Komatös..

lesenslust über „Hannes“ von Rita Falk

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„Heute ist der Jahrestag. Es ist auf den Tag und die Stunde genau dieselbe Zeit. Es ist die Stunde, in der ich in deinem Blut und Urin knie, und dein Kopf ruht auf dem kalten Asphalt, gefühlte Ewigkeiten lang. Ich sehe das Blaulicht und höre die Sirenen. Dein Blut läuft langsam in den Rinnstein und nimmt mein Herz mit sich. Beides verliert sich in der Ferne.“

Zitat, Seite 5

Hannes und Uli kennen sich seit frühester Kindheit. Seither sind sie die besten Freunde und unzertrennlich. Am ersten warmen Frühlingstag schwingen sie sich auf ihre Motorräder und brechen zur ersten Tour des Jahres auf. Sie sind Anfang 20, lebenshungrig und voller Hoffnung. Sie ahnen nicht, dass dieser Tag ihre Zukunft für immer verändern wird.

Es kommt zu einem schweren Unfall. Und Hannes fällt ins Koma. Keiner weiß, ob er jemals wieder erwacht. Nur einer hält täglich an diesem Wunsch fest: sein bester Freund Uli. Er besucht ihn ununterbrochen im Krankenhaus, obwohl sein Zivildienst im „Vogelnest“, einem Heim für psychisch Kranke, ihm alles abverlangt.

„Die Tage verfliegen und das Leben passiert und du siehst es nicht. Du siehst es nicht.“

Zitat, Seite 111

Täglich hofft Uli auf eine Regung seines Freundes, lässt ihn an den Entwicklungen des Lebens teilhaben und schreibt ihm Briefe. Briefe, die ihm von einem Alltag erzählen, an dem er selbst nicht teilnehmen kann und die Hannes‘ spätere Gedächtnislücken füllen sollen. Schließlich wird Hannes wieder. Es ist nur eine Frage der Zeit. Doch Hannes liegt nur da und regt sich nicht. Hilflose Ärzte und verzweifelte Freunde gehen ein und aus, die Maschine des Krankenhauses werkelt vor sich hin und Hannes‘ Eltern scheinen täglich ein bisschen mehr auseinander zu triften.

 „War am Abend noch bei dir. Hab in die Kastanie geschaut oder in den Spalt deiner Augen und hab hundertmal deine Hand auf die Bettdecke plumpsen lassen. Sie fällt wie ein Stein.“

Zitat, Seite 30

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Mit „Hannes“ ist mir mein erstes Rita Falk Buch in die Hände gerutscht und zugleich ihr emotionalstes. Eine Geschichte, wie sie das Leben schreibt. Und die mitten ins Herz geht. So traurig-schön ist sie. Wir treffen auf Hannes und Uli. Freunde für’s Leben. Enger können sich Freunde nicht stehen, das wird bereits nach wenigen Seiten klar. Man spürt ihre Vertrautheit, wird in Rückblenden Zeuge von ihren gemeinsamen Abenteuern.

Als Hannes ins Koma fällt, beginnt Uli seinem Freund Briefe zu schreiben. In ihnen erzählt er ihm alles, selbst von den Dingen, die er nicht aussprechen darf. Von den Ereignissen rund um Hannes‘ Krankenbett, aus dem „Vogelnest“ und seinen Insassen, wo Uli seinen Zivildienst bestreitet und aus dem Leben fernab der Krankenhausmauern. Er schreibt und erzählt, massiert Hannes‘ Hand die Starre und Bläue heraus und ist für ihn da. Ganz selbstverständlich.

Er kämpft für sie beide. Für ihre Freundschaft und für Hannes‘ Leben. Die Hoffnung, dass eines Tages wieder alles wie früher wird, ist allgegenwärtig. Doch Hannes‘ Reglosigkeit beginnt auch an Uli zu nagen, lässt ihn zweifeln und wütend werden. Ein stetiger Kampf um Mut und Hoffnung beginnt.

„Manchmal meine ich, du erwiderst den Druck. So auch heute. Ich war mir so sicher, dass du meine Hände drückst, dass ich mich nach vorne gebeugt hab, um in deine Augen zu sehen. Oder zumindest in den kleinen Spalt, den du großzügig freigibst. Deine Augen waren unbewegt und starr wie bei einer Bauchrednerpuppe. Ja, Hannes, du erinnerst mich tatsächlich an eine Bauchrednerpuppe, weil du mit mir sprichst und doch selber nix sagst. Und trotzdem kann ich dich hören. Ganz genau.“

Zitat, Seite 111

Rita Falks Buch ist tagebuchartig aufgebaut und erzählt die Geschichte mithilfe von Ulis Briefen an Hannes. Ihr Schreibstil ist berührend. Er ist emotional und transportiert die unterschiedlichem Gefühle der Protaginisten vortrefflichst. So klatschen sich Trauer, Wut, Zorn und Hilflosigkeit gegenseitig ab und fahren mit mir eine rasante Fahrt durch die Gefühlsachterbahn.

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Man kann wohl kaum berührender von Krankheit, Verlust und Tod erzählen, als Falk es tut. Mit ihren Protagonisten hat sie bereits nach den ersten Zeilen eine Punktlandung hingelegt, denn man kann sowohl den aufopfernden Uli als auch den vom Leben gezeichneten Hannes nur ins Herz schließen. Das Buch schafft den Spagat zwischen Glück und Trauer und lässt mich ergriffen zurück. Wahres Gefühlskino!

„Deine Blüten und Blätter werden folgen. Genau wie bei der Kastanie. Du wirst deine Stimme wiederfinden und dein Gehör. Deine Beine werden den Boden wiederfinden und deine Augen werden wieder sehen, ohne zu kreisen. Daran glaube ich fest.“

Zitat, Seite 156/157

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2 Kommentare zu „Komatös..

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