Eine zweite Chance?

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lesenslust über “Die Achse meiner Welt” von Dani Atkins

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Rachel steht kurz vor ihrem Studium, als ein schrecklicher Unfall ihr den Menschen nimmt, der ihr am meisten bedeutet, ihren besten Freund Jimmy. Neben der unendlichen Trauer um ihn plagen sie fortan Schuldgefühle, die ihr gesamtes Leben beherrschen. Denn bei dem Unfall bezahlte Jimmy mit seinem Leben, um ihres zu retten.

Wie gelähmt bewegt sie sich durchs Leben. Verabschiedet sich von allem Alten, den Dingen, die sie mit ihm verbandt: dem Leben in Great Bishopsford, der Clique und ihrem Freund Matt. Sie zieht nach London und hofft, dort den schrecklichen Erinnerungen aus der Vergangenheit zu entkommen.

Doch als Sie fünf Jahre später für die Hochzeit ihrer besten Freundin Sarah an den Ort der Tragödie zurückkehrt, überrollen sie die Erinnerungen wie eine Flutwelle. Rachel hält ihnen nicht stand und bricht am Grab ihres Freundes zusammen.

“Alle anderen, die ich kannte, schlichen auf Samtpfoten um das Thema herum, einzig Sarah besaß den Mut, ihre Worte niemals in etwas anderes zu kleiden als das transparente Kleid der Wahrheit.”

Zitat, Seite 33

Als sie im Krankenhaus erwacht, glaubt sie weder ihrem Verstand, noch ihren Augen. Denn nicht nur ihr Leben ist auf einmal genauso, wie sie sich es immer erhofft hat, sondern unter den Menschen neben ihrem Bett befindet sich niemand Geringeres als ein kerngesunder und bis über beide Ohren grinsender Jimmy.

“Ich kreischte weder hysterisch, noch schrie ich vor Schreck, noch fiel ich erneut in Ohnmacht. Stattdessen starrte ich nur wie gebannt auf den Menschen, der fünf fürchterliche Jahre lang aus meinem Leben verschwunden gewesen war.”

Zitat, Seite 108

Dani Atkins erzählt uns in ihrem Debütroman mit lebendiger und mitreißender Stimme eine dramatische Geschichte über die Liebe, über die Kraft einer vom Leben gezeichneten Familie und von der Suche nach Identität. Eine Geschichte, die die Menschen bewegt, schockiert und sie gleichzeitig schier zu erdrücken droht. Sie erzählt vom Zauber der ersten Liebe und verfeinert ihren Roman mit autobiographischen Zügen.

Während die Geschichte mit der Schilderung des schrecklichen Unfalls beginnt, bei dem Rachel nicht nur ihren besten Freund Jimmy, sondern auch all ihren Lebensmut verliert, findet sich der Leser bereits wenig später in zwei verschiedenen Versionen ihres Leben wieder. Beide spielen sich fünf Jahre nach dem Unfall ab und sorgen vorerst für jede Menge Irritation und Verwunderung seitens des Lesers.

Es beginnt eine Reise durch die Vergangenheit. Durch ein “Was-wäre-wenn-Szenario”, ein Leben, wie Rachel es sich immer erhofft hatte und das letztendlich nur durch die Rückspultaste auf der Kassette des Lebens erzielt werden kann. Eine zweite Chance, hervorgerufen durch eine magische Achsenverschiebung im Zeit-Raum-Kontinuum?

“Endlich war ich auf den einzigen Vorteil von Amnesie gestoßen: Es tat nicht weh, ein Leben zusammenzupacken, an das man sich nicht erinnern konnte.”

Zitat, Seite 251

Die Geschichte hat mich emotional gepackt. Sie hat mich begeistert und verwundert zugleich. Lange Zeit war ich nicht in der Lage, ein Urteil über dieses Buch zu fällen. Es ist verwirrend, gefühlvoll und wundersam zugleich und trifft damit genau den Nerv der Zeit. Es erschien mir weder kitschig, noch handierte es mit Klischees. Es umschreibt vielmehr die Liebe zu einem besonderen Menschen, und erzählt die Geschichte zweier verwandter Seelen, die durch die Schicksalshaftigkeit des Lebens voneinander getrennt wurden.

Atkins hat eine bezaubernde Art und Weise gefunden, um der Liebe zwischen Rachel und Jimmy eine Entwicklung zu schenken. Der Verlauf des Buches ist dramatisch und nimmt dir all die Illusionen von einem typischen Happy-End. Rachels Verzweiflung ist während der gesamten Geschichte präsent. Sie begleitet dich bis zum Ende des Buches. Ein Ende, das für mich nicht schöner hätte ausfallen können. Eins mit realistischen Zügen, dass dir bewusst werden lässt, dass das Leben eben oft einfach anders kommt, als man es sich wünscht.

<3 <3 <3 <3 <3

Deutscher Buchpreis 2014 – die Longlist

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Vorschlag_Böv_11Seit 11 Uhr ist sie raus – die Longlist des Deutschen Buchpreises. Zwanzig Titel haben es auch in diesem Jahr wieder geschafft, auf der heiß ersehnten Liste zu stehen und wetteifern jetzt um den Titel:

Der Deutsche Buchpreis sorgt seit seiner Einführung im Jahr 2005 immer wieder für hitzige Diskussionen. Gerade Buchhändler führen an, dass es sich bei den Büchern zwar oft um literarisch wertvolle Werke handelt, die Nachfrage bei den Lesern aber oft zurückhaltend ausfällt. Warum ist das so? Nun, bei den Büchern handelt es sich wohl oft um hochintellektuelle Literatur, die sich nicht unbedingt an die breite Masse richtet und sich dadurch auch nicht jedem erschließt. Auch mir nicht.

Viele der Bücher, die sich dieses Jahr auf der Liste befinden, sagen mir nichts. Umso mehr freue ich mich, dass ich Saša Stanišics Roman “Vor dem Fest” darauf finde, über das ich schon so viele begeisterte Stimmen vernommen habe und auch Thomas Melles Roman “3000 Euro” hat bereits vor der Veröffentlichung der Liste meine Aufmerksamkeit für sich gewonnen. Die restlichen Bücher werde ich mir wohl erst näher anschauen müssen, um herauszufinden, ob ihr Inhalt mich anspricht.

Neben Wiebke Porombka (freie Kritikerin) gehören noch Jens Bisky (Süddeutsche Zeitung), Katrin Hillgruber (freie Kritikerin), Frithjof Klepp (Buchhandlung ocelot, Berlin), Susanne Link (Buchhandlung Stephanus, Trier), Manfred Papst (NZZ am Sonntag) und Annemarie Stoltenberg (NDR Kultur) der Jury an.

Jury Deutscher Buchpreis

Copyright: Claus Setzer
V.l.n.r.: Katrin Hillgruber, Manfred Papst, Susanne Link, Annemarie Stoltenberg, Wiebke Porombka, Jens Bisky, Frithjof Klepp

Anlässlich der Nominierung der Longlist-Titel erscheint das „Lesebuch zur Longlist Deutscher Buchpreis 2014, das Leseproben und Hintergrundinformationen zu den nominierten Romanen enthält. Es ist ab kommender Woche in vielen Buchhandlungen erhältlich.

Was sagt ihr zur Longlist? Gefällt Sie euch? Wie viele der Bücher habt ihr bereits gelesen?

Liebe aus dem All..

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lesenslust über “Liebe am Ende der Welt – Anthony McCarten”

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Opunake – ein kleines Provinzstädtchen am Ende der Welt. Inbegriff eines schäbigen neuseeländischen Kaffs, das seine Dorfbewohner mit Nichtigkeiten bei Laune hält. Bis zu dem Tag an dem die 16-jährige Delia behauptet, einen Außerirdischen gesehen zu haben.

“Wenn Leute Außerirdische sahen, waren das meistens Amerikaner. Die bildeten sich so was schon beim kleinsten Anlass ein, gerade wenn sie deprimiert waren oder nicht schlafen konnten oder irgendwelche Pillen nahmen.”

Zitat, Seite 80

Margaret Watson, Ehefrau vom Sergeant des Ortes und stadtbekanntes Tratschweib, lässt es sich daher nicht nehmen, mit der Verbreitung der sensationellen Neuigkeit, die Schlagzeile des Jahres zu entflammen. Binnen weniger Minuten ist nichts mehr wie früher. Vor allem nicht für Delia, die nach dem Lauffeuer der Neuigkeiten von allen Bewohnern im Ort ausgelacht und künftige Zielscheibe des Spotts wird.

Doch als wenig später eine plattgewalzte Kuh inmitten eines Kornkreises entdeckt wird, versiegt das Gelächter. Wilde Spekulationen beginnen. Sie erreichen ihren Höhepunkt, als man erfährt, dass die jungfräuliche Delia schwanger ist. Und mit ihr auch ihre Freundinnen Lucinda und Yvonne. Allesamt Opfer magischer und außerirdischer Begegnungen oder doch nur das Team eines lächerlichen Komplotts?

“Es gab keinerlei Spuren des Transportes, weder von Fahrzeugen noch von den Anstrengungen einer größeren Gruppe, und so blieb nur die wenig erfreuliche Vermutung, dass die Kuh ihre Pfannkuchenform dort in der Mitte des Kornkreises angenommen hatte, allem Anschein nach durch die Applikation von Druck von oben. Um es einfacher auszudrücken: Es sah aus, als sei etwas auf ihr gelandet.”

Zitat, Seite 122

Schockiert und dennoch von den Ereignissen fasziniert, versuchen drei Männer hinter das Geheimnis der Mädchen zu kommen. Pater O´Brien, Sensationsjournalist Young und Bürgermeister-Neffe und Bibliothekar Sullivan.

McCarten ist für mich Neuland. Romane wie “Superhero”, “Englischer Harem”, “Hand aufs Herz” oder “Ganz normale Helden” haben unter anderem weltweit für Furore gesorgt. Bücher, deren Inhalt die Fans durchweg als sogartig und lebendig beschrieben haben. Ein Autor, der die Gabe besitzen soll, seine Leser während seiner Geschichten an die Hand zu nehmen und sie ganz dicht an die Geschehnisse heranzuführen. Sie mitzureissen, mit schrägem Humor bei Laune zu halten, sie mit Tragik zu schockieren und dabei nie die nötige Ernsthaftigkeit zu verlieren.

Nun, irgendwie sind diese Beschreibungen von McCartens Schreibstil schon zutreffend. Durch “Liebe am Ende der Welt” erzeugte der Autor in mir ein Wechselbad an Gefühlsregungen. Seine sarkastischen und bissigen Bemerkungen haben mich amüsiert, die freakige und zugleich tragische Thematik konnte mich unterhalten, sein gesellschaftskritischer Blick hat mich zum Nachdenken angeregt und Opunake und seine Dorfbewohner schienen mir durch seine Beschreibungen schneller vertraut als mir lieb war. Was mir allerdings fehlte, war der Funke. Die Geschichte riss mich nicht vom Hocker. Und selbst nach einigen Stunden des “In-mich-Gehens” sprang der Funke nicht über. Er blieb aus.

“Liebe am Ende der Welt” ist eine vielschichtige Gesellschaftssatire, die uns an menschliche Abgründe heranführt. Sie hält uns vor Augen, wie ein einziger Moment das Leben eines Menschen schlagartig verändern kann. Wie die Menschen von Boshaftigkeit, Eifersucht und Liebe angetrieben, zu Unmöglichem fähig sind. Und wie eine unbedachte Aussage eines 16-jährigen Mädchens zur Geduldsprobe einer ganzen Bevölkerung wird.

McCarten bietet dem Leser eine Bandbreite an Menschen-Portraits. Bereits nach kurzer Zeit erschienen mir nicht nur die Protagonistin Delia, sondern auch sämtliche Nebendarsteller näher als lieb. So machen wir nicht nur mit den sensationsgeilen Medien, erfolgssüchtigen Teenagern und boshaften Zungen aus Opunake Bekanntschaft, sondern belächeln auch die Verliebtheit eines schmuddeligen Tankwarts, bewundern die Intellektualität eines Exsoldaten und verachten einen vom Leben gebeutelten und gewalttätigen Vater. Wir bemitleiden einen enthaupteten Bullen, betätscheln die Wange eines erfolgsgeilen Bürgermeisters und beäugen eine plattgemachte Kuh in einem Kornfeld.

Leidenschaft hauste in ihm wie ein verkümmertes Tier, das nach Nahrung schrie. Er wusste, wie unglücklich Liebende es meistens wissen, dass es nun nicht mehr lange dauern konnte, bis dieses Tier sich in seinem Hunger auf seinen Herrn stürzen würde. (…) Er sah ihr nach und konnte nur noch bestätigen, dass er keinerlei Eindruck auf sie gemacht hatte, dass er seit je keinerlei Eindruck auf sie machte.
Und drinnen leckte das hungrige Tier von neuem an seinem bleischweren Herzen, schnüffelte mit heißem Atem und feuchter Schnauze, entblößte die Reißzähne, und dann biss es ein Stück von seinem Herzen ab. Das tat weh. Zum ersten Mal spürte Gilbert Haines das Elend, die ganze Wucht einer unerwiderten Liebe.

Zitat, Seite 49/50

Insgesamt ist es McCarten mit “Liebe am Ende der Welt” gelungen, mich neugierig auf seine restlichen Werke zu machen. Sein Schreibstil ist abwechslungsreich und lebendig. Die Vielschichtigkeit des Romans begeisterte mich. Doch durch die teilweise unnötige Langatmigkeit einzelner Passagen und dem ausgebliebenen Funken kann ich mich nur zu 3 von 5 möglichen plattgewalzten Kühen durchringen.

<3 <3 <3

Dieses Buch erreichte mich im Rahmen eines Wanderbuchprojekts von Dorota alias Bibliophilin. Für die Möglichkeit am Projekt teilzunehmen und die daraus entstandene Neugierde an McCartens restlichen Werken danke ich dir von ganzem <3 , liebe Dorota. Ohne dich hätte ich höchstwarscheinlich nie zu diesem Buch gegriffen.

Bäuerliche Liebe..

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lesenslust über “Ada liebt” von Nicole Balschunimage

“Du bist so einsam, Ada, das ist nicht normal, jeder braucht jemanden und jeder Mensch nimmt sich erst durch die Liebe eines anderen Menschen wahr.”

Zitat, Seite 89

Ada ist anders als die anderen. Das Anpassen will ihr einfach nicht gelingen, deshalb versteckt sie sich lieber in Büchern und verkriecht sich so vor der Welt. Freunde hat sie nur wenige, oberflächliche Bekanntschaften sind ihr lieber. Bei ihnen kommt sie nicht in Bredouille, muss nicht die richtigen Worte finden, die sie eh nicht zu finden scheint. Männer sind ihr unangenehm, sie verschrecken sie, mit ihrem schmatzenden saugartigen Geräuschen beim Küssen und ihren heißen schwitzigen Händen.

Nur Bo ist anders. Bo ist Landwirt und nebenberuflich Sargträger. Auf der Beerdigung ihrer Tante Rosie bemerkt sie ihn, mit seinen glänzenden goldenen Ringellöckchen im Nacken, dem wettergegerbten Gesicht und dem erdigen Geruch nach Schweinen.

Auf seinem Bauernhof begegnen ihr maulende Kühe und Schweine mit Schwimmwesten. Bo liest ihr aus Landwirtschaftszeitungen vor und schenkt ihr eigene Gummistiefel, damit sie sich nicht die Füße schmutzig macht. Doch auf Tuchfühlung geht sie mit den Tieren nicht. Sie traut ihnen nicht über den Weg, den Schweinen und Kühen. Und noch viel weniger der Beziehung zu Bo. Dem dummen Bauerntölpel, zu dem sie gar nicht so wirklich passt. Oder vielleicht doch?

“Insgeheim wussten wir, dass ich nie eine Bäuerin und Bo nie kein Bauer sein würde, aber wir fühlten einander und machten ansonsten die Augen zu. Vielleicht übersahen wir deshalb die dröhnende Lawine, die uns mit einem Schlag mitten im blühendsten Sommer überrollen sollte.”

Zitat, Seite 81

Nicole Balschun hat mit “Ada liebt” eine berührende Geschichte über zwei Menschen geschrieben, die ungleicher nicht sein könnten und sich dennoch perfekt ergänzen. Ada, die kluge belesene Frau von Welt und Bo, der ländliche einfache Typ vom Dorf. Mit ihrer Begegnung treffen zwei Welten aufeinander. Und obwohl sie irgendwie nicht zu harmonieren scheinen, können sie bald auch nicht mehr ohne einander. Eine sich widersprechende Beziehung und Liebe zueinander entsteht, die den Leser auf alle Höhen und Tiefen ihres gemeinsamen Weges mitnimmt und ihm zeigt, dass Liebe scheinbar keine Grenzen kennt.

“Ganz plötzlich, ohne Vorwarnung, sagte Bo etwas Furchtbares. Bo sagte, Ada, ich liebe dich ungeheuerlich. Er sagte es ganz leiste und dann etwas lauter, Herrgott, ich weiß nicht, warum, du kannst hier nichts, aber deine kleinen Hände und du, ihr gehört irgendwie dazu auf einmal. Wenn ihr nicht hier seid und alles durcheinanderbringt, dann wird mir die Milch sauer.”

Zitat, Seite 94

Der Autorin gelingt es dabei, dass so aufwühlende und emotionsgeladene Thema mit teils komischen und witzigen Anekdoten gekonnt aufzulockern. Sie unterhält uns mit abstrusen Details aus dem Leben der Landwirtschaft und hitzigen Diskussionen zwischen Ada und ihren Eltern. Denn auch Adas Papa ist Bo ein Dorn im Auge. Er mag ihn nicht, den einfachen dahergelaufenen Bauerntölpel mit seinen Schweinen und Kühen. Nicht neben Ada. Allen Anpassungsschwierigkeiten seiner Tochter zum Trotz gehört ein Mann von Welt zu ihr, einer mit Stil und Charme. Kein Bo.

“Ich lag in der Wanne und sah auf das Schwein. Meine weißen Füße guckten aus dem Wasser. Du fehlst mir auch nicht, sagte ich in die Stille und spritzte Wasser gegen den Schweinekopf. Und dann weinte ich. Ich hatte wieder zu viel Wasser im Auge, auch das sollte sich der Arzt morgen mal ansehen.”

Zitat, Seite 105/106

Doch auch als Ada für ihr Literaturwissenschaftsstudium in die Stadt zieht, ertappt sie sich immer wieder in Gedanken an Bo. Und an Siegfried, Bos Leitsau, die sie eigentlich nicht mag und dennoch dazugehört. Sie verschanzt sich in Bibliotheken und befasst sich fast zwanghaft mit ihrer Doktorarbeit. Mit Frauen aus England, den edlen Romanfiguren, nach deren Ordnung auch sie sich zu sehnen scheint. Doch irgendwann muss auch sie einsehen, dass ihr eigentliches Herz an Bo und seinem Bauernhof hängt. Dem unangenehmen Geruch nach Schweinen, ihren juckenden elektrisch aufgeladenen Füßen und der Angst in der finsteren Nacht, wenn sie bei ihm schläft.

“In diesem Augenblick wurde mir klar, wie klug Bo war, und dass seine Klugheit eine andere war als meine. Bo hatte sein Wissen aus dem Leben und irgendwie auch aus dem Herzen. Ich hatte meines aus den Büchern und es konnte doch nicht gut gehen mit uns, und während mit sein Geruch in die Nase stieg, flüsterte ich Bo ins Ohr, du bist so dumm, Bo, und er lachte und flüsterte zurück, und du erst, Ada.

Zitat, Seite 147

Balschun zeigt uns in “Ada liebt”, wie schwierig es ist, sich einem Menschen zu öffnen, dessen Leben und Gewohnheiten sich von den eigenen so unterscheiden. Mit Ada ist ihr eine authentische Protagonistin gelungen, die ich sehr schnell ins Herz schließen konnte und der ich durchweg versucht habe, mein Mitgefühl zu schenken, auch wenn ich nicht hinter jedem ihrer Gedanken und Handlungen stand. Bo hat trotz tiefbäuerlicher und miefender Note sehr schnell meine Sympathien für sich gewonnen. Er schien mir durchweg der stärkere Charakter in der Geschichte gewesen zu sein.

Einzig und allein die ungewöhnliche Handhabung der wörtlichen Rede und die dadurch entstandenen Schachtelsätze haben mich zwischenzeitlich Mühe und Kraft gekostet, dem Verlauf der Geschichte zu folgen. Durch die gewählte Ich-Perspektive wurden den Zeilen eine lebendigere und engere Beziehung zur Protagonistin verliehen, weswegen man durchweg das Gefühl hatte, selbst neben Ada durch den Matsch zu waten. Was für eine Sauerei!

“Leben ist mehr als Zusehen und Aufschreiben. (…) Leben geht über die Wörter hinaus, die du studierst, Leben beginnt dort, wo die Sprache aufhört, es ist Atmen und du kannst seinen Pulsschlag hören, wenn du nur willst.

Zitat, Seite 189

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Machen Bücher einsam?

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lesenslust über “Das geheime Leben der Bücher” von Régis De Sá Moreira

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Auch Bücher brauchen Liebe!

Viele wünschen sich, sie könnten von Luft und Liebe leben. Er, der Buchhändler, lebt vom Lesen, denn nur dann hat er das Gefühl, geliebt zu werden. Seine Buchhandlung ist sein Universum, die Bücher sind seine Schützlinge. Und bei jedem Klingeln seiner Türglocke ist er immer wieder bereit, seine frohe Botschaft zu verkünden: Lesen hilft und macht glücklich

Kurzbeschreibung des Verlages

De Sá Moreira lässt uns in seinem Buch auf höchst ungewöhnliche Weise am Leben eines namenlosen Buchhändlers teilhaben. Man könnte “Das geheime Leben der Bücher” als Ansammlung von Begegnungen in einer Buchhandlung bezeichnen oder auch als Einblick in die skurillen Gedankengänge eines schrulligen, einsamen und bücherhungrigen Mannes, aber nicht als eine Geschichte oder Erzählung mit Handlung und Tiefgang. Denn diese Inhalte scheinen tatsächlich nicht vorhanden zu sein. Es beginnt genauso unspektakulär wie es endet. Einfach so. So ist das eben.

Der namenlose Buchhändler hat es sich zur Gewohnheit gemacht, sich ausschließlich von Büchern zu ernähren. Nach jedem Kunden bedarf es lediglich einer Tasse Kräutertee, um den Erhalt der Lebensgeister aufrecht zu erhalten. Eine mutmaßlich eher schlechte als rechte Maßnahme, aber da er durch die 24-Stunden-Ladenöffnungszeit zudem nur wenig schläft, überrascht den Leser die teilweise sehr unwirsche und exzentrische Art des Buchhändlers nicht im Geringsten. Genauso wenig wie die Tatsache, dass dieser Mann weder Freunde zu haben, noch im engen Kontakt zu seiner Familie zu stehen scheint. Er begnügt sich mit täglichen Briefen seiner zehn Brüder und Schwestern, die wohl vielmehr aus Gewissensbissen als aus Liebe verschickt werden und quittiert sie mit kommentarlosen herausgerissenen Seiten aus Büchern, die er dann nicht mehr verkaufen kann.

Obwohl er den Gedanken nicht ertragen kann, dass ein Kunde vor verschlossener Tür steht, sind sie ihm zum größten Teil unangenehm. Paare scheint er dabei ganz besonders zu hassen. Wenn es ihm nicht gelingt, sich rechtzeitig unter dem Schreibtisch vor ihnen zu verstecken oder über die Treppe ins Obergeschoss zu flüchten, bombadiert er sie mit völlig verstörtem Gebrabbel, bis sie entsetzt zum Ausgang eilen. Mit jedem Dingeling Dingeling der Türglocke kündigt sich ein weiterer merkwürdiger Kunde im Laden an: vom Fatalisten über eine Dame in Schwarz mit Sense, Gott höchstpersönlich, einem Dalai Lama, einer Baronin, einer Frage oder den Zeugen Jehovas ist jede erdenklich schräge Persönlichkeit oder Erscheinung dabei. Und irgendwie beschleicht mich das Gefühl, dass sie allesamt eine Schraube locker haben. Allen voran der Buchhändler.

So entstehen die merkwürdigsten Dialoge zwischen Menschen, denen man wohl weder persönlich begegnen, noch an ihren sinnlosem Geschwätz teilhaben möchte. Das Barometer des Fremdschämfaktors steigt ins Unermessliche. Ob diese Gefühlsregung jetzt dem Autor selbst oder seinen eigenartigen Protagonisten zuzuschreiben ist, kann ich auf Anhieb nicht beantworten. Allerdings führt dieses Buch bei mir unweigerlich zu dieser Emotion. Gefolgt von Irritation und mehreren großen Fragezeichen, die ununterbrochen über dem Buch zu schweben scheinen und sich auch zum Ende hin nicht verscheuchen lassen. Vielleicht fehlt mir für De Sá Moreiras Werk schlichtweg die Fantasie. Doch da auch viele andere Leser zu diesem Entschluss kamen, ist wohl die viel wichtigere Frage, wer über diese Gabe verfügt?!

Dass ich dieses Buch bis zum Ende durchgelesen habe, ist wohl den atmosphärischen und liebevollen Beschreibungen des Ladens und den seltenen aber durchaus schönen Zeilen über das Lesen und den Büchern im Allgemeinen zu verdanken. Noch nie habe ich etwas gelesen, dass so skurill und bizarr war, dass ich es am liebsten in die Tonne kloppen würde. Sorry De Sá Moreira, aber das übersteigt meinen Horizont um ein Vielfaches.

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Eine Freundschaft in Briefen..

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lesenslust über “84, Charing Cross Road” von Helene Hanff

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“Von meinem Stuhl aus ist mir London viel näher als die 17 th Street.”

Zitat, Seite 28

1949 beginnt zwischen Helene Hanff, einer Bühnenschriftstellerin aus New York, und dem Londoner Antiquar Frank Doel ein reger Briefwechsel, der über 20 Jahre andauern soll. Was als schlichte Korrespondenz von Geschäftsbriefen beginnt, entwickelt sich über die Jahre zu einer vertrauensvollen Brieffreundschaft zwischen zwei Menschen, die trotz der Entfernung zueinander eine gemeinsame Leidenschaft teilen: Die Leidenschaft für Bücher.

Hanff, die über die Jahre ihre Suche nach antiquarischen Büchern vertrauensvoll in Doels Hände gelegt und die Belegschaft der Marks & Co Buchhandlung in London und darüber hinaus deren Familien in ihr Herz geschlossen hat, setzte mit der Veröffentlichung dieser Briefe in “84, Charing Cross Road” dieser außergewöhnlichen Beziehung ein Denkmal.

“Ich will IHNEN, Frank Doel, nur eines sagen: Wir leben in verkommenen, zerstörerischen und degenerierten Zeiten, wenn eine Buchhandlung – eine BUCHHANDLUNG – damit anfängt, schöne alte Bücher auseinander zu reißen, um sie als Einpackpapier zu verwenden. Ich sagte zu John Henry, als er ausgewickelt war: “Hätten Sie das für möglich gehalten, Eminenz?”, und er verneinte. Sie haben das Buch in einer großen Schlachtszene auseinander gerissen, und ich weiß nicht einmal, um welchen Krieg es sich handelt.”

Zitat, Seite 32

Die in “84, Charing Cross Road” veröffentlichten Briefe zwischen Helene Hanff und Frank Doel sind ein wahrer Schatz und bereits nach wenigen Seiten wird mir klar, warum so viele Millionen Menschen vor mir ihr Herz an dieses kleine bescheidene Büchlein verloren haben: Es ist eine Hymne an die Literatur, an die Freundschaft und an den Austausch in Briefen. Es spiegelt die Beziehung zwischen zwei Menschen wieder, die allein durch die Liebe zu den Büchern entfacht, und über die Jahre gefestigt wurde.

Helene Hanff hat als schlagfertige New Yorkerin bei der Korrespondenz stets die Oberhand und schreckt nicht davor zurück dem liebenswerten Frank Doel zu gegebenem Anlass zurecht zu weisen. Sie feuert derartige Wagenladungen voller Empörung und Missmut auf den zurückhaltenden Doel, dass man befürchtet, er würde vor Scham im Boden versinken. Und dennoch hält er Hanffs Schimpftiraden, die der Korrespondenz so viel Witz und Esprit verleihen, stand. Er konzentriert sich stets aufs Wesentliche: dem Besorgen und Zusenden von Hanffs Wunschliteratur.

Das nennen Sie Pepys’ Tagebuch!? Das ist nicht Pepys’ Tagebuch, das ist die elende Zusammenstellung von Exzerpten aus Pepys’ Tagebuch, herausgegeben von irgendeinem übereifrigen Kerl, der in der Hölle verfaulen möge! Ich könnte ausspucken davor!”

Zitat, Seite 55

Mit der Zeit werden die Briefe persönlicher und Hanffs Ton mitfühlender und umgänglicher. Der anfänglich zweckdienlichen Anweisung von Bestellungen weicht ein liebevoller Umgang mit dem loyalen Buchhändler und seiner Familie. Eine Vertrautheit wächst zwischen den beiden Buchliebhabern, wie man sie sonst nur zwischen wirklich guten Freunden finden kann. So kommt nicht nur die benötigte Literatur sondern auch das Zeitgeschehen aus Politik, Sport und dem alltäglichen Leben zur Sprache. Gefühle und Denkansätze werden ausgetauscht, mit der sich zwei völlig Fremde einander Stück für Stück zu öffnen scheinen.

“Ich liebe Widmungen auf dem Vorsatz und Randnotizen; ich mag das Gefühl von Verbundenheit, das entsteht, wenn ich Seiten umschlage, die jemand vor mir bereits umblätterte, und Abschnitte lese, auf die jemand, der schon lange nicht mehr lebt, meine Aufmerksamkeit gelenkt hat.”

Zitat, Seite 48

Das ergreifende Werk “84, Charing Cross Road” bewirkt mit seinen bescheidenen 158 Seiten so viel mehr, als man es vermutet und berührt deshalb vermutlich auch so viele Leserherzen. Es hat mich verzaubert und wird als 2002 erschiene deutsche Erstausgabe für immer einen ganz besonderen Platz in meinem Bücherregal ergattern. Wie schade, dass Helene Hanff bereits 1997 verstorben ist. Die Theater- und Buchautorin, die über viele Jahre hinweg vergeblich auf den Durchbruch wartete, stand der erfolgreichen und einschneidenden Publikation von Briefen, die nie im Hinblick auf eine Veröffentlichung geschrieben wurden, bis zum Ende mit aufrichtigem Staunen gegenüber. Ein Charakterzug, der Helene Hanff nicht nur sympathisch sondern sicherlich auch zu einem Vorbild für Viele macht.

“Es gibt Bücher, die ihre Leser von der ersten Seite an in ihren Bann ziehen und unwiderstehlichen Charme verbreiten. Sie treffen einen Tonfall, der Glaubwürdigkeit ausstrahlt und den Eindruck erweckt, als ließe sich ein wunderbarer Einklang zwischen den Menschen und der Welt herstellen, zumindest im imaginären Reich der Literatur. Helene Hanff hat ein solches Buch – “84, Charing Cross Road” – geschrieben, und es ist auch die Zufälligkeit seines Entstehens, die ihm seinen Reiz gibt.”

Rainer Moritz im Nachwort

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Im Himmel gefangen..

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“Es gibt Zeiten und Orte, da niemand zu sein ehrenwerter ist, als jemand zu sein.”

Zitat, Seite 213

Barcelona, im Jahre 1957. Es ist kurz vor Weihnachten, als ein Fremder die leere Buchhandlung Sempere & Söhne betritt um das teuerste Buch des Ladens zu kaufen, eine Ausgabe des “Grafen von Monte Christo”. Seine Erscheinung liegt wie ein Gewitter in der Luft und als er es Fermín, dem engen Freund der Semperes widmet, ahnt der junge Daniel Sempere bereits, dass hier etwas nicht stimmt.

Die Widmung verrät, dass der Fremde mehr über Fermín Romero de Torres zu wissen scheint, als gut ist. Doch der Besuch des Fremden scheint nur der Auftakt einer Reise in die Vergangenheit zu sein, der sich Fermín bald stellen muss. Bald holen ihn finstere Intrigen und schmerzhafte Erinnerungen aus der Zeit des Spanischen Bürgerkriegs ein, die nicht nur seinen Seelenfrieden sondern auch das künftige Liebesglück mit der Bernarda zu zerstören drohen.

Wird es Fermín gelingen sich den Geistern seiner Vergangenheit zu stellen und sich selbst und das Leben seine Freunde zu schützen?

“Ein geübter Lügner weiß, dass die wirkungsvollste Lüge immer eine Wahrheit ist, der man ein entscheidendes Stück genommen hat.”

Zitat, Seite 274

“In diesem Leben wird einem alles verziehen, außer die Wahrheit zu sagen.”

Zitat, Seite 126

Zafón wagt sich mit “Der Gefangene des Himmels” an den dritten und scheinbar letzten Roman seiner Barcelona-Reihe, die mit “Der Schatten des Windes” begonnen hat und durch “Das Spiel des Engels” fortgesetzt wurde. Zafón gelingt es hierbei in gewohnter Manier den Leser innerhalb kürzester Zeit in einen erzählerischen Sog zu ziehen, dem er sich kaum entziehen kann. Seine Sprachgewandtheit, die von einigen Lesern als unnötig übertrieben angesehen wird, konnte mich auch in seinem dritten Roman wieder begeistern. Mir gefällt es einfach, wenn ein Himmel als scharlachrot oder Bahnschienen als spiegelblank bezeichnet werden. Mir scheint, als erwecke Zafón erst mithilfe dieser scheinbar überspitzen Adjektive die Stadt und ihr düsteres Geheimnis zum Leben. Sein Stil ist eben malerisch und allen Zweiflern zum Trotz, einfach wunderschön.

Allerdings, und das ist wirklich schade, ging es in “Der Gefangene des Himmels” nicht annähernd so rasant, spannend oder düster her, wie in seinen Vorgängerromanen, die mich oftmals vor Spannung oder Entsetzen erschaudern ließen. Auch wenn Fermíns Vergangenheit, mit der man durch Rückblenden in das Barcelona des Jahres 1939 konfrontiert wird, nicht harmlos oder gar rosig verlief, erschienen mir die Zeilen um einiges harmloser und spannungsarmer als in den Vorgängergeschichten. Im Vergleich zu “Marina”, das ebenfalls in Barcelona spielt, sich jedoch nicht um den Friedhof der vergessenen Bücher dreht, begegnete mir “Der Gefangene des Himmels” fast wie eine harmlose Gute-Nacht-Geschichte.

Unabhängig davon ist Zafón ein weitreichendes Beziehungsgeflecht gelungen, durch welches er dem Leser ermöglicht, Ereignisse und Figuren der einzelnen Romane miteinander zu verknüpfen und somit so manches offene Rätsel zu lösen. Der Leser erfährt in “Der Gefangene des Himmels” nicht nur viel aus dem Leben des bisher unbelichteten Fermín sondern auch aus Daniel Semperes Kindheit bzw. über den frühen Tod seiner Mutter. Viele Lücken schließen sich und dennoch lässt es sich Zafón nicht nehmen, neue Rätsel ins Buch zu streuen, die dem Leser wohl für immer ungelöst zu bleiben scheinen. Sein für September 2014 angekündigtes Werk “Der Mitternachtspalast” scheint der Auftakt für eine Kalkutta-Buchreihe zu werden und lässt mit “Der Gefangene des Himmels” auf den letzten Band der Barcelona-Reihe schließen.

“An diesem Abend hinderte ihn niemand am Gehen und niemand verabschiedete sich von ihm. Einer unter vielen Unsichtbaren, machte er sich auf zu den Straßen eines Barcelonas, das nach Elektrizität roch (…) und so gelangte er nach Tagen der Züge, Fußmärsche und Nachtbusse an einen Ort, wo die Straßen keinen Namen und die Häuser keine Nummern hatten und wo sich nichts und niemand an ihn erinnerte.”

Zitat, Seite 222/223

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Sehnsuchtsreise..

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lesenslust über “Sehnsucht ist ein Notfall” von Sabine Heinrich

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“Warte -“, ich kippe den Sekt in einem runter und gebe ihm das leere Glas zurück, “könnte ich noch einen haben? Oder noch besser: Bring die ganze Flasche mit. Oma macht mit Opa Schluss. Prosit Neujahr!”

Zitat, Seite 10

Kurz vor Neujahr lässt man oft das vergangene Jahr bzw. das bisherige Leben Revue passieren. Auch Evas Oma tut das und beschließt kurzer Hand, sich nach sechzig Jahren Ehe von Opa zu trennen. Auch Eva, die Omas Pläne vorerst nicht versteht, findet sich ganz plötzlich in der Situation wieder, ihr bisheriges Leben zu hinterfragen. Ist sie in ihrer Beziehung mit Johannes wirklich glücklich?

Als sie im Club Tobias kennenlernt, gerät ihre strukturierte Welt ins Wanken. Da hilft nur eins: abhauen. Rein ins Auto und ab in den Süden, ans Meer. Auf einer turbulenten Fahrt nach Italien kommen Oma und Enkelin ins Philisophieren: Wie viele Kompromisse verträgt eine Beziehung? Wie oft kann man neu anfangen? Gibt es falsche Entscheidungen oder nur den falschen Zeitpunkt?

Eine aufregende Reise durch Vergangenheit, Gegenwart und Zukunft beginnt.

“Ich hätte gerne eine Wegbeschreibung für mein Leben.”

Zitat, Seite 203

Sabine Heinrichs Debüt erzählt von einem turbulenten und zugleich erleichternden Roadtrip ans Meer. Im Fokus stehen Eva und ihre Oma, die beide vor einer schweren Entscheidung stehen: Oma, die sich nach sechzig Jahren Ehe vom Opa trennen will und Eva, die nach der Begegnung mit Tobias, ihre Beziehung zu Johannes hinterfragt. Aus einer spontanen Idee, einfach abzuhauen, wird Ernst.

Auf der Fahrt gen Süden kommen sich Eva und ihre Oma näher denn je. Für Eva, die ihre Mutter früh verlor, ist die Oma wie eine Mutter. In all den Jahren hat sie ihre Großeltern immer als Einheit wahrgenommen. Doch durch die erstmals ausgesprochenen negativen Gedanken der Oma und deren melancholische Stimmung während der Fahrt, wird Eva schnell klar, dass nicht alles so ist, wie es schien. Die Fassade der glücklichen Großeltern beginnt zu bröckeln.

Auf dem Weg nach Italien führen die beiden Frauen offene Gespräche über Liebe, Verpflichtung und dem Sinn des Lebens. Für beide wird die Fahrt zur Offenbarung. Das Meer schenkt ihnen Trost, ein Gefühl von Freiheit und Grenzenlosigkeit.

“Schritt für Schritt gehen wir ins Meer, bis zu den Knien, dann schreit Oma laut auf. Sie lässt den Rocksaum los und auch meine Hand. Sie steht im Meer, zum ersten Mal in ihrem Leben. Sie schreit. Der Schreit geht über in ein Lachen und schließlich in Tränen.”

Zitat, Seite 279

Der Autorin ist eines besonders gut gelungen: die Bindung der beiden Frauen. Mit den liebevollen und teils sehr amüsanten Unterhaltungen zwischen Oma und Enkelin hat sie die Verbundenheit der Frauen für den Leser spürbar werden lassen. Durch die Zeilen schenkte sie dem Roman eine gefühlvolle Note, die mich an vielen Stellen berührt und begeistert hat.

Dennoch ich mit dem Debüt der Autorin nicht wirklich warm geworden. Neben den gefühlvollen Zeilen stößt der Leser immer wieder auf eine wilde Mischung aus seichtem und kitschigem Liebesgeturtel a la Rosamunde Pilcher und wildem Sextalk. Eine Kombination, die mich nicht nur irritiert hat, sondern dem Buch meines Erachtens auch die nötige Ernsthaftigkeit nimmt. Das Werk wirkt daher auf mich etwas unharmonisch. Das offene Ende wirkt zu abrupt und irgendwie werde ich das Gefühl nicht los, dass einige Gedanken nicht zu Ende gedacht wurden. Irgendwas fehlt. Als hätte die Autorin nur an der Oberfläche der beiden Frauen gekratzt und überlässt es nun dem Leser, bis ins Innere vorzudringen.

<3 <3 <3

 

Buchdruck vs. Digitalisierung..

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lesenslust über “Die sonderbare Buchhandlung des Mr. Penumbra” von Robin Sloan

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“Verloren im Schatten der Regale falle ich fast von der Leiter. Ich bin jetzt genau auf halber Höhe angelangt. Der Boden der Buchhandlung liegt tief unter mir, die Oberfläche eines Planeten, von dem ich mich weit entfernt habe. Die Regale türmen sich über mir auf, und dort wo sie enden, ist es dunkel – die Bücher stehen dicht an dicht und lassen kein Licht hindurch. Gut möglich, dass dort auch die Luft dünner ist. Ich glaube, ich habe eine Fledermaus gesehen.”

Zitat, Seite 11

Nach einer gescheiterten Karriere als Webdesigner ist Clay Jannon auf der Suche nach einer neuen beruflichen Herausforderung. Ihm ist jede Arbeit recht, die Geld in die Kasse bringt. Und so entdeckt er beim Schlendern durch San Franciscos versteckte Gassen eine Stellenanzeige im Schaufenster von Mr. Penumbras Buchhandlung. Eine merkwürdige Buchhandlung, die rund um die Uhr geöffnet hat.

Voller Neugierde lässt er sich auf den Job in der sonderbaren Buchhandlung und die zu besetzende Nachtschicht ein. Doch schon nach kurzer Zeit bemerkt er, dass in der staubigen alten Buchhandlung etwas nicht stimmt. Denn nicht nur die Anforderungen, die der Ladenbesitzer an die Tätigkeit im Laden knüpft, erscheinen Clay fragwürdig, sondern auch die Kundschaft des Ladens. Seltsame Kunden, die nicht nur äußerst selten, sondern auch auf höchst verstörte Weise in den Laden schneien. Nie scheinen sie Bücher zu kaufen, sondern sie ausschließlich zu leihen. Clay tippt bei ihnen auf Mitglieder eines dubiosen Buchclubs.

Bei den Leihbüchern handelt es sich um merkwürdige Exemplare aus dem hinteren Teil des Ladens, die Clay liebevoll als Ladenhüter bezeichnet, weil sie den normalen Besuchern verborgen scheinen. Beim verbotenen Blick in ihr Inneres bemerkt er, dass es sich um keine normalen Bücher sondern vielmehr um codierte Folianten handelt, deren Inhalt er nicht zu entschlüsseln weiß.

Gemeinsam mit seiner Freundin Kat und seinem Freund Mat entschließt sich Clay, dem Geheimnis der Bücher und den dubiosen Ladenbesuchern auf den Grund zu gehen. Ihre Reise führt sie bis in den düsteren Untergrund Londons…

“Bücher waren mal ziemlich Hightech, seinerzeit. Lang ist´s her.”

Zitat, Seite 117

Sloan wusste mich mit seinem Werk “Die sonderbare Buchhandlung des Mr. Penumbra” zu irritieren und gleichermaßen zu unterhalten. Klingt merkwürdig, ist aber so. Meine Meinung zum Buch ist ungewohnt zwiespältig, was im Nachhinein betrachtet aber vielmehr auf die unglückliche Ankündigung des Buches durch die New York Times zurückzuführen ist, als auf die Geschichte selbst. Denn wer ein Buch als bezaubernde Liebeserklärung an die Welt der Bücher ankündigt und dann vielmehr mit einer Liebeserklärung an die Welt der Technik daherkommt, sollte sich nicht wundern, wenn die Leser hinterher enttäuscht sind. Kernpunkte dieses Romans waren für mich Google, Programmiersprachen & Typographie. Keine uninteressanten Themen, aber auch nicht die von mir erhoffte Thematik.

Zu Beginn der Geschichte erobern wir an Clays Seite die ungewöhnliche Buchhandlung von Mr. Penumbra. Eine Buchhandlung, die mit meterhohen Buchregalen und mysteriös codierten Ladenhütern aufwartet. An den Job im Laden sind nicht nur merkwürdige Anforderungen sondern auch die Begegnung mit dubiosen Gestalten gekoppelt, deren Lebensaufgabe sich ausschließlich um den für Clay unleserlichen Inhalt der Bücher aus dem düsteren Teil des Ladens zu drehen scheint. Eine Sekte?

Was als geheimnisvolle und spannende Entdeckungsreise beginnt, driftete mir leider irgendwann in ein viel zu virtuelles Rumgespinne ab. Auch wenn die Dinge vereinzelt sehr interessant zu verfolgen waren, beinhaltete das Buch mir insgesamt zu viel Fachgesimpel und zu googlelastige Passagen. Irgendwie ist die Geschichte ein freakiger Stilmix aus Alt und Neu. Das gebundene Buch auf der einen Seite, die digitalisierte Welt auf der anderen Seite. Auf einer Waagschale betrachtet, scheint Sloans Konzentration aber viel zu sehr auf der internetbasierten Welt zu ruhen, als auf die für mich viel spannendere Welt des gebundenen Buchs und sorgt daher für Disbalance.

Unabhängig von diesen Dingen birgt das Buch einen spannungsgeladenen, ereignisreichen und abenteuerlichen Trip in sich. Die Geschichte ist sicherlich nicht für jedermann etwas, könnte den ein oder anderen Google- bzw. Programmierfreund aber begeistern.

Über Google erzählt man sich heute, es sei wie Amerika selbst: immer noch die Nummer eins, aber unverkennbar dem Untergang geweiht. Beides sind Supermächte mit ungeheuren Ressourcen, aber beide werden von rasant wachsenden Rivalen verfolgt, die sie früher oder später überholen werden. Für Amerika ist dieser Rivale China. Für Google ist es Facebook.

Zitat, Seite 106

<3 <3 <3

Ein neuer Himmel..

lesenslust über “Morgen kommt ein neuer Himmel” von Lori Nelson Spielman

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“Wer nach außen schaut, träumt; wer nach innen schaut, erwacht.”

Carl Gustav Jung

Mit 14 Jahren hatte Brett noch eine genau Vorstellung vom Leben. Idealistisch verfasste sie eine Liste mit persönlichen Lebenszielen.  Heute, zwanzig Jahre später, hat sie die Liste längst vergessen und lebt ein Leben fernab ihrer alten Träume. Sie hat einen erfolgreichen Freund, einen sicheren Job und lebt in einer schicken Wohnung. Was sollte sie sich schon mehr vom Leben wünschen?

Doch als Bretts Mutter Elizabeth stirbt, bricht für sie eine Welt zusammen. Plötzlich fehlt ihr die Konstante im Leben, die ihre Mutter für sie war. Als Elizabeths Testament verlesen wird, und Brett vorerst leer ausgeht, versteht sie die Welt nicht mehr. Was ihre Mutter ihr hinterlässt, ist vielmehr eine alte Liste mit Lebenszielen, die sie aus dem Mülleimer gefischt und seitdem für ihre Tochter aufgehoben hat. In einem liebevollen Brief macht Elizabeth die Erfüllung zehn verbleibender Lebensziele zur Bedingung, dass auch Brett ihr Erbe erhält. Und das in einem Zeitraum von einem Jahr. Ein schlechter Scherz?

Brett ist entsetzt: Was soll sie mit 34 Jahren schon von den Träumen einer Vierzehnjährigen halten? Ein Pferd kaufen, sich in den richtigen verlieben und ein Kind bekommen scheinen längst nicht mehr von Bedeutung für Brett. Doch als sie sich trotzig dazu entscheidet, den letzten Wunsch ihrer Mutter zu erfüllen, macht sie eine überraschende Entdeckung… 

“Ich schaue aus dem Fenster und versetze mich zurück in eine andere Zeit, eine Zeit, als ich mutig und furchtlos war, überzeugt, dass meine Träume Wirklichkeit werden würden. Aber dann kam es, wie es kommen musste: Ich lernte, dass sich nicht alles nur um mich dreht.”

Zitat, Seite 79

Die Träume eines 14-jährigen Mädchens sind in erster Linie sicherlich nicht mit den Träumen einer 34-jähigen Frau, die mitten im Leben steht und eigentlich längst wissen sollte, was sie vom Leben erwartet, gleichzusetzen. Das Testament ihrer Mutter und die darin festgehaltene Bedingung für Bretts Erbe, irritiert daher nicht nur Brett, sondern auch den Leser. Brett, die seit Jahren im millionenschweren Familienunternehmen Bohlinger Cosmetics arbeitet, kann es nicht fassen, dass ihre Mutter nicht ihr, sondern der Schwägerin Catherine die Firma hinterlässt. Eine Fehlentscheidung oder ein bewusster Schritt der Mutter?

Was soll Brett schon mit einer lächerlichen Liste mit Lebenszielen anfangen, deren Wünsche längst keine Bedeutung mehr für sie zu haben scheinen? Doch als sie sich, anfangs enttäuscht und widerwillig, an die Abarbeitung der verbleibenden zehn Lebensziele ihrer Liste macht, stellt sie fest, dass es nicht die Wünsche sind, die mit ihrem Leben nichts mehr gemein zu haben scheinen, sondern vielmehr ihr Leben mit ihren wahren Wünschen.

“Stimmengemurmel dringt durch das Treppenhaus hinauf, undeutlich, irritierend, fern. Mit zitternden Händen schließe ich die Tür hinter mir. Die Welt verstummt. Ich lehne den Kopf gegen die Tür und atme tief ein. Das Zimmer riecht noch immer nach ihr – nach Eau d´Hadrien und Ziegenmilchseife. Das Eisenbett quietscht leise, als ich mich darauf lege. Ein Geräusch, so beruhigend wie das Klirren ihres Windspiels im Garten oder der Klang ihrer sanften Stimme, wenn sie mit sagte, wie lieb sie mich hat.”

Zitat, Seite 9

Lori Nelson Spielman erzählt in ihrem ersten Roman die Geschichte einer trauernden Tochter, die mit dem Tod ihrer geliebten Mutter die einzig wahre Konstante in ihrem Leben verliert. Verzweifelt und hilflos streift sie umher, wirkt neben ihren gefassten Brüdern wie ein Häufchen Elend und alles andere als eine gefestigte selbstbewusste Frau. Durch die Liste und der zur erfolgreichen Erbschaft notwendigen Erfüllung schickt Elizabeth ihre Tochter auf eine Mission. Sie lautet: das Leben am Kragen packen und es umkrempeln. Der Mutter scheint über die Jahre längst klar geworden, dass ihre Tochter ein Leben führt, dass sie nicht wirklich glücklich macht. Jeglicher Luxus ist eben nicht dem wahren Glück gleichzusetzen, das durch Freundschaft, Liebe oder Aufmerksamkeit entsteht. Man kann es nicht kaufen. Da hilft auch keine Rolex ums Handgelenk, ein erfolgreicher Anwalt als Freund oder ein schicker BMW vor der Haustür.

Kein Wunder, dass meine Mutter mich zwingen wollte, andere Wege einzuschlagen, runter von der oberflächlichen, schnelllebigen Autobahn, über die ich raste. Der Weg, den ich jetzt nehme, ist vielleicht langsamer und die Landschaft nicht annähernd so spektakulär, aber zum ersten Mal seit Jahren macht mir das Fahren Spaß.

Zitat, Seite 257/258

Ihr Weg schickt Brett auf fremdes Terrain: Auf holprigen und steinigen Trampelpfaden ohne jegliche Sicherheit erkennt Brett plötzlich, was das wahre Leben ausmacht. Sie lernt Stadtteile und Menschen unterschiedlichster Schichten kennen, schließt Freundschaften und lässt alte wieder aufleben, entdeckt Familiengeheimnisse und Leidenschaften ihrer Mutter, mietet sich eine kleine bescheidene Wohnung und erfreut sich an einem drolligen Vierbeiner an ihrer Seite. Oft gerät sie ins Schlingern, will aufgeben, scheint entmutigt und hilflos. Doch ihre Loyalität und Liebe zur Mutter schenken ihr die nötige Konsequenz.

Wie Puzzleteile setzen sich die Ereignisse in Bretts Leben zusammen wie alte Freunde. Insgesamt wirkt alles sehr durchdacht. So scheinen selbst oberflächliche Begegnungen später von zentraler Bedeutung zu werden, andere wiederum erzählen alleinstehende Geschichten, jedoch immer mit dem Bezug zur Protagonistin. Was mir während des Romans sehr gut gefallen hat, war die herzliche, fast mütterliche Atmosphäre, die sicherlich durch Elizabeths Briefe hervorgerufen wurden. Mit dem Erfüllen eines jeden Ziels erhält Brett eine neuen Brief und somit eine Botschaft der Mutter. Es schien fast so, als spreche die Mutter noch immer zu ihr.

Der Grundgedanke der Geschichte ist gut, die Umsetzung süß. Doch manche Dinge wirkten auf mich unvollendet oder übertrieben. Kein Mensch erledigt die Ziele: ein Kind bekommen, sich in den richtigen verlieben oder ein Haus kaufen, innerhalb eines Jahres. Schon gar nicht, wenn neben ihnen noch sieben weitere Ziele auf ihre Vollendung warten. Die Bedingung, zehn Lebensziele innerhalb eines Jahres abzuhaken, finde ich daher etwas albern und unrealistisch. Ansonsten verlor die Geschichte nie an Authentizität, wirkte weder schnulzig noch an den Haaren herbeigezogen.

Als Lori Nelson Spielman, die Autorin, eine längst in Vergessenheit geratene Liste mit ihren Lebenszielen in einer kleinen, alten Zedernholzschachtel aus ihrer Schulzeit findet, wird die Idee zu einem Roman geboren. “Morgen kommt ein neuer Himmel” ist das Ergebnis. Im Nachhinein ist klar, dass der Roman einige Parallelen zum Leben Spielmans aufweist und dadurch sicherlich biografisch angehaucht ist.

<3 <3 <3 <3