Abstimmung: Lovelybooks Leserpreis 2014..

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Hallo ihr Lieben,

endlich ist es soweit: die Finalisten für den Lovelybooks Leserpreis 2014 stehen fest!

In den letzten zwei Wochen habt ihr mehr als 4.500 Bücher und Autoren für den begehrten Preis nominiert. Nun liegt es an euch, in 16 Kategorien für die besten der Besten abzustimmen.

In jeder der 16 Kategorien kannst du unter 35 Büchern und Autoren wählen und mit deiner Stimme deinen Favoriten unterstützen.

Die Abstimmungsphase läuft bis 27. November.

Am 28. November gibt Lovelybooks dann die Preisträger in den einzelnen Kategorien bekannt – ob auch eins deiner Lieblingsbücher den begehrten Preis ergattert?

Unter anderem sind folgende Bücher nominiert:

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Welche Bücher es noch auf die Shortlists geschafft haben, siehst du hier…

Stimme jetzt ab & unterstütze deine Favouriten!

Viel Spaß

wünscht Steffi.

Gebrochene Seelen..

lesenlust über “Wir haben Raketen geangelt” von Karen Köhler image

“Wollt ihr Geschichten, die euch wärmen in kalten, kalten Nächten? Wollt ihr nochmal Indianer sein? Wollt ihr Raketen? Ja, hier! Hier! Hier!”

Saša Stanišić

Es ist eine Welt voller Emotionen, in die ich mit Karen Köhler eintauche. Während wir sanft und behutsam durchs Wasser gleiten, tanzen über uns die Wellen, laut und heftig. Auf ungewohnt leichtfüßige Art und Weise erzählt mir die Karen Köhler in ihrem Debüt neun Geschichten voller Trauer und Schmerz. Jede einzelne offenbart eine dramatische Lebensgeschichte.
Es sind allesamt Geschichten von gebrochenen Seelen: Lebenswege von Frauen, in denen Liebe, Schmerz und Verlust eine große Rolle spielen. Köhlers Geschichten sind einzigartig und berühren. Und obwohl jede Geschichte für sich alleine steht, scheinen ihre Protagonisten eines gemeinsam zu haben: den Wunsch nach Seelenfrieden.

“Wir fahren mit Wind in den Fenstern. Wir fahren mit Musik in den Ohren. Wir sind zwei Delphine im Wasser. Einer davon ist fast blind. Wir könnten Helden sein. Nur für einen Tag. Ich, ich wäre der König. Und du, du wärst die Königin.”

Zitat, Seite 80

Es sind kleine Universen, die in Köhlers “Wir haben Raketen geangelt” zerbrechen. Universen von Frauen, die Phasen von Einsamkeit, Wut, Trauer und Verlust durchleben. Köhlers Zeilen sprühen dabei vor Intensität und sprachlicher Finesse.

Trotz ihrer Schwere gelingt es Köhler ihren Erzählungen einen aufgeschlossenen und leichtfüßigen Charme zu verleihen. Sie schenkt ihren Zeilen Intensität und Lebendigkeit. Während des Lesens scheint sich Zeit und Raum zu verlieren. Man wird eins mit den Geschichten, ein Wegbegleiter der Protagonisten und reist mit ihnen um den gesamten Globus.

So machen wir die ungewöhnlichsten Entdeckungen und lauschen unserem Innersten. Dabei angeln wir Raketen, begegnen einem Indianer in der Wüste, beherbergen schwarze Tränen in unserer Hosentasche, verspüren Geruchs-Fata-Morganas und erleben in einem abgelegenen Hochstand im dunklen Wald einen Jahrhundertherbst. Wir finden heraus, was Armut und Einsamkeit tatsächlich bedeutet und wie gut es uns allen tatsächlich geht.

“Ich weiß, dass das hier eine Scheißwüste ist, in der ich gestrandet bin, und ich weiß, dass da eben jemand war, mit Federhaube, der mir zu trinken gab und eine Träne von Mutter Erde. Weil ich aber nicht weiß, wie dieser Traum weitergeht, stecke ich das Steinchen in meine Hosentasche und warte.”

Zitat, Seite 39

Auf die einzelnen Erzählungen aus “Wir haben Raketen geangelt” möchte ich ungern eingehen, weil ich glaube, dass ihre Magie unter anderem vom Überraschungseffekt ausgeht und ich dieses berauschende Erlebnis niemandem vorwegnehmen möchte. Sicher ist, dass dieser Erzählband etwas ganz Besonderes für mich ist und es einen Ehrenplatz in meinem Bücherregal bekommen wird. Eigentlich bin ich für Kurzgeschichten überhaupt nicht zu haben. Oft bin ich enttäuscht, wenn großartige Geschichten bereits nach wenigen Zeilen schon wieder enden. Oft springt erst gar nicht der Funke über. Köhlers Erzählungen sind anders. Sie besitzen etwas Besonderes. Sie umschmeicheln mich. Lassen mich sehnsuchtsvoll die nächste Seite umblättern und stimmen mich nachdenklich. Ich kann mir nur schwer vorstellen, dass jemand sich diesem magischen Sog, der von Köhlers Geschichten ausgeht, entziehen kann.

Die liebevolle Illustration des Buches, sowohl Einband, als auch die passende Zeichnung am Beginn jeder Geschichte, setzen dem Buch die verdiente Krone auf. Auch sie stammen von der Autorin. Ich liebe dieses Buch und freue mich schon auf eine erneute Begegnung und hoffe auf ein baldiges Nachfolgewerk.

“Ich weiß, ich schulde dir alles. Eine Erklärung. Eine Antwort. Ein Leben vielleicht.”

Zitat, Seite 91

“Ich möchte etwas sagen, irgendetwas, aber ich bin leer, mir fällt nichts ein, nichts, was nicht belanglos wäre. Die Zeit wird dick und ich unter ihrem Gewicht ganz krumm. Mit jedem Augenblick, der verstreicht, wird das Schweigen zwischen uns größer, und die Möglichkeit, es zu überwinden, schrumpft zu einem sehr überschaubaren Häufchen.”

Zitat, Seite 150

<3 <3 <3 <3 <3

   

Lovelybooks Leserpreis 2014..

Lovelybooks

Ihr Lieben,

das Jahr neigt sich dem Ende entgegen. Und wieder ist es einigen AutorINNen und Verlagen gelungen, uns mit so mancher Geschichte ein Lächeln auf die Lippen zu zaubern.

LovelyBooks verleiht auch in diesem Jahr wieder den Leserpreis – einer der größten Auszeichnungen von Lesern für Leser im deutschen Raum.

Schon seit 2009 schenkt Lovelybooks mit dieser Auszeichnung AutorINNen, Büchern und ihren Verlagen besondere Anerkennung und die Beteiligung am Voting steigt jährlich.

Hier hat jeder Leser die Möglichkeit für seinen persönlichen Liebling 2014 zu stimmen und schenkt ihm damit noch ein bisschen mehr Aufmerksamkeit als sonst.

Wie genau läuft das?

Nominiert werden dürfen alle Bücher, die im Zeitraum vom 01.12.2013 bis 31.10. 2014 erschienen sind.

In jeder Kategorie darf jeweils ein Buch vorgeschlagen werden.

Die Nominierungsphase läuft zwei Wochen und endet am 19.11.2014.

Danach werden in jeder Kategorie die 35 meist gewählten Bücher herausgepickt und zu einer erneuten Abstimmung freigegeben, die dann bis zum 27.11.2014 läuft.

Am 28.11.2014 gibt Lovelybooks dann die Ergebnisse bekannt und vergibt die ersten drei Plätze in jeder Kategorie.

Nominierung
Screenshot: Auswahl der Bücher/ Kategorie Roman

Na, weißt du schon, welchem Buch du deine Nominierung schenkst? Gab es 2014 für dich ein besonderes Buch, das die Auszeichnung ganz besonder verdient hat?

Na dann nichts wie hin, zur Nominierung..

Viel Spaß wünscht euch

die Steffi

#bookupDE – ein Abend bei #arsedition..

 

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Hallo ihr Lieben,

gestern durfte ich Teil eines Bookup’s sein. Es fand im Verlagshaus von ars Edition im schönen Münchner Stadtteil Schwabing statt und war für mich die erste Veranstaltung dieser Art. Da mir die Bezeichnung des Events bis zum Beginn zugegeben selbst noch nicht ganz klar war, möchte ich auch euch nicht im Regen stehen lassen und das Wort an sich vorab kurz erklären.

Was genau isses denn, dieses ominöse Bookup?

Bookup ist eine Wortschöpfung aus book und meet up = sich treffen (ähnlich wie Tweetup). Im Allgemeinen versteht man unter einem Bookup also ein Treffen von buchbegeisterten Menschen, die auf unmittelbare Weise mit Büchern zu tun haben (z.B. Verlagsmitarbeiter, Buchhändler, Buchblogger oder leidenschaftliche Leser) und sich anlässlich einer bestimmten Veranstaltung treffen. Ort des Geschehens können Buchhandlungen, Verlagshäuser oder Bibliotheken sein.

Sinn und Zweck dieser Veranstaltung ist es, bei Führungen durch die oben besagten Räumlichkeiten einen Blick hinter die Kulissen werfen zu können, neue Programme und Projekte kennenzulernen und sich mit literaturbegeisterten Menschen darüber rege auszutauschen. Im Gegensatz zu anderen Veranstaltungen ist das Handy bzw. die Kamera während der Veranstaltung ein gern gesehener Gast und das begleitende bzw. anschließende Posten von Eindrücken über die diversen Kanäle (Twitter, Facebook, Instagram, Vine, eigener Blog…) ausdrücklich erwünscht.

Durch den verwendeten Hashtag (#bookupDE) lassen sich Bookups später beispielsweise auch auf Storify wiedergeben. Wie dass dann aussieht, seht ihr beispielsweise bei Stefanie Leo’s (aka Buecherkinder) wundervollem Beitrag zur gestrigen Veranstaltung.

Kurz und knackig – der Verlag ars Edition..

  • ars Edition ist ein renommierter Kinder-, Jugend- und Geschenkbuchverlag im Herzen von München-Schwabing
  • gegründet wurde ars Edition 1896, damals unter dem Namen ars sacra Josef Müller Kunstanstalten
  • anfangs veröffentlichte der Verlag religiöse Druckgrafiken und Gebetbücher, später auch theologische Bücher
  • gehört seit September 2000 zur international tätigen Bonnier-Gruppe mit Sitz in Stockholm
  • zum Profil des beliebten Publikumsverlages tragen namhafte Autoren und Illustratoren bei (u.a. Ida Bohatta, Maria Innocentia Hummel, Alexander Holzach)
  • Bekanntheit erlangte der Verlag in den 1990er Jahren durch die Buchserie Das magische Auge
  • seit Sommer 2012 wird das Verlagsprogramm um die Bloomsbury Kinder- & Jugendbücher ergänzt
  • im Januar 2013 startete bloomoon, das Jugendliteratur-Imprint des Verlags arsEdition.
  • das Geschenkbuch bei ars Edition steht dabei in einer langen Tradition
  • Homepage: http://www.arsedition.de
  • die myNOTES Notizbücher: http://mynotes.arsedition.de
  • ars Edition bei Facebook: https://www.facebook.com/arsEditionVerlag

 

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Aber denn mal zum eigentlichen Geschehen, dem Bookup bei Ars Edition am 21. Oktober 2014..

Bilder sagen oft mehr als tausend Worte. Aus diesem Grund möchte ich gar nicht groß um den heißen Brei herumreden und im Großen und Ganzen meine Bilder des Abends für sich sprechen lassen. Ich hoffe, dass es mir gelungen ist, zumindest auf dem ein oder anderen Bild die großartige Atmosphäre der gestrigen Veranstaltungen eingefangen zu haben. Ich bedanke mich auf diesem Weg noch einmal bei allen Beteiligten des gestrigen Abends (ganz besonders bei all den lieben Menschen vom Ars Edition Verlag und dem Häschen-Papa Alexander Holzach), die den Abend zu etwas ganz Besonderem gemacht haben.

Ich freue mich, über die #bookupDE Veranstaltung bei Facebook gestolpert zu sein und die Möglichkeit bekommen zu haben, daran teilzunehmen. Es wird sicherlich nicht mein letztes Bookup gewesen sein, da bin ich mir sicher… ;-)

Let the show beginn…

 

 

 

 

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…das Beste zum Schluss – Wortfetzen zwischen Alexander Holzach und Julia – ein Auszug:

Was soll ich dir zeichnen?

Mhmm…

(…)

Was bist du für ein Sternzeichen?

Jungfrau – oh ja, mal mir ne Jungfrau..

(…)

Eine Jungfrau..

Okay…ich mal dir nen Hasen..

(…)

Einen jungfräulichen Hasen..

 

Seelenstriptease..

lesenslust über “Das hat alles nichts mit mir zu tun” von Monica Sabolo

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Monica hat einen neuen Kollegen. XX ist gutaussehend, erfolgreich und vorallem von der Sorte unverbindlich. Auf den ersten Blick erscheint er Monica als idealer Partner. Während sich die ersten Annäherungsversuche auf das Füßeln unter dem gemeinsamen Schreibtisch und gemeinsame ‘Freaks & Geeks’ TV-Abende beschränkt, sitzt sie bereits wenige Trips auf seiner feuerroten Vespa und einer spärlichen Anzahl heißer Nächte später vor einer gescheiterten Beziehung. Monica kann sich die unglückliche Entwicklung nicht erklären und will das Ende der XX-Ära nicht einfach so akzeptieren.  Mit Feuereifer geht sie dem unglücklichen Beziehungsverlauf auf den Grund.

In zahlreichen Sms mit XX, bei Wahrsagern und im Austausch mit toten Schriftstellern sucht sie nach einer einleuchtenden Erklärung für das Beziehungsende. Auch etlige weinselige Abende später ist sie nicht klüger als zuvor, weshalb sie beginnt, in ihrer Kindheit und den frühen Beziehungsgeschichten ihrer Mutter nach einer Erklärung für ihr Scheitern zu suchen. Irgendwie muss sich die Sache ja erklären lassen.

Zu Monicas Bedauern steht XX der ganzen Sache ziemlich entspannt gegenüber, schließlich ist er sich sicher: “das alles nichts mit mir zu tun”. Und einen neuen Sozius für die gemeinsamen Trips auf seiner knallroten Vespa hat er schließlich längst gefunden…

„In der Fantasie sind die Dinge viel bezaubernder als in der Wirklichkeit.“

Zitat, Seite 106

 Monica Sabolo offenbart uns in ihrem Buch ein kunterbuntes Sammelsurium von Erinnerungsstücken. Es sind Überbleibsel aus Liebesbeziehungen, Auszüge aus Tagebüchern, Zeilen aus Sms und Emails, Fotos, wilde Notizen und Erzählungen von Begegnungen aus dem Leben der Autorin selbst. Der Roman, der nicht ohne Grund den Zusatz ‘Liebesinventur’ trägt, begegnet dem Leser als ein sehr buntes, innovatives und experimentierfreudiges Werk. Die Autorin selbst bezeichnet es als eine Art Seelenstriptease. Allerdings bleiben die autobiographischen Zeilen der Autorin leider nur bedingt tiefgründig und sind einer wirklichen Offenbarung ihrer Seele noch weit entfernt.

Durch die Abschnitte „Von der Blindheit“, „Die Vorgeschichte“ und „Vom Absturz“ ordnet die Autorin ihre Erinnerungsstücke bewusst bestimmten Episoden ihres Lebens zu und ermöglicht dem Leser so, die Entwicklung des Ganzen besser zu verstehen. Die anfängliche Fehleinschätzung von Monica hinsichtlich rosaroter Brille bzw. einer akuten Liebesblindheit, nahm ich im Verlauf der Geschichte zurück, weil mir eigentlich schnell klar wurde, dass ihr Verhalten nicht dem Verhalten einer normalen unglücklich Verliebten gleichzusetzen ist und viel mehr dahinter steckt als man anfangs vermutet.

“Diesen ersten Teil widmen wir dem Wunder der Liebesblindheit. Wir werden sehen, wie diese Krankheit schonungslos über den Menschen hereinbricht, während er, arglos noch und selbstsicher, durchs Leben geht. Aus wissenschaftlicher Warte ist es wichtig, wenn nicht sogar ergreifend, die Vorboten der Katastrophe zu enthüllen, jene Fingerzeige, die aufleuchten wie mit flammenden Buchstaben verfasste Warnungen und die jeder Liebende in den Wind schlägt, während er unschuldig lächelt wie ein Kind, das an den Opferstein geführt wird.”

Zitat, Seite 9

Die Geschichte zwischen Monica und XX scheint dabei nur ein kleiner Teil von Sabolos Erfahrungen zu sein. Die gescheiterte Beziehung zu ihrem Kollegen erscheint mir vielmehr als der nötige Anstoß zu der Verarbeitung viel größerer Probleme aus ihrer Vergangenheit, nämlich der Aufarbeitung ihres insgesamt unglücklichen Liebeslebens und ihrer Beziehung zu den Partnern ihrer Mutter. Die unglücklichen Erfahrungen, das ruhelose Wesen und der strauchelnde Lebensweg der Mutter hat offensichtlich so manche Wunde bei der Tochter hinterlassen und Monicas Persönlichkeit sehr geprägt.

Auch wenn die Autorin sehr viel Einblick in ihr Privatleben gibt und den Leser an intimen Gedanken teilhaben lässt, bleibt die viel interessantere Offenbarung für den Leser im Verborgenen. Sabolo, die im Umgang mit Männern scheinbar nicht viel Positives erfahren konnte und zudem Opfer eines Missbrauch wurde, kratzt lediglich an der Oberfläche eines für sie sehr prägenden und schmerzhaften Erlebnisses. Der Leser kann lediglich erahnen, welchen Schaden dieses Erlebnis im Gefühlskarussel der Autorin hinterlassen hat. Wirklich greifbar wird es für den Leser leider nicht. Sabolo schlarwenzelt für meinen Geschmack viel zu sehr, wenn auch auf geschickte Art und Weise, um das tiefgründigere und interessantere Thema herum, indem sie ihre schlechten Erfahrungen mit Überspitzheit und Humor durch den Kakao zieht. Offensichtlich ist jedoch, dass das Schreiben dieses Buches für Sabolo eine Art Befreiungsakt war. Ein Vorgang, durch den die Autorin sich scheinbar ihre Trauer, Wut und Enttäuschung von der Seele schreiben konnte und diese Gefühle dem Leser während dem Leser auch nicht verborgen bleiben.

“Wie eine Luftblase, die sachte, ganz sachte, vom Meeresgrund aufsteigt, brachen sich plötzlich Bilder einer lange verdrängten Routine Bahn. Mit einem Plopp so sanft und still wie der Tod erschien in der Dunkelheit vor ihren Augen auf einmal ein hell leuchtendes Aquarium, Fische glitten zwischen den Algen hin und her und die Hand von Yves S. unter ihr Nachthemd.”

Zitat, Seite 132

Das Ende ist derart abrupt, dass es mich unbefriedigt zurücklässt, weshalb mir selbst die Illusion auf ein seeliges Ende genommen wurde.

<3 <3 <3

Vernebelte Geschäfte..

lesenslust über “Das Haus der vergessenen Bücher” von Christopher Morley

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Parnassus

R. und H. Mifflin

Bücherfreunde willkommen!

In diesem Geschäft spukt es

Zitat, Seite 8

New York, im Jahre 1919. Ausgerechnet in einem alten, von Rauchschwaden vernebelten Antiquariat Brooklyns fängt Aubrey Gilbert, weltoffener aber literaturfremder Werbetexter, Feuer.

Doch nicht die mit Weltliteratur angereicherten Gänge des Parnassus, die dem Besitz von Roger Mifflin, einem leidenschaftlichen Bibliomanen, zuzuordnen sind, sorgen für Aubreys Entzücken, sondern vielmehr die neue und adrette Hilfskraft des Ladens, Titania Chapman.

Als sich Aubreys Besuche im Laden häufen, bekommt er Wind vom mysteriösen Verschwinden eines scheinbar alten Buches. Und ehe er sich versieht, stolpert er in einen Spionagefall per excellence.

Wer hätte gedacht, dass Mifflins versteckte und unscheinbare Oase für geistig unterernährte Literaturliebhaber schon bald zum Dreh- und Angelpunkt eines riesigen  Komplotts wird?

“Das Leben in einer Buchhandlung ist wie das Leben in einem Munitionslager. Diese Regale sind angefüllt mit dem gefährlichsten Sprengstoff der Welt – dem menschlichen Geist.”

Zitat, Seite 21

Das Antiquariat Parnassus in der Gissing Street ist eine Oase für literaturverliebte und texthungrige Menschen aus allen Ländern. Hier trifft der Besucher gemeinsam mit Aubrey auf Roger Mifflin, der neben seiner patenten Ehefrau und seinem Hund Bock (was die Kurzform für Boccacio ist) mit außerordentlicher Freude Wunschlektüren aufzuspüren vermag.

“Bücher sind die Reservoirs des menschlichen Geistes.”

Zitat, Seite 49

Hier wird der Bücherliebhaber so lange sich selbst überlassen, wie er es benötigt, um ungestört in den mit Weltliteratur bestückten Regalen zu stöbern und sich vom Rausch der spukenden Buchhandlung betören zu lassen. Das Rauchen ist während des Besuchs gestattet und gemütliche Sitzgelegenheiten gibt es in Hülle und Fülle.

Durch diesen Ort ist Christopher Morley, dem Autor des Romans, ein bezaubernder Schauplatz für diese Geschichte gelungen. Mit lebendigen und detailvollen Beschreibungen schafft er eine charmante und höchst reizvolle Atmosphäre für Buchliebhaber, die sich während der Geschichte auf vertrautem Terrain bewegen.

Der Schreibstil des Autors hat neben den Beschreibungen des Ladens jedoch für etwas Irritation auf meiner Seite gesorgt, was wohl oder übel den hochtrabenden und altmodischen Zeilen des Buchhändlers zuzuschreiben ist. Auch wenn die Niederschrift von Mifflins Gedanken und Dialogen gut zur Epoche des Buches passt und somit für Authentizität sorgt, komme ich nicht umhin, sie als meine persönliche Stolperstelle anzusehen. Denn leider entfalteten sich so nicht alle Gedankengänge des Antiquars in voller Blüte.

“Bücher enthalten die Gedanken und Träume der Menschen, ihre Hoffnungen, ihr Streben, alles, was an ihnen unsterblich ist. Aus Büchern lernen die meisten von uns, wie lebenswert das Leben doch ist.”

Zitat, Seite 116

Die Geschichte ist mit einer Fülle an philosophischen Zeilen angereichert, deren magische Anziehungskraft du dich nicht verwehren kannst. In der Buchhandlung selbst spukt es zu meinem Bedauern leider weniger als vermutet. Lediglich das mysteriöse Verschwinden eines Buches sorgt für Aufregung bei allen Beteiligten. Aubrey, ein literaturfremder Jungspund, der Mifflin eigentlich zu Werbemaßnahmen des Buchladens animieren will, macht es sich nun ganz unbewusst zur Aufgabe, diesem mysteriösen Verschwinden nachzugehen.

Bei seiner auffällig unauffälligen Herangehensweise a la Sherlock Holmes hat er schnell die Aufmerksamkeit der Diebe auf sich gelenkt und muss schon bald für das Wohlergehen von Miss Chapman harte Maßnahmen ergreifen. Bei einer rasanten Verfolgungsjagd entdeckt der Leser, dass nichts so ist, wie es zunächst scheint. Auch wenn der Verlauf der Geschichte dir nicht durchweg den Atem raubt, sorgt Morleys Werk für unterhaltsame und höchst vernebelte Stunden.

“Das Schöne am Buchhandel ist, dass man kein Literaturkritiker sein muss. Alles, was man braucht, ist die Freude am Buch.”

Zitat, Seite 104

<3 <3 <3 <3

Ein unvergessliches Leben..

 

lesenslust über “Einfach unvergesslich” von Rowan Coleman

image“Alzheimerdemenz oder AD – ziemlich passender Spitzname eigentlich, wenn man bedenkt, dass wir Betroffenen alle Stück für Stück Ade! sagen”

Zitat, Seite 80

Claire ist Anfang vierzig, Mutter von zwei Kindern, glücklich verheiratet und leidenschaftliche Lehrerin. Als sie in regelmäßigen Abständen wesentliche Dinge aus ihrem Leben vergisst, ist sie beunruhigt. Die Diagnose vom Arzt: frühmanifestierte Alzheimerdemenz. Ein Schicksalsschlag, der Claire schlagartig den Boden unter den Füßen wegzieht.

Sie ist sich sicher, dass sie die Krankheit und den Prozess des Gedächtnisverlustes mit genügend Konzentration kontrollieren kann. Doch als ihr eines Tages die grundlegensten Dinge entfallen, gerät sie ins Taumeln. Plötzlich weiß sie weder den Namen ihrer jüngsten Tochter, noch wo sie wohnt. Ihren Mann hält sie für einen Fremden und beim Spaziergang durch die Nachbarschaft verliert sie komplett die Orientierung. Sie merkt nicht einmal, dass sie noch einen Pyjama trägt.

Für Claire beginnt ein verzweifelter Kampf um Erinnerungen, Verständnis und unbeschwerte Momente.

Und bevor ihr auch die letzte Erinnerung entgleitet, beschließt sie, ein kleines Notizbuch mit all den Gedankenschnipseln aus ihrem Leben zu füllen. Denn Claire weiß, dass es schon bald das Einzige sein wird, was ihrer Familie bleibt.

“Mum hat immer für irgendetwas gekämpft. Solange ich denken kann. Das hier ist die erste Schlacht ihres Lebens, von der sie bereits jetzt weiß, dass sie sie nicht gewinnen kann.”

Zitat, Seite 44

Rowan Coleman hat mit “Einfach unvergesslich” eine ganz und gar bezaubernde, wenn auch tieftraurige Geschichte niedergeschrieben. Die Krankheit Alzheimerdemenz aus der Sicht eines Betroffenen zu erleben, war für mich eine völlig neue Erfahrung und hat mich sehr nachdenklich gestimmt. Durch Colemans einfühlsame und lebendige Art des Schreibens habe ich mich mit der Protagonistin Claire sehr schnell verbunden gefühlt. Es fiel mir nicht schwer, mich in ihre Lage hineinzuversetzen und all ihre verzweifelten und ungeschickten Handlungen nachvollziehen zu können.

Die Tragik der Krankheit und ihre Auswirkungen im Leben eines an Alzheimerdemenz erkrankten Menschen war auf jeder Seite präsent. Claire stolpert, hervorgerufen durch ihre Situation, in eine Menge prekäre und hilflose Situationen, die mich oft entsetzt oder zu Tränen gerührt haben. Es zerriss mir teilweise schier das Herz, ihr nicht helfen zu können. Es ist schrecklich, dass einem so glücklichen und selbstbewussten Menschen plötzlich wirklich alles genommen werden kann.

“Ich denke darüber nach, was für geheimnisvolle Dinger Reißverschlüsse doch sind. Viele Jahre lang schienen sie mir eine ganz simple Erfindung zu sein: schnell, bequem, praktisch. Und dann, neulich, mutierten sie auf einmal zu einem mechanischen Wunder, das ich einfach nicht begreifen kann.”

Zitat, Seite 276

Die Verzweiflung von Claire ist in jeder Zeile spürbar. Wie sie ein Vorhaben startet und bereits wenige Sekunden später vergisst, was sie tun wollte, wer sie ist, wo sie ist. Wie sie die Wörter von Gegenständen vergisst oder den Namen ihrer dreijährigen Tochter. Wie ihr die Nähe und Berührung zu ihrem Mann, den sie von Herzen liebt, unangenehm wird und sie beunruhigt, weil sie ihn als Fremden ansieht. Wie sie sich an das Gefühl erinnert, ihn geliebt zu haben, es aber nicht mehr verspürt. Als wäre es das Gefühl eines anderen Menschens, eines anderen Lebens.

“Glücklich sein – das vermisse ich. Einfach nur glücklich, ohne dieses Gefühl, dass jeder Moment des Glücks, den ich erlebe, auch gleichzeitig irgendwie traurig sein muss.”

Zitat, Seite 32

“Es wäre wirklich eine Hilfe, wenn ich mit fortschreitender Krankheit immer durchsichtiger würde, bis ich schließlich nur noch so eine Art Gespenst wäre. Das wäre wirklich praktisch, das würde es mir und anderen erleichtern, wenn mein Körper einfach analog zu meinem Geist verginge. Dann wüssten wir alle, woran wir wären, buchstäblich und im übertragenen Sinn.”

Zitat, Seite 151

Durch die Erzählung aus den Blickwinkeln verschiedenster Protagonisten verleiht die Autorin dem Buch eine ganzheitliche Betrachtungsweise der Krankheit. Der Leser bekommt einen guten Einblick, wie sehr die Krankheit nicht nur das Leben des Erkrankten sondern auch der direkten Umgebung beeinflusst. Wie die einfachsten Dinge plötzlich unmöglich werden. Wie Verständnis der Irritation weicht. Wie Empathie zu Mitleid wird.

Doch trotz der traurigen Thematik der Geschichte ist es Coleman gelungen, die Geschichte mit schönen, lustigen und besonders gefühlvollen Stellen zu spicken, die den Leser umschmeicheln und ihn trösten. Sie helfen ihm, den Schicksalsschlag der Protagonistin zu akzeptieren.

“Das ist alles, was ich will. Das Jetzt. Diese Wärme. Diese Nähe. Seinen Geruch, seine Lippen, seine Berührung. Ich will nur im Jetzt sein – bis es vorbei ist. Dieser Kuss hat nichts mit Sex zu tun, nichts mit Begierde oder Leidenschaft. Bei diesem Kuss geht es einzig und allein darum, einander zu kennen, einander nah zu sein. Es ist ein Kuss der puren Liebe.”

Zitat, Seite 286

“Ich glaube, Liebe vergeht nicht. Liebe ist die wahre Erinnerung. Liebe ist das, was bliebt, wenn wir nicht mehr sind. Ich glaube, diese Gefühle sind viel echter, viel realer als unsere Körper und alles, was mit unseren Körpern schieflaufen kann. Das hier” – sie kneift sich in den Arm – “ist nur die Verpackung.”

Zitat, Seite 318

Durch Rückblenden in die Vergangenheit lernen wir Claires Persönlichkeiten kennen, die vor, und die nach der Diagnose. Das durch die Krankheit bedingte abrupte Wechselspiel dieser Persönlichkeiten erschreckte mich an mancher Stelle. Es begegnet einem wie die zwei Gesichtshälften eines Clowns, das weinende und lachende Gesicht. Wie schön es doch wäre, wenn wir dauerhaft mit einem lachenden Gesicht durchs Leben gehen könnten!

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Kinderfreuden #1: Ferdinands große Fahrt

lesenslust über “Ferdinand auf großer Fahrt” von Anna Weber

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Beschreibung des Verlages:

Die weite Welt sehen, Abenteuer erleben – der kleine Entdecker Ferdinand will auf große Fahrt gehen.
Voller Vorfreude steigt er in den Zug und kann es kaum erwarten, bis die Reise endlich losgeht.
Doch dies ist kein gewöhnlicher Zug … Und ehe Ferdinand weiß, wie ihm geschieht,
steckt er schon mittendrin in seinem großen Abenteuer!

Eckdaten

Hardcover, ab 3 Jahren
mit UV-Lack und Elastikband
32 Seiten, 33,5 x 15,5 cm
ISBN 978-3-7348-2004-5
Magellan Verlag
12,95 €

Sicher dir hier dein persönliches Exemplar…

Magellan

blickwinkel Aus großen Augen

Das Buch ist liebevoll verarbeitet und begeistert mit sehr farbenfrohen und aufwendig gezeichneten Illustrationen, die viel Möglichkeit zum Entdecken und Bewundern geben. Viele Details sind nicht auf Anhieb sichtbar und werden erst beim zweiten Blick auf die Seite ersichtlich.

Das Betrachten des Bilderbuches bereitet einem so viel Freude, dass man sich kaum an ihm sattsehen kann. Die Geschichte wird in wenigen Worten erzählt und schenkt daher viel Freiraum für Improvisation. So können Vorleser und Zuhörer gemeinsam ihrer Fantasie und ihren Gedanken freien Lauf lassen.

Der Text befindet sich auf den Seiten jeweils oben links im Bild und ist in  ansprechender Größe abgedruckt. Die Handlung der Geschichte spiegelt sich schön in den Bildern des Buches wieder. Das langgezogene Format des Buches unterstreicht die Geschichte sehr gut, da man das Gefühl hat, mit Ferdinand im Zug zu sitzen.

Die wunderschöne Aufmachung des Buches wird von einem süßen roten Gummiband abgeschlossen, mit dem man das Buch umschließen kann. Ferdinands große Fahrt ist sowohl für große als auch kleine Entdecker ein wahrer Augenschmaus.

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Blickwinkel Aus kleinen Augen

Joschuas Urteil:

Steckbrief Joschi Blog 2

Lieblingsfigur der Geschichte: alle

Anzahl der Blicke/Lesungen: zahlreich

Bester Leseplatz: auf dem Sofa

Schlüpft in die Rolle von: einem begeisterten Entdecker

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Monstermäßige Angstbewältigung..

lesenslust über “Sieben Minuten nach Mitternacht” von Patrick Ness & Siobhan Dowd

Wir müssen die, die wir lieben, manchmal gehen lassen, um sie im Herzen zu behalten. Manchmal fällt es unsäglich schwer, einen geliebten Menschen loszulassen. Manchmal fällt es unsäglich schwer, über das zu reden, was uns am meisten bedrückt. Und manchmal sind wir gerade in unserem tiefsten Leid mutterseelenallein.

Es ist sieben Minuten nach Mitternacht. Wie jede Nacht erwartet Conor bange den Alptraum, der ihn quält, seit seine Mutter unheilbar an Krebs erkrankt ist. Doch diese Nacht klopft etwas an sein Fenster und ruft seinen Namen: ein Wesen, das uralt ist und wild und weise – und das wie niemand sonst Conors Seele und seine geheimsten Ängste kennt.

Von da an kommt das Wesen Nacht für Nacht, und allmählich begreift Conor, dass es der einzige Freund ist, der ihm in den schwersten Stunden seines Lebens zur Seite steht. Denn Conor wird zerrissen von der einen Frage, die er sich nicht zu denken und nicht auszusprechen wagt. Der Frage, ob er seine Mutter, die er über alles liebt, loslassen darf? Ob er sie nicht gar loslassen muss, um selbst nicht verloren zu sein?

Quelle: http://www.goldmann.de

~*°..Hintergrund des Buches..°*~

Mit “Sieben Minuten nach Mitternacht” vollendete Patrick Ness eine Idee seiner Schriftstellerkollegin Siobhan Dowd, die ihr Vorhaben durch einen viel zu frühen und tragischen Krebstod nicht mehr umsetzen konnte.

Sie schrieb vier packende Romane, wobei dies ihr fünfter geworden wäre. Mit den Figuren, einem detaillierten Exposé und einem Anfang hatte Dowd bereits einen Grundstein gelegt. Der Rest der Geschichte entstammt aus der Feder von Patrick Ness, der es als eine schwierige Herausforderung empfand, das Werk gebührend umzusetzen bzw. zu vollenden.

Ich hatte damals das Gefühl – und habe es bis heute – , als sei mir ein Staffelstab in die Hand gedrückt worden; als habe eine einzigartige Schriftstellerin mir ihre Geschichte mit den Worten übergeben: “Jetzt bist du dran. Lauf los. Stifte Unruhe.” Und das habe ich versucht. Unterwegs gab es für mich nur eine einzige Maxime: ein Buch zu schreiben, dass Siobhan gefallen hätte. Das was das Einzige, worauf es ankam.

Zitat von Patrick Ness in der Vorbemerkung des Autors

“Großer”, sagte sein Vater und beugte sich zu ihm vor. “Geschichten gehen nicht immer gut aus.”

Zitat, Seite 144

Conor O´Malley ist 13 Jahre alt, als sich seine Mum bereits im Endstadium ihres Krebsleidens befindet. Es erfüllt ihn mit großem Kummer, sie so hilflos zu sehen. Sie wird mit jedem Tag schwächer. Der baldige Verlust liegt ihm derart schwer auf der Seele, dass er das Gefühl hat, als erdrücke der Schmerz ihn. Seit dem Beginn ihrer Behandlungen quält ihn jede Nacht ein schlimmer Alptraum. Ein Alptraum, der ihn immer wieder angsterfüllt und schweißgebadet aufwachen lässt. Der ihn nicht nur mit seinen Ängsten und schlimmsten Befürchtungen konfrontiert, sondern auch mit einem großen Wunsch, der ihn unendliche Schuldgefühle bereitet. Dem Wunsch, seine Mutter endlich loslassen zu können. Loslassen zu dürfen, obwohl er sie unendlich liebt. Er möchte das Leid einfach beenden, sowohl für ihn als auch für sie.

“Wer ich bin?, wiederholte das Monster, immer noch brüllend. Ich bin das Rückgrat, auf dem die Berge ruhen! Ich bin die Tränen, die die Flüsse weinen! Ich bin die Lunge, die den Wind atmet! Ich bin der Wolf, der den Hirsch, der Habicht, der die Maus, die Spinne, die die Fliege tötet! Ich bin der Hirsch, die Maus und die Fliege, die gefressen werden! Ich bin die Schlange der Welt, die ihren eigenen Schwanz verschlingt! Ich bin alles Ungezähmte und Unzähmbare! Es sah Conor direkt in die Augen. Ich bin die wilde Erde selbst, und ich bin deinetwegen hier, Conor O´Malley.

Zitat, Seite 44

Als sich eines Tages die Elbe im Garten zu einem Monster verwandelt und nach seinem Namen rufend durch das Fenster in sein Zimmer hereinblickt, zweifelt er an seinem Verstand. Es erscheint exakt sieben Minuten nach Mitternacht. Als Conor merkt, dass es scheinbar nicht nur seiner Fantasie entspringt, beginnt er sich frech und aufmüpfig mit ihm zu unterhalten. Denn das Monster erschreckt ihn nicht. Es ist nicht das, was er erwartet hatte. Nicht das Monster aus seinem Alptraum. Was will es von ihm? Es scheint eine Mission erfüllen zu wollen.
Was ihn dabei erschreckt, ist die Tatsache, dass es sowohl seinen Alptraum als auch seinen innigsten Wunsch kennt. Dinge, die es eigentlich nicht wissen dürfte, weil Conor sie nie jemandem erzählt hatte. Das Monster will ihm im Verlauf seiner nächtlichen Besuche drei Geschichten erzählen. Nach diesen drei Geschichten, fordert er eine vierte von Conor. Die Wahrheit. Conors Wahrheit.

“Geschichten sind wilde Wesen, sagte das Monster. Wer weiß, was für Unheil sie anrichten können, wenn man sie loslässt?”

Zitat, Seite 61

“Es gibt nicht immer einen Guten. Genauso wenig, wie es immer einen Bösen gibt. Die meisten Menschen sind irgendwas dazwischen.

Zitat, Seite 74

Durch die Geschichte in “Sieben Minuten nach Mitternacht” wird dem Leser bewusst, dass viele Menschen sich in schmerzhaften Situationen an trostspendende Lügen und Ideen klammern. Die Wahrheit wird dabei oft schon früher erkannt, als man sie sich eingestehen möchte. Es fällt uns schwer, sie auszusprechen. Eine ausgesprochene Wahrheit wird wahr. Eine Hülle aus Lügen widerum ist trostspendend und wird von unserem Verstand als angenehm empfunden. Angenehmer, als sich den Tatsachen zu stellen und der Wahrheit ins Auge zu blicken. Ein Verlust ist immer schmerzlich. Conor gelingt es nur mühsam den baldigen Verlust seiner Mum zu akzeptieren. Auch wenn ihm bereits früh klar wird, wie die Geschichte in aller Voraussicht ausgehen wird, möchte er das Ende nicht wahrhaben. Er hat Angst und redet es sich schön. Ein menschliches Verhalten.

Die Moral der Geschichte ist dabei so transparent, dass man sie in die unterschiedlichsten Momenten des täglichen Lebens transportieren kann. Ob es sich um den Verlust eines geliebten Menschen, einer Erinnerung, eines Wunsches oder eines angestrebten Weges handelt, ist nicht wichtig. Eine Geschichte geht nicht immer gut aus und die Wahrheit ist eben oft erschreckend schmerzhaft. Dinge, mit denen wir in unserem Leben leider lernen müssen, umzugehen.

Dass sich Patrick Ness in “Sieben Minuten nach Mitternacht” den Ideen von Siobhan Dowd angenommen hat, fand ich besonders spannend. Die Leidensgeschichte von Conor´s Mum umschreibt dabei leider auch die von Dowd, die durch ihr Brustkrebs-Leiden erschreckend früh aus dem Leben gehen musste. Die Schilderungen von Conor´s Mum haben mich dabei wirklich erschreckt. Die Haare, die bereits zu Beginn der Geschichte ausgefallen sind, deuten auf das Ende einer Chemotherapie hin. Sie trägt bereits Tücher um ihren kahlen Kopf zu bedecken. Man wird Zeuge von ihrem Verfall, der schleichend vorangeht und sie merkbar schwächer werden lässt. Es muss unheimlich schwer und kräftezehrend sein, einen solchen Verfall eines Menschen hautnah miterleben zu müssen. Am Ende ist man sicherlich selbst derart geschwächt, dass man nur schwer wieder ins Leben zurückfindet.

 All diese Gefühle und Gedanken kamen während der Geschichte sehr gut herüber. Ness gelang eine sehr einfühlsame und mitreißende Umsetzung. Mich würde interessieren, bis wohin tatsächlich das Grundgerüst von Dowd ging und in welchem Status ihrer eigenen Krankheit sie damit begonnen hatte. Wusste sie bereits beim Schreiben, dass sie sterben wird? Hätte sich die Geschichte unter Dowd´s Feder genauso entwickelt, wie unter der von Ness? Oder hat Ness Dowd nur einen würdevollen Abschied aus dem Leben schenken wollen? Wollte er ihr eine letzte Ehre erweisen und daraus eine Art Lebenswerk machen? Wenn es das Letztere ist, dann ist eines gewiss: es ist ihm mehr als gelungen!

“Sieben Minuten nach Mitternacht” ist eine traurige und gleichzeitig sehr trostspendende Geschichte. Sie wird vielleicht dem ein oder anderen Menschen helfen können, über den Verlust eines geliebten Menschen hinwegzuhelfen. Sie ist derart einfühlsam und herzergreifend, dass sie einen zu Tränen rührt. Unsere Fantasie geht dabei ihre ganz eigenen verschlungenen Pfade, die durch die ausdrucksstarken Illustrationen im Buch unterstützt werden. Dieses Werk bekommt daher 5 von 5 lebensbejahenden Monstern.

“Du schreibst die Geschichte deines Lebens nicht mit Worten, sagte das Monster. Du schreibst sie mit Taten. Es ist nicht wichtig, was du denkst. Wichtig ist nur, was du tust.

Zitat, Seite 202

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