Un posto al sole

lesenslust über „Pikkolo und Panettone“ von Astrida Wallat

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„Weihnachten mit der Verwandtschaft? Ich wollte, es wäre schon Ostern.“

Zitat, Seite 21

Weihnachten bei Famiglia Maiotti ist immer ein bisschen wie un posto al solegute Zeiten, schlechte Zeiten. Die 23-jährige Anna Maiotti weiß das, und möchte am Liebsten fliehen. Auch dieses Jahr wird sich der bunte Haufen aus fränkischer und neapolitanischer Verwandtschaft wieder in ihrem Haus versammeln, um der gemeinsamen Völlerei zu frönen.

Doch als Großmutter Liselotte bei ihrer Anreise die Weihnachtsgans im Zug vergisst, Tochter Maura in einer Welle von Liebeskummer badet und Nonno Corrado die Zukunft in den Sternen liest, ist das Chaos vorprogrammiert. Und während die temperamentvolle Meute um das beste Gästezimmer und die Gänge des Festtagsmahls streitet, widmet sich Nonna Elsa einfach ihrem geliebten Pikkolo und Panettone.

Doch als kurz vor der Bescherung Annas Patenkind verschwindet, scheinen sowohl das Fest der Liebe als auch Nonnas Entspanntheit Geschichte. Panisch schert der planvoll chaotische Maiottihaufen aus um den kleinen Ugolino zu suchen. Durch ihre ungeschickte Stolperei bringen sie weitere überraschende Wahrheiten zutage, die kein Fest der Welt verkraften kann.

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„Die Zeit vollführt eine Vollbremsung, rund um den Tannenbaum gerinnen die Sekunden. Massimos Hand auf Angelos Arm gefriert, Babbo gafft ins Leere, sogar Maura hält im Kauen inne. Allein aus dem Flur ertönt, einem bedrohlichen Ostinato gleich, weiterhin die Fragen beantwortende, fiebrige Stimme von Arianna. Dann tut es einen dumpfen Schlag: Opa Franz ist sein bayerisches Bierseidel aus der Hand geglitten und auf dem harten Olivenholzparkett zu Bruch gegangen. Zwischen den Scherben sammelt sich die braungelbe Flüssigkeit zu einer klebrigen Pfütze.“

Zitat, Seite 211

Famiglia Maiotti ist alles, nur nicht normal. Das beweist die chaotische Meute aus Neapolitanern und Franken einmal mehr zum diesjährigen Weihnachtsfest. Und während die schwäbischen Vorzeigenachbarn Schäberle noch vorbildlich ihren Gehweg von Schnee befreien und das merkwürdige Gebaren ihrer Nachbarn argwöhnisch beäugen, streuen die Familienmitglieder der Familie Maiotti lieber noch eine Prise Dramatik in die Runde. Buon Natale!

Was die geborene Fränkin Wallat hier geschaffen hat, ist beste Unterhaltung. „Pikkolo und Panettone“ trieft vor Sarkasmus und Wortwitz. Auf den Seiten tümmeln sich Szenerien des perfekten Chaos, das tatsächlich kein Ende zu finden scheint, bis die Weihnachtstage entgültig vorüber sind. Irgendwann findest du dich am Ende des Buches wieder und bemerkst bei deinem Blick auf die eigene Verwandtschaft eine unbekannte Nüchternheit.

Es scheint unumgänglich, dass sich Wallat bei ihrer amüsanten Berichtserstattung allbekannten Klischees bedient, die man den italienischen Landesbewohnern so nachsagt. Sie verzichtet weder auf Dramatik noch auf die Prise Besserwisserheit und das überschäumende Temperament.

Doch Il troppo e il troppo poco rampon la festa e il gioco – Zu wenig und zu viel verderben Fest und Spiel. Irgendwann wuseln tatsächlich so viele Familienmitglieder in der Geschichte von Wallat herum, dass man als Leser schon mal die Orientierung verlieren kann und sich etappenweise vom Theater zurückziehen muss.

Wallat beginnt ihre Kapitel mit Sprichwörtern und Phrasen, die zum jeweiligen Kapitel passen und neben der italienischen Übersetzung platziert sind. Im Fließtext baut sie weitere italienische Wörter und landestypische Gepflogenheiten ein, sodass man innerhalb kürzester Zeit über ein umfangreiches Italien-Know-how verfügt.

Ein besonderes Confetti – eine zuckersüße Beigabe ist Wallat mit den italienischen Weihnachtsrezepten auf den letzten Seiten gelungen, die dem Leser u.a. das Rezept für den Budino die Natale, einem dreischichtigen weihnachtlichen Orakelpudding mit Überraschungbeigaben in Form einer Pistazie, Mandel und Chilischote verrät.

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