Bretonischer Zauber..

lesenslust über „Die Mondspielerin“ von Nina George
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Je länger sie sich ansah, desto schwerer fiel ihr das Atmen, Grauen erfüllte sie. Ihr ganzes Sein nahm das Grauen auf wie ein Garten den alles vernichtenden Regen.

Seite 33

Mit 60 Jahren trifft Marianne ihre erste persönliche Entscheidung: sie will sterben. Ihr gesamtes Leben lebte sie das Leben einer Anderen, das Leben an der Seite eines lieblosen Mannes: einem Mann, der sie weder wahrnimmt noch eine eigene Meinung oder Interessen duldet.

Als sie sich vom Pont Neuf in Paris in die Tiefen der Seine stürzt, scheint Marianne zum ersten Mal glücklich. Ihre Sehnsucht, mit dem Leben abzuschließen ist groß, aber scheinbar nicht groß genug, damit das Leben es hinnehmen kann. Denn auch wenn gegen ihren Willen, wird sie gerettet.

Im Krankenhaus fällt ihr eine handbemalte Fliese in die Hände, die den Hafen von Kerdruc im Finistère, einem Fischerdörfchen in der Bretagne zeigt. Sie sieht es als Zeichen und wünscht sich das scheinbare Ende der Welt als den Ort, wo alles enden soll.

Doch kaum ist sie im niedlichen Kerdruc angekommen, gelingt es dem Leben jeden Tag aufs Neue ihr einen Strich durch die Rechnung zu machen.

Sie sah zu dem Mann, der sie aus der Seine gezogen hatte, ohne dass sie darum gebeten hatte. Er war der Verrückte. Verrückt genug, um anzunehmen, dass man nur zu überleben bräuchte, um zu leben.

Seite 21

In „Die Mondspielerin“ erzählt Nina George die Lebensgeschichte einer 60-jährigen Frau. 40 erschöpfende und beengende Ehejahre liegen bereits hinter Marianne. Jahre, die sie in ihrer Entwicklung einengten und ihr die Luft zum Atmen nahmen. All die Träume, die sie je hatte, gab sie für Lothar auf. Stets bemüht, den Idealen ihres Mannes gerecht zu werden duldet sie Seitensprünge und stellt ihre Bedürfnisse hinten an. Doch mit den Jahren wird ihr schmerzlich bewusst, wie wenig sie ihr eigenes Leben lebt und dass das, was sie mit ihrem Mann verbindet, keine Liebe ist.

Da sie sich nicht stark genug fühlt, um sich von Lothar zu trennen und sie keinen anderen Ausweg sieht, stürzt sie sich in Paris vom Pont Neuf. Als das Wasser der Seine in ihre Lunge strömt, fühlt sie sich unendlich frei. Doch ihr „persönliches Glück“ währt nicht lange, denn ein Mann beobachtet und rettet sie. Auf Verständnis hoffend wird sie im Krankenhaus erneut von ihrem Mann belächelt. Es fällt ein Wort: verrückt. Ein Schlüsselerlebnis, dass Marianne zu einer unvernünftigen aber scheinbar einzig richtigen Tat schreiten lässt: der Flucht.

Eine handbemalte Fliese dient Marianne als Zeichen des Schicksals. Hals über Kopf stürzt sie sich aus dem Krankenhaus und begibt sich auf die Reise nach Kerdruc, dem Fischerdörfchen in der Bretagne, dass auf der Fliese zu sehen ist. Dem Ort, der alles besser macht?

Nur das Glucksen der Küsse von Flut und Fluss war zu hören, das unregelmäßige Klappern der Stahlseile an den Masten der Schiffe und das leise Weinen einer Frau.

Die Frau war Marianne, und sie weinte, ohne den Blick von alldem abzuwenden – so unerträglich schön war Kerdruc. Jeder Ort, an dem sie vorher in sechzig Jahren gewesen war, wurde hässlich.

Das Gefühl, nach Hause gekommen zu sein, verdichtete sich. Sie roch Salz und frisches Wasser, die Luft war klar wie Glas, auf dem Fluss ein Glanzteppich aus goldblauer Seide.

Seite 60/61

Kerdruc birgt für Marianne alles, von dem sie nie zu träumen wagte. Das bretonische Dörfchen hüllt Marianne schutzvoll ein und trägt sie wie auf Wolken. Plötzlich scheint es Marianne erlaubt, zu leben. Während sie auf die Einwohner von Kerdruc anfangs noch einen sehr traurigen und verstörten Eindruckt macht, scheint das Dörfchen und seine Bewohner sie schon bald zum Leben zu erwecken. Das scheue Reh wird zur Trostspenderin, Köchin, Freundin und Geliebten. Man durchlebt mit Marianne Höhen & Tiefen und darf an ihrem Entwicklungsprozess teilhaben. Doch was, wenn ihr altes Leben sie irgendwann einholt?

Nina George hat mich mit ihrer unheimlich leidenschaftlichen Art zu schreiben vom ersten Buch an zu einer Süchtigen werden lassen. Sie verfügt für mich über das nötige Erfolgselixier und die Magie, die Geschichten zum Leben erwecken und alles auf so bezaubernde Art und Weise miteinander verknüpft.

Das so hochgelobte Buch „Die Mondspielerin“ hat es mir anfangs nicht ganz einfach gemacht, mich jedoch Seite für Seite zu einer Verbündeten werden lassen. Was dem Leser hier schier bewusst werden wird ist folgendes: das Leben ist kein Märchen und begegnet uns schon gar nicht wie in einem Hochglanzmagazin. Für jeden Einzelnen von uns gilt es so manche Hindernisse gekonnt zu umschippern. Erfahrungen, ob positiver oder negativer Natur, prägen uns und lassen uns wachsen. Denn genau das ist es, was das Leben ausmacht. Für mich eine klare Leseempfehlung!

Wir haben hier viele Begriffe für Angst, für Leben, für Sterben. Manchma auch dasselbe Wort. Manchmal sind Himmel und Erde dasselbe. Und Hölle und Paradies ebenfalls. Wir lesen das Land, und wir sehen darin: Alles ist gleich, der Tod, das Leben. Wir machen nur unsere Reise dazwischen.

Seite 50

2 Gedanken zu “Bretonischer Zauber..

    • lesenslust schreibt:

      Vielen Dank. Es freut mich, dass ich dich neugierig auf das Buch machen konnte. Nina Georges Geschichten sind bezaubernd. Vor allem ihr „Lavendelzimmer“ hat es mir angetan. Solltest du unbedingt lesen.😉

      Gefällt mir

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