Le chapeau de Mitterand

lesenslust über „Der Hut des Präsidenten“ von Antoine Laurain

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„Die wichtigsten Ereignisse unseres Lebens sind immer die Folge einer Verkettung winziger Details.“

Zitat, Seite 28

Es ist nicht irgendein Hut, der in der Brasserie liegenbleibt und in den Besitz des Pariser Buchhalters Daniel Mercier übergeht. Es ist der schwarze Filzhut des französischen Staatsoberhauptes François Mitterrand.

Ein Hut, der mindestens genauso mächtig scheint, wie der Präsident selbst. Denn er soll den Köpfen, die ihn fortan tragen, eine geheimnisvolle Macht und Entschlossenheit verleihen, die so manch unausgesprochenes Wort und ausstehende Entscheidung in die Freiheit entlässt.

So verweilt der Hut nicht lange bei seinem neuen Besitzer Daniel, sondern wandert frohen Mutes weiter. Er soll auch die unglücklich verliebte Fanny Marquant, den ausgebrannten Parfümier Pierre Aslan und den desillusionierten Bernard Lavallière erreichen, um ihrem Leben eine völlig neue Richtung zu schenken. Wie eine schicksalshafte Fügung formieren sich die Ereignisse im Leben seiner Träger neu. Es scheint fast so, als bedarf es nur eines schlichten Hutes, um das Leben vieler Menschen von Grund auf zu verändern.

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„Ein Hut auf dem Kopf verleiht einem eine unleugbare Autorität über die, die keinen tragen.“

Tristan Bernard

Müde und niedergeschlagen betritt Buchhalter Daniel Mercier die kleine Pariser Brasserie, um seine Sorgen mit ein paar erlesenen Austern einer Meeresfrüchteplatte Royal und einer gut-temperierten Flasche Pouilly-Fuissé wegzuspülen. Dass am Nebentisch eine Gruppe der einflussreichsten Männer Frankreichs Platz genommen hat, bemerkt er erst, als ihre Gesprächsfetzen zu ihm dringen und sein Blick bei niemand Geringerem als Präsident François Mitterand hängenbleibt.

Von da an lauscht Daniel gebannt ihren Gesprächen und wünscht sich nichts sehnlicher, als der Vierte ihrer illustren Runde zu sein. Als sie gehen, schwelgt er noch lange in der Erinnerung dieser Begegnung, weswegen er erst viel später entdeckt, dass Mitterand seinen schwarzen Filzhut vergessen hat. Mit pochendem Herzen nimmt er den Hut an sich und setzt damit eine magische Entwicklung in Gang, die das Leben vieler von Grund auf verändern soll.

Es ist eine unleugbare Tatsache, dass Antoine Laurains Roman nicht nur reizend anzusehen, sondern auch genauso zu lesen ist. Denn das Buch, das sich mit seinem wunderschönen Cover optisch an den Erstling „Liebe mit zwei Unbekannten“ anlehnt, beherbergt nicht nur magische Hutbegegnungen, sondern auch ein zauberhaftes Porträt von Paris der 80er Jahre. Mit viel Liebe zum Detail, einer Prise Magie und lebendiger Ausdruckskraft schenkt uns Laurain Momentaufnahmen der besonderen Art.

Kaum hat man die ersten Seiten des Buches umgeschlagen, wird man schon vom Zauber des Hutes erfasst. Mit spielerischer Leichtigkeit schwebt er von Seite zu Seite und damit auch von Person zu Person. Seine Reise beginnt bei Daniel Mercier, einem unscheinbaren Buchhalter, der so viel mehr in Petto hat, als es zunächst scheint. Es ist das Tragen des Hutes, das in Daniels Innerem einen Schalter umlegt und ihm plötzlich Autorität und Selbstbewusstsein verleiht. Mit einer ungewohnt strategischen Vorgangsweise, überrascht er nicht nur die Kollegen und den Finanzchef des Unternehmens, sondern allen voran sich selbst.

„Er schloss die Augen und atmete ein, bis die immaterielle Verbindung in seinen Körper drang, das Blut erreichte, seine Venen füllte, sich mit seinen Blutkörperchen vermischte und sein ganzes Wesen durchströmte, die schlafenden Schätze der alexandrinischen Bibliothek, die er in sich trug, wiederbelebte, die Bibliothek, die an einem Abend Ende der siebziger Jahre abgebrannt war und deren Glutwolke Pierre Aslans Genie fortgeblasen hatte.“

Zitat, Seite 113/114

Auch bei Parfümeur Pierre Aslan macht der Hut des Präsidenten Halt. Aslans letzte Geruchskomposition liegt bereits acht Jahre zurück. Die Nase des einst so großartigen Geruchsvirtuosen scheint längst einer alltäglichen gewichen, sein Alltag – geprägt von unbefriedigenden Gesprächen mit Analytiker Dr. Fremenberg und den mitleidsvollen Blicken seiner Frau. Seine Person ist in Vergessenheit geraten, er scheint gefangen in der Eintönigkeit seines so drist gewordenen Lebens. Doch als Aslan den Hut auf der Bank im Park entdeckt und ihn mit nach Hause nimmt, verabschiedet er sich mehr und mehr von den Geistern der vergangenen acht Jahre. Sein feines Gespür für Düfte kehrt zurück und beschert ihm einen Duft von kristalliner Vollkommenheit, die Engelsnote.

Man glaubt es kaum, dass es ein schlichter Filzhut ist, mit dem Laurain seine Leser verzaubert. Mit einer unglaublichen Eigendynamik lässt er ihn durch die Zeilen schweben, als wenn er vom Wind des Schicksals getragen wird. Er wird zur symbolischen Leitfigur der Geschichte, die ihn bereits im Titel trägt. Er ist es, der den Menschen den nötigen Schubs in die richtige Richtung gibt und ihnen den Glauben an sich selbst zurückgibt.

Während ich kurz auf zwei Figuren von Laurains Geschichte zu sprechen gekommen bin, weil sie mit Daniel beginnt und der Halt bei Pierre zu meinen liebsten zählt, möchte ich die Momentaufnahmen von Fanny und Bernard unerwähnt lassen. Es sollte das Bestreben der Leser sein, die Geschichte selbst zu entdecken und diesen Abschnitten jungfräulich zu begegnen. Denn gerade bei Bernard handelt es sich sicherlich um die anspruchsvollste Episode des Buches, die sich zeitgleich auch als feine Skizze von Paris der 80er Jahre präsentiert. Laurain geht in diesem Abschnitt unter anderem auf die politische und kulturelle Situation Frankreichs ein.

Laurains Geschichte entfaltet während dem Lesen seine besondere Wirkung. Die Reise des Hutes präsentiert sich wie eine runde Sache. Ein harmonischer Kreislauf, der sich durch das Zusammentreffen von Anfang und Ende wieder zu schließen scheint. Darüber hinaus begeistert mich der französische Autor mit einem sehr ungewöhnlichen Ende und zeigt mir damit einmal mehr, dass meine Schwierigkeiten mit vorangegangenen Geschichten französischer Autoren nicht dem landestypischen Naturell, sondern vielmehr den Geschichten selbst zuzuordnen ist. Chapeau, lieber Monsieur Laurain!

„Er spürte dunkel, dass dem Hut noch etwas vom Präsidenten anhaftete, in einer immateriellen Form, vielleicht als Mikropartikel, aber diesem Etwas wohnte der Hauch des Schicksals inne.“

Zitat, Seite 44

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