Memento mori – bedenke, dass du sterben musst..

lesenslust über „Je schneller ich gehe, desto kleiner bin ich“ von Kjersti A. Skomsvold

~*°..Eine alte Dame auf den Irrwegen des Lebens..°*~

Mathea Martinsen ist eine schrullige alte Frau. Nach dem Tod ihres Mannes Epsilon lebt sie alleine am Stadtrand von Oslo. Sie ist eine Eigenbrötlerin und schüchtern, ja nahezu menschenscheu. Ihr Leben orientierte sich an Epsilon. Jetzt, wo er nicht mehr da ist, weiß sie nichts mit sich anzufangen. Wem soll sie nun Ohrenwärmer stricken und kleine Briefe zustecken? Wer hört ihr nun zu und wen interessiert es eigentlich, dass sie da ist? Kinder hat sie keine. Auch keine Haustiere – zumindest nicht mehr. Für wen lohnt es sich weiterleben?

Sie strauchelt, sie grübelt und sie findet neuen Mut. Ein Leben zu leben – ohne Epsilon. Ein Leben, in dem sie selbst im Mittelpunkt steht. Matheas Leben.

~*°..Mein Fazit..°*~

Das Buch ist stellenweise wirklich komisch und dann wieder sehr nachdenklich. Der Mix aus beidem macht die Geschichte sehr abwechslungsreich und lässt die niedlichen 142 Seiten ohne Probleme in einem Rutsch weglesen. Der Stil der Autorin gefiel mir insgesamt sehr gut, auch wenn ich anfangs meine Zeit brauchte um mit ihm warm zu werden. Denn sie erzählt die Geschichte aus Matheas Sicht. Die Sicht einer schrulligen alten Dame, die auf die 100 Jahre zugeht und Angst davor hat, unter die Leute zu gehen. Die sich vor Situationen versteckt, in denen sie mit anderen reden muss; Angst hat, nach dem Tod ihres Mannes Epsilon weiterzuleben; Angst hat, alleine zu sein.

Skomsvold gelang mit Je schneller ich gehe desto kleiner bin ich eine derart authentische Geschichte, dass Mathea lebendig erschien. Es kam mir fast vor, als stehe sie direkt neben mir. In greifbarer Nähe und nur einen Atemhauch von mir entfernt stand sie am Regal im Supermarkt und griff wieder zu einem Marmeladenglas, das sie alleine nicht öffnen kann. Dass sich zuhause an das von letzter Woche reiht, und an das von der Woche davor, und der Woche davor. Bis es Marmelade in der Tube gibt.
Mit dieser Empathie hat mich Skomsvold gekriegt. Sie hat mich überzeugt. Denn ich finde es bemerkenswert, dass eine gerade mal 33-jährige Frau sich derart in einen alten Menschen hineinversetzen kann. Ob persönliche Erfahrungen miteinflossen? Wie gelingt einem das sonst?

„Ich wünschte, ich könnte den kleinen Rest vom Leben aufsparen, bis ich weiß, was ich damit anfangen soll. Aber das geht nicht, dafür müsste ich mich schon einfrieren, und wir haben nur eines dieser kleinen Gefrierfächer im Kühlschrank.“
(Zitat, Seite 10)

Matheas Gedanken sind manchmal unheimlich witzig. Sie ließen mich an vielen Stellen laut auflachen und die Stelle erneut lesen, weil ich sie so lustig fand. Doch neben den heiteren Passagen traf ich auch auf schockiernede Zeilen. Zeilen, die mich beängstigend und mir Respekt vor dem Älterwerden schenkten. Die mir die Welt eines Menschen zeigten, der den größten Teil seines Lebens eben nun schon hinter sich hat. Eines Mensch, dessen Körper schwach wird, dessen Gedanken verstreut sind und der langsam aber sicher die Orientierung verliert. Ich verspürte Mitleid mit Mathea. Wollte ihr helfen wieder neuen Mut zu fassen. Sie an die Hand nehmen und ihr den richtigen Weg zu zeigen. Einen Weg, der ihr mühsam schien. So unendlich mühsam.

„Der Zahn steckt mitten in der Gurke. Mit Blutgeschmack im Mund starre ich perplex auf das, was aussieht wie eine Waffe zum Töten von Robben. Ich ziehe den Zahn heraus und versuche, ihn dort wieder hineinzustecken, wo er einmal herauswuchs, doch er will nicht länger passen, es scheint, als habe er Großstadtluft geschnuppert und könnte nicht in sein Heimatdorf zurückkehren: „Hier ist es mir zu beengt.““
(Zitat, Seite 66/67)

Eines Tages beschließt Mathea eine Zeitkapsel zu vergraben. Sie will der Nachwelt ein Andenken überlassen. Ein Stück von ihr Selbst. Und mit diesem Vorhaben schöpft sie neue Hoffnung und Lebensmut. Getreu dem Motto von H.C. Andersen „Das Leben gewinnt nur durch das Handeln an Bedeutung.“ sprüht Mathea bald vor Lebendigkeit.

Die deutsche Übersetzung des Romans hat manchmal ein paar Schwächen, was zur Folge hat, dass sich mir nicht jeder Gedanke in seiner vollkommenen Bedeutung erschließt. Teilweise gibt es Sätze die bis über 4 Zeilen gehen und von einer derartig hohen Anzahl Kommata getrennt sind,  dass es mir schwerfällt, meine Konzentration auf den Kernpunkt des Satzes zu lenken. Bei den wirren Gedanken einer fast 100-jährigen Frau fällt dieser Aspekt einfach mehr ins Gewicht, als bei anderen Geschichten, weshalb ich Je schneller ich gehe desto kleiner bin ich 4 von 5 möglichen selbstgestrickten Ohrenwärmern schenke.

2 Kommentare zu „Memento mori – bedenke, dass du sterben musst..

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