in ihrer vorerst ausweglosen Situation ein wenig Trost zu schenken, bedient sich Max einem alten Hilfsmittel: dem Erzählen. Und so beginnt er voller Hingabe zu fabulieren und erzählt seiner Frau die Geschichte eines armen Kuhhirten und einer reichen Bauerstochter, die in einer entlegenen Sennhütte genau an jenem Gebirgspass im Jahr 1779 begann.

„In dieser einen Sekunde aber, da sie einander zuwinken, erkennt Marie im klaren Blick seiner hellgrauen Augen, dass er sie ganz und gar wahrnimmt, ohne Vorbehalt und ohne Urteil, und auch Jakob kann sehen, dass sie ihn erkannt und in sich aufgenommen hat. Wie ein Blitz durchfährt sie beide die Erleuchtung, auf einen Schlag wird ihnen alles, wirklich alles klar. (…) Es ist ein köstlicher, herrlicher, erhebender Augenblick. Marie und Jakob wünschen sich, dass er niemals enden möge. Aber leider kann er nicht andauern. Augenblicke wie diese verweilen nie.“

Zitat, Seite 37

Hier im Greyerzerland, wo die Sprachgrenze zwischen dem östlichen Bern-Deutsch und dem westlichen Französisch verläuft, verliebt sich der wortkarge, eigenbrötlerische Kuhhirte Jakob ausgerechnet in Marie-Françoise, die Tochter eines reichen Bauern aus dem Tal. Natürlich lässt der Bauer nichts unversucht, die Verbindung zwischen den beiden Liebenden zu kappen, denn den armen Alpentrampel hält er alles andere als eine gute Partie für seine Marie. Doch gegen die unerschütterliche Kraft ihrer Liebe kommt er nicht an. Selbst als Jakob vorerst die Flucht antritt und in den französischen Militärdienst verschwindet, bleiben sich die beiden Liebenden treu. Als Jakob eines Tages an den Hof von Versailles bestellt wird, wo Madame Elisabeth einen Betrieb landwirtschaftlicher Puppenstuben – Idylle unterhält, wird Jakob wieder als Kuhhirte tätig. Und da die Prinzessin es nicht mit ansehen kann, wie Jakob vor Sehnsucht nach Marie zergeht, arrangiert sie mithilfe ihres Bruders, König Ludwig dem XVI., die Wiedervereinigung der Liebenden.

Doch auch die restliche Welt gerät ins Rollen. Während Jakob und Marie fortan ein nahezu unberührtes Leben auf dem Hof der Prinzessin leben, das dem Rhythmus der Jahres- und Melkzeiten unterliegt, vollziehen sich gewisse politische Veränderungen im Land, die zur Französischen Revolution bis hin zum Sturz der Versailler Königsfamilie führen.

Eine Liebe in Zeiten des Wandels

„Den Ton zu finden ist keine Sache des Nachdenkens, eher Intuition.“

Alex Capus bei seiner Lesung im Gasteig München

Den Ton, den Alex Capus in seinem neuesten Roman anstimmt, ist leise aber eindrücklich. Der schlichte mündliche Erzählstil, der imtim, ja fast geflüstert wirkt, war ihm ein persönliches Anliegen. Mit ihm wirkt die Geschichte, die Max seiner Frau im eingeschneiten Toyota erzählt, fast wie eine Gute-Nacht-Geschichte im heimischen Bett, wenn auch weniger warm und kuschelig. Während die Liebesgeschichte von Jakob und Marie größtenteils auf wahren Begebenheiten basiert, ist die Geschichte von Max und Tina fiktiv. Nach seinem Roman „Das Leben ist gut“, in dem wir dem Ehepaar das erste Mal begegnet sind, greift er erneut auf Max und Tina zurück und setzt sie in „Königskinder“ den Kräften der Natur aus. Capus nutzt sie als Setting, bettet darin die Liebesgeschichte des 18. Jahrhunderts.

„Es ist gar nicht so wichtig, ob eine Geschichte wahr ist oder nicht. Wichtig ist, dass sie stimmt.“

Zitat, Seite 19

Es ist das Volkslied „Pauvre Jacques“, durch das Capus auf das Schicksal von Jacques bzw. Jakob Boschung aufmerksam wird. Seine Zeilen, die von einer lebenslänglichen Zuneigung erzählen, haben den Autor so sehr berührt, dass er dem persönlichen Schicksal des Mannes auf den Grund gehen musste. Aus seiner Recherche ist der Roman entstanden.

Max Schachzug, mit einer Erzählung gegen die Kälte anzukämpfen, die sich im eingeschneiten Toyota seiner Figuren spürbar breit macht, mag ein bisschen an Sheherazade aus „Tausendundeiner Nacht“ erinnern. Denn auch sie ergreift als Rettungsanker das Erzählen, um ihrer Hinrichtung zu entgehen. Das Spiel, das in ihrem Fall 1001 Nächte andauert, vollzieht sich bei Capus zwar nur für eine Nacht, jedoch mit einem ähnlich lebensrettenden und trostspendenden Effekt.

Capus neuer Roman begegnet mir ähnlich wie sein Vorgänger wieder sehr ruhig und unaufgeregt. Durch die Zankereien und kurzweiligen Wortgefechte zwischen Max und Tina wird er aber zu einem sehr unterhaltsamen Lesevergnügen. Daher sei euch der Roman, der ideal zu dem gerade einsetzenden Wintereinbruch passt, wärmstens empfohlen!

„Und dann diese Stille, wenn du nicht mehr erzählst. Als ob die Dunkelheit nicht schon genug wäre. Schwarze Nacht und Grabesstille, das ist wie tot sein.“

Zitat, Seite 85/86

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