Frozen Angels

lesenslust über „Fast genial“ von Benedict Wells

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„Die größten Komplexe hatten die Menschen, die im Pine-Tree-Trailerpark draußen am Stadtpark hausten. Es waren Verrückte, Verlierer oder kaputte Familien, und selbst die meisten Kinder wirkten seltsam verstört, mit raspelkurzen Haaren, schlechten Zähnen und einem debilen Gesichtsausdruck, den man nur bekam, wenn einem das Leben die Unwissenheit ins Gesicht getackert hatte.“

Zitat, Seite 17/18

Nach der Scheidung seiner Mutter wohnt Francis mit ihr in einem schäbigen Trailer Park am Stadtrand von Claymont. Während Stiefvater Ryan mit Halbbruder Nick in New York ein schönes Leben lebt, träumt Francis Nacht für Nacht von einem besseren Leben. Hofft, das mittellose Leben mit seiner manisch depressiven Mutter eines Tages hinter sich lassen und einer besseren Zukunft entgegenblicken zu können.

Doch als die Mutter erneut in ein depressives Loch fällt, und Francis sie einweisen lassen muss, schwindet auch seine letzte Hoffnung. Im Flur der Nervenklinik trifft er auf die Patientin Anne-May: Jung, wild und scheinbar so verrückt wie seine Mutter. Und doch ist da etwas in ihrem Blick, das ihn nicht mehr loslässt. Er verliebt sich Hals über Kopf in sie, besucht sie fortan jeden Tag.

Wenige Wochen später, die Mutter als genesen eingestuft, findet Francis sie unmittelbar nach einem Selbstmordversuch auf ihrem Zimmer. Als Francis ihren von Tabletten betäubten Körper sieht, will er nur noch weg. Weg von ihr, weg von Claymont, weg von seinem beschissenen Leben. Und als er im eigentlichen Abschiedsbrief seiner Mutter endlich die Hintergründe zu seinem leiblichen Vater erfährt, scheint ihm der Zeitpunkt dafür genau richtig.

Doch der Brocken, den der Brief Francis offenbart, ist schwer zu schlucken. Denn Francis ist ein Frozen Angel. Ein Retortenbaby, das aus der „Samenbank der Genies“ stammt. Einer Samenbank renommierter Spender, allesamt Menschen mit erhöhtem IQ.

Wenig später sitzt Francis mit Anne-May und seinem Kumpel Grover in einem alten Chevy in Richtung Westen. Er muss seinen Vater finden, der für Francis zum Symbol eines besseren Lebens wird.

„Es gab diese Momente im Leben, in denen alles einen Sinn bekam und in denen man von einer auf die andere Sekunde wusste, was man zu tun hatte. Francis sah die Dinge nun klar: Er musste seinen Vater finden. Alles würde sich ändern, wenn er ihn traf. Er würde aus seinem Drecksleben in Claymont ausbrechen und den Leuten endlich zeigen, dass er doch kein Versager war. (…) Durch den Brief seiner Mutter hatte Francis eine zweite Chance erhalten.“

Zitat, Seite 81

Schon komisch, dass mir der in München geborene Jungautor so lange kein Begriff war. Denn Benedict Wells kann bereits mit 31 Jahren auf vier erfolgreiche Romane und eine Verfilmung mit deutscher Starbesetzung („Becks letzter Sommer“) zurückblicken. So ist es nicht verwunderlich, dass ich nach seinen neuesten Roman „Vom Ende der Einsamkeit“ (mehr dazu hier) und meinem bisherigen Jahreshighlight einfach noch nicht genug von seinen Geschichten hatte. Irgendwie musste ich weiter auf der Wells-Welle  reiten und mich direkt auf den Vorgängerroman stürzen. Und das schien genau richtig!

Denn in „Fast genial“ schleudert mich Wells nahezu ungebremst in Grovers Chevy und damit direkt neben Protagonist Francis, seinem Kumpel Grover und Patientin Anne-Mey. Unser gemeinsames Ziel scheint vorerst Los Angeles zu sein, dem Ort, wo nicht nur Francis Vater, sondern auch die Hoffnung zu wohnen scheint.

„In dieser Nacht schien alles möglich. Mehr als tausend Meilen von zu Hause entfernt berauschten sie sich an ihrer Freiheit.“

Zitat, Seite 117

Doch das Leben spielt Roulette und macht aus der Reise einen abgefahrenen Road Trip mit unbestimmten Ziel. Wir taumeln durchs schillernde Las Vegas, schlafen in schäbigen Motels, treffen auf weitere Retortenbabies um letzten Endes mitten im Nirgendwo zu stranden. Es wird ein irrer Abenteuertrip, der nicht nur einen Haufen Dreck, sondern auch allerhand Emotionen aufwirbelt und damit für unvorhergesehene Spannungen und Offenbarungen sorgt.

Wells nimmt sich während dieser Reise nicht nur Zeit, sich der Thematik um die „Samenbank der Genies“, die 1980 tatsächlich existierte und Francis Geschichte erzählt; sondern auch dem nerdigen Grover und der emotional labilen Anne-May zu widmen. Sie alle werden Teil von einem unvergesslichen Abenteuer. Dem Abenteuer ihres Lebens.

Um die Entwicklung des Romans nicht vorweg zu nehmen, möchte ich an dieser Stelle keine weiteren Details der Reise offenbaren. Die Geschichte hat alles, was ein guter Unterhaltungsroman braucht. Sie reißt mit, sie stimmt nachdenklich und unterhält. Es dreht sich dabei um so viel mehr, als man es anfangs vermutet. Denn neben der Suche nach Francis Vater, begegnen wir auch den Wirren der Liebe, Freundschaft und der verzweifelten Suche nach Zugehörigkeit.

Und so glitt ich dahin, sicher und geräuschlos, auf Benedicts Welle, fand vertraute Komponenten wieder und lerne eine jüngere Facette des Autors kennen, die nicht minder beeindruckt. Somit bahnt sich ein weiterer Wells Roman einen Weg in mein Bücherregal und schmiegt sich ganz harmonisch an seine Diogenes – Geschwister.

 „Objektiv gesehen ist der Tod das Beste, was den Menschen passieren konnte. Er zwingt sie, sich dem Leben zu stellen, jede Sekunde davon zu genießen und sich zu verwirklichen. Er ist das einzig richtige Ende, notwendig und ein starker Antrieb. (…) Subjektiv gesehen ist der Tod natürlich scheiße.“

Zitat, Seite 187

❤ ❤ ❤ ❤ ❤

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4 Kommentare zu „Frozen Angels

  1. Durch deine Rezension habe ich jetzt noch mehr Lust auf mehr Bücher von Benedict Wells 🙂 „Fast genial“ steht jedenfalls bei mir auch schon auf der Wunschliste, „Vom Ende der Einsamkeit“ war auch meiner erster Wells. Irgendwie mag ich nur nicht so viele Bücher von einem Autor gleich hintereinander lesen (außer es ist eine Reihe), aber ich werde sicherlich mal wieder was von diesem jungen Herrn lesen 😀

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    1. Hallo Verena,

      das freut mich, denn mir gings ähnlich. Nur dass ich mich schon direkt im Anschluss an „Fast genial“ machen musste. Irgendwie musste das so sein. Schon allein aus dem Grund, weil Benedict gerade an einer Überarbeitung des Romans sitzt. Mein nächster Wells wird „Becks letzter Sommer“ werden und danach die Verfilmung. Ich kann dich aber verstehen, schließlich gibt es so viele Bücher, die es zu lesen lohnt.

      Liebe Grüße

      Steffi

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  2. Schöne Rezension, mir hat das Buch auch sehr gefallen. Ich finde die Atmosphäre von solchen Road-Novels einfach faszinierend. Übrigens habe ich hinterher tatsächlich das Thema der eingefrorenen Genies gegoogelt. Es gab einen Spiegel-Artikel, der sich wie die Zusammenfassung des ganzen Buchs gelesen hat.
    Jetzt bin ich gespannt, wie Benedict Wells den Roman überarbeiten will.

    Liebe Grüße!

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    1. Huhu Saskia,

      vielen Dank. Ich mag Road Novels auch sehr gerne, die sind immer ein bisschen von Veränderung und Freiheit begleitet und das gefällt mir sehr. 😉

      Ich muss das mit den „Frozen Angels“ auch mal googeln, schon krass, das die Sache auf wahren Begebenheiten beruht. Ich find das irgendwie unheimlich, wenn man nicht weiß, von wem man abstammt. Dnd vor allem, wenn herauskommt, dass alles nur Fake war und die Gene von einem Taugenichts oder Kriminellen stammen. Auf Benedicts Überarbeitung bin ich auch gespannt. Irgendwie schon gewagt, so im Nachhinein sich selbst dazwischen zu fuchteln, aber wer nicht wagt, der nicht gewinnt, oder!?

      Liebe Grüße
      Steffi

      Gefällt 1 Person

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