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lesenslust über „Die Nacht schreibt uns neu“ von Dani Atkins

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„Das ist das Problematische am Tod: Es gibt keine festen Anstandsregeln, die einem vorschreiben, wie man richtig trauert oder anderen sein Beileid bekundet. An die klaffende Wunde, von der die Hinterbliebenen gezeichnet sind, wagt sich keiner nahe heran, aus Furcht, sie könnte womöglich ansteckend sein.“

Zitat aus dem Buch

Emmas Zukunft schien zum Greifen nah: ein erfülltes Leben an der Seite ihrer Jugendliebe Richard und ihren besten Freundinnen Amy und Caroline. Doch als Amy nach einem Unfall in der Nacht ihres Junggesellinnenabschieds stirbt, formt die Zukunft ein neues Blatt. Eins ohne Amy. Eins, in dem Emma selbst nur dank der Rettung in letzter Sekunde vorkommt.

Nach dem Unfall ist für Emma nichts mehr wie vorher. Ihr Alltag ist geprägt von Schuldgefühlen, unendlicher Trauer und einer seltsamen Einsamkeit, die ihr selbst ihr Verlobter Richard nicht nehmen kann. Der Einzige, der zu Emma Zugang findet, scheint Lebensretter Jack. Ein Fremder. Irgendein Mensch, der zur richtigen Zeit am richtigen Ort war.

Er bringt in ihr Dinge in Bewegung, die sie für ihn eigentlich nicht verspüren dürfte. Dennoch sind es seine Worte und Gesten, die ihr Kraft schenken und sie durch die dunkelste Zeit ihres Lebens begleiten. Und nicht die ihres Verlobten Richard. Dem Mann, mit dem Emma den Rest ihres Lebens verbringen wollte.

So schwappt sie auf einem scheinbar uferlosen Boot hin und her, zwischen dem vertrauten Hafen Richard und der fremden Insel Jack. Und muss sich einmal mehr entscheiden, wohin der Wind sie tragen soll.

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Meine erste Annäherung an Dani Atkins neuen Roman verlief zugegeben etwas zögerlich. Gemischte Gefühle begleiteten mich, als ich den entzückenden Buchdeckel von „Die Nacht schreibt uns neu“ aufklappte, um mich auf die Geschichte einzulassen. Denn auch Atkins zweiter Roman ist von Verlust und Trauer bestimmt. Merkmale, von denen bereits ihr Debüt „Die Achse meiner Welt“ geprägt wurde und mich daher eine aufgewärmte Story befürchten ließen.

Doch wenige Seiten später war ich bereits so tief in Atkins Geschichte abgetaucht, dass es für meine anfänglichen Befürchtungen weder Zeit noch Raum gab. Denn die Zeilen der britischen Autorin haben an emotionaler Tiefe nicht verloren. Sie schockieren dich, fegen dir Gänsehaut über die Arme und zaubern dir ein Lächeln ins Gesicht. Sie klammern sich an dir fest und lassen dich nicht wieder los, ehe du nicht an ihrem Ende angelangt bist.

„Taubheit – ich empfand ein Gefühl von Taubheit, wie es von Nivocain verursacht wird oder von Eiswasser. Es kam mir vor, als hätte ich stundenlang dagesessen und versucht, etwas zu begreifen und zu verarbeiten, das so schrecklich war, dass man es einfach nicht wahrhaben wollte. (…) Amy hatte ihre Philosophie, jeden Tag so zu leben, als wäre es der letzte, in eine Prophezeiung verwandelt.“

Zitat aus dem Buch

Atkins wirbelt Emotionen durch die Luft wie eine Artistin. Ehe du dich versiehst, wirst du von ihnen erfasst und ins tosende Gefühlschaos von Protagonistin Emma geschleudert, wo du dich zwischen einer Bandbreite an widersprüchlichen Gefühlen wiederfindest. Nach dem Unfall hat Emma nicht nur Schuldgefühle und wachsende Gefühle für ihren Lebensretter Jack, sondern auch Zweifel an ihrer Liebe zu Richard.

Atkins Darstellung von Emmas Zerrissenheit führt beim Leser zu gegensätzlichen Reaktionen. Einerseits möchte man sie trösten und andererseits ihr eine schallende Ohrfeige verpassen. Hilflos tänzelt sie zwischen kindlicher Naivität und erwachsener Vernunft hin und her und strapaziert die Nerven der Leser bis aufs Äußerste.

Emmas Geschichte verwebt Atkins mit der von Emmas demenzkranker Mum, wodurch sie dem Leser eine wage Vorstellung vom Alltag eines an Alzheimer erkrankten Menschen und den unmittelbaren Auswirkungen auf das Leben der Angehörigen gibt. Denn die Krankheit bestimmt nicht nur das Leben von Emmas Dad, sondern auch das von Emma, die sich gegen ihr Leben in London und für das Zurückkehren in die heimatliche Provinz entscheidet. Atkins lässt es jedoch nicht zu, dass das Krankheitsbild der Mutter die Oberhand gewinnt, und richtet ihren Fokus voll auf Emma. Das mochte ich. Denn schließlich ist es ihre Geschichte, und nicht die der Mutter.

Atkins entschied sich bei ihren Figuren für ein kunterbuntes Potpourri aus Persönlichkeiten, das am Ende ein komplexes Beziehungsgeflecht zum Vorschein bringr. Obwohl man schnell mutmaßt, wie die Geschichte ausgeht, hat die Autorin auch ihrem zweiten Roman ein paar überraschende Elemente beigemischt, die den Leser vorübergehend in die Irre führen. Ihre Geschichte ist eine Abfolge von unterschiedlichen Zeitabschnitten. Sie beginnt dabei mit dem Ende und lässt den Leser von dort aus in die Vergangenheit zurückreisen.

Atkins ist es noch einmal gelungen, mir einen Tag und eine Nacht den Atem zu rauben, wenn auch auf völlig andere Weise. Im Vergleich zum Vorgänger besitzt „Die Nacht schreibt uns neu“ um einiges stärkere erotische Wesenszüge und erzählt deshalb nicht nur die dramatische Geschichte einer jungen Frau, sondern auch von einer magischen körperlichen Anziehungskraft zwischen zwei Menschen, die sich eigentlich gar nicht kennen.

„Lebe für das Heute, das Morgen ergibt sich von selbst.“

Zitat aus dem Buch

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