Im freien Fall

lesenslust über „Ein ganz neues Leben“/“After you“ von Jojo Moyes

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„Achtzehn Monate. Achtzehn ganze Monate. Wann ist es endlich genug?“, sage ich in die Dunkelheit. Und da ist sie. Ich spüre, wie sie wieder hochkocht, diese überfallartige Wut. (…) „Das hier ist nämlich kein Leben. Das hier ist gar nichts!“

Zitat, Seite 18

Sechs gemeinsame Monate hatte Louisa mit Will. Nur ein halbes Jahr hat Will gebraucht, um Lous Blick auf das Leben zu verändern. Doch achtzehn Monate nach seinem Tod schaut sie noch immer auf den emotionalen Scherbenhaufen, den er mit seinem Entschluss zu sterben in ihrem  Leben hinterlassen hat.

Mühsam und kraftlos taumelt sie durchs Leben, verschanzt sich in ihrem deprimierenden Job und ihrer spärlich eingerichteten einsamen Wohnung. Die Nächte verbringt Lou schlaflos, wird auf den Dächern Londons zu einem Schatten ihrer Selbst. Sie hat die Bodenhaftung verloren, findet nicht zurück ins Leben.

Doch eines Tages wartet eine unerwartete Überraschung auf sie, die sie mit voller Wucht ins Leben zurückschleudert. Und ehe sie sich versieht, steckt sie bereits mittendrin. Im Leben.

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„Trauer hatte einen bestimmten Geruch. (…) Sie roch nach kleinen Siegen des Alltags über einem Sumpf der Verzweiflung.“

Zitat, Seite 62

In ihrem Fortsetzungsroman, der an die Geschichte von „Ein ganzes halbes Jahr“ anknüpft, beweist Jojo Moyes erneut ihr feines Gespür für das Emotionale. Einfühlsam und ausdauernd spielt sie Lous Klaviatur des Trauerns und trifft dabei genau die richtigen Töne.

Achtzehn Monate nach Wills Tod ist Lou noch immer ein emotionales Wrack. Die Tatsache, dass sie Will nicht vom Sterben abhalten konnte, lastet schwer auf ihr. Ihre Schuldgefühle lähmen sie, bringen sie um den inneren Antrieb zu leben und nachts um den nötigen Schlaf. Im Geiste sucht sie weiterhin Kontakt zu Will, ihre Schritte wirken wie unterbewusste Gesten an ihn, ihr Versagen  – eine stille Anklage an den Verstorbenen.

„It has become a secret habit, me, the city skyline, the comfort of the dark, the anonymity, and the knowledge that up here nobody knows who I am.“

Zitat, Seite 7 (OV)

Dieser emotionale langatmige Trauerprozess mündet in einem unglücklichen Sturz vom Dach. Ein Sturz, der folgenschwer und gleichzeitig befreiend wirkt. Denn Lou ist danach nicht nur eine Zeit lang auf die Hilfe ihrer Familie angewiesen, sondern wird von dieser auch zur aktiven Trauerbewältigung in einer Gruppe verdonnert. Eine Runde, in der sich Lou anfangs unbehaglich fühlt, die ihr langsam aber sicher auch die Kraft schenkt, sich von ihrer Trauer zu befreien.

„His eyes are on mine. Kind eyes. He seems to understand how much I need convincing. I feel his hand close on mine. I have never needed a human touch more.“

Zitat, Seite 12 (OV)

Es wirkt fast so, als befände sich Lou während des gesamten Romans über im freien Fall. Stück für Stück wirft sie Ballast von sich. Sie macht Begegnungen, die ihrem Leben wieder einen Sinn geben und die ich an dieser Stelle gerne unerwähnt lassen möchte, weil sie jeder Leser für sich selbst entdecken sollte.

Während sich der Vorgänger um das Leben von Will gedreht hat, richtet Moyes in „Ein ganz neues Leben“  ihren Blick auf Lou. Ihre Zeilen sind nicht weniger zauberhaft, besitzen aber dennoch nicht die identische emotionale Intensität des Vorgängers. Moyes schenkt ihren Lesern eine Versöhnung. Lous Versöhnung mit dem Leben. Und das ist gut so.

„We danced as if we had nothing to do but dance. Lord, it felt good. I had forgotten the joy of just existing; of losing yourself in music, in a crowd of people, the sensations that came with becoming one communal, organic mess, alive only to a pulsing beat. For a few dark, thumping hours, I let go of everything, my problems floating away like helium balloons. I became a thing, alive, joyful.“

Zitat, Seite 148 (OV)

Diese Geschichte war Teil eines bilingualen Leseprojekts. Aus diesem Grund findet ihr in der Rezension sowohl deutsche, als auch englische Zitate. Beide Ausgaben haben ihre eigenen sprachlichen Reize.

❤❤❤❤

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