Herzklopfen hören…

lesenslust über „Jan-Phillip Sendker – Das Herzenhören“

Wir sehen nur mit dem Herzen gut,
das Wesentliche ist für die Augen unsichtbar.

Antoine de Saint-Exupéry

Julia Wins Familie schien immer eher unauffällig aber harmonisch. Ihr Vater Tin Win, der damals als birmanischer Student in die USA kam durchlief eine steile Karriere und hatte sich bald schon als Anwalt einen guten Namen gemacht. Die Beziehung ihrer Eltern schien ihr immer harmonisch und vertraut.
Doch plötzlich ist alles anders…

Denn seit dem plötzlichen Verschwinden ihres Vaters vor 4 Jahren ist Julia zutiefst enttäuscht und verstört. Die ganze Sache scheint ihr so völlig untypisch für ihren Vater, der sonst so strukturiert und durchgeplant war.
Sie versteht nicht, wie er ohne ein wirkliches Wort des Abschieds, einen Grund oder einer Entschuldigung sich aus dem gemeinsamen Leben stehlen konnte. Auch für ihre Mutter scheint die ganze Sache völlig plötzlich und unerwartet…oder schien ihr das bisher nur so? Hat ihre Mutter ihr wichtige Details aus dem gemeinsamen Leben der Eltern verschwiegen?
Eines Tages lässt ihre Mutter ihr ein Päckchen mit persönlichen Dingen ihres Vaters zukommen. In ihm findet Julia einen vierzig Jahre alten Liebesbrief, mit der Handschrift ihres Vaters, gerichtet an eine Frau in Birma. Was verbirgt sich hinter diesen Zeilen? Kommt sie so den Geheimnissen um ihren Vaters ein Stückchen näher?

Julia entschließt sich zu einer Reise nach Birma. Ihr Weg führt sie nach Kalaw, einem birmanischen Bergnest in Südostasien. Dort hofft sie auf den Ursprung des plötzlichen Verschwindens ihres Vaters zu stoßen. Doch wo soll sie mit ihrer Suche beginnen?

In Birma scheint ihr alles fremd. Das Licht, die Gerüche & vor allem die Menschen. Ihr freundliches Lächeln verunsichert Julia – warum scheint ihr es so, als würden sie alle kennen und dass man auf ihre Ankunft längst gewartet hätte?

In einem Teehaus begegnet sie einem alten Mann. Voller Misstrauen möchte sie sich von ihm abwenden. Doch seine Augen und seine Stimme scheinen ihr so warm und vertraut. Er behauptet, ihren Vater zu kennen und beginnt mit einer Geschichte aus der Vergangenheit, aus längst vergangenen Tagen ihres Vaters…
Doch kann es die Geschichte ihres Vaters sein? Die Geschichte von der Macht der Sterne, der Macht des Glaubens, von Wundern, buddhistischen Weisheiten und bedingungsloser Liebe?

Plötzlich scheint es Julia, als würde sie ihrem Vater Stück für Stück ein bisschen näher kommen…sie kann ihn hören, sie kann ihn spüren.

Er scheint ihr näher als jemals zuvor in ihrem Leben…

Auszug aus dem Buch:

„Ist da jemand?“ flüsterte er.
„Ja. Direkt vor deinen Füßen. Gleich fällst du über mich.“
Es war die Stimme eines Mädchens. Sie war ihm nicht vertraut. Er versuchte vergeblich, sie sich vorzustellen.
„Wer bist du? Wie heißt du?“
„Mi Mi.“
„Hörst du es klopfen?“
„Nein.“
„Es muss hier irgendwo sein.“ Tin Win kniete sich hin. Nun war es fast direkt neben seinem Ohr. „Ich höre es immer klarer. Es ist ein leises Pochen. Hörst du es wirklich nicht?“
„Nein.“
„Mach die Augen zu.“
Mi Mi schloss die Augen. “Nichts“, sagte sie und lachte. Tin Win beugte sich vor und fühlte ihren Atem in seinem Gesicht.
„Ich glaube, es kommt von dir.“ Er kroch noch näher an sie heran und hielt seinen Kopf direkt vor ihre Brust.
Da war es. Ihr Herzschlag.
Sein eigenes Herz begann zu rasen. Er ahnte, dass er etwas hörte, dass sich ihm etwas offenbarte, was er eigentlich nicht wissen durfte. Er bekam es mit der Angst zu tun, bis sie ihre Hand auf seine Wange legte. Er spürte, wie die Wärme durch seinen Körper floss, und wünschte, dass diese Hand ihn nie wieder loslassen sollte. Er hockte sich aufrecht hin.
„Dein Herz, ich höre dein Herz schlagen.“

~**~Mein Fazit~**~

Es handelt sich bei diesem Buch um ein Geschenk. Denn ich muss zugeben, sonst hätte ich mir es wahrscheinlich nie gekauft. Liebesgeschichten lese ich zwar recht gerne, ich begebe mich jedoch aber nie bewusst auf die Suche nach ihnen. Die wenigen, die ich bisher gelesen habe, waren entweder Geschenke oder sind mir bei einem Streifzug durch die Buchhandlung zufällig ins Auge gefallen. Bei Liebesgeschichten befindet man sich oft auf einem schmalen Grad zwischen Kitsch & Schnulz und den wahren gefühlvollen Geschichten, die einem wirklich ans Herz gehen. Erstere hasse ich, zweitere liebe ich. Dieses Buch reiht sich ohne Zweifel zu den Büchern zweiter Kategorie in mein Bücherregal.
Im ersten Moment begegnet man in diesem Buch der Geschichte des verschwundenen Familienvaters. Um die Tragik und die Verzweiflung eines geliebten Menschens, der auf einmal völlig aus dem Leben der Familie Win verschwunden ist.

Dann erlebt man die Situation Julias, wie sie als ein Besucher aus den USA plötzlich einem ihr unbekannten Land begegnet, dem birmanischen Land. Mit all seinen fremden Gerüchen, Licht- und Temperaturverhältnissen, den Menschen und ihrer völlig anderen Mentalität und den oft sehr erschreckenden Verhältnissen in Armut, aber stets voller Lebensfreude.
Neben der ihn prägenden stetsbegleiteten Liebesgeschichte ihres Vaters aus seinen Jugendjahren begegnet man zudem noch einem völlig unerwarteten Zustand seiner Vergangenheit: dem Blindsein.
Ohne der Geschichte und dem Zauber der Worte vorwegzugreifen kann ich euch hier nur meine Begeisterung über diesen kurzen Ausflug in das birmanische Land andeuten.
Ich habe selten so eine energie- und spannungsgeladene und zugleich gefühlvolle Wortgewandtheit bei einem Autor feststellen können. Die Geschichte reißt einen mit, wie ein Sog der einen in den Strudel des Lebens zieht. Durch buddhistische Lebensweisheiten und bildhafte Umschreibungen kann man sehr gut erahnen, wie sich die Mentalität der Birmanen darstellt und auch das Land scheint einem auf einmal nicht mehr so fremd. Ich kann mir gut vorstellen, dass eine Reise dorthin einen derart verzaubern kann, wie ich es in Jan-Phillip Sendkers Worten herauslesen konnte.

Eine klare, gefühlvolle Leseempfehlung!

Ein Kommentar zu „Herzklopfen hören…

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