Morty Reloaded..

lesenslust über „Heute beginnt der Rest des Lebens“ von Marie-Sabine Roger

Mortimer 4

„Familiengeheimnisse sind schwarze Spinnen, die uns mit einem klebrigen Netz umweben. Wir geraten immer tiefer hinein, irgendwann sind wir gefesselt, geknebelt, gefangen. Unfähig, uns zu regen, zu reden. Zu leben.“

Zitat, Seite 165

Sein gesamtes Leben blickt Mortimer dem Ende entgegen: seinem frühen Tod. All die Jahre lebt er in den Tag hinein, bleibt unnahbar, lebt oberflächliche Beziehungen und verdrängt den Wunsch eine eigene Familie zu gründen, weil eine Sache so sicher scheint wie das Amen in der Kirche: Er wird das gleiche Schicksal erleiden wie all die Männer in seiner Familie und an seinem 36. Geburtstag sterben. Es scheint unausweichlich.

Er kündigt seinen Job und seine Wohnung, bringt das letzte Mal den Müll raus und lässt seine Freundin Jasmine ziehen, die er eigentlich viel lieber behalten möchte. Er ist bereit das Zeitliche zu segnen. Doch der Tod lässt auf sich warten. Alles bleibt wie gehabt und Mortimers Geburtstag verstreicht ereignislos. Der erwartete Todeszeitpunkt tritt nicht ein, weshalb der gute Mortimer auch Stunden später noch in seinem Beisetzungsanzug und in allerbester Verfassung am Crêpestand seiner Freunde sitzt und die Welt nicht mehr versteht. War alles nur eine Farce?

Mortimer muss nun endlich beginnen, zu leben und stellt fest, dass das Leben eine viel größere Herausforderung ist, wenn der Todeszeitpunkt in den Sternen steht.

Mortimer 3

„Erzählen Sie mal herum, dass Sie mit Ihren Pflanzen reden, damit sie besser wachsen, dass Ihnen Ihre Großmutter im Traum erscheint, um Sie vor misslichen Ereignissen zu warnen, dass Sie aufs Gramm genau wissen, wie viel Sie wiegen, bevor Sie auf die Waage steigen – da landen Sie schnurstracks in einer Schublade mit all den anderen Spinnern, irgendwo zwischen Spiritisten und Zwiebelanbetern.“

Zitat, Seite 42/43

Marie-Sabine Roger schreibt Geschichten rund ums Herz. In ihren Romanen widmet sie sich zwischenmenschlichen Problemen. Ihre Zeilen sind geprägt von Feingefühl, Toleranz und Nächstenliebe. Werte, die in all ihren Werken präsent sind. Zahlreiche Leserherzen hat sie dadurch bereits für sich gewonnen. Romane wie „Das Labyrinth der Worte“, „Der Poet der kleinen Dinge“ oder auch „Das Leben ist ein listiger Kater“ sind bereits in aller Munde. Auch in ihrem neuen Roman widmet sie sich einem eigenbrötlerischen Protagonisten, weshalb sich der Roman ganz harmonisch in das vertraute Genre einreiht.

Mortimer Décime, kurz Morty, ist Mitte Dreißzig. Er steht kurz vor seinem Geburtstag und hat bereits alles für seinen Abgang aus dem Leben arrangiert. Er nimmt an, dass ihn dasselbe Schicksal erleiden wird, wie all den Décime Männern vor ihm: Der plötzliche Tod mit 36. Nun ja, warum also in ernsthafte Beziehungen investieren und eine Familie gründen, wenn er sich bereits mit Mitte Dreißig von ihnen verabschieden muss? Er vermeidet es, in die Fußspuren seiner Vorfahren zu treten um Schmerzen und Tränen des Abschieds vorzubeugen. Er bleibt unnahbar, oberflächlich und emotionslos.

„Ich könnte mich auf eine Bank setzen und heulen, soviel ich wollte. Ich würde mir die Tränen eines ganzen Lebens ausweinen, bevor sich auch nur ein Passant für mich interessierte. Ich würde so viel Wasser vergießen, bis ich erschöpft, verschrumpelt, ausgetrocknet wäre.“

Zitat, Seite 141

Mortimer

Er fährt gut mit seiner Strategie. Die Menschen in seiner Umgebung nehmen ihn kaum wahr. Eigentlich verspürt kaum jemand Lust, den unattraktiven leicht übergewichtigen Morty kennenzulernen. Seine Bekanntschaften sind spärlich gesäht. Einzig und allein Paquita und Nassardine, die Besitzer eines Crêpestandes, werden für ihn zu einer Art Ersatzfamilie. Nach dem Tod des Vaters hat sich Mortys Mutter schnell aus dem Staub gemacht; verzweifelt, mit dem Tod ihres Sohns nicht umgehen zu können. Morty bleibt alleine zurück.

Als Morty erfährt, dass er vorerst gar nicht sterben wird, sitzt der Schock tief. Seine Strategie war für den Arsch. Die ganzen Jahre verschwendet. Selbst die Beziehung zu der verrückten Jasmine, in der er das perfekte Gegenstück findet, lässt er zerbrechen. Er hatte schließlich fest mit seinem Tod gerechnet. Doch mit der Aussicht auf weitere Lebenszeit wächst auch die Hoffnung auf eine zweite Chance im Leben. Eine Chance, die er nicht ungenutzt lassen darf.

„Dieses Mädchen war wie Alufolie zwischen zwei Zahnkronen, wie eine Papierschnittwunde am Zeigefinger, eine rissige Lippe, die immer wieder aufgeht, wenn man lacht. Etwas völlig Belangloses, das aber unheimlich nerven kann. Ich hatte Lust sie zu schütteln, sie zu zerkrümeln, sie zu zerkratzen.“

Zitat, Seite 143

„Sie baute Luftschlösser, ich rechnete und zählte. Sie war die Grille, verschwenderisch und sorglos, ich war die Ameise, die an Worten sparte und mit dem Herzen geizte. Ich hatte Gewissheiten, sie glaubte an Dinge. Ich würde eines Tages sterben. Sie lebte die ganze Zeit. Vielleicht war es das, was ich am meisten an ihr liebte. Dieses übersprudelnde Leben, das sie mit einer Aura von Wünschen und Verlangen umgab. Ich lebte mehr und besser, wenn ich mit ihr zusammen war.“

Zitat, Seite 160

Roger erzählt uns in „Heute beginnt der Rest des Lebens“ die Geschichte eines Außenseiters. Es sind leise Töne, mit denen die einfühlsame Autorin uns die Geschichte erzählt. Töne, die von Mitgefühl und Toleranz getränkt sind. In ihren Zeilen fehlt es weder an schwarzen Humor noch hilfreichen Lehren. Mit ihren Figuren schenkt sie uns ein exotisches Potpourri von Menschen: Einen bunten Haufen Exoten, die unterschiedlicher nicht sein könnten und sich dennoch perfekt ergänzen. Roger gelingt ein humorvoller und zugleich phantasievoller Roman mit klitzekleinen Längen – unterhaltsam, lehrreich, anrührend. Alles Roger eben!

Mortimer 2

❤❤❤❤

2 Gedanken zu “Morty Reloaded..

  1. Mina schreibt:

    Ich danke Dir, für diese tolle Entdeckung, die mir völlig entgangen wäre.
    Das Buch ist sofort auf meine Wunschliste gewandert.
    Und dann sieht es auch noch so wunderschön aus!

    Gefällt mir

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