Im Himmel gefangen

„Der Gefangene des Himmels“ – Carlos Ruiz Zafón

„Es gibt Zeiten und Orte, da niemand zu sein ehrenwerter ist, als jemand zu sein.“

Zitat, Seite 213

Barcelona, im Jahre 1957. Es ist kurz vor Weihnachten, als ein Fremder die leere Buchhandlung Sempere & Söhne betritt um das teuerste Buch des Ladens zu kaufen, eine Ausgabe des „Grafen von Monte Christo“. Seine Erscheinung liegt wie ein Gewitter in der Luft und als er es Fermín, dem engen Freund der Semperes widmet, ahnt der junge Daniel Sempere bereits, dass hier etwas nicht stimmt.

Die Widmung verrät, dass der Fremde mehr über Fermín Romero de Torres zu wissen scheint, als gut ist. Doch der Besuch des Fremden scheint nur der Auftakt einer Reise in die Vergangenheit zu sein, der sich Fermín bald stellen muss. Bald holen ihn finstere Intrigen und schmerzhafte Erinnerungen aus der Zeit des Spanischen Bürgerkriegs ein, die nicht nur seinen Seelenfrieden sondern auch das künftige Liebesglück mit der Bernarda zu zerstören drohen.

Wird es Fermín gelingen sich den Geistern seiner Vergangenheit zu stellen und sich selbst und das Leben seine Freunde zu schützen?

„Ein geübter Lügner weiß, dass die wirkungsvollste Lüge immer eine Wahrheit ist, der man ein entscheidendes Stück genommen hat.“

Zitat, Seite 274

Zafón wagt sich mit „Der Gefangene des Himmels“ an den dritten und scheinbar letzten Roman seiner Barcelona-Reihe, die mit „Der Schatten des Windes“ begonnen hat und durch „Das Spiel des Engels“ fortgesetzt wurde. Zafón gelingt es hierbei in gewohnter Manier den Leser innerhalb kürzester Zeit in einen erzählerischen Sog zu ziehen, dem er sich kaum entziehen kann. Seine Sprachgewandtheit, die von einigen Lesern als unnötig übertrieben angesehen wird, konnte mich auch in seinem dritten Roman wieder begeistern. Mir gefällt es einfach, wenn ein Himmel als scharlachrot oder Bahnschienen als spiegelblank bezeichnet werden. Mir scheint, als erwecke Zafón erst mithilfe dieser scheinbar überspitzen Adjektive die Stadt und ihr düsteres Geheimnis zum Leben. Sein Stil ist eben malerisch und allen Zweiflern zum Trotz, einfach wunderschön.

Allerdings, und das ist wirklich schade, ging es in „Der Gefangene des Himmels“ nicht annähernd so rasant, spannend oder düster her, wie in seinen Vorgängerromanen, die mich oftmals vor Spannung oder Entsetzen erschaudern ließen. Auch wenn Fermíns Vergangenheit, mit der man durch Rückblenden in das Barcelona des Jahres 1939 konfrontiert wird, nicht harmlos oder gar rosig verlief, erschienen mir die Zeilen um einiges harmloser und spannungsarmer als in den Vorgängergeschichten. Im Vergleich zu „Marina“, das ebenfalls in Barcelona spielt, sich jedoch nicht um den Friedhof der vergessenen Bücher dreht, begegnete mir „Der Gefangene des Himmels“ fast wie eine harmlose Gute-Nacht-Geschichte.

„In diesem Leben wird einem alles verziehen, außer die Wahrheit zu sagen.“

Zitat, Seite 126

Unabhängig davon ist Zafón ein weitreichendes Beziehungsgeflecht gelungen, durch welches er dem Leser ermöglicht, Ereignisse und Figuren der einzelnen Romane miteinander zu verknüpfen und somit so manches offene Rätsel zu lösen. Der Leser erfährt in „Der Gefangene des Himmels“ nicht nur viel aus dem Leben des bisher unbelichteten Fermín sondern auch aus Daniel Semperes Kindheit bzw. über den frühen Tod seiner Mutter. Viele Lücken schließen sich und dennoch lässt es sich Zafón nicht nehmen, neue Rätsel ins Buch zu streuen, die dem Leser wohl für immer ungelöst zu bleiben scheinen. Sein für September 2014 angekündigtes Werk „Der Mitternachtspalast“ scheint der Auftakt für eine Kalkutta-Buchreihe zu werden und lässt mit „Der Gefangene des Himmels“ auf den letzten Band der Barcelona-Reihe schließen.

„An diesem Abend hinderte ihn niemand am Gehen und niemand verabschiedete sich von ihm. Einer unter vielen Unsichtbaren, machte er sich auf zu den Straßen eines Barcelonas, das nach Elektrizität roch (…) und so gelangte er nach Tagen der Züge, Fußmärsche und Nachtbusse an einen Ort, wo die Straßen keinen Namen und die Häuser keine Nummern hatten und wo sich nichts und niemand an ihn erinnerte.“

Zitat, Seite 222/223

❤ ❤ ❤

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