Schicksalsmelodien..

lesenslust über „Ziemlich nah am Glück“ von Saira Shah

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London bedeutet für mich Niederlage und Tod. Leben und Hoffnung sind direkt hier in Frankreich.

Anna und Tobias träumen von einem Leben in der sonnigen Provence. Anna möchte eine Kochschule eröffnen, Tobias in einem eigenen Tonstudio seiner Arbeit als Komponist nachgehen.

Doch der Traum vom großen Glück zerplatzt für die beiden am Tag der Geburt ihres ersten Kindes. Diagnose: Polymikrogyrie. Freya hat Hirnfalten und ist dadurch körperlich und geistig behindert. Ihre Überlebenschancen sind gering, die Aussicht auf Entwicklung nahezu inexistent. Eine Tatsache, die die Eltern nicht nur schockiert sondern maßlos überfordert. Während Anna ihr Kind verzweifelt mit Liebe überschüttet, versteckt sich Tobias in seiner Welt der Musik.

Von der Schicksalshaftigkeit des Lebens gelähmt, entschließen sie sich zum Kauf eines alten Bauernhofes im Languedoc, an der Grenze zu Spanien. Ein baufälliges Anwesen, das eigentlich nicht Annas Vorstellungen entspricht, ihnen aber aufgrund ihres begrenzten Budgets einen bezahlbaren Fluchtort aus England schenkt.

Für Anna beginnt ein Kampf mit lästigem Ungeziefer, exzentrischen Einheimischen und widersprüchlichen Gefühlen gegenüber ihrer Tochter. Dass auch das Unglück Glück beherbergt scheint für sie undenkbar. Doch je mehr sie gegen alles anrennt, desto mehr stemmt sich das Leben gegen sie. Und irgendwann erkennt selbst Anna, dass es von ihr selbst abhängt, wie sich ihr Leben entwickelt.

Unsere wunderschöne, perfekte Tochter liegt mit rosigen Wangen im Plexiglasbettchen und verströmt Neugeborenenduft. Das Bild ist so normal, dass es rein gefühlsmäßig einfach unmöglich ist, einen Zusammenhang zu den verheerenden Prognosen und dem Verzicht auf Wiederbelebungsmaßnahmen herzustellen.

Saira Shah erzählt uns in „Ziemlich nah am Glück“ eine tragische Familiengeschichte mit autobiografischen Zügen. Trotz trauriger Thematik begleitet uns die Autorin, die selbst Mutter einer behinderten Tochter ist, nahezu leichtfüßig durch die Geschichte. Ihre überraschend offene und lebendige Sprache ist schockierend, trostschenkend und lebensbejahend zugleich. Mit ihr erweckt sie die Geschichte zum Leben und lässt die Seiten im Nu verfliegen.

Mit den Protagonisten durchlebt man ein Wechselbad an Gefühlen. Das Auf und Ab der Gefühle verdeutlicht uns, wie nah Glück und Unglück letztendlich beieinander liegen. Mit der Behinderung ihrer Tochter gehen die Eltern auf unterschiedliche Weise um. Während Tobias sich in seiner Musik zu verstecken versucht, weicht Anna auf ein zwanghaftes Renovieren des Hauses und dem Einwecken von Früchten aus. Beide befinden sich auf einem schmalen Grat zwischen Verzweiflung und Glückseligkeit. Ihre Stimmungen sind spürbar. Wie Schicksalsmelodien untermalen sie die Szenen. Von verzweifelt bis beschwingt ist alles dabei.

Ich halte meine schmusig-schlaffe, mit Medikamenten vollgepumpte Tochter im Arm. Je häufiger ich daran denke, sie zu verlassen, desto schwerer fällt es mir, Zeit mit ihr zu verbringen. Und umso kostbarer wird jeder Moment.

Durch das verzweifelte Klammern der Eltern an die kleinsten Glücksmomente und Fortschritte ihrer Tochter verdeutlicht Shah, wie ernüchternd und schockierend die Diagnose einer Behinderung sein muss. Und wie schwer es fällt, einer schier ausweglosen Situation noch etwas Gutes abzugewinnen. Neben Freyas Geschichte bestückt sie die Erzählung mit lebendigen Landschaftsbeschreibungen und den Begegnungen mit den eigenwilligen aber liebevollen Landesbewohnern. Jede Person scheint ein Puzzleteil des großen Ganzen darzustellen. Shah hat mit „Ziemlich nah am Glück“ ein ergreifendes Werk geschaffen, dass die Leser bewegt und zum Nachdenken anregt. In diesem Buch steckt pure Leidenschaft!

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Als kleines Mädchen habe ich immer so getan, als wäre mein Bett ein Schiff und ich auf großer Fahrt. Jetzt spiele ich als Mutter das gleiche Spiel. Jeden Morgen, nachdem Tobias hastig aufgestanden ist, hole ich Freya aus ihrem Körbchen zu mir unter die Decke, und wir stechen in See. Reisen zu neuen Kontinenten, überqueren das gefährliche dunkelrote Meer. Freya ist meine Welt, zusammen gehen wir auf Entdeckungsreise.

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