Von Büchern und Begegnungen..

lesenslust über „Mr. Lawrence, mein Fahrrad und ich“ von Shelly King

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„Bücher verändern das Leben eines Menschen nicht – zumindest nicht, wie man im Allgemeinen glaubt. Auf Messers Schneide zu lesen, während man Erster Klasse zum Meditieren in ein Luxushotel fliegt, oder Himmel über der Wüste, während man frisch geschieden den Spuren des Schnees am Kilimandscharo folgt, bringt auch nicht mehr Erleuchtung, als sich in Disneylands rotierenden Teetassen ein Schleudertrauma zu holen.

Doch die Leute kommen immer noch in die Buchhandlung und fragen mich nach einem Elixier aus Papier und Wörtern, das ihre Enttäuschungen lindern und ihre erloschenen Leidenschaften zu neuem Leben erwecken könnte. Sie kommen, weil sie glauben, ein Buch habe mein Leben verändert. Keiner von ihnen begreift, dass es nicht das Buch war, das dies bewirkt hat.“

Zitat, Seite 9

Maggie steht vor dem Nichts, als sie ihren gutbezahlten Job bei einem kalifornischen Internet-Start-up verliert. Doch anstatt sich nach einem neuen Job umzusehen, verbringt sie ihre neu gewonnene Freizeit lieber im verstaubten Antiquariat Dragonfly um die Ecke, um sich dort ihren heißgeliebten Schmonzetten zu widmen. Dem alten chaotischen Buchladen ihres schrulligen Nachbarn Henry fühlt sie sich auf Anhieb verbunden.

Doch das Dragonfly beherbergt nicht nur eine Reihe alter Ausgaben von Klassikern verschiedener Genres sondern auch einen bunten Haufen chaotischer Bücherfreaks, die sich in den Räumlichkeiten des alten Antiquariats, das im Gegensatz zu seinem Mitbewerber Apollo Books vis-à-vis abseits von digitalen Trends bewegt, ihrer Leidenschaft fürs Lesen nachgehen.

„Die Bücher im Dragonfly sind durch viele Hände gegangen und werden durch weitere gehen. Sie riechen nach menschlicher Berührung und nach all den Möglichkeiten, die eine solche mit sich bringt.“

Zitat, Seite 332

Hier stöbert Henry für Maggie eine zerfledderte Ausgabe von Lady Chatterley auf, mit dem sie laut Aussage ihres besten Freunds im Lesezirkel einer der wichtigsten Geschäftsfrauen von Silicon Valley punkten und so ihren alten Job zurückergattern soll. Doch als Maggie die uralte Ausgabe des Dragonfly näher in Augenschein nimmt, stößt sie auf die handschriftlichen Notizen von zwei unbekannten Liebenden, die sie unvermittelt in ihren Bann ziehen und nicht mehr loslassen.

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Noch ahnt sie nicht, dass die rührenden Zeilen der Unbekannten ihr ungeahnte Türen in ihrem eigenen Leben öffnen werden und dass die Begegnung mit dem indischen Fahrradfreak Rajhit für ein leidenschaftliches Unterfangen sorgen wird.

„Für das Meer ist es nicht wichtig, wen es schluckt. Ob Engel oder Sünder, den Fluten ist das gleichgültig.“

Zitat, Seite 44

Shelly King hat mir mit ihrem liebevollen Debüt ein neues Herzensbuch geschenkt und für mein erstes großes Lesehighlight in diesem Jahr gesorgt. Ihre Geschichte präsentiert sich dem Leser wie ein lebendiges Theaterstück, das sich um ein altes verstaubtes Antiquariat dreht. Die alte Buchhandlung beherbergt dabei nicht nur eine Menge alter Bücher sondern auch eine Fülle an Begegnungen. Begegnungen, hinter den sich farbenfrohe Persönlichkeiten verbergen. In diesen bunten Haufen von Bücherfreaks fügt sich Maggie, die Protagonistin, innerhalb kürzester Zeit wie von selbst ein.

„Für mich war Geld etwas, das man an der Kasse von Leuten bekam oder ihnen als Wechselgeld herausgab. Es ging – wie eine Schrittlaube, die man aus alten Teilen zusammengebaut hat – von einer Hand zur nächsten und klimperte, wenn man es in eine Sparbüchse warf. Die Zahlen, von denen hier die Rede war, wren zu flink, um ein Geräusch zu machen. Sie waren Lichtjahre, die man in einem Raumschiff durchquert.“

Seite 320

Mit der Lage des Dragonfly, in direkter Nachbarschaft von Apollo Books, dem modernen Pendant der alten Buchhandlung, greift die Autorin King geschickt die „Amazon vs. Buchhandel – Thematik“ auf und veranschaulicht so sehr deutlich, welche Druck der Marktgigant Amazon auf den kleinen privaten Buchhandel ausübt.

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„Es ist kein Buchladen, sondern ein Mysterium. Man weiß nie, was man darin findet. Apollo ist vorhersehbar wie ein genau parzelliertes Grundstück. Dagegen ist das Dragonfly eine mittelalterliche Festung, zu der es keinen Stadtplan gibt. An jeder Ecke wartet das Unbekannte.“

Seite 67

Doch Kings Geschichte erzählt nicht nur von der Entwicklung eines alten Antiquariats und seinen abgewohnten Büchern, sondern auch vom Reifeprozess einer jungen Frau, die ihren Weg im Leben noch nicht gefunden hat. An der Seite von Henry verhilft sie dem Dragonfly zu neuer Blüte und findet dabei auch zu sich selbst. Die Besucher des Dragonfly werden dabei zu Maggies festen Wegbegleitern.

Mit der Liebesgeschichte zwischen Maggie und dem indischen Fahrradfreak Rajhit verleiht King ihrem Roman die Prise Andersartigkeit, das ihn vom vertrauten Weg abkommen lässt und ihn um eine wunderbare und ungewöhnliche Geschmacksnuance ergänzt.

„Liebe. Das Wort schien sich in mir zu entfalten wie ein Brief, den man aufklappt. Liebe. Ich könnte es sagen. Genau in diesem Moment. Es müsste ja nicht für ewig sein. Menschen verlieben und entlieben sich. Das war nicht anders. Es würde ein unausgesprochenes ‚für den Moment‘ geben. Das würde er verstehen. Ich kostete die Worte in meinem Mund, und sie schmeckten nach Salz und nach Meer, weil sie eine so weite Strecke durch das Leben anderer Menschen hinter sich gebracht hatten, um endlich bei mir anzukommen.“

Zitat, Seite 228

Mit „Mr. Lawrence, mein Fahrrad und ich“ ist King ein leiser und gefühlvoller Roman gelungen, der ohne Spektakulärem auskommt. Er begegnet dem Leser wie eine Hommage an das gute alte Buch, der Liebe und das Leben selbst. Die Autorin bedient sich dabei einer sehr poetischen und zugleich direkten Sprache, die ihrem Buch zu Authentizität verhilft. Ein ganz und gar bezauberndes Buch liebe Mrs. King!

„Das Problem bei gebrauchten Büchern ist, dass sie ihre Vergangenheit mit sich herumtragen. Sie werden nicht druckfrisch in Kisten verpackt und in einen Laden geschickt, sondern Leute überlassen sie uns, die sie nicht mehr haben wollen. Wie Waisenkinder aus einem Dickens-Roman. Sie werden ausrangiert, wenn ihre Besitzer ihr Leben verändern. (…) Wir müssen sie von ihrem früheren Leben befreien, damit sie zu denen weitergehen können, die sie wirklich wollen.“

Zitat, Seite 172/173

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❤ ❤ ❤ ❤ ❤

3 Kommentare zu „Von Büchern und Begegnungen..

  1. Liebe Steffi,
    was für eine ansprechende und mit Bücherherzblut geschriebene Besprechung. Wieder einmal ist es Dir gelungen, mich in Leseversuchung zu führen.
    Frühlingsgrüne Grüße
    Ulrike von Leselebenszeichen

    Gefällt mir

    1. Liebe Ulrike,

      dank dir für deine Worze.

      Es freut mich sehr, dass ich dich in Leseversuchung gebracht habe. Denn mich hat das Buch wirklich begeistert.

      Über solche Zeilen wie die von dir freue ich mich immer besonders. Da weiß man sofort, für wen man schreibt.

      Herzliche Maigrüße

      Steffi

      Gefällt 1 Person

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