Nur Millie

lesenslust über „Noch so eine Tatsache über die Welt“ von Brooke Davies

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„Es wird Millie von jetzt an überallhin begleiten, dieses Bild von ihrer Mum, die immer kleiner wird. Ihr Leben lang wird es immer wieder hinter ihren Augen aufscheinen. Wenn auf der Kinoleinwand jemand ‚Bin gleich wieder da‘ sagt. Wenn sie mit Mitte vierzig ihre Hände anschaut und sie nicht als ihre eigenen erkennt. Wenn sie eine dumme Frage hat und absolut nicht weiß, wem sie sie stellen soll. Wenn sie weint. Wenn sie lacht. Wenn sie auf etwas hofft. Jedes Mal, wenn sie zuschaut, wie die Sonne im Wasser versinkt, wird sie einen Anflug von Panik verspüren und nicht wissen, warum.“

Zitat, Seite 13

Millie Bird ist sieben, als sie das erste Mal dem Tod ins Auge blicken muss. Nach ihrem Hund Rambo verabschiedet sich ihr Dad ins Jenseits. Von da an erfasst sie sämtliche Verluste in einem Buch. Als ihre Mum im Kaufhaus weggeht und nicht mehr wiederkommt, fragt Millie sich, ob sie sie nun auch in ihrem Buch der toten Dinge erfassen muss.

Karl der Tasttipper ist siebenundachtzig, als er aus dem Altersheim flieht, in das ihn sein verzweifelter Sohn gesteckt hat. Seit dem Tod seiner Frau Evie ist er zu einem noch eigenartigeren Kauz geworden, als er ohnehin schon war. Er fühlt sich laut und ungeschickt, fast wie ein Fremdkörper in seinem eigenen Leben. Seine Hände sind unruhig, ständig auf der Suche nach einer Aufgabe. Auf Evie spielten sie die Klaviatur ihres Körpers, ließen Karl ruhig und zärtlich werden.

Agatha Pantha ist zweiundachtzig und verlässt seit dem Tod ihres Mannes nicht mehr das Haus. Vom Küchenfenster aus beobachtet, analysiert und beschimpft sie Passanten. Sie klammert sich an Rituale, hangelt sich aus Angst vor der Einsamkeit durch ihre tägliche Checkliste. Ihre Tätigkeiten kommentiert sie lautstark, wirft die Worte gewaltsam und anklagend in den Raum, wo sie unerwidert an der Wand abprallen. Auch Millie bleibt ihren Argusaugen nicht verborgen. Auch nicht, dass sie ohne Mutter nach Hause kommt.

„Sie setzt sich auf den Stuhl der Fassungslosigkeit und misst Wangenelastizität, Abstand zwischen Brustwarzen und Taille, fremdartigen Haarwuchs, Faltenanzahl, prognostizierten Faltenverlauf und Armschwabbelstärke. Notiert die Werte in ein Schulheft mit der Aufschrift Alter. Kommentiert das gesamte Geschehen, während sie sich selbst im Spiegel betrachtet. ‚Ich messe gerade die Armschwabbelstärke!‘ Schreit sie sich selbst zu, während sie auf die Unterseite ihres Oberarms schlägt. ‚Sie ist höher als gestern!‘ Schreit sie, nachdem sie die Daten verglichen hat. ‚Sie ist immer höher als gestern!‘ “

Zitat, Seite 68

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„Millie wacht mitten in der Nacht auf. Sie zieht einen Zettel aus ihrem Rucksack, verlässt das Schlafzimmer, geht den Flur entlang, öffnet die Haustür und heftet den Zettel mit Klebeband an die Tür. Hier bin ich Mum.“

Zitat, Seite 150/151

Davies Geschichte ist außergewöhnlich. Sie ist herrlich schräg, erschreckend ehrlich und amüsant zugleich. Kaum hat man ihr Buch zugeklappt, möchte man es noch einmal lesen. Dabei geht es in „Noch so eine Tatsache über die Welt“ um nichts als Verlust. Davies, die mit Mitte Zwanzig selbst ihre Mutter verlor, widmet sich in ihrer Geschichte nämlich dem Tod. Das ist eine traurige Tatsache, aber kein Hindernis, ihr Buch zu lesen. Denn schon als sie dir die Lebensgeschichten der Protagonisten offenbart, überrascht dich ihr ungewohnter Stil. Sie weicht von vertrauten Verhaltensmustern ab, bewegt sich fast leichtfüßig durch die düstere Thematik.

Millie, Karl und Agatha. Drei Menschen, drei Verluste. Jeder von ihnen verliert eine feste Konstante im Leben. Während Karl und Agatha im hohen Alter den Partner verlieren, verliert Millie schon im Alter von sieben Jahren beide Elternteile. Während ihr geliebter Vater stirbt, macht sich Millies unfähige Mutter einfach aus dem Staub.

Millie, die fest mit der Rückkehr ihrer Mutter rechnet, erklärt den Supermarkt indes zu ihrem neuen Refugium. Sie schreibt Hinweisschilder, die ihre Mutter auf ihren Verbleib und aktuellen Standort hinweisen sollen, damit diese sie wiederfindet. Nachts im Supermarkt tobt sie sich aus; macht, wozu sie Lust hat und findet sich eigentlich auch ohne Hilfe ganz gut zurecht. Am Morgen danach, als ihre Mum noch immer mit Abwesenheit glänzt, wiegt der Verlust bereits schwer auf dem Herzen.

Am zweiten Tag stolpert Millie an Karl vorbei, der sich ebenfalls im Supermarkt eingenistet hat und findet in ihm und der Schaufensterpuppe der Damenwäscheabteilung einen Verbündeten. Auch wenn Manny, wie sie den starren Puppenmann taufen, nur einer von vielen toten Dingen ist, die ihr im Laufe ihres jungen Lebens begegnen. Als Millie vom Sicherheitspersonal erwischt wird, sind es die beiden, die an ihrer Seite stehen.

Schon kurze Zeit später findet sich Millie mit Karl und Agatha auf einer abgefahrenen Reise wieder, bei der die Reisenden nicht nur zu sich selbst, sondern auch zueinander finden werden.

„Es liegt durchaus Musik in ihrem Schnarchen, in dem Anschwellen und Abflauen, ein Echo des Lebens mit seinen Höhen und Tiefen. Karl würde den Klang am liebsten grafisch darstellen und sieht schon den gebirgigen Umriss auf dem Blatt vor sich, die langen, geschwungenen Bögen und zackigen Linien.“

Zitat, Seite 179

Davies spickt ihre scheinbar alltägliche Geschichte mit so viel Skurrilität, dass man sich auf höchstem Niveau unterhalten fühlt. Sie präsentiert uns Alltäglichkeiten in ungewohntem Licht, umspielt sie mit überraschender Offenheit und schamlosem Witz. Davies beweist nicht nur eine gute Beobachtungsgabe und ein unglaubliches Gespür für das Emotionale, sondern verkettet die unmöglichsten Dinge zu einem harmonischen Ganzen. So erzählt sie nicht nur von Verlust, Trauer und Hilflosigkeit, sondern auch von Freundschaft, Zusammenhalt und zwischenmenschlicher Kraft.

„Was ist Liebe, Agatha Pantha? sagt Karl, als mache er eine Ansage, und verkleckert dabei seinen Wein. Liebe? fragt sie und drückt ihre Nase an die Fensterscheibe. Ich sehe rein gar nichts! Genau. Ganz genau, Agatha Pantha. Es ist zu dunkel! Ja. Ihre Stirn wippt an der Scheibe auf und ab. Das ist mir nicht geheuer!“

Zitat, Seite 210

❤ ❤ ❤ ❤ ❤

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6 Kommentare zu „Nur Millie

  1. Nach deiner Rezension bin ich ganz fasziniert von diesem Buch. Ich muss es mir unbedingt in der Buchhandlung ansehen. 🙂
    Dein Blog ist richtig schön. Ich bin dir gleich mal gefolgt.

    Wenn du Lust hast kannst du auch gerne auf meinem Blog vorbeischauen.

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    1. Hallo Sarah,

      es freut mich sehr, dass ich dich faszinieren konnte. Auch war nach ein paar Rezensionen, die ich gelesen habe, genauso neugierig auf das Buch, das wirklich alles andere als gewöhnloch ist. Ich hoffe, es gefällt dir mindestens genauso gut wie mir. Toll, dass du dich hier wohlfühlst. Ich werde die Tage sicherlich mal zu dir rüber spitzen. Das lass ich mir doch nicht entgehen. Hab noch eine schöne Restwoche!

      Liebe Grüße

      Steffi

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