Der Vogel der Seele…

lesenslust über „Im Schatten des Vogels“ von Kristin Steinsdóttir

~*°..Ein Dorf im Osten Islands, Ende 19. Jahrhundert..°*~

Pálina Jónsdóttir wächst in einer vielköpfigen Familie in einem abgeschiedenen Dörfchen in Island auf. Der Hof der Familie Jónsdóttir, eingebettet von freier Natur, liegt am Fuß eines Gletschers. In direkter Nachbarschaft ragt ein markantes Gebirge in den Horizont und man hört das Tosen der stürmischen See. Doch die scheinbar ländliche Idylle trügt. Pálina und ihre Geschwister leben in sehr einfachen Verhältnissen. Die ständig wechselnden Mägde und Knechte der Familie sorgen für Unruhr und Enge im Haus.

Pálinas Vater, Gemeindevorsteher und Homöopath, bedeutet Pálina alles. Sie hegen ein sehr inniges und liebevolles Verhältnis. Doch sein ständiges Anbandeln mit den Mägden setzt nicht nur ihrer Mutter und dem Familienfrieden zu, sondern führt auch zu einer gespaltenen Beziehung zwischen Pálina und ihrem Vater. Neben der Verbundenheit zur Heimat sehnt sie sich plötzlich nach der Ferne, träumt von einer besseren Zukunft und von grenzenloser Freiheit.

Als ihr Vater ihr die Ehe zu Sveinn, einem Knecht mit Schwindsucht, verbietet, beginnt Pálinas Loyalität zu ihrem Vater endgültig zu bröckeln. Auch auf der Mädchenschule in Reykjavik erholt sie sich nur schwer davon. Ihre seelische Unausgeglichenheit, die sie von klein auf begleitet, verstärkt sich und der Vogel in ihrer Brust nimmt ihr die Luft zum Atmen…

~*°..Ein Schmetterling setzt sich auf meinen Handrücken, breitet die Flügel aus. Sie sind hellviolett und zittern leicht. Wunderschön in der Morgensonne. Ganz vorsichtig lege ich meine Hand über den Schmetterling und wünsche mir etwas. Es fühlt sich an, als hätte ich meine Lebensglück auf dem Handrücken. Bitte von ganzem Herzen. Puste den Schmetterling zart an und sehe ihm hinterher, wie er in die Freiheit fliegt.“ (Zitat, Seite 46)..°*~

Steinsdóttirs Geschichte ließ mich wanken – wanken zwischen Unsicherheit und Tatendrang, zwischen Neugier und Desinteresse. Noch nie habe ich mich bei einem Roman so hin- und hergerissen gefühlt. Pálina hatte bereits nach wenigen Zeilen mein Mitgefühl für ihre Situation. Die teils unzumutbaren Lebensbedingungen auf die sie während ihres Lebens immer wieder stoßen muss, schenken ihr kaum Freiraum. Sie muss sich stetig den Gesetzen des Vaters unterordnen, muss funktionieren; lernen, ihre Träume hintenan zu stellen und den für sie vorgesehenen Weg zu akzeptieren. Ihre Neigung, sich selbst und den Bezug zum realen Leben zu verlieren, macht sich dabei schon sehr früh bemerkbar.
Die Entwicklung vom jungen Mädchen zur erwachsenen Frau mit eigenen Kindern und einem Mann an ihrer Seite, für den sie nicht die Liebe aufbringen kann, die notwendig wäre, ist teilweise schockierend. Manchmal raubte sie mir die Luft zum Atmen. Es schien, als hing ein Gefühl von Schwermütigkeit und Verzweiflung an Steinsdóttirs Zeilen. Wenig später widerum sprüht Pálina voller Lebensfreude und Energie und Steinsdóttirs Zeilen beginnen zu tanzen – voller Poesie und Leichtigkeit.

Pálinas ambivalente Beziehung zu ihrem Vater, die nicht nur einen großen Teil in der Geschichte einnimmt, sondern auch primär Einfluss auf Pálinas Leben und ihre Zukunft hat, ist sehr interessant mitanzusehen. An guten Tagen ist Pálina sein Engelchen und genießt seine ungeteilte Liebe und Aufmerksamkeit. An schlechten Tagen wiederum verletzt er sie mit Ignoranz und Härte. Sein stetiges Anbandeln mit den wechselnden Mägden am Hof der Familie Jónsdóttir bricht Pálina und ihrer Mutter fast das Herz. Seine ablehnende Haltung gegenüber ihrer Beziehung zu Sveinn hinterlässt wohl die größte Wunde in ihrem Herzen. Eine Wunde, die niemals vollständig zu heilen scheint.
Pálinas Ehe zu Vigfús, einem gutaussehenden und fleißigen Tischler, der genau wie Sveinn den Anforderungen des Vaters nicht gerecht zu werden scheint, steht unter keinem guten Stern. Vigfús Wut auf Pálinas Vater wirkt sich negativ auf seine Gefühle für Pálina und ihrem Umgang miteinander aus. Bald schon lässt sie Vigfús genauso hart wirken wie Pálinas Vater und hinterlässt unausweichliche Spuren in ihrer Ehe. Pálinas Kampf mit dem Leben kommt zu keinem Ende.

Anfangs fiel es mir sehr schwer, Steinsdóttirs Schreibstil zu folgen. Er erschien mir abgehakt und unausgewogen. Sie warf mir kleine Bröckchen zu mit denen ich nicht umzugehen wusste. Vielleicht sollen sie Pálinas anfangs kindliches und naives Wesen widerspiegeln, vielleicht gehören sie aber auch zu Steindóttirs Stil. Da die Geschichte aus Pálinas Augen erzählt wird, könnte die Vorgehensweise beabsichtigt sein. Denn mit der Zeit veränderte sich nicht nur Steindóttirs Stil sondern auch die miteinhergehenden Gefühle meinerseits. Meine anfängliche Unsicherheit und fast schon beginnendes Desinteresse entwickelte sich zu Neugierde. Die Geschichte ließ mich plötzlich nicht mehr los, verfolgte mich in meinem Kopf, ließ meine Gedanken Achterbahn fahren.

„Ich war noch klein, als er sich zum ersten Mal bemerkbar machte. Der Vogel, der ein untrennbarer Teil meines Lebens werden sollte. Er breitete die Flügel aus, sang und erfüllte meine ganze Brust. Ich dachte, dass das so sein müsste, ahnte nichts. Warum fing er an, sich in meinen Hals zu zwängen? Zu versuchen, mich zu ersticken. Mir nachts den Schlaf zu rauben. Sich auf mich zu legen und zu zerquetschen. Die Realität und mich durcheinanderzubringen. Ich fand keine Antwort, doch die Frühlingstage waren sonnig, und der Vogel flog ohne Unterlass.“ (Zitat, Seite 7)

Steindóttir lässt Pálinas seelische Disharmonie zum Leben erwecken. Sie gibt ihr dabei die Gestalt eines Vogels, der in Pálina festsitzt. Er nimmt ihr die Luft zum Atmen, breitet sich in ihr aus, erdrosselt sie schier. Manchmal versteckt sie sich auch unter ihm oder er liegt auf ihr, erdrückt sie förmlich. Die Assoziation mit dem Vogel sorgte bei mir anfangs für Verwirrung. Mit der Zeit habe ich jedoch festgestellt, wie treffend der Vogel die Emotionen von Pálina darstellen kann. Man bekommt ein Gefühl für ihn und ein Gefühl für Pálina. Er fügt sich in die Geschichte ein, ist plötzlich ein Teil von ihr, undenkbar, dass er nicht da ist.

Neben Pálinas Lebensgeschichte lässt Steindóttir uns auch am Leben der einzelnen Geschwister teilhaben. Zeigt, wie dicht die persönlichen Lebensgeschichten miteinander verwoben sind, wie wichtig die Geschwister füreinander werden, welche Rolle sie füreinander spielen. Das alles lässt diesen Roman zu einem einzigartigen Familiendrama werden, das sich vor einer lebendig beschriebenen Kulisse Islands abspielt. Aus diesem Grund schenke ich Steindóttir 4 von 5 verzweifelten Flügelschlägen!

Für das Rezensionsexemplar bedanke ich mich herzlich bei Blogg dein Buch und dem C.H.Beck Verlag

Hier könnt ihr das Buch bestellen…

2 Kommentare zu „Der Vogel der Seele…

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