Der Friedhof der vergessenen Bücher

„Der Schatten des Windes“ – Carlos Ruiz Zafón

„Das Schicksal lauert immer gleich um die Ecke – wie ein Dieb, eine Nutte oder ein Losverkäufer, seine drei trivialsten Verkörperungen. Hausbesuche macht es hingegen keine. Man muss sich schon zu ihm bemühen.“

Zitat, Seite 270

Daniel Sempere ist zehn Jahre alt, als sich sein Leben für immer verändern soll. Gemeinsam mit seinem Vater wohnt er in der Calle Santa Ana in Barcelona, wo sein Vater die Buchhandlung Sempere und Söhne leitet. Eines Tages offenbart ihm sein Vater einen ganz besonderen Ort: den Friedhof der Vergessenen Bücher. Hier ruhen Werke, denen keiner mehr Beachtung schenkt, die längst vergessen oder verloren sind. Verstaubt und erwartungsvoll schmiegen sie sich in den Regalen des Friedhofs aneinander. Jeder Besucher darf sich ein Buch aussuchen, wenn er sich dazu bereiterklärt, fortan für das Buch zu sorgen; es zu hüten und zu pflegen wie einen Schatz.

Auch Daniel entdeckt ein Buch für sich, den Debütroman „Der Schatten des Windes“ eines scheinbar unbekannten Jungautors namens Julián Carax. Wenig später ist Daniel bereits in die Geschichte eingetaucht und Feuer und Flamme weitere von Carax‘ Werken zu finden.

Bei seinem Recherche-Streifzug durch Barcelona wird er schon bald aufmerksam beäugt und heimlich verfolgt. Denn was Daniel nicht weiß, ist, dass dieses Buch von sehr großem Interesse und mit einer dramatischen Lebensgeschichte verknüpft ist. Einer Lebensgeschichte, die schon bald mehr mit Daniels Leben zerfließt, als ihm recht ist. Plötzlich bilden Vergangenheit und Gegenwart eine Einheit. Daniels Blick wird getrübt.

Wird Daniel in sein eigenes Leben zurückfinden?

„Die Zeit verfliegt desto schneller, je leerer sie ist. Ein bedeutungsloses Leben saust vorbei wie ein Zug, der am eigenen Bahnhof nicht hält.“

Zitat, Seite 500

Zafóns Protagonist Daniel ist am Anfang der Geschichte noch jung und naiv. Durch den Besuch auf dem Friedhof der vergessenen Bücher scheint er die ersten Schritte ins Erwachsenenleben zu bestreiten. Mit der Aufgabe, Carax‘ Erstlingswerk zu behüten, überträgt ihm sein Vater einen verantwortungsvollen Job, der für Daniel schon bald zur Lebensaufgabe wird und ihn mit zahlreichen Ereignissen aus der Vergangenheit und Gegenwart konfrontiert.

Da Daniel großes Interesse an Carax‘ Nachfolgeromanen hat, öffnet er unbemerkt die Tür zu einem wohlgehütetem Geheimnis: Einem Geheimnis, dass nicht nur das Leben anderer sondern auch sein eigenes stark beeinflussen wird. Es lässt ihn die erste Liebe zu einer Frau erfahren; ihn Menschen begegnen, die sein Leben wesentlich prägen und zu engen Vertrauten oder großen Rivalen werden. Er wird mit Gewalt, Hass und Korruption konfrontiert und erfährt, dass das Schicksal seine ganz eigenen Pläne für uns bereithält.

Was mir an „Der Schatten des Windes“ wirklich gut gefallen hat, ist Zafóns lebendige Sprache. Er zeichnet die Dinge sehr lebhaft und authentisch, weshalb sowohl die Protagonisten als auch der Schauplatz der Geschichte förmlich greifbar werden. Durch Zafóns facettenreiche Beschreibung des Schauplatzes fühlt man sich schon bald ins Barcelona der 50er Jahre versetzt.

Was mir persönlich negativ aufstieß, war das Ausmaß an Informationen, die mir teilweise um die Ohren flogen. Man wird zwischendurch mit derart vielen Personen, Ereignissen und Verwicklungen konfrontiert, dass man ganz schnell den Überblick verlieren kann. An einigen Stellen im Buch verpasste ich den Anschluss; musste zurückblättern und einzelne Passagen erneut lesen um wirklich alles zu begreifen. Im Verlaufe der Geschichte klärt sich jedoch einiges auf, was anfangs für Irritation gesorgt hat. Zafón gelingt es daher recht gut, die Neugier des Lesers anzustacheln und durchweg für eine gleichbleibende Spannung zu sorgen, die sich wie ein roter Faden durchs Buch zieht.

Trotz der stellenweise Überflutung von Informationen konnte mich die Geschichte von „Der Schatten des Windes“ und den Friedhof der Vergessenen Bücher wirklich begeistern. Sie wirbelt daher mit 4 von 5 möglichen Sternen durch die Barceloneser Nacht.
„Ein Geheimnis ist soviel wert wie der, der es uns anvertraut.“
Zitat, Seite 17
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Ein Kommentar zu „Der Friedhof der vergessenen Bücher

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