Schwarze Schmetterlingsschwärme..

lesenslust über “Marina“ von Carlos Ruiz Zafón

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Wir haben alle im Dachgeschoss der Seele ein Geheimnis unter Verschluss.

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Für den jungen Óscar Drai ist die Stadt Barcelona Leben pur. Seine Streifzüge durch die verwunschene Stadt sind ihm heilig, denn sein Leben als Internatsschüler birgt nicht viel Faszination in sich.

Täglich erkundet er die geheimnisvollen Villenviertel der Stadt. Auch die scheinbar verlassene Villa in Sarriá bleibt von ihm nicht unentdeckt. Die betörenden Klänge einer Frauenstimme locken ihn eines Tages in das Anwesen.

Er trifft auf ein junges Mädchen namens Marina, durch deren Begegnung sein Leben fortan nicht mehr dasselbe sein wird. Denn das finstere Geheimnis um Michail Kolwenik, dem ehemals reichsten Mann Barcelonas, lässt die Beiden in einen Sog voller düsteren und schmerzhaften Geheimnisse geraten, dem sie sich nur schwer entziehen können.

Manchmal geschehen die realistischsten Dinge nur in der Vorstellung (..) Wir erinnern uns nur an das, was nie geschehen ist.

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Wenn man mich bitten würde, Zafóns Geschichten mit nur wenigen Worten schmackhaft zu machen, würde es mir wahrscheinlich nicht gelingen.
Denn Zafóns Stil ist nicht alltäglich, nicht einfach zu lesen oder gar  erheiternd. Seine Geschichten sind düster, brutal und manchmal entsetzlich. Ein Stil auf den man sich einlassen muss und nicht immer kann. Dinge, die wahrscheinlich eher gegen als für ihn sprechen.

Und dennoch üben seine Worte auf mich mehr Faszination aus, als die Worte vieler Anderer. Sie sind ungeheuer magisch. Sie verzaubern und erschüttern dich in gleichem Maße. Während Zafóns atmosphärisch teils poetische Landschaftsbeschreibungen dich durch ein geheimnisvolles Barcelona streifen lassen, treffen dich seine entsetzlich ausschmückenden Zeilen messerscharf.

Nachdem ich “Der Schatten des Windes“ und “Das Spiel des Engels“ gelesen hatte, zogen mich Empfehlungen zum Vorgänger “Marina“ – dem Erstling der Barcelona-Romane.

Die Geschichte um Óscar und Marina gestaltet sich wie ein Streifzug durch Barcelonas düsterste kloakengetränkte als auch bezauberndste Ecken. Zafóns lässt dich nicht nur Gefahren wittern sondern schleudert dich mit voller Macht in sie hinein. Seite um Seite setzen sich die Puzzleteile eines schaurigen Puzzles langsam aber sicher zusammen.

Und während du dich in Sicherheit wähnst, täuscht dich Zafóns bis zu den letzten Seiten gekonnt. Denn letztendlich weißt du nicht mehr als Victór, aus deren Perspektive die Geschichte erzählt wird. Ein grandioser Schachzug des Autors, der “Marina“ für mich zu einer phantastischen Entdeckung gemacht hat und daher 5 von 5 möglichen schwarzen Schmetterlingen ergattert.

Es war weniger eine Straße als ein zwischen Himmel und Steilküste schwebendes Band, das sich um Hunderte scharfe Kurven schlängelte. Zwischen den Ästen der Pinien hindurch, die sich an steile Flanken klammerten, war das weit wie eine glühende blaue Decke fliegende Meer zu sehen.“

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Wir waren im verzauberten Barcelona angelangt, dem Labyrinth der Geister, wo die Straßen schemenhafte Namen trugen und die Kobolde der Zeit sich hinter uns tummelten.

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