Der Teufel trägt Prada auf literarisch..

lesenslust über „Lieber Mr. Salinger“ von Joanna Rakoff

wpid-Salinger1.jpg

„Keine Anthologien. Keine Auszüge. Wer Salinger lesen will, muss seine Bücher kaufen.“

Zitat, Seite 74

Frisch von der Uni ergattert Joanna ihren ersten richtigen Job als Assistentin bei Little Brown, einer Literaturagentur, die J.D. Salinger vertritt. Joanna, die den legendären „Fänger im Roggen“ nicht gelesen hat, begreift erst sehr viel später, wer dieser vielbesagte Jerry ist, dessen Anrufe sie regelmäßig entgegennimmt und mit dem sie laut ihrer Chefin nicht mehr als nötig sprechen darf: Jerome (Jerry) David Salinger.

So hangelt sich Joanna von Auftrag zu Auftrag ihrer Chefin, tippt sich beim Schreiben der geschäftlichen Korrespondenz die Finger wund und schwimmt täglich durch ein Meer von Fanbriefen an Salinger. Stets bemüht, den Anforderungen ihrer exzentrischen Chefin gerecht zu werden, steht sie im täglichen Kampf mit ihrer Arbeit und sich selbst.

„Ich las gerade Jean Rhys und identifizierte mich mit ihren so hinreißend in Not geratenen Heldinnen, die sich wochenlang von nichts als Croissants und Café crème ernährten, zum Frühstück in den Hotels serviert, deren Miete als Gegenleistung für beendete Affären von verheirateten Ex-Lovern beglichen wurde. Ich ahnte, dass meine Chefin Jean Rhys nicht gutheißen würde.“

Zitat, Seite 22/23

Auch ihr Privatleben bringt tägliche Herausforderungen mit sich: Sie zieht mit Don, einem selbstverliebten Profiboxer in eine billige Wohnung mit unebenem Boden, einer Küche ohne Spüle und einer nicht funktionierenden Heizung. Ihre gemeinsamen Freunde scheinen sich langsam aber sicher zu entfremden, das Geld ist knapp und die Liebe zwischen den beiden kommt meist viel zu kurz.

„Don umgab sich mit Narren – mit Gebrochenen, Versagern, Menschen, die traurig waren oder labil -, damit er ihr König sein konnte. Was ihn fraglos zum König der Narren machte.“

Zitat, Seite 185

Doch mit jedem Leserbrief wird Joanna neugieriger und selbstbewusster und es dauert nicht lange, bis auch sie für Salingers Zeilen lebt. Seine Bücher und Anrufe werden zu einem unverzichtbaren Bestandteil in ihrem Leben. Und ehe sie sich versieht, steht sie vor der Entscheidung ihres Lebens.

„Schließlich wurde mir klar, dass ich schlicht und ergreifend kein Individuum für sie war, sondern eine Funktion. (…) Wir waren Einwegartikel, austauschbar in unseren Wollröcken und College-Krawatten, die Augen glänzend vor kindischer Begeisterung für Bücher. Sie hatte keine Verwendung für uns. In einem Jahr würden wir wieder weg sein.“

Zitat, Seite 114

Joanna Rakoff entführt uns in „Lieber Mr. Salinger“ auf eine Reise in ihre Vergangenheit. Es ist ihr persönliches Salinger-Jahr, von dem sie berichtet. Es ist die Geschichte einer persönlichen Entwicklung; einer Begegnung, die eine junge Frau lernen ließ, über sich hinaus zu wachsen und  ihre Träume zu verwirklichen.

wpid-DSC_7130_2.jpg

Leisen Schrittes bewegen wir uns über einen dunklen mit Bücherregalen übersäten Korridor einer Literaturagentur, auf dem Staubflusen im Lichtkegel einer geöffneten Tür tanzen und eine andächtige Ruhe herrscht. Die Zeit scheint still zu stehen, an dem Ort, der uns wie ein Dickens Roman durch ein New York vergangener Zeiten führt. Hier begegnet man der digitalen Revolution noch mit Skepsis und vertraut auf die gute alte Schreibmaschine.

Hier wagt Joanna das erste Mal einen Blick in Salingers legendäre Werke, die in jedem Regal so selbstverständlich ihren Platz haben, dass man sie fast übersieht. Bis dato hatte Joanna sie zwar in zahlreichen Händen von Freunden und Familienangehörigen gesehen, sie aber nie selbst gelesen. Es sind Werke wie „Der Fänger im Roggen“, „Franny und Zooey“ oder „Neun Erzählungen“. Werke, die Anatomien des Verlustes beherbergen und die sich zu den besonderen Sorgen und Probleme der Jugend äußern. Bücher, die für viele Menschen zu einem treuen Weggefährten wurden und Zeilen in sich tragen, die mitten ins Herz gehen.

„Salinger war nicht kitschig. Seine Werke waren nicht nostalgisch. Es waren keine Märchen über irgendwelche genialen Kinder, die durch die Straßen des alten New York flanierten. Salinger war nicht annähernd so, wie ich gedacht hatte. (…) Salinger war knallhart. Knallhart, witzig und sehr genau. Ich war Feuer und Flamme für ihn und für alles, was er geschrieben hatte.“

Zitat, Seite 234

„Wenn man Salinger liest, ist es nicht so, als läse man eine Erzählung; es ist, als flüsterte einem Salinger höchstpersönlich seine Geschichten ins Ohr. Die Welt, die er in seinen Texten erschafft, ist greifbar, real und zugleich so wunderbar überhöht, als wandelte er mit frei liegenden Nervenenden auf Erden. Salinger zu lesen ist ein so intimer Akt, dass man sich dabei hin und wieder unbehaglich fühlt. Seine Figuren sitzen nicht herum und denken über Selbstmord nach. Sie nehmen die Pistolen und schießen sich in den Kopf.“

Zitat, Seite 240

Schreibmaschine

Mit leisen und behutsamen Tönen erzählt Joanna von ihrem ereignisreichen Jahr in der Literaturagentur von J.D. Salinger. Ein Jahr voll unerbittlicher Einsichten und persönlicher Kämpfe. „Lieber Mr. Salinger“ berichtet über die prägende Begegnung mit einem Autor, dessen Worte nicht nur für zahlreiche Menschen, sondern auch für Joanna selbst von unerschöpflichem Wert wurden. Worte, die ihr bei ihrer persönlichen Entwicklung halfen und sie über sich hinaus wachsen ließen.

Ihre Reise in ein New York vergangener Zeiten wird zu einem Exkurs in die Verlagsgeschichte der 90er Jahre. Die atmosphärischen Zeilen geben dem Leser einen authentischen Einblick in ein Zeitalter, wo Bücher noch ein seltenes Luxusgut und der Zugang zu hochwertiger Literatur ein großes Privileg war. Es erzählt von der Kraft der Literatur und ist eine Liebeserklärung an das geschriebene Wort.

„Dies war nicht das New York von Woody Allen, das New York der Hochhäuser und Portiers, der großen Träume und Hollywood-Bildmontagen. Aber es war mein New York. Und ich liebte es.

Zitat, Seite 164

❤ ❤ ❤ ❤

 wpid-IMG_20150410_221013.jpg

4 Kommentare zu „Der Teufel trägt Prada auf literarisch..

  1. Liebe Steffi,

    das Buch liegt schon hier, ich hatte es mir nach den jubelnden Empfehlung von Yvonne und Karla gleich gekauft. Ich möchte gern erst noch meine aktuellen Bücher beenden, aber ‚Lieber Mr. Salinger‘ wird auf jeden Fall noch in diesem Lesejahr gelesen. Ich freue mich drauf! Deine Rezension macht mich nur noch neugieriger, danke dafür ♥

    Liebe Grüße zum Wochenende
    Sandra

    PS: Ich bin auf Stöberrunde bei dir 🙂

    Gefällt mir

  2. Danke, dass du mich mit deiner schönen Rezension noch einmal in diesen Roman entführt hast. Joanna Rakoff ist so eine warmherzige und entwaffnend ehrliche Erzählerin – ich habe mich von ihr wunderbar unterhalten gefühlt! Liebe Grüße, Karo

    Gefällt 1 Person

Kommentar verfassen

Trage deine Daten unten ein oder klicke ein Icon um dich einzuloggen:

WordPress.com-Logo

Du kommentierst mit Deinem WordPress.com-Konto. Abmelden / Ändern )

Twitter-Bild

Du kommentierst mit Deinem Twitter-Konto. Abmelden / Ändern )

Facebook-Foto

Du kommentierst mit Deinem Facebook-Konto. Abmelden / Ändern )

Google+ Foto

Du kommentierst mit Deinem Google+-Konto. Abmelden / Ändern )

Verbinde mit %s