Mit Vollgas im Leerlauf..

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Wir sind offen für alles – und nicht ganz dicht. Wir sagen nicht mehr ja und nein, wir sagen jein. Sowohl-als-auch.

Florian Schroeder, so heißt er also, der Typ der die Haltung unserer heutigen Generation beim Namen nennt: „Entschlossen, sich nicht mehr entscheiden zu wollen. Permanent, mit Vollgas, im Leerlauf“. Wir alle leben ein Leben voller Möglichkeiten. Wir surfen durch eine Welt, deren Welle an Informationen, Zielsetzungen und scheinbaren Idealen uns nahezu überspült und uns dann bei der Entscheidungsfindung alleine zurücklässt. Uns belächelt, wenn wir unfähig sind, schnell genug zu reagieren. Nicht wissen, was das Richtige ist. Richtig, was ist das schon? Warum entscheiden, wenn man alles gleichzeitig haben kann?! Kinder? Ja, aber lieber erst später. Zusammenziehen? Warum nicht, aber nur mit getrennten Schlafzimmern. Dazugehören? Ja, aber nur mit genügend Abstand. Mittendrin statt nur dabei? Nö, eher nur dabei als mittendrin.

Die Coolness ist die Schwester der Ironie. Schön distanziert, über den Dingen statt in ihnen. Jede Haltung ist vorläufig.

In seinem ersten Buch nimmt uns der 1979 geborene Kabarettist, der in Freiburg Germanistik und Philosophie studiert hat, auf einen Spaziergang durch das Leben mit. Er berichtet von seiner erfolglosen Zeit beim Radio, warum er die Studiengebühren als „Eliteflatrate“ und den Bachelor als „Wissensbulimie“ bezeichnet. Er erzählt von den Menschen, die ihm im Verlauf seines Lebens begegnet sind und auf die er immer wieder trifft. Den „Irgendwas mit Medien“-Typen und Coaches dieser Welt, die mit ihrem sinnlosen Geschwafel die Welt beglücken und eigentlich selbst so gar keine wirkliche Ahnung haben, wovon sie reden. Den überglücklichen Eltern dieser Welt, die ahnungs- und kinderlose Single- & Pärchen-Freunde mit 15 MB-Emails voller Kinderfotos überfordern und den 30-, 40- und 50-jährigen dieser Zeit. Er lässt keinen aus. Und so ist es nur eine Frage der Zeit, bis es auch dich erwischt und du dich beim Umblättern der Seiten vorsorglich duckst, weil du Angst hast, vom schlagkräftigen linken Haken ausgeknockt zu werden.

Nett, im Wortsinn: als größte Ohrfeige, die man einem Menschen geben kann. Nett ist meist gefolgt von dem tragischen Wort ‚aber‘. „Ich find dich nett, aber…“ Nett ist wie ein Kanarienvogel: Stinkt nicht, stört nicht, könnte aber genauso gut weg sein. Irgendwo zwischen Langeweile, Gleichgültigkeit und Desinteresse, da wohnt nett.

Gnadenlos, überspitzt und gekonnt pointiert. Schroeder findet stets die passenden Worte für die Menschen und Ereignisse aus der Politik, den Medien und dem alltäglichen Leben. Fällt das bei einem Kabarettisten auch unter „Kompetenzsimulation bei völliger Ahnungslosigkeit“ oder sind es einfach die Gedanken eines guten Beobachters mit großer Klappe?

Parteien sind die Kleingartenvereine des 21. Jahrhunderts.

So bleibt auch der „Coffee-Shop-Hype“ nicht unerwähnt. Starbucks, jener Ort mit dem „unheimlichen Stilmix“, an dem sich Oma-Ohrensessel zu unbequemen Holzstühlen und kleinen Holztischen gesellen und man das Gefühl hat, der Innenarchitekt wäre auf Drogen gewesen. Hier stößt du bereits bei der Wahl deines Wunschgetränks an deine Grenzen, weil dir beim Blick auf die Getränkekarte schon panisch die Ohren schlackern, aus Angst, sich bis zur Bestellung noch nicht entschieden zu haben. Natürlich genügt es nicht, zwischen einem kleinen, mittleren oder großen Getränk zu unterscheiden. Nein. Wir brauchen eine englische, spanische und italienische Größe, die dir die Welt plötzlich neu definiert. Ein tall ist kein groß mehr, sondern klein. Ein grande, steht plötzlich für mittel und venti ist nur noch groß anstatt das Zwanzigfache. Superlative verbessern selbst die heiße Schokolade (Premium Hot Chocolate) um ein Vielfaches und ein Chai Tea Latte bietet dir wörtlich übersetzt eine Tasse voller Teeteemilch (Chai, südasiatisch: Tee, Tea, englisch: Tee, Latte, italienisch: Milch).

Wir schießen nicht mehr Fotos, um Augenblicke festzuhalten, wir schaffen Augenblicke, um sie auf Fotos festzuhalten. 

Die heutige Handhabung von Handy, Tablet und Laptop. Krankheit oder Kult? Verhilft dir das ständige „Online-Sein“ und daraus resultierende Geposte von Gedanken und Fotos via Facebook, Twitter und Co tatsächlich zu einer getunten Selbstdarstellung im Baukasten-Modus? So à la Pippi Langstrumpf „Ich mach mir die Welt widdewidde wie sie mir gefällt…“? Schreien derartige Handlungen nach einem Menschen mit mangelndem Selbstbewusstsein oder kann man es tatsächlich noch als netten Zeitvertreib bezeichnen? Ein Leben ohne Facebook? Ja. Nein. Jein!

Fest steht, dass Schroeder auch hier nicht zurückschreckt. Facebook war und ist ihm suspekt, auch wenn er zugibt, selbst ein Online-Junkie zu sein und stündlich seine Mails zu checken. Das iPhone ist dabei sein ständiger Begleiter. Eine endgültige Entscheidung zwischen Apple und Windows will er dabei trotzdem nicht treffen. Er fühlt sich vielmehr „in beiden Welten zuhause“ und lebt trotz immer wieder aufkehrender Probleme hinsichtlich der Kompatibilität und den unverständlichen Blicken seines Apple-Nerd-Kumpels Andi das Prinzip: Ich will alles.

Ich habe langsam das Gefühl, Windows-Benutzer verteilen Koks an Kinder und schlagen ihre Frauen. Apple-Nutzer hingegen sind niemals Benutzer. Sie sind User. Sie sind die besseren Menschen, denn sie essen Bio, trennen Müll, wählen Grün und gucken ARTE. Kurz: Apple-User machen die Welt besser, Windows-Benutzer machen sie schlechter. Wenn auch nicht absichtlich: Die Windows-Fraktion hat nur keine Zeit zum Weltverbessern, sie muss ja ständig Sicherheitslücken schließen!

Wortgewandt und ironisch-überspitzt erklärt uns Schroeder die Welt. Dabei bleibt selbst Helmut Kohl nicht unverschont, der viele Jahre vielmehr als Gott galt, obwohl auch er „nur“ ein Kanzler war. Casting-Shows, Fitness-Wahn und musikalische Querschläge. In „Offen für alles“ findet tatsächlich Alles Schroeders Aufmerksamkeit. Und plötzlich versteh selbst ich, warum meine Eltern immer noch im „Analogistan“ als „Digitalistan“ leben. „Analogistan“, die Ära, in der noch Telefone mit Drehscheiben und Kassetten in waren, wohingegen „Digitalistan“ mit Tweets & Feeds hantiert und die „Mitquaker“ unserer Zeit beherbergt. Mit viel schwarzem Humor und einer gehörigen Prise Realismus pfeffert dir Schroeder die Dinge dieser Welt um die Ohren und unterhält dich auf 233 Seiten in höchstem Maße. Einfach klasse, dieser Mann – Chapeau Herr Schroeder für deine unfassbar große aber intelligente Klappe!

❤❤❤❤❤

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