Vom Suchen und Finden..

lesenslust über „Das kleine große Glück“ von Lucy Dillon

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„Die letzten Jahre hatten keinerlei Bedeutung mehr. Sie waren futsch. Kein Fotoalbum der Welt könnte sie mehr wirklich erscheinen lassen.“

Zitat, Seite 26

Gina Bellamy hat ein paar schwierige Jahre hinter sich. Mit 33 Jahren blickt sie auf ein von Schicksalsschlägen zerklüftetes Leben zurück: auf das dramatische Ende ihrer großen Liebe, das Scheitern ihrer Ehe und eine Krebserkrankung mit Chemotherapie, die immer noch an ihr zehrt. Als es ihr nur schwerlich gelingt, wieder neuen Lebensmut zu fassen, bemerkt sie, dass es die ganzen Erinnerungsstücke aus ihrem früheren Leben sind, die wie Ballast an ihr haften.

In ihrer Wohnung tümmeln sich Habseligkeiten aus einem alten Leben, das längst nicht mehr zu der Gina von heute passt. Schmerzhaft und voller Melancholie muss sie einsehen, dass sie sich von  einigen Dingen trennen muss. Sie entschließt sich daher zu einem radikalen Schritt: 100 Dinge dürfen bleiben. Der Rest wird verschenkt oder verkauft.

Während ihrer Entrümpelung reist sie zurück in ihr altes Leben und muss sich einigen Gespenstern aus ihrer Vergangenheit stellen. Doch auch die Gegenwart birgt für sie eine Menge Überraschungen, die sie das Leben aus einem völlig neuen Blickwinkel betrachten lässt. Denn das Glück liegt plötzlich in ganz unscheinbaren Nebensächlichkeiten, denen sie bisher kaum Beachtung geschenkt hat.

„Dies ist der schönste Abend meines Lebens, denkt Gina und fühlt sich fast schwindelig, aber gleichzeitig auch eigentümlich glücklich, als würde sie mit einem Luftballon über die Menge hinwegschweben. Nichts wird je schöner sein als dieser Moment.“

Zitat, Seite 56

Lucy Dillon verzaubert ihre Leser mit einer sehr lebendigen Sprache, die den Roman zu einer kunterbunten Zeitreise macht. Ihre ausschmückenden Beschreibungen schenken dem geistigen Auge des Lesers satte Landschaften, verwinkelte Gebäude und Persönlichkeiten in den intensivsten Farben. Doch während uns Dillon mit ihrer Detailverliebtheit zu begeistern weiß, zieht sie damit das Buch auch stellenweise unnötig in die Länge.

Der Leser findet sich in wechselnden Episoden aus Ginas Leben wieder, lernt Vergangenes und Gegenwärtiges kennen und bekommt damit einen sehr aufschlussreichen Einblick in die Gedankenwelt einer vom Leben gezeichneten Frau. Auch wenn man mit der Zeit ein Gespür für die vielen Zeitenwechsel bekommt, macht Dillon es ihren Lesern nicht immer einfach, zu erkennen, in welcher Zeit man sich gerade befindet. Sie verwendet größtenteils Überschriften mit hilfreichen Jahresangaben, springt irritierender Weise aber auch innerhalb der Kapitel feuchtfröhlich umher und entzieht dem Roman dabei an Struktur.

Ginas Entschluss, 100 Dinge aus ihrem alten Leben zu behalten, präsentiert sich zum einen durch eine Liste, die Tag für Tag wächst, und zum anderen durch besondere Gegenstände, die Dillon den jeweiligen Kapiteln zuordnet. So steht ein roter Kaschmirschal für den Tag der Krebsdiagnose und eine kobaldblaue Tropfenvase für Ginas blumige Begleiter während ihrem Studium. Doch Dillons liebevoller Grundgedanke verliert mit der Zeit an Charme. Denn viele der zugeordneten Gegenstände finde ich im Verlauf der Kapitel nicht wieder, während manch andere Gegenstände sich mir viel bedeutender präsentieren und dennoch unerwähnt bleiben.

Der Roman setzt sich mit einer Bandbreite an Themen auseinander. So gewährt er nicht nur ein Einblick in das Krankheitsbild einer an Krebs erkrankten Frau, sondern auch in dramatische Familienverhältnisse, eine aufrichtige Freundschaft, eine große Liebe, eine unglückliche Ehe und in das Leben selbst.  „Das große kleine Glück“ ist ein charmanter Ausflug in das Leben einer jungen Frau. Der Sprung durch die Zeiten macht den Roman abwechslungsreich und verlangt gleichzeitig um ungeteilte Aufmerksamkeit. Er verbindet Momentaufnahmen aus der Vergangenheit und Gegenwart und verwebt die Figuren zu einem großen Beziehungsgeflecht.

„Barfuß tanzen sie auf dem verlassenen Rasen, an ihren roten Nägeln glitzert der Tau. In der Blase, die Kit um sie herum geschaffen hat, fühlt sie sich untastbar. Es ist eine Welt, in der sie beide noch jung und leichtsinnig sind und vollkommen ahnungslos, was alles schiefgehen kann.“

Zitat, Seite 211

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