Der Sprung auf einen Zirkus…

lesenslust über „Wasser für die Elefanten“ von Sara Gruen

~*Die Story*~

Jacob Jankowski ist mit seinen 93 Jahren in die Jahre gekommen. Seine Haut ist zerfurcht und faltig, sein Gang holprig und unbeholfen. Auf die Menschen macht er mittlerweile einen verstörten und nahezu unbeholfenen Eindruck. Doch seine Gedanken sind klar, klarer als irgendwer vermutet. So führen sie ihn nicht allzu selten zu seinen „Glanzzeiten“ zurück, in denen er sich wiegt und in den Erinnerungen schwelgt.

70 Jahre zurück in der Vergangenheit: Jakob ist jung und steht kurz vor seinem Abschluss als Veterinärmediziner an der Elite-Universität Cornell. Schon bald soll er die Tierarzt-Praxis seines Vaters übernehmen und in seine Fußstapfen treten. Eigentlich.

Denn wie sooft kommt alles anders. Jacobs Eltern verunglücken bei einem Autounfall tödlich und der junge Jacob steht vor den Trümmern ihres bescheidenen Lebens. Kurz vor seiner Abschlussprüfung sieht Jacob rot. Der Tod seiner Eltern reißt ihn völlig aus den Bahnen, er verheddert sich in Melancholie und Trauer. Also sieht er nur einen Ausweg: er muss weg.

Er springt bei völliger Dunkelheit auf einen vorbeifahrenden Zug ohne zu bemerken, dass er dabei das Ticket zu einem ganz anderen und ganz eigenem Leben zieht: dem Leben beim Zirkus. Denn der Zug ist kein Güterwagen sondern „Benzinis spektakulärste Show der Welt“. Onkel Als rollender Wanderzirkus, der mithilfe einer Eisenbahn von Ort zu Ort tuckert um die Menschen an den unterschiedlichsten Orten der Welt zu unterhalten.

Hier begegnet Jakob nicht nur einer Menge von beeindruckenden Menschen und Tieren sondern auch der Liebe seines Lebens:
Marlena – Kunstreiterin, Juwel der Show und Ehefrau des schizophrenen Dompteurs August.

Eine Begegnung, die nicht nur ohne Folgen bleiben sondern auch Auslöser für eine Tragödie werden soll…

~*Meine Meinung*~

Sara Gruens Stil ist vielseitig. Während sie das Wesen von Tieren und Menschen einfühlsam und liebevoll beschreibt nennt sie andere brutale Dinge oft beim Namen: ihre Beschreibung ist unverblühmt und von derart authentischem Maße, dass man meinen könnte, man stehe direkt daneben.
Diese Mischung verschafft dem Stil eine einzigartige und besondere Note. Sie macht ihn mitreissend und lässt die Spannung nicht weichen. Wir reisen mit, auf Jakobs Reise mit „Benzinis spektakulärster Show“. All die Details, die uns während der Geschichte begegnen setzen sich ganz unbemerkt in unserer Erinnerung fest und ermöglichen es so, dass man der Geschichte voll & ganz folgen kann.

Die Autorin entschied sich für einen stetigen Zeitenwechsel innerhalb des Buches. So ermöglicht sie dem Leser an Jakobs Leben zu unterschiedlichen Zeitpunkten teilzuhaben.
Wir begegnen ihm mit 93 Jahren – alt und „scheinbar verdattert“ in einem Altenheim sitzend, wo er auf sein bisheriges Leben wehmütig zurückblickt und über die Ausweglosigkeit seines Alltags verzweifelt. Ich wirkte an mancher Stelle ziemlich schockiert und mir wurde zunehmend bewusster dass meine Wahrnehmung von älteren Menschen, die ich bisher hatte vielleicht nicht richtig war und ich fast schon eine unfaire Haltung ihnen gegenüber hatte. Sara Gruen zeigte mir nicht nur die Welt von älteren Menschen in unserer Gesellschaft heute, sondern auch die Welt, in die auch ich irgendwann später eintrete. Sie ist manchmal erschreckender und auswegloser, als sie uns jungen Menschen oft erscheint. Vieles ist nicht so wie es auf den ersten Blick erscheint. Ältere Menschen sind oft klarer im Kopf, als man denkt. Dieser Einblick hat mich sehr nachdenklich gemacht und lässt mich über einige Dinge nun ganz anders denken.

Bevor Jakob zu Onkel Al´s Zirkus kommt ist er noch unreif. Mit seinen jungen 23 Jahren hat er kaum eine Vorstellung vom Leben, geschweige denn von Sex, der Liebe oder seinen Bedürfnissen. Wir dürfen ihm bei seinem Reifeprozess beobachten und sehen wie aus dem Jungen ein stattlicher Mann heranwächst. Die Begegnung mit Marlena, der Kunstreiterin, wird für Jakob von besonderer Bedeutung, weil er irgendwann bemerkt, dass er von ihr nicht nur fasziniert ist sondern sich in sie verliebt hat. Ihr schizophrener Ehemann, der Dompteur der Show ist eine gewaltige Erscheinung, die nicht nur Marlena sondern auch den Leser mit all seinen Fazetten zu täuschen weiß. Während er auf der einen Seite Prinz Charming spielt, kommt sein anderes Ich Stück für Stück zum Vorschein. Das harte und brutale Wesen, das oft nicht die nötige Grenze seiner Handlungen erkennt nimmt irgendwann Überhand und schockiert mich zutiefst.

Zudem bekommt der Leser einen sehr guten Eindruck von den Besonderheiten innerhalb eines Zirkusses. Es geht dabei nicht nur um die Abläufe hinter der Menagerie oder dem Alltag der Zirkusbewohner und seinen Tieren sondern auch um den Unterschied der verschiedenen Menschengruppen innerhalb des Zirkusses. Wie auch unsere Gesellschaft von verschiedenen Schichten geprägt ist, werden innerhalb des Zirkusvolks krasse Unterschiede gesetzt. Während der Eine sich in seinem eigenen Privatwaggon ein Glas edlen Whiskey gönnt kann der Andere wiederum sich schon glücklich schätzen, wenn er im Stall bei den Tieren schlafen darf.

Die Geschichte erzählt uns viele kleine Geschichten, die sich wie einzelne Puzzleteile zusammensetzen und irgendwann ein großes Ganzes ergeben. Die Schicksale einiger Zirkusbewohner treffen den Leser oft wie ein Schlag ins Gesicht. Aufgrund der Vielseitigkeit der Geschichte, ist die Liebe, die zwischen Jakob und Marlena irgendwann entflammt zwar Kernpunkt der Geschichte, welcher sich wie ein roter Faden durchs Buch zieht, jedoch wird er stets von vielen nicht unwichtigen Geschichten anderer Protagonisten begleitet.

Sicherlich weiß man schon zu Beginn, dass Jakob und Marlena füreinander bestimmt sind, all die anderen Wendungen und Verläufe sind jedoch nicht vorhersehbar und lassen die Spannung immer wieder aufs Neue steigen. Sara Gruen schenkte mir ein paar sehr unterhaltende Stunden – vielen Dank dafür!

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