Literarische Medizin..

lesenslust über „Die literarische Notapotheke“ von Karl Heinz Bittel & Margit Schönberger

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„Ich wurde gleichsam infiziert und geheilt in einem; ich steckte mich an, mit unheilbarer Bücherverschlingsucht, und wurde gleichzeitig mit der einzigen Arznei versorgt, die möglich ist, um  nicht am Leben zu verzweifeln: das innige Lesen.“

Zitat von Nina George, Vorwort

Das erste Buch, das in diesem Jahr ganz unscheinbar und bescheiden daherkommt und einen nachhaltigen Eindruck bei mir hinterlässt, ist „Die literarische Notapotheke“ aus dem Knaur Verlag. Ein hilfreiches Nachschlagewerk, dass von Ärzten empfohlen werden sollte: Bücher als Medizin fürs Leben. Denn dieses kleine Büchlein widmet sich nichts Geringerem als den Leiden, Sorgen, Wünschen und Ärgernissen der Menschen und damit gelingt ihm möglicherweise mehr, als so mancher Wunderpille vom Onkel Doktor.

So richten sich die beiden Autoren Bittel und Schönberger an hilfesuchende Menschen und empfehlen den erschütterten Seelen 100 zuträgliche Lektüren, die ihnen im Umgang mit weltlichen Problemen von Vorteil sein könnten. Das Werk greift dabei wohlbekannte Sorgen wie Liebeskummer, Existenzängste, Jobprobleme, Suchtverhalten, holprige Neuanfänge oder fehlende Charakterzüge auf. Die als zuträgliche eingeschätzte Buchempfehlung findet der Leser passend unter dem jeweiligen Problem, das den Kapiteln ‚Liebe und Sex‘, ‚Familie und Freunde‘, ‚Sie und der Rest der Welt‘, ‚Beruf, Karriere, Geld‘ und ‚Körper, Geist und Seele‘ zugeordnet ist und die verirrten Seelen leitend bei der Hand nimmt.

Das Buch offenbart ein facettenreiches Portfolio, bestehend aus Literatur verschiedenster Epochen. So entdecken wir u.a. den Klassiker ‚Die Leiden des jungen Werthers‘ als lesbare Arznei gegen die Liebe, ‚Der Schatten des Windes‘ im Umgang mit einer verflossenen Liebe, ‚Die Frau des Zeitreisenden“ für von der Liebe enttäuschte Menschen, ‚Tintenherz“ als Ablenkmanöver für konsolensüchtige Teenies, ‚Der Herr der Fliegen‘ als mögliche Hilfestellung im Konflikt mit Autorität, ‚Der Medicus‘ für Krankheitsphobiker, ‚Robinson Crusoe“ für im Alltagsgrau herumirrende Menschen oder ‚Huckleberry Finns Abenteuer“ für Menschen mit Fluchtgedanken. Die letzte Empfehlung des Buches, ‚Die souveräne Leserin‘, trifft dabei nicht nur den Nerv der Zeit, sondern zaubert lesesüchtigen Menschen ein Lächeln auf die Lippen.

„Sie sind nicht ‚man‘. Sie sind so einzigartig wie ihr Leben und ihre Gedanken, und deswegen müssen sie einzig und allein auf den Kompass ihres inneren kindlichen Lesers hören.“

Zitat, Seite 20

Möglicherweise sind es die Bücher, die nicht nur eng aneinander geschmiegt die heimischen Bücherregale füllen und würdevoll den Staub der Zeit auf ihrem Rücken tragen, sondern deren Zeilen den Menschen beim Genesen helfen können. Die Balsam für die Seele, Trostspender und Rettungsanker in einem sind und denen viel mehr gelingt, als man es für möglich hält. Ja, ihr Bücher. Welch bescheidene Wegweiser ihr doch seid!

„Wenn ich auf der flaschengrünen, anheimelnd abgesessenen Samt-Récamiere lag und meinen Bussi Bär las, schielte ich möglichst unauffällig zu den über mir angebrachten drei Regalen, um die Titel zu lesen, die hier und da auf den Bücherrücken zu erkennen waren. Diese Rücken erschienen mir wie die Scharniere von Schatullen, in denen furchtbare Geheimnisse, große Wahrheiten und wahnsinnig spannende Gefahren aufbewahrt sind.“

Zitat von Nina George, Vorwort

Doch der Leser entdeckt in diesem Buch nicht nur eine Fülle an Literaturempfehlungen, sondern auch ein entzückendes Vorwort von Autorin Nina George: eine Magierin der Worte. Mit ihren Zeilen sorgt sie immer wieder für meine Faszination: Tiefsinnige Gedanken, die gespickt sind von Sarkasmus, Magie und Poesie zugleich. Worte, die sich zu einer Melodie formen und mich in Gedanken davontragen. Zeilen, in denen ich mich immer wiederfinde und das Gefühl habe, eine Seelenverwandte gefunden zu haben. Georges Zeilen präsentieren sich im perfekten Einklang zum Buch und machen Lust auf mehr.

Auch die Einleitung der Autoren ist ein interessanter Exkurs in die geschichtlichen Anfänge des Lesens. In die Zeiten, in denen Romanlesen noch als Laster galt, weil es angeblich zu zielloser Schwärmerei, Sittenverfall und Unzucht führen würde. Zeiten, in denen die Bücher noch als verführerisches und unmoralisches Machtmittel angesehen wurden und man ihnen vor allem im Hinblick auf weibliche Leser nachsagte, dass sie die Sinne verwirren und die Frauen vom rechten Weg abkommen lassen würden.

„Lesen, ohne nachzudenken, ist wie essen, ohne zu verdauen.“

Zitat von Edmund Burke

(britischer Politiker und Philosoph)

So stellen sich die Autoren, ungeachtet der Niveauunterschiede der Werke, die Frage, ob Romane tatsächlich nichts weiter als relativ preiswerte Transportmittel zu kleinen Fluchten aus dem reglementierenden Alltag darstellen, auch wenn andere Medien den Romanen diesen Rang längst abgelaufen zu haben scheinen, da sie weitaus komplexer sind und dem Leser Konzentration und volle Aufmerksamkeit abverlangen.

Unbestritten schenken Bücher Rat und Trost in vielen Lebenslagen. Auch wenn sie kein Wundermittel sind, stimmen sie viele Menschen glücklich und können ein Instrument bzw. Hilfsmittel sein, um Distanz zu bestimmten Dingen zu bekommen, uns Luft zum Atmen schenken, neue Aspekte eröffnen und unser Leben bereichern. So fordern Bittel und Schönberger uns auf, in den Kosmos der Bücher einzutauchen und die Literatur als Selbst- und Welterkenntnis wahrzunehmen. Eine Einladung, die ich gerne annehme.

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