Ein papierenes Haus

lesenslust über „Das Papierhaus“ von Carlos María Domínguez

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„Bücher verändern das Schicksal der Menschen.“

Zitat, Seite 9

Die Literaturdozentin Bluma Lennon wird auf offener Straße überfahren. Es ist ihre Leidenschaft zum Buch, die Nase tief in ein Gedichtband von Emily Dickinson gesteckt, die ihr zum Verhängnis wird.
Als ihr junger Kollege ihren Lehrstuhl an der Universität Cambridge übernimmt, erreicht ihn eines Tages ein altes ramponiertes Werk von Joseph Conrads „Die Schattenlinie“. Ein abgewohntes und von Feuchtigkeit aufgequollenes Exemplar, an dessen Buchdeckel merkwürdige feine Zementpartikel haften und dessen Buchdeckel eine Widmung der Verstorbenen trägt.

Verstört nimmt er die mysteriöse Spur des Buches auf, das scheinbar eine viel größere Geschichte zu erzählen scheint, als die offensichtliche von Conrad. Er reist nach Buenos Aires, in seine ferne Heimat, in der das Buch in Besitz eines gewissen Carlos Brauer gewesen zu sein scheint. Eine Reise, die ihn nicht nur durch die facettenreiche Welt der Literatur, sondern auch durch die Schattenseiten einer passionierten Leidenschaft führt.

„Manchmal ist es schwerer, ein Buch loszuwerden, als es zu bekommen. Durch einen Pakt an Bedürftigkeit und Vergessen sind sie an uns gebunden wie die Zeugen niemals wiederkehrender Augenblicke in unserem Leben.“

Zitat, Seite 18

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„Eine Lektüre ist nie stumm, denn die Stimme ist immer ganz leise beteiligt. Sie führt die Teile aus wie ein Instrument die Partitur.“

Zitat, Seite 52

Wie in einem Rausch taumelte ich durchs Buch. Es ist unglaublich, was Domínguez mit so wenigen Seiten geschaffen hat. Sein facettenreicher Mini-Wälzer liest sich wie ein großes Buch. Es ist atmosphärisch rund und reich an Metaphern, verbirgt neben entzückenden Textstellen voller Leidenschaft für die Literatur auch kontroverse, skurrile und mit einer gewissen Provokation versehene Zeilen.

 Mit der Figur Carlos Brauer präsentiert uns Domínguez ein greifbares Sinnbild für einen im Literaturmeer Ertrunkenen. Einen Bibliophilen, dessen Liebe zum Buch irgendwann so überwuchernd wird, dass er die Kontrolle über sie verliert. Während er den Inhalt seiner Bücher jahrelang zu inhalieren scheint und ihn mit zahlreichen Markierungen versieht, sollen die Bücher ihm eines Tages als Fundament eines Hauses dienen.

Ich vögele mit jedem Buch, keine Markierung bedeutet für mich kein Orgasmus.“

Zitat, Seite 41

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Doch das Haus, von dem sich Brauer Schutz und Geborgenheit erhofft, lastet auf ihm wie ein schwerer Brocken. Es nimmt ihm die Luft zum Atmen und bricht eines Tages über ihm zusammen. Mit diesem Sinnbild hat der argentinische Autor einen ungewöhnlichen, aber interessanten Weg gewählt, um uns eindringlich die Tragkraft einer krankhaften Bücherliebe zu verdeutlichen. Ganz umbemerkt führt er uns an menschliche Abgründe heran und lässt uns auf dem schmalen Grat zwischen Leidenschaft und Sucht gefährlich schwanken.

„Ich verschenke Jahr für Jahr Bücher und schaffe es trotzdem nicht, ein neues Bücherregal oder die nächste Doppelreihe zu vermeiden; schweigsam und unschuldig breiten sich die Bücher im ganzen Haus aus, und es gelingt mir nicht, sie aufzuhalten.“

Zitat, Seite 17

❤ ❤ ❤ ❤

Dieses Buch genoss ich im Zug einer Wanderbuch-Aktion von der lieben Dorota alias bibliophilin. Dank der Reise ihres Exemplares konnte ich als letzte Leserin das mittlerweile kunterbunt gereifte, von persönlichen Notizen und Beigaben verzierte Exemplar, entdecken.

Herzlichen Dank dafür, liebe Dorota. ❤

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4 Kommentare zu „Ein papierenes Haus

    1. Ich finde es durchaus interessant, dass dieses Büchlein so unterschiedliche Meinungen bei den Lesern hervorruft. Ich habe sowohl begeisterte als auch enttäuschte Stimmen vernommen. Mir selbst hat es wirklich gut gefallen, auch wenn Brauers Bücherliebe ab und an schon extreme Gestalt annimmt. Das ist aber vielleicht gerade das reizvolle an dem Buch, das der Autor sich getraut hat, Grenzen zu überschreiten und mit seiner maßlosen Übertreibung schlussendlich auch ein bisschen provoziert. Ich hab die Provokation zum Anlass genommen, ein bisschen über mein eigenes Leseverhalten nachzudenken. Also ein eigenes Bücherhaus brauche ich z.B. nicht. Ich müsste weinen, wenn ich nicht mehr in meinen Büchern blättern könnte. 😉

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  1. Also irgendwie reizt mich dieses Buch, aber irgendwie macht es mir auch Angst. Denn was macht man, wenn man sich selbst in einer der Figuren wiederentdeckt und diese Figur dann „ertrinkt“ ? 😀
    Sollte man es trotzdem lesen, auch wenn man eher harmonische Bücher mit Happy End mag?

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    1. Hi Carolin,

      ich fand es sehr aufschlussreich. Teilweise habe ich mich in Brauer wiederentdeckt, teilweise nur verständnislos den Kopf geschüttelt. Glaub mir, du musst schon sehr krass unterwegs sein, dass du dich in seiner skurillen Persönlichkeit komplett wiederfindet. Domínguez hat ein paar entzückende Zeilen über das Lesen in sein Buch gepackt, die sollte man sich schon nicht entgehen lassen. 😉

      Weihnachtliche Grüße

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