Glückstheorie

lesenslust über „Die Sache mit dem Glück“ von Matthew Quick

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„So tun als ob kann in vielerlei Hinsicht helfen.“

Als seine Mutter stirbt, findet der 39-jährige Bartholomew in der Unterwäscheschublade seiner Mutter einen Befreit-Tibet! – Brief von Richard Gere, einen kommerziellen Aufruf des Schauspielers, die olympischen Spiele in Peking zu boykottieren; den Bartholomews naive und altmodische Mutter damals wohl für einen persönlichen an sie adressierten Brief hielt und seither aufbewahrt hat.

Der völlig unselbständige und leicht verschrobene Bartholomew, der Zeit seines Lebens für seine Mutter gelebt hat, beginnt, dem Lieblingsschauspieler seiner Mutter fortan Briefe zu schreiben. In der Hoffnung, dass der Schauspieler ihn aus seiner persönlichen Lebenskrise befreit; erzählt er ihm ganz ungeniert die Glückstheorie seiner weisen Mutter, über Außerirdische, Buddhismus und die Liebe zu Katzen. Und selbstverständlich auch über die Jungthekarin Elizabeth, die er seit Jahren im Auge hat; die er aber nicht schafft, anzusprechen.

Bisher hat Richard Gere nicht geantwortet, aber Bartholomew ist sich ganz sicher, dass es dem Pretty Women – Star gelingen wird, auch sein Leben zu einem besseren zu machen.

„Irgendwie, und wer kann schon genau sagen, wie sich sowas entwickelt, verfielen Mom und ich im Laufe vieler Tage und Wochen in eine Routine. Wir begannen beide so zu tun, als ob. Sie tat so als ob ich Sie wäre – Richard Gere, ich tat so als ob Mom nicht dabei wäre, den Verstand zu verlieren. Ich tat so, als ob sie nicht mal sterben würde. Ich tat so, als ob ich nicht lernen müsste, ohne sie zu leben. Die Dinge eskalierten, wie man so sagt.“

Nach Jahren erfolgloser Chemotherapie wird Bartholomews an Krebs erkrankte Mutter in der letzten Phase ihres Lebens auch noch von Demenz heimgesucht, was zu einem schleichenden Verfall ihres Geistes führt. Sie beginnt, Fantasie und Wirklichkeit miteinander zu vertauschen; bemerkt nicht, dass es ihr geliebter Sohn Bartholomew ist, den sie fortlaufend Richard nennt – Richard, wie Richard Gerne. Bartholomew, der an den fortan spärlich gesäten Glücksmomenten seiner kranken Mutter festhält, spielt das Spiel mit. All die Jahre lebt er ein Leben als Medium, als Inkarnation des Schauspielers Richard Gere im Leben seiner Mom.

„Richard Gere zu sein, war, als würde ich mir selbst per Schmerzpumpe Morphin verabreichen. Ich war ein besserer Mensch, wenn ich Sie war. Beherrschter, selbstsicherer als je zuvor.“

Es ist daher nicht groß verwunderlich, dass der orientierungslose Bartholomew sich nach dem Tod seiner Mutter an eben jenen Schauspieler wendet, den er über all die Jahre verkörpert hat. In Briefen an den Hollywoodstar schüttet er sein Herz aus. Schließlich hat der übergewichtige und arbeitslose Bartholomew sonst keine Freunde, denen er sich anvertrauen könnte. In seinen Briefen an Richard berichtet er ihm von den Erlebnissen seiner Kindheit, von der unerschütterlichen Liebe zu seiner Mutter und seinem streng katholischen Vater, den er nie kennengelernt hat, weil er bereits in seiner Kindheit am Märtyrertod durch den Ku-Kux-Clan gestorben ist.

Er erzählt ihm aber auch von seinen ganz geheimen Sehnsüchten. Von dem Versuch, die Jungthekarin Elizabeth in der Stadtbibliothek durch Telepathie zu erreichen oder dem allgemeinen Wunsch einer Frau nahe zu sein bzw. die Frau fürs Leben zu finden. Brief für Brief lernt Bartholomew über sich selbst hinaus zu wachsen und vom loyalen Trottel und Mama Hempel zu einem erwachsenen eigenständigen Mann zu werden.

Es ist eine kunterbunte Reise auf die uns der US-Autor Matthew Quick uns in „Die Sache mit dem Glück“ nimmt. Nach seinem Bestseller „Silver Linings“ widmet er sich in seinem Nachfolgeroman dem Leben des Versagers Bartholomew Neil. Einem Eigenbrötler, der mit 39 Jahren noch immer zu Hause wohnt, noch nie Sex hatte und außerdem noch nie gearbeitet hat. Mithilfe der schrägen Hauptfigur, die als Ich-Erzähler agiert, hinterfragt Quick die Gründe des Universums und offenbart seinen Lesern die Kraft der Güte und der Liebe. Er inspiriert, schenkt Hoffnung und unterhält in höchstem Maße.

„Das Leben ist beschissen!“, sagt meine rothaarige Trauerbegleiterin Wendy jedes Mal wenn wir in unserem Gespräch einen toten Punkt erreichen. Das ist ihre Standard-Plattitüde, ihre goldenen Worte für mich.“

Denn es sind verrückte Geschichten, die uns Bartholomew erzählt. Geschichten von gemeinsamen Abendessen mit imaginären Filmstarts, von dem kleinen wütenden Mann in seinem Bauch, Obdachlosen, die sich in der Stadtbibliothek Pornos einverleiben und von rosa Perücke tragenden Undercover Polizistinnen, die sich an seinem Bein reiben. Er berichtet von vollgepissten Hosen, seiner mit Vogelmetaphern therapierenden Trauerberaterin Wendy und dem Skandal-Father McNamee.

Quick spielt in seinem Roman sehr offene Töne über Sexualität, Religion und Rassismus an. Er scheut weder vor Themen wie Selbstverbrennung tibetischer Mönche, noch Fragen über Masturbation. Er entsetzt und begeistert zugleich und schenkt mir damit ein paar sehr heitere Stunden.

Dass die Wahl als Sprecher des Hörbuchs auf Boris Aljinovic fiel, ist wie ein Sechser im Lotto. Es scheint fast so, als sei die Rolle des Bartholomew Neil auf die facettenreiche Stimme des Hörbuchsprechers, den man u.a. aus Rollen im Theater, Film und Fernsehen kennt (z.B. dem Berliner Tatort), zugeschnitten. In sehr lebendigen Tönen macht er Quicks ohnehin schon skurille Geschichte zu einem wahren Hörerlebnis. Er ächzt und stöhnt, imitiert den kleinen wütenden Mann in Bartholomews Bauch als auch die vor sich hinstöhnenden Frauen aus dem Porno in der Stadtbibliothek so leidenschaftlich, dass es mich vor Lachen fast aus den Latschen kippt.

„Worte ließen sich als Waffen benutzen, die zu viel Schaden anrichten.“

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2 Kommentare zu „Glückstheorie

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