Das größere Wunder

lesenslust über „Das größere Wunder“ von Thomas Glavinic

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„Sich einer Gefahr auszusetzen ist einfach. Am Anfang und Ende steht der Entschluss. Dazwischen darf es nichts geben. Es geht bloß darum, nicht zu denken. Nur bestimmte Leute sind dazu imstande. Vor allem solche, die nichts zu verlieren haben.“

Zitat, Seite 203

Jonas, eigenbrötlerisch und hochbegabt, wächst mit seinem behinderten Zwillingsbruder Mike bei der alkoholkranken Mutter auf. Die Kinder sind ihr völlig egal, Mike ist ihr aufgrund seiner Behinderung sogar zuwider, weshalb sie sich lieber Hochprozentigem, anstatt ihrer Rolle als Mutter widmet.

Seitdem steht Jonas im Konflikt mit sich selbst. Er entwickelt eine zweifelnde Weltanschauung und stellt alles in Frage, das ihm begegnet. Seine Freundschaft zu Werner und die enge Bindung zu seinem Bruder sind die einzig festen Konstanten in seinem Leben. Doch eines Tages spitzt sich der unkontrollierte Lebensstil der Brüder zu und Jonas findet sich schwer verletzt im Krankenhaus wieder.

„Eine mehr als ungeordnete Welt war es, in der er da lebte. Eine Welt, in der es Behinderte gab, die verprügelt und schikaniert wurden. Eine, in der Mütter ihr Leben nicht aushielten und es vom Alkohol bestimmen ließen.“

Zitat, Seite 128

Von da an beschließt Picco, Werners Großvater, Jonas und Mike bei sich aufzunehmen, was dem untrennbaren Trio zu einem unbeschwerten Leben in Piccos herrschaftlichem Anwesen in Österreich verhilft. Denn Werners Großvater ist reich, weshalb Geld keine Rolle spielt. Keiner weiß, womit er sein Geld verdient, doch es lässt sie die schönsten Flecken der Erde gemeinsam entdecken. Durch die unkonventionelle Erziehung des Alten genießen die Jungs größtenteils Narrenfreiheit und verspüren nur in den seltensten Fällen Piccos erzieherische Hand.

Doch Jonas kann den gleichgültigen Blick seiner Mutter nie vergessen. Er will immer höher, schneller und weiter. Hofft, durch Mutproben jeglichen Ausmaßes den abwesenden Blick seiner betrunkenen Mutter zu vergessen, für die er nie eine Rolle spielen wird.

Die Besteigung des Mount Everest ist dabei die wohl größte Mutprobe, der er sich jemals unterzieht. Und seine letzte.

„Schmerz. Der sich ausdehnt, pulsiert, sich selbst eine Gestalt gibt, um sie gleich wieder abzustreifen. Schmerz, stärker als du. Du möchtest davonlaufen, weinen, nicht du sein. Alles, was dir bleibt, sind Schreie zu irgendeinem dunklen Gott.“

Zitat, Seite 139

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Glavinic tischt uns in „Das größere Wunder“ ein kunterbuntes Etwas aus modernem Märchen, dick aufgetragener Jetset-Story und krankhafter Sinnsuche auf. Der Autor, der für seine fiktionsgetränkten Romane bekannt ist, führt mich in „Das größere Wunder“ auf 528 Seiten rund um den Globus. Er reiht spektakuläre Ereignisse aneinander wie Alltäglichkeiten, lässt Protagonisten Jonas den Wohnsitz wechseln, wie andere ihre Socken und mischt dem Werk allerhand philosophische Ansätze bei.

Der Roman wechselt zwischen zwei verschiedenen Zeitabschnitten. Zum einen begleiten wir Jonas bei seiner mühsamen Besteigung des Mount Everest, zum anderen während seiner Kindheit in Österreich. Durch die aktive Verwebung dieser beiden Zeitstränge ermöglicht uns Glavinic, die Gedanken und Taten seines Protagonisten besser verstehen und nachvollziehen zu können.

Im Gegensatz zu anderen Autoren, in deren Werke die Fiktion eine zentrale Rolle spielt, u.a. In „Der Allesforscher“ von Steinfest, läuft mir bei Glavinic allerdings das fiktionale Maß etwas über. Mir sind die Ereignisse zu spektakulär, die Entwicklungen zu unrealistisch und ihre Menge zu viel des Guten.

Selten habe ich mich mit einem Roman so lange auseinander gesetzt, wie mit diesem. Der ungewöhnliche Stil des Autoren, der zwar einfach zu lesen, aber nur schwer zu fassen ist, hat mich nur mühsam vorankommen lassen. Die Schilderung der Besteigung des Mount Everest ist lebendig und schmerzvoll und präsentiert sich vermutlicherweise genauso intensiv wie die Besteigung selbst. Dieser Teil des Romans präsentiert sich mir daher sehr authentisch.

Alles in Allem ist „Das größere Wunder“ eine grandiose Geschichte über die verzweifelte Suche nach Zugehörigkeit und Liebe. Der Autor hält uns einmal mehr vor Augen, dass wahres Glück vielmehr auf innerer Zufriedenheit als auf materiellen Dingen beruht.

„Man wird älter und älter, und man wartet. Etwas wird passieren, etwas Großes. Das Leben, das man führt, steuert zweifellos auf einen Höhepunkt zu, hinter dem die Versöhnung liegt, die Läuterung, das Glück – unausweichlich und unabänderlich. Eines Tages wird alles gut sein. Das Heute ist fehlerhaft, das Morgen wird vollkommen sein.

Man wird älter und älter und wartet noch immer, mit der Welt und mit sich selbst, und das Erhabene, es will nicht kommen. Die Versöhnung mit sich und mit der Welt lässt auf sich warten, das Glück ist nicht perfekt, die Besserung nicht in Sicht. Mitunter scheint alles gar merklich abwärts zu gehen.

Man wartet weiter. Und fühlt eine dumpfe Sorge aufsteigen. Sorge wird zu Angst, Angst wächst zu Entsetzen. Entsetzen schlägt um in Trauer, Trauer verwandelt sich in Unglaube.“

Zitat, Seite 222/223

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