Machen Bücher einsam?

Schlagwörter

, , ,

lesenslust über “Das geheime Leben der Bücher” von Régis De Sá Moreira

image

Auch Bücher brauchen Liebe!

Viele wünschen sich, sie könnten von Luft und Liebe leben. Er, der Buchhändler, lebt vom Lesen, denn nur dann hat er das Gefühl, geliebt zu werden. Seine Buchhandlung ist sein Universum, die Bücher sind seine Schützlinge. Und bei jedem Klingeln seiner Türglocke ist er immer wieder bereit, seine frohe Botschaft zu verkünden: Lesen hilft und macht glücklich

Kurzbeschreibung des Verlages

De Sá Moreira lässt uns in seinem Buch auf höchst ungewöhnliche Weise am Leben eines namenlosen Buchhändlers teilhaben. Man könnte “Das geheime Leben der Bücher” als Ansammlung von Begegnungen in einer Buchhandlung bezeichnen oder auch als Einblick in die skurillen Gedankengänge eines schrulligen, einsamen und bücherhungrigen Mannes, aber nicht als eine Geschichte oder Erzählung mit Handlung und Tiefgang. Denn diese Inhalte scheinen tatsächlich nicht vorhanden zu sein. Es beginnt genauso unspektakulär wie es endet. Einfach so. So ist das eben.

Der namenlose Buchhändler hat es sich zur Gewohnheit gemacht, sich ausschließlich von Büchern zu ernähren. Nach jedem Kunden bedarf es lediglich einer Tasse Kräutertee, um den Erhalt der Lebensgeister aufrecht zu erhalten. Eine mutmaßlich eher schlechte als rechte Maßnahme, aber da er durch die 24-Stunden-Ladenöffnungszeit zudem nur wenig schläft, überrascht den Leser die teilweise sehr unwirsche und exzentrische Art des Buchhändlers nicht im Geringsten. Genauso wenig wie die Tatsache, dass dieser Mann weder Freunde zu haben, noch im engen Kontakt zu seiner Familie zu stehen scheint. Er begnügt sich mit täglichen Briefen seiner zehn Brüder und Schwestern, die wohl vielmehr aus Gewissensbissen als aus Liebe verschickt werden und quittiert sie mit kommentarlosen herausgerissenen Seiten aus Büchern, die er dann nicht mehr verkaufen kann.

Obwohl er den Gedanken nicht ertragen kann, dass ein Kunde vor verschlossener Tür steht, sind sie ihm zum größten Teil unangenehm. Paare scheint er dabei ganz besonders zu hassen. Wenn es ihm nicht gelingt, sich rechtzeitig unter dem Schreibtisch vor ihnen zu verstecken oder über die Treppe ins Obergeschoss zu flüchten, bombadiert er sie mit völlig verstörtem Gebrabbel, bis sie entsetzt zum Ausgang eilen. Mit jedem Dingeling Dingeling der Türglocke kündigt sich ein weiterer merkwürdiger Kunde im Laden an: vom Fatalisten über eine Dame in Schwarz mit Sense, Gott höchstpersönlich, einem Dalai Lama, einer Baronin, einer Frage oder den Zeugen Jehovas ist jede erdenklich schräge Persönlichkeit oder Erscheinung dabei. Und irgendwie beschleicht mich das Gefühl, dass sie allesamt eine Schraube locker haben. Allen voran der Buchhändler.

So entstehen die merkwürdigsten Dialoge zwischen Menschen, denen man wohl weder persönlich begegnen, noch an ihren sinnlosem Geschwätz teilhaben möchte. Das Barometer des Fremdschämfaktors steigt ins Unermessliche. Ob diese Gefühlsregung jetzt dem Autor selbst oder seinen eigenartigen Protagonisten zuzuschreiben ist, kann ich auf Anhieb nicht beantworten. Allerdings führt dieses Buch bei mir unweigerlich zu dieser Emotion. Gefolgt von Irritation und mehreren großen Fragezeichen, die ununterbrochen über dem Buch zu schweben scheinen und sich auch zum Ende hin nicht verscheuchen lassen. Vielleicht fehlt mir für De Sá Moreiras Werk schlichtweg die Fantasie. Doch da auch viele andere Leser zu diesem Entschluss kamen, ist wohl die viel wichtigere Frage, wer über diese Gabe verfügt?!

Dass ich dieses Buch bis zum Ende durchgelesen habe, ist wohl den atmosphärischen und liebevollen Beschreibungen des Ladens und den seltenen aber durchaus schönen Zeilen über das Lesen und den Büchern im Allgemeinen zu verdanken. Noch nie habe ich etwas gelesen, dass so skurill und bizarr war, dass ich es am liebsten in die Tonne kloppen würde. Sorry De Sá Moreira, aber das übersteigt meinen Horizont um ein Vielfaches.

<3 <3

 

Eine Freundschaft in Briefen..

Schlagwörter

, , , , ,

lesenslust über “84, Charing Cross Road” von Helene Hanff

image

“Von meinem Stuhl aus ist mir London viel näher als die 17 th Street.”

Zitat, Seite 28

1949 beginnt zwischen Helene Hanff, einer Bühnenschriftstellerin aus New York, und dem Londoner Antiquar Frank Doel ein reger Briefwechsel, der über 20 Jahre andauern soll. Was als schlichte Korrespondenz von Geschäftsbriefen beginnt, entwickelt sich über die Jahre zu einer vertrauensvollen Brieffreundschaft zwischen zwei Menschen, die trotz der Entfernung zueinander eine gemeinsame Leidenschaft teilen: Die Leidenschaft für Bücher.

Hanff, die über die Jahre ihre Suche nach antiquarischen Büchern vertrauensvoll in Doels Hände gelegt und die Belegschaft der Marks & Co Buchhandlung in London und darüber hinaus deren Familien in ihr Herz geschlossen hat, setzte mit der Veröffentlichung dieser Briefe in “84, Charing Cross Road” dieser außergewöhnlichen Beziehung ein Denkmal.

“Ich will IHNEN, Frank Doel, nur eines sagen: Wir leben in verkommenen, zerstörerischen und degenerierten Zeiten, wenn eine Buchhandlung – eine BUCHHANDLUNG – damit anfängt, schöne alte Bücher auseinander zu reißen, um sie als Einpackpapier zu verwenden. Ich sagte zu John Henry, als er ausgewickelt war: “Hätten Sie das für möglich gehalten, Eminenz?”, und er verneinte. Sie haben das Buch in einer großen Schlachtszene auseinander gerissen, und ich weiß nicht einmal, um welchen Krieg es sich handelt.”

Zitat, Seite 32

Die in “84, Charing Cross Road” veröffentlichten Briefe zwischen Helene Hanff und Frank Doel sind ein wahrer Schatz und bereits nach wenigen Seiten wird mir klar, warum so viele Millionen Menschen vor mir ihr Herz an dieses kleine bescheidene Büchlein verloren haben: Es ist eine Hymne an die Literatur, an die Freundschaft und an den Austausch in Briefen. Es spiegelt die Beziehung zwischen zwei Menschen wieder, die allein durch die Liebe zu den Büchern entfacht, und über die Jahre gefestigt wurde.

Helene Hanff hat als schlagfertige New Yorkerin bei der Korrespondenz stets die Oberhand und schreckt nicht davor zurück dem liebenswerten Frank Doel zu gegebenem Anlass zurecht zu weisen. Sie feuert derartige Wagenladungen voller Empörung und Missmut auf den zurückhaltenden Doel, dass man befürchtet, er würde vor Scham im Boden versinken. Und dennoch hält er Hanffs Schimpftiraden, die der Korrespondenz so viel Witz und Esprit verleihen, stand. Er konzentriert sich stets aufs Wesentliche: dem Besorgen und Zusenden von Hanffs Wunschliteratur.

Das nennen Sie Pepys’ Tagebuch!? Das ist nicht Pepys’ Tagebuch, das ist die elende Zusammenstellung von Exzerpten aus Pepys’ Tagebuch, herausgegeben von irgendeinem übereifrigen Kerl, der in der Hölle verfaulen möge! Ich könnte ausspucken davor!”

Zitat, Seite 55

Mit der Zeit werden die Briefe persönlicher und Hanffs Ton mitfühlender und umgänglicher. Der anfänglich zweckdienlichen Anweisung von Bestellungen weicht ein liebevoller Umgang mit dem loyalen Buchhändler und seiner Familie. Eine Vertrautheit wächst zwischen den beiden Buchliebhabern, wie man sie sonst nur zwischen wirklich guten Freunden finden kann. So kommt nicht nur die benötigte Literatur sondern auch das Zeitgeschehen aus Politik, Sport und dem alltäglichen Leben zur Sprache. Gefühle und Denkansätze werden ausgetauscht, mit der sich zwei völlig Fremde einander Stück für Stück zu öffnen scheinen.

“Ich liebe Widmungen auf dem Vorsatz und Randnotizen; ich mag das Gefühl von Verbundenheit, das entsteht, wenn ich Seiten umschlage, die jemand vor mir bereits umblätterte, und Abschnitte lese, auf die jemand, der schon lange nicht mehr lebt, meine Aufmerksamkeit gelenkt hat.”

Zitat, Seite 48

Das ergreifende Werk “84, Charing Cross Road” bewirkt mit seinen bescheidenen 158 Seiten so viel mehr, als man es vermutet und berührt deshalb vermutlich auch so viele Leserherzen. Es hat mich verzaubert und wird als 2002 erschiene deutsche Erstausgabe für immer einen ganz besonderen Platz in meinem Bücherregal ergattern. Wie schade, dass Helene Hanff bereits 1997 verstorben ist. Die Theater- und Buchautorin, die über viele Jahre hinweg vergeblich auf den Durchbruch wartete, stand der erfolgreichen und einschneidenden Publikation von Briefen, die nie im Hinblick auf eine Veröffentlichung geschrieben wurden, bis zum Ende mit aufrichtigem Staunen gegenüber. Ein Charakterzug, der Helene Hanff nicht nur sympathisch sondern sicherlich auch zu einem Vorbild für Viele macht.

“Es gibt Bücher, die ihre Leser von der ersten Seite an in ihren Bann ziehen und unwiderstehlichen Charme verbreiten. Sie treffen einen Tonfall, der Glaubwürdigkeit ausstrahlt und den Eindruck erweckt, als ließe sich ein wunderbarer Einklang zwischen den Menschen und der Welt herstellen, zumindest im imaginären Reich der Literatur. Helene Hanff hat ein solches Buch – “84, Charing Cross Road” – geschrieben, und es ist auch die Zufälligkeit seines Entstehens, die ihm seinen Reiz gibt.”

Rainer Moritz im Nachwort

<3 <3 <3 <3 <3

 

 

Im Himmel gefangen..

Schlagwörter

, , , , ,

 

wpid-DSC_5609_1.jpg

“Es gibt Zeiten und Orte, da niemand zu sein ehrenwerter ist, als jemand zu sein.”

Zitat, Seite 213

Barcelona, im Jahre 1957. Es ist kurz vor Weihnachten, als ein Fremder die leere Buchhandlung Sempere & Söhne betritt um das teuerste Buch des Ladens zu kaufen, eine Ausgabe des “Grafen von Monte Christo”. Seine Erscheinung liegt wie ein Gewitter in der Luft und als er es Fermín, dem engen Freund der Semperes widmet, ahnt der junge Daniel Sempere bereits, dass hier etwas nicht stimmt.

Die Widmung verrät, dass der Fremde mehr über Fermín Romero de Torres zu wissen scheint, als gut ist. Doch der Besuch des Fremden scheint nur der Auftakt einer Reise in die Vergangenheit zu sein, der sich Fermín bald stellen muss. Bald holen ihn finstere Intrigen und schmerzhafte Erinnerungen aus der Zeit des Spanischen Bürgerkriegs ein, die nicht nur seinen Seelenfrieden sondern auch das künftige Liebesglück mit der Bernarda zu zerstören drohen.

Wird es Fermín gelingen sich den Geistern seiner Vergangenheit zu stellen und sich selbst und das Leben seine Freunde zu schützen?

“Ein geübter Lügner weiß, dass die wirkungsvollste Lüge immer eine Wahrheit ist, der man ein entscheidendes Stück genommen hat.”

Zitat, Seite 274

“In diesem Leben wird einem alles verziehen, außer die Wahrheit zu sagen.”

Zitat, Seite 126

Zafón wagt sich mit “Der Gefangene des Himmels” an den dritten und scheinbar letzten Roman seiner Barcelona-Reihe, die mit “Der Schatten des Windes” begonnen hat und durch “Das Spiel des Engels” fortgesetzt wurde. Zafón gelingt es hierbei in gewohnter Manier den Leser innerhalb kürzester Zeit in einen erzählerischen Sog zu ziehen, dem er sich kaum entziehen kann. Seine Sprachgewandtheit, die von einigen Lesern als unnötig übertrieben angesehen wird, konnte mich auch in seinem dritten Roman wieder begeistern. Mir gefällt es einfach, wenn ein Himmel als scharlachrot oder Bahnschienen als spiegelblank bezeichnet werden. Mir scheint, als erwecke Zafón erst mithilfe dieser scheinbar überspitzen Adjektive die Stadt und ihr düsteres Geheimnis zum Leben. Sein Stil ist eben malerisch und allen Zweiflern zum Trotz, einfach wunderschön.

Allerdings, und das ist wirklich schade, ging es in “Der Gefangene des Himmels” nicht annähernd so rasant, spannend oder düster her, wie in seinen Vorgängerromanen, die mich oftmals vor Spannung oder Entsetzen erschaudern ließen. Auch wenn Fermíns Vergangenheit, mit der man durch Rückblenden in das Barcelona des Jahres 1939 konfrontiert wird, nicht harmlos oder gar rosig verlief, erschienen mir die Zeilen um einiges harmloser und spannungsarmer als in den Vorgängergeschichten. Im Vergleich zu “Marina”, das ebenfalls in Barcelona spielt, sich jedoch nicht um den Friedhof der vergessenen Bücher dreht, begegnete mir “Der Gefangene des Himmels” fast wie eine harmlose Gute-Nacht-Geschichte.

Unabhängig davon ist Zafón ein weitreichendes Beziehungsgeflecht gelungen, durch welches er dem Leser ermöglicht, Ereignisse und Figuren der einzelnen Romane miteinander zu verknüpfen und somit so manches offene Rätsel zu lösen. Der Leser erfährt in “Der Gefangene des Himmels” nicht nur viel aus dem Leben des bisher unbelichteten Fermín sondern auch aus Daniel Semperes Kindheit bzw. über den frühen Tod seiner Mutter. Viele Lücken schließen sich und dennoch lässt es sich Zafón nicht nehmen, neue Rätsel ins Buch zu streuen, die dem Leser wohl für immer ungelöst zu bleiben scheinen. Sein für September 2014 angekündigtes Werk “Der Mitternachtspalast” scheint der Auftakt für eine Kalkutta-Buchreihe zu werden und lässt mit “Der Gefangene des Himmels” auf den letzten Band der Barcelona-Reihe schließen.

“An diesem Abend hinderte ihn niemand am Gehen und niemand verabschiedete sich von ihm. Einer unter vielen Unsichtbaren, machte er sich auf zu den Straßen eines Barcelonas, das nach Elektrizität roch (…) und so gelangte er nach Tagen der Züge, Fußmärsche und Nachtbusse an einen Ort, wo die Straßen keinen Namen und die Häuser keine Nummern hatten und wo sich nichts und niemand an ihn erinnerte.”

Zitat, Seite 222/223

<3 <3 <3

Sehnsuchtsreise..

Schlagwörter

, , , , ,

lesenslust über “Sehnsucht ist ein Notfall” von Sabine Heinrich

image

 

“Warte -“, ich kippe den Sekt in einem runter und gebe ihm das leere Glas zurück, “könnte ich noch einen haben? Oder noch besser: Bring die ganze Flasche mit. Oma macht mit Opa Schluss. Prosit Neujahr!”

Zitat, Seite 10

Kurz vor Neujahr lässt man oft das vergangene Jahr bzw. das bisherige Leben Revue passieren. Auch Evas Oma tut das und beschließt kurzer Hand, sich nach sechzig Jahren Ehe von Opa zu trennen. Auch Eva, die Omas Pläne vorerst nicht versteht, findet sich ganz plötzlich in der Situation wieder, ihr bisheriges Leben zu hinterfragen. Ist sie in ihrer Beziehung mit Johannes wirklich glücklich?

Als sie im Club Tobias kennenlernt, gerät ihre strukturierte Welt ins Wanken. Da hilft nur eins: abhauen. Rein ins Auto und ab in den Süden, ans Meer. Auf einer turbulenten Fahrt nach Italien kommen Oma und Enkelin ins Philisophieren: Wie viele Kompromisse verträgt eine Beziehung? Wie oft kann man neu anfangen? Gibt es falsche Entscheidungen oder nur den falschen Zeitpunkt?

Eine aufregende Reise durch Vergangenheit, Gegenwart und Zukunft beginnt.

“Ich hätte gerne eine Wegbeschreibung für mein Leben.”

Zitat, Seite 203

Sabine Heinrichs Debüt erzählt von einem turbulenten und zugleich erleichternden Roadtrip ans Meer. Im Fokus stehen Eva und ihre Oma, die beide vor einer schweren Entscheidung stehen: Oma, die sich nach sechzig Jahren Ehe vom Opa trennen will und Eva, die nach der Begegnung mit Tobias, ihre Beziehung zu Johannes hinterfragt. Aus einer spontanen Idee, einfach abzuhauen, wird Ernst.

Auf der Fahrt gen Süden kommen sich Eva und ihre Oma näher denn je. Für Eva, die ihre Mutter früh verlor, ist die Oma wie eine Mutter. In all den Jahren hat sie ihre Großeltern immer als Einheit wahrgenommen. Doch durch die erstmals ausgesprochenen negativen Gedanken der Oma und deren melancholische Stimmung während der Fahrt, wird Eva schnell klar, dass nicht alles so ist, wie es schien. Die Fassade der glücklichen Großeltern beginnt zu bröckeln.

Auf dem Weg nach Italien führen die beiden Frauen offene Gespräche über Liebe, Verpflichtung und dem Sinn des Lebens. Für beide wird die Fahrt zur Offenbarung. Das Meer schenkt ihnen Trost, ein Gefühl von Freiheit und Grenzenlosigkeit.

“Schritt für Schritt gehen wir ins Meer, bis zu den Knien, dann schreit Oma laut auf. Sie lässt den Rocksaum los und auch meine Hand. Sie steht im Meer, zum ersten Mal in ihrem Leben. Sie schreit. Der Schreit geht über in ein Lachen und schließlich in Tränen.”

Zitat, Seite 279

Der Autorin ist eines besonders gut gelungen: die Bindung der beiden Frauen. Mit den liebevollen und teils sehr amüsanten Unterhaltungen zwischen Oma und Enkelin hat sie die Verbundenheit der Frauen für den Leser spürbar werden lassen. Durch die Zeilen schenkte sie dem Roman eine gefühlvolle Note, die mich an vielen Stellen berührt und begeistert hat.

Dennoch ich mit dem Debüt der Autorin nicht wirklich warm geworden. Neben den gefühlvollen Zeilen stößt der Leser immer wieder auf eine wilde Mischung aus seichtem und kitschigem Liebesgeturtel a la Rosamunde Pilcher und wildem Sextalk. Eine Kombination, die mich nicht nur irritiert hat, sondern dem Buch meines Erachtens auch die nötige Ernsthaftigkeit nimmt. Das Werk wirkt daher auf mich etwas unharmonisch. Das offene Ende wirkt zu abrupt und irgendwie werde ich das Gefühl nicht los, dass einige Gedanken nicht zu Ende gedacht wurden. Irgendwas fehlt. Als hätte die Autorin nur an der Oberfläche der beiden Frauen gekratzt und überlässt es nun dem Leser, bis ins Innere vorzudringen.

<3 <3 <3

 

Buchdruck vs. Digitalisierung..

Schlagwörter

, , , , ,

lesenslust über “Die sonderbare Buchhandlung des Mr. Penumbra” von Robin Sloan

wpid-DSC_5019_1.jpg

“Verloren im Schatten der Regale falle ich fast von der Leiter. Ich bin jetzt genau auf halber Höhe angelangt. Der Boden der Buchhandlung liegt tief unter mir, die Oberfläche eines Planeten, von dem ich mich weit entfernt habe. Die Regale türmen sich über mir auf, und dort wo sie enden, ist es dunkel – die Bücher stehen dicht an dicht und lassen kein Licht hindurch. Gut möglich, dass dort auch die Luft dünner ist. Ich glaube, ich habe eine Fledermaus gesehen.”

Zitat, Seite 11

Nach einer gescheiterten Karriere als Webdesigner ist Clay Jannon auf der Suche nach einer neuen beruflichen Herausforderung. Ihm ist jede Arbeit recht, die Geld in die Kasse bringt. Und so entdeckt er beim Schlendern durch San Franciscos versteckte Gassen eine Stellenanzeige im Schaufenster von Mr. Penumbras Buchhandlung. Eine merkwürdige Buchhandlung, die rund um die Uhr geöffnet hat.

Voller Neugierde lässt er sich auf den Job in der sonderbaren Buchhandlung und die zu besetzende Nachtschicht ein. Doch schon nach kurzer Zeit bemerkt er, dass in der staubigen alten Buchhandlung etwas nicht stimmt. Denn nicht nur die Anforderungen, die der Ladenbesitzer an die Tätigkeit im Laden knüpft, erscheinen Clay fragwürdig, sondern auch die Kundschaft des Ladens. Seltsame Kunden, die nicht nur äußerst selten, sondern auch auf höchst verstörte Weise in den Laden schneien. Nie scheinen sie Bücher zu kaufen, sondern sie ausschließlich zu leihen. Clay tippt bei ihnen auf Mitglieder eines dubiosen Buchclubs.

Bei den Leihbüchern handelt es sich um merkwürdige Exemplare aus dem hinteren Teil des Ladens, die Clay liebevoll als Ladenhüter bezeichnet, weil sie den normalen Besuchern verborgen scheinen. Beim verbotenen Blick in ihr Inneres bemerkt er, dass es sich um keine normalen Bücher sondern vielmehr um codierte Folianten handelt, deren Inhalt er nicht zu entschlüsseln weiß.

Gemeinsam mit seiner Freundin Kat und seinem Freund Mat entschließt sich Clay, dem Geheimnis der Bücher und den dubiosen Ladenbesuchern auf den Grund zu gehen. Ihre Reise führt sie bis in den düsteren Untergrund Londons…

“Bücher waren mal ziemlich Hightech, seinerzeit. Lang ist´s her.”

Zitat, Seite 117

Sloan wusste mich mit seinem Werk “Die sonderbare Buchhandlung des Mr. Penumbra” zu irritieren und gleichermaßen zu unterhalten. Klingt merkwürdig, ist aber so. Meine Meinung zum Buch ist ungewohnt zwiespältig, was im Nachhinein betrachtet aber vielmehr auf die unglückliche Ankündigung des Buches durch die New York Times zurückzuführen ist, als auf die Geschichte selbst. Denn wer ein Buch als bezaubernde Liebeserklärung an die Welt der Bücher ankündigt und dann vielmehr mit einer Liebeserklärung an die Welt der Technik daherkommt, sollte sich nicht wundern, wenn die Leser hinterher enttäuscht sind. Kernpunkte dieses Romans waren für mich Google, Programmiersprachen & Typographie. Keine uninteressanten Themen, aber auch nicht die von mir erhoffte Thematik.

Zu Beginn der Geschichte erobern wir an Clays Seite die ungewöhnliche Buchhandlung von Mr. Penumbra. Eine Buchhandlung, die mit meterhohen Buchregalen und mysteriös codierten Ladenhütern aufwartet. An den Job im Laden sind nicht nur merkwürdige Anforderungen sondern auch die Begegnung mit dubiosen Gestalten gekoppelt, deren Lebensaufgabe sich ausschließlich um den für Clay unleserlichen Inhalt der Bücher aus dem düsteren Teil des Ladens zu drehen scheint. Eine Sekte?

Was als geheimnisvolle und spannende Entdeckungsreise beginnt, driftete mir leider irgendwann in ein viel zu virtuelles Rumgespinne ab. Auch wenn die Dinge vereinzelt sehr interessant zu verfolgen waren, beinhaltete das Buch mir insgesamt zu viel Fachgesimpel und zu googlelastige Passagen. Irgendwie ist die Geschichte ein freakiger Stilmix aus Alt und Neu. Das gebundene Buch auf der einen Seite, die digitalisierte Welt auf der anderen Seite. Auf einer Waagschale betrachtet, scheint Sloans Konzentration aber viel zu sehr auf der internetbasierten Welt zu ruhen, als auf die für mich viel spannendere Welt des gebundenen Buchs und sorgt daher für Disbalance.

Unabhängig von diesen Dingen birgt das Buch einen spannungsgeladenen, ereignisreichen und abenteuerlichen Trip in sich. Die Geschichte ist sicherlich nicht für jedermann etwas, könnte den ein oder anderen Google- bzw. Programmierfreund aber begeistern.

Über Google erzählt man sich heute, es sei wie Amerika selbst: immer noch die Nummer eins, aber unverkennbar dem Untergang geweiht. Beides sind Supermächte mit ungeheuren Ressourcen, aber beide werden von rasant wachsenden Rivalen verfolgt, die sie früher oder später überholen werden. Für Amerika ist dieser Rivale China. Für Google ist es Facebook.

Zitat, Seite 106

<3 <3 <3

Ein neuer Himmel..

lesenslust über “Morgen kommt ein neuer Himmel” von Lori Nelson Spielman

image

“Wer nach außen schaut, träumt; wer nach innen schaut, erwacht.”

Carl Gustav Jung

Mit 14 Jahren hatte Brett noch eine genau Vorstellung vom Leben. Idealistisch verfasste sie eine Liste mit persönlichen Lebenszielen.  Heute, zwanzig Jahre später, hat sie die Liste längst vergessen und lebt ein Leben fernab ihrer alten Träume. Sie hat einen erfolgreichen Freund, einen sicheren Job und lebt in einer schicken Wohnung. Was sollte sie sich schon mehr vom Leben wünschen?

Doch als Bretts Mutter Elizabeth stirbt, bricht für sie eine Welt zusammen. Plötzlich fehlt ihr die Konstante im Leben, die ihre Mutter für sie war. Als Elizabeths Testament verlesen wird, und Brett vorerst leer ausgeht, versteht sie die Welt nicht mehr. Was ihre Mutter ihr hinterlässt, ist vielmehr eine alte Liste mit Lebenszielen, die sie aus dem Mülleimer gefischt und seitdem für ihre Tochter aufgehoben hat. In einem liebevollen Brief macht Elizabeth die Erfüllung zehn verbleibender Lebensziele zur Bedingung, dass auch Brett ihr Erbe erhält. Und das in einem Zeitraum von einem Jahr. Ein schlechter Scherz?

Brett ist entsetzt: Was soll sie mit 34 Jahren schon von den Träumen einer Vierzehnjährigen halten? Ein Pferd kaufen, sich in den richtigen verlieben und ein Kind bekommen scheinen längst nicht mehr von Bedeutung für Brett. Doch als sie sich trotzig dazu entscheidet, den letzten Wunsch ihrer Mutter zu erfüllen, macht sie eine überraschende Entdeckung… 

“Ich schaue aus dem Fenster und versetze mich zurück in eine andere Zeit, eine Zeit, als ich mutig und furchtlos war, überzeugt, dass meine Träume Wirklichkeit werden würden. Aber dann kam es, wie es kommen musste: Ich lernte, dass sich nicht alles nur um mich dreht.”

Zitat, Seite 79

Die Träume eines 14-jährigen Mädchens sind in erster Linie sicherlich nicht mit den Träumen einer 34-jähigen Frau, die mitten im Leben steht und eigentlich längst wissen sollte, was sie vom Leben erwartet, gleichzusetzen. Das Testament ihrer Mutter und die darin festgehaltene Bedingung für Bretts Erbe, irritiert daher nicht nur Brett, sondern auch den Leser. Brett, die seit Jahren im millionenschweren Familienunternehmen Bohlinger Cosmetics arbeitet, kann es nicht fassen, dass ihre Mutter nicht ihr, sondern der Schwägerin Catherine die Firma hinterlässt. Eine Fehlentscheidung oder ein bewusster Schritt der Mutter?

Was soll Brett schon mit einer lächerlichen Liste mit Lebenszielen anfangen, deren Wünsche längst keine Bedeutung mehr für sie zu haben scheinen? Doch als sie sich, anfangs enttäuscht und widerwillig, an die Abarbeitung der verbleibenden zehn Lebensziele ihrer Liste macht, stellt sie fest, dass es nicht die Wünsche sind, die mit ihrem Leben nichts mehr gemein zu haben scheinen, sondern vielmehr ihr Leben mit ihren wahren Wünschen.

“Stimmengemurmel dringt durch das Treppenhaus hinauf, undeutlich, irritierend, fern. Mit zitternden Händen schließe ich die Tür hinter mir. Die Welt verstummt. Ich lehne den Kopf gegen die Tür und atme tief ein. Das Zimmer riecht noch immer nach ihr – nach Eau d´Hadrien und Ziegenmilchseife. Das Eisenbett quietscht leise, als ich mich darauf lege. Ein Geräusch, so beruhigend wie das Klirren ihres Windspiels im Garten oder der Klang ihrer sanften Stimme, wenn sie mit sagte, wie lieb sie mich hat.”

Zitat, Seite 9

Lori Nelson Spielman erzählt in ihrem ersten Roman die Geschichte einer trauernden Tochter, die mit dem Tod ihrer geliebten Mutter die einzig wahre Konstante in ihrem Leben verliert. Verzweifelt und hilflos streift sie umher, wirkt neben ihren gefassten Brüdern wie ein Häufchen Elend und alles andere als eine gefestigte selbstbewusste Frau. Durch die Liste und der zur erfolgreichen Erbschaft notwendigen Erfüllung schickt Elizabeth ihre Tochter auf eine Mission. Sie lautet: das Leben am Kragen packen und es umkrempeln. Der Mutter scheint über die Jahre längst klar geworden, dass ihre Tochter ein Leben führt, dass sie nicht wirklich glücklich macht. Jeglicher Luxus ist eben nicht dem wahren Glück gleichzusetzen, das durch Freundschaft, Liebe oder Aufmerksamkeit entsteht. Man kann es nicht kaufen. Da hilft auch keine Rolex ums Handgelenk, ein erfolgreicher Anwalt als Freund oder ein schicker BMW vor der Haustür.

Kein Wunder, dass meine Mutter mich zwingen wollte, andere Wege einzuschlagen, runter von der oberflächlichen, schnelllebigen Autobahn, über die ich raste. Der Weg, den ich jetzt nehme, ist vielleicht langsamer und die Landschaft nicht annähernd so spektakulär, aber zum ersten Mal seit Jahren macht mir das Fahren Spaß.

Zitat, Seite 257/258

Ihr Weg schickt Brett auf fremdes Terrain: Auf holprigen und steinigen Trampelpfaden ohne jegliche Sicherheit erkennt Brett plötzlich, was das wahre Leben ausmacht. Sie lernt Stadtteile und Menschen unterschiedlichster Schichten kennen, schließt Freundschaften und lässt alte wieder aufleben, entdeckt Familiengeheimnisse und Leidenschaften ihrer Mutter, mietet sich eine kleine bescheidene Wohnung und erfreut sich an einem drolligen Vierbeiner an ihrer Seite. Oft gerät sie ins Schlingern, will aufgeben, scheint entmutigt und hilflos. Doch ihre Loyalität und Liebe zur Mutter schenken ihr die nötige Konsequenz.

Wie Puzzleteile setzen sich die Ereignisse in Bretts Leben zusammen wie alte Freunde. Insgesamt wirkt alles sehr durchdacht. So scheinen selbst oberflächliche Begegnungen später von zentraler Bedeutung zu werden, andere wiederum erzählen alleinstehende Geschichten, jedoch immer mit dem Bezug zur Protagonistin. Was mir während des Romans sehr gut gefallen hat, war die herzliche, fast mütterliche Atmosphäre, die sicherlich durch Elizabeths Briefe hervorgerufen wurden. Mit dem Erfüllen eines jeden Ziels erhält Brett eine neuen Brief und somit eine Botschaft der Mutter. Es schien fast so, als spreche die Mutter noch immer zu ihr.

Der Grundgedanke der Geschichte ist gut, die Umsetzung süß. Doch manche Dinge wirkten auf mich unvollendet oder übertrieben. Kein Mensch erledigt die Ziele: ein Kind bekommen, sich in den richtigen verlieben oder ein Haus kaufen, innerhalb eines Jahres. Schon gar nicht, wenn neben ihnen noch sieben weitere Ziele auf ihre Vollendung warten. Die Bedingung, zehn Lebensziele innerhalb eines Jahres abzuhaken, finde ich daher etwas albern und unrealistisch. Ansonsten verlor die Geschichte nie an Authentizität, wirkte weder schnulzig noch an den Haaren herbeigezogen.

Als Lori Nelson Spielman, die Autorin, eine längst in Vergessenheit geratene Liste mit ihren Lebenszielen in einer kleinen, alten Zedernholzschachtel aus ihrer Schulzeit findet, wird die Idee zu einem Roman geboren. “Morgen kommt ein neuer Himmel” ist das Ergebnis. Im Nachhinein ist klar, dass der Roman einige Parallelen zum Leben Spielmans aufweist und dadurch sicherlich biografisch angehaucht ist.

<3 <3 <3 <3

Getigertes Altern..

Schlagwörter

, , , ,

lesenslust über “Nachts, wenn der Tiger kommt” von Fiona McFarlane

image

“Der drollige Spiegel, der Jeffreys Gesicht war, hatte es ihr verraten – , dass sie das Stadium erreicht hatte, in dem ihre Söhne sich ihretwegen Sorgen machten.”

Zitat, Seite 10

Ruth lebt seit dem Tod ihres Mannes ein einsames Leben in einem entlegenen Haus am Meer. Mit ihren Söhnen telefoniert sie nur gelegentlich, scheint ihnen durch das Altern ein Klotz am Bein. Alte Freunde gibt es nur wenige, für regelmäßige Besuche wohnen sie zu weit weg. So schleppt Ruth sich mühsam durch die Tage, beobachtet Wale, lauscht dem Rauschen des Meeres oder dem Tosen des Windes. Das Erledigen des Haushaltes gelingt ihr nur schleppend: Sie überlässt es vielmehr einem persönlichen Spiel und den darauf folgenden Zeichen der Natur, ob sie erledigt werden oder nicht.

“Sie sah aufs Meer hinaus und zählte die Abfolge der Wellen: Wenn es vor der nächsten großen weniger als acht kleine gab, würde sie den Sand vom Gartenweg fegen.”

Zitat, Seite 14

Eines Nachts vernimmt sie in ihrem Haus einen erdigen dschungelgleichen Geruch und das Schnauben und Schnaufen eines großen Tieres; ein vibrierendes Atmen, dass sie vor Angst erstarren lässt. Ruth ist sich sicher, dass ein Tiger durch ihr Wohnzimmer schleicht.

Am Tag darauf steht eine fremde Frau vor der Tür zum Garten, die behauptet, von den Behörden geschickt worden zu sein. Da Frida tüchtig ist und sich zuverlässig um alles kümmert, überlässt ihr Ruth nach und nach das Regime. Doch Frida kümmert sich nicht nur um den Hausputz, das Kochen oder Ruths Medikamente, sondern erlangt auch langsam aber sicher die Kontrolle über Ruth. Und während sich die alternde Ruth völlig auf Frida verlässt, entgleitet ihr Schritt für Schritt das Gefühl für die Realität.

Und irgendwann stellt sich die Frage: Ist Frida tatsächlich ein Geschenk des Himmels oder hegt sie ganz andere Absichten?

“Die Bedeutsamkeit erwuchs aus den Geräuschen, die sie hörte, und aus denen, an die sie sich nur erinnerte; sie lag irgendwo genau dazwischen, fand dort einen Platz, und wuchs.”

Zitat, Seite 65

“Nachts, wenn der Tiger kommt” ist ein intensiver Roman über das Älterwerden. Die Protagonistin Ruth schließt man sofort ins Herz. Durch ihr zunehmend hilfloses und verwirrtes Wesen möchte man sie am liebsten pausenlos in die Arme schließen und ihr bedächtig über den Kopf streicheln. Den schleichenden Prozess des Älterwerdens verdeutlicht Fiona McFarlane durch plötzliche Szenenwechsel zwischen Realität und Fiktion, die nicht immer leicht zu lesen sind. So gerät der schon im Titel erwähnte Tiger Zugang zur Geschichte. Ein surrealer Wegbegleiter, der für viel Aufregung und Irritationen sorgt. Nicht nur bei Ruthie, sondern auch beim Leser. Das Haus am Meer wird zum Dschungel, Ruths verstörtes Wesen zum Tiger.

Trotz ihres jungen Alters, ist es der Autorin gut gelungen, sich in die alternde Ruth hineinzuversetzen und ihr Altern sehr authentisch darzustellen. Die fortschreitende Demenz der Hausbesitzerin verbildlicht McFarlane durch abwechslungsreiche Szenen, in der Ruth zunehmend die Kontrolle über den eigenen Körper und ihre Gedanken verliert. Sie scheint oft wie betäubt, stetig im Kampf mit sich selbst. Während sie im einen Moment völlig klar bei Verstand ist, verwechselt sie Vergangenheit und Gegenwart im anderen, ruft nach ihrem verstorbenen Ehemann oder meint, noch immer auf Fidschi zu leben. So stößt auch der Leser nicht selten an seine Grenzen, scheint wie gefangen, vom unheimlichen Sog der Geschichte.

Bei Frida, die angeblich vom Staat als Haushaltshilfe geschickt wird, ahnt man von Anfang an nichts Gutes. Ihr Wesen ist anstrengend und kräftezehrend. Immer wieder gelangt eine neue Facette ihres undurchsichtigen Ichs zum Vorschein, täuscht und überfordert mich. Oft hätte ich ihr gerne einfach nur eine geklatscht oder sie gebeten, zu gehen. Doch Fridas wirsches Wesen scheint Ruth oftmals wie eine schallende aber notwendige Ohrfeige zu treffen, die sie aus ihrer Trance erwachen lässt, sie den Wunsch verspüren lässt, alte Freunde wiederzusehen oder mit dem Bus in die Stadt zu fahren. Es ist ein Wechselbad der Gefühle.

So hat Fiona McFarlane mit ihrem Debüt ein undurchsichtiges und spannendes Werk geschaffen, das von Liebe, Vertrauen, einer gefährlichen Täuschung und dem Altern erzählt. Auf äußerst einfallsreiche und zugleich irritierende Weise hat sie meine Tage mit einer Geschichte gefüllt, die ich so schnell nicht vergessen werde.

<3 <3 <3 <3

Sie hätte gern eine einzige Wolke am Himmel gesehen. Das wäre kuschelig und fröhlich und irgendwie tröstlich gewesen. Wenn ich eine Wolke sehe, dachte sie, bedeutet das, dass ich wieder hochkomme. Es bedeutet, dass ich nicht gefallen bin.

Zitat, Seite 219/220

 

Schicksalsmelodien..

Schlagwörter

, , , , ,

lesenslust über “Ziemlich nah am Glück” von Saira Shah

image

London bedeutet für mich Niederlage und Tod. Leben und Hoffnung sind direkt hier in Frankreich.

Anna und Tobias träumen von einem Leben in der sonnigen Provence. Anna möchte eine Kochschule eröffnen, Tobias in einem eigenen Tonstudio seiner Arbeit als Komponist nachgehen.

Doch der Traum vom großen Glück zerplatzt für die beiden am Tag der Geburt ihres ersten Kindes. Diagnose: Polymikrogyrie. Freya hat Hirnfalten und ist dadurch körperlich und geistig behindert. Ihre Überlebenschancen sind gering, die Aussicht auf Entwicklung nahezu inexistent. Eine Tatsache, die die Eltern nicht nur schockiert sondern maßlos überfordert. Während Anna ihr Kind verzweifelt mit Liebe überschüttet, versteckt sich Tobias in seiner Welt der Musik.

Von der Schicksalshaftigkeit des Lebens gelähmt, entschließen sie sich zum Kauf eines alten Bauernhofes im Languedoc, an der Grenze zu Spanien. Ein baufälliges Anwesen, das eigentlich nicht Annas Vorstellungen entspricht, ihnen aber aufgrund ihres begrenzten Budgets einen bezahlbaren Fluchtort aus England schenkt.

Für Anna beginnt ein Kampf mit lästigem Ungeziefer, exzentrischen Einheimischen und widersprüchlichen Gefühlen gegenüber ihrer Tochter. Dass auch das Unglück Glück beherbergt scheint für sie undenkbar. Doch je mehr sie gegen alles anrennt, desto mehr stemmt sich das Leben gegen sie. Und irgendwann erkennt selbst Anna, dass es von ihr selbst abhängt, wie sich ihr Leben entwickelt.

Unsere wunderschöne, perfekte Tochter liegt mit rosigen Wangen im Plexiglasbettchen und verströmt Neugeborenenduft. Das Bild ist so normal, dass es rein gefühlsmäßig einfach unmöglich ist, einen Zusammenhang zu den verheerenden Prognosen und dem Verzicht auf Wiederbelebungsmaßnahmen herzustellen.

Saira Shah erzählt uns in “Ziemlich nah am Glück” eine tragische Familiengeschichte mit autobiografischen Zügen. Trotz trauriger Thematik begleitet uns die Autorin, die selbst Mutter einer behinderten Tochter ist, nahezu leichtfüßig durch die Geschichte. Ihre überraschend offene und lebendige Sprache ist schockierend, trostschenkend und lebensbejahend zugleich. Mit ihr erweckt sie die Geschichte zum Leben und lässt die Seiten im Nu verfliegen.

Mit den Protagonisten durchlebt man ein Wechselbad an Gefühlen. Das Auf und Ab der Gefühle verdeutlicht uns, wie nah Glück und Unglück letztendlich beieinander liegen. Mit der Behinderung ihrer Tochter gehen die Eltern auf unterschiedliche Weise um. Während Tobias sich in seiner Musik zu verstecken versucht, weicht Anna auf ein zwanghaftes Renovieren des Hauses und dem Einwecken von Früchten aus. Beide befinden sich auf einem schmalen Grat zwischen Verzweiflung und Glückseligkeit. Ihre Stimmungen sind spürbar. Wie Schicksalsmelodien untermalen sie die Szenen. Von verzweifelt bis beschwingt ist alles dabei.

Ich halte meine schmusig-schlaffe, mit Medikamenten vollgepumpte Tochter im Arm. Je häufiger ich daran denke, sie zu verlassen, desto schwerer fällt es mir, Zeit mit ihr zu verbringen. Und umso kostbarer wird jeder Moment.

Durch das verzweifelte Klammern der Eltern an die kleinsten Glücksmomente und Fortschritte ihrer Tochter verdeutlicht Shah, wie ernüchternd und schockierend die Diagnose einer Behinderung sein muss. Und wie schwer es fällt, einer schier ausweglosen Situation noch etwas Gutes abzugewinnen. Neben Freyas Geschichte bestückt sie die Erzählung mit lebendigen Landschaftsbeschreibungen und den Begegnungen mit den eigenwilligen aber liebevollen Landesbewohnern. Jede Person scheint ein Puzzleteil des großen Ganzen darzustellen. Shah hat mit “Ziemlich nah am Glück” ein ergreifendes Werk geschaffen, dass die Leser bewegt und zum Nachdenken anregt. In diesem Buch steckt pure Leidenschaft!

<3 <3 <3 <3 <3

Als kleines Mädchen habe ich immer so getan, als wäre mein Bett ein Schiff und ich auf großer Fahrt. Jetzt spiele ich als Mutter das gleiche Spiel. Jeden Morgen, nachdem Tobias hastig aufgestanden ist, hole ich Freya aus ihrem Körbchen zu mir unter die Decke, und wir stechen in See. Reisen zu neuen Kontinenten, überqueren das gefährliche dunkelrote Meer. Freya ist meine Welt, zusammen gehen wir auf Entdeckungsreise.

Knitterseele..

Schlagwörter

, , ,

lesenslust über “Radiergummitage” von Miriam Pielhau

Schönheitschirurgie am Leben? Eine Marktlücke.

image

Kopfkirmes – das ist es, was in Majas Kopf gefeiert wird. Die Panik vor dem 35. Lebensjahr lässt ihre Gedanken wirbelsturmartig durcheinandertosen und sie abergläubische Zeichen des Universums hinter jeder Ecke sehen. Dabei könnte alles so einfach sein. Doch mit keiner wirklichen Konstante in Sachen Männer und dem Leben als Theaterschauspielerin kann sie weder bei den Diskussionen mit ihrer anstrengenden Mutter punkten, noch kommt sie gegen die Angst vorm persönlichen Scheitern an. Es muss also ein Plan her. Kurzerhand beschließt Maja sich selbst Lebensaufgaben zu stellen, die es ihr erleichtern sollen, das gefürchtete 35. Lebensjahr ohne großes Disaster hinter sich zu bringen. Nach den ersten drei Missionen, findet sie plötzlich eine fremde im Briefkasten. Und ehe sie sich versieht, vergisst Maja ihre eigentliche Angst vorm Leben und steckt vielmehr mittendrin..

Die große 35 stand seit einigen Stunden im Raum. Und Maja etwas ratlos daneben. Mit 35 hatte man einen Mann, ein Haus, ein Baby oder zwei. Und im Laufe der Jahre oder mit Hilfe des Brigitte-Abos sich selbst gefunden. Man hatte Geld, einen Filmpreis oder eine Weltreise im Kalender stehen. Man hatte, wenn gar nichts mehr half, Depressionen oder wenigstens eine amtliche Krise. Sie hatte von alldem: nichts.

Oft sind es nicht die ereignisgetränkten WOW-Momente im Leben sondern vielmehr die kleinen unscheinbaren und alltäglichen Momente im Leben an die wir mit einem Lächeln auf den Lippen zurückblicken. Es sind die Konstanten im Leben, der sogenannte Alltag, der das Leben vielleicht viel lebenswerter macht, als eine Dauerfahrt in der Gefühlsachterbahn. Wir sehnen uns nach einem Menschen an unserer Seite, mit dem wir diese Momente teilen können und verbringen oft viel mehr Zeit damit, einen ebensolchen zu finden, als ihn vielmehr uns finden zu lassen.

Auch Maja scheint von der Angst, mit 35 Jahren noch nicht die scheinbar üblichen Erfolge des Lebens vorweisen zu können, ergriffen, und sieht an jeder Ecke ein Zeichen lauern. Ein Zeichen, dass ihr das persönliche Scheitern vor Augen hält und sie beim Blick in ihr Innerstes auf eine Knitterseele stoßen lässt. Miriam Pielhau erzählt in “Radiergummitage” die Geschichte von Majas gefürchtetem 35. Lebensjahr. Eine Geschichte, die anfangs, ähnlich wie unser aller Alltag unspektakulär und irgendwie eben einfach alltäglich wirkt. Majas Missionen verhelfen ihr zu witzigen, fremden, ungewöhnlichen und neuen Erfahrungen, die mich zwar zum Lachen und Nachdenken angeregt haben, im Nachhinein aber eher nebensächlich erscheinen, weil sie meines Erachtens gar nicht die Hauptattraktion der Geschichte sind.

Was sich mir auf 352 Seiten offenbart hat, war vielmehr eine Geschichte, die sich wie eine Knospe, ganz unbemerkt und leise, Seite für Seite entfaltet hat. Es ist die Geschichte einer rastlosen Mittdreißigerin und einer geerdeten Mittachtzigerin, Lina – Majas Nachbarin und Wahloma. Hier treffen zwei Generationen aufeinander, die trotz oder gerade wegen des Altersunterschieds wunderbar harmonieren. Ein Ensemble, das perfekter nicht sein könnte und dass sich gegenseitig mit Rat und Tat Beiseite steht.

Rentner-Revolte. So wirkte es zumindest, wenn graue Damen und Herren aufmüpfig wurden. Aber sie hatten nun einmal etwas mitzuteilen. Und nichts mehr zu verlieren. Sie besaßen Wissen über die Menschheit und ihre metamorphosierende Welt, das niemanden nützte wenn man es stillschweigend mit unter die Erde nahm.

Pielhau erzählt uns eine Geschichte von tiefer Freundschaft, von Mitgefühl und Verständnis. Und vom Suchen und Finden der Liebe. Auf liebevolle Weise lässt uns Pielhau Zuhörer von Majas Gedanken werden und sie ein Stück ihres Weges begleiten. Ihr offener und amüsanter Schreibstil hat mir wirklich gefallen. Und ja, so eine Oma wie Lina wollte auch ich immer haben.

Sie hatte sie unterschätzt. Ihre Mutter. Ihre Eltern. Und vor allen Dingen das, was sie verband. Denn, ja, das war wohl Liebe. Eine, die klein daherkam. Und doch in den Worten ihres Vaters groß klang. Ohne eine plakativ voluminöse Romanze wie aus dem Film zu sein. Aber war das überhaupt das Ziel? Von außen betrachtet, war die Liebe ihrer Eltern nicht spektakulär. Keine Pauken, Trompeten oder andere Krachmacher. Kein Himmel voller Geigen. Leine Schicksalsmelodie. Im Gegenteil. Diese Liebe war in erster Linie ein Lob auf das Mittelmaß.

<3 <3 <3 <3

Mit Vollgas im Leerlauf..

Schlagwörter

, ,

image

Wir sind offen für alles – und nicht ganz dicht. Wir sagen nicht mehr ja und nein, wir sagen jein. Sowohl-als-auch.

Florian Schroeder, so heißt er also, der Typ der die Haltung unserer heutigen Generation beim Namen nennt: “Entschlossen, sich nicht mehr entscheiden zu wollen. Permanent, mit Vollgas, im Leerlauf”. Wir alle leben ein Leben voller Möglichkeiten. Wir surfen durch eine Welt, deren Welle an Informationen, Zielsetzungen und scheinbaren Idealen uns nahezu überspült und uns dann bei der Entscheidungsfindung alleine zurücklässt. Uns belächelt, wenn wir unfähig sind, schnell genug zu reagieren. Nicht wissen, was das Richtige ist. Richtig, was ist das schon? Warum entscheiden, wenn man alles gleichzeitig haben kann?! Kinder? Ja, aber lieber erst später. Zusammenziehen? Warum nicht, aber nur mit getrennten Schlafzimmern. Dazugehören? Ja, aber nur mit genügend Abstand. Mittendrin statt nur dabei? Nö, eher nur dabei als mittendrin.

Die Coolness ist die Schwester der Ironie. Schön distanziert, über den Dingen statt in ihnen. Jede Haltung ist vorläufig.

In seinem ersten Buch nimmt uns der 1979 geborene Kabarettist, der in Freiburg Germanistik und Philosophie studiert hat, auf einen Spaziergang durch das Leben mit. Er berichtet von seiner erfolglosen Zeit beim Radio, warum er die Studiengebühren als “Eliteflatrate” und den Bachelor als “Wissensbulimie” bezeichnet. Er erzählt von den Menschen, die ihm im Verlauf seines Lebens begegnet sind und auf die er immer wieder trifft. Den “Irgendwas mit Medien”-Typen und Coaches dieser Welt, die mit ihrem sinnlosen Geschwafel die Welt beglücken und eigentlich selbst so gar keine wirkliche Ahnung haben, wovon sie reden. Den überglücklichen Eltern dieser Welt, die ahnungs- und kinderlose Single- & Pärchen-Freunde mit 15 MB-Emails voller Kinderfotos überfordern und den 30-, 40- und 50-jährigen dieser Zeit. Er lässt keinen aus. Und so ist es nur eine Frage der Zeit, bis es auch dich erwischt und du dich beim Umblättern der Seiten vorsorglich duckst, weil du Angst hast, vom schlagkräftigen linken Haken ausgeknockt zu werden.

Nett, im Wortsinn: als größte Ohrfeige, die man einem Menschen geben kann. Nett ist meist gefolgt von dem tragischen Wort ‘aber’. “Ich find dich nett, aber…” Nett ist wie ein Kanarienvogel: Stinkt nicht, stört nicht, könnte aber genauso gut weg sein. Irgendwo zwischen Langeweile, Gleichgültigkeit und Desinteresse, da wohnt nett.

Gnadenlos, überspitzt und gekonnt pointiert. Schroeder findet stets die passenden Worte für die Menschen und Ereignisse aus der Politik, den Medien und dem alltäglichen Leben. Fällt das bei einem Kabarettisten auch unter “Kompetenzsimulation bei völliger Ahnungslosigkeit” oder sind es einfach die Gedanken eines guten Beobachters mit großer Klappe?

Parteien sind die Kleingartenvereine des 21. Jahrhunderts.

So bleibt auch der “Coffee-Shop-Hype” nicht unerwähnt. Starbucks, jener Ort mit dem “unheimlichen Stilmix”, an dem sich Oma-Ohrensessel zu unbequemen Holzstühlen und kleinen Holztischen gesellen und man das Gefühl hat, der Innenarchitekt wäre auf Drogen gewesen. Hier stößt du bereits bei der Wahl deines Wunschgetränks an deine Grenzen, weil dir beim Blick auf die Getränkekarte schon panisch die Ohren schlackern, aus Angst, sich bis zur Bestellung noch nicht entschieden zu haben. Natürlich genügt es nicht, zwischen einem kleinen, mittleren oder großen Getränk zu unterscheiden. Nein. Wir brauchen eine englische, spanische und italienische Größe, die dir die Welt plötzlich neu definiert. Ein tall ist kein groß mehr, sondern klein. Ein grande, steht plötzlich für mittel und venti ist nur noch groß anstatt das Zwanzigfache. Superlative verbessern selbst die heiße Schokolade (Premium Hot Chocolate) um ein Vielfaches und ein Chai Tea Latte bietet dir wörtlich übersetzt eine Tasse voller Teeteemilch (Chai, südasiatisch: Tee, Tea, englisch: Tee, Latte, italienisch: Milch).

Wir schießen nicht mehr Fotos, um Augenblicke festzuhalten, wir schaffen Augenblicke, um sie auf Fotos festzuhalten. 

Die heutige Handhabung von Handy, Tablet und Laptop. Krankheit oder Kult? Verhilft dir das ständige “Online-Sein” und daraus resultierende Geposte von Gedanken und Fotos via Facebook, Twitter und Co tatsächlich zu einer getunten Selbstdarstellung im Baukasten-Modus? So à la Pippi Langstrumpf “Ich mach mir die Welt widdewidde wie sie mir gefällt…”? Schreien derartige Handlungen nach einem Menschen mit mangelndem Selbstbewusstsein oder kann man es tatsächlich noch als netten Zeitvertreib bezeichnen? Ein Leben ohne Facebook? Ja. Nein. Jein!

Fest steht, dass Schroeder auch hier nicht zurückschreckt. Facebook war und ist ihm suspekt, auch wenn er zugibt, selbst ein Online-Junkie zu sein und stündlich seine Mails zu checken. Das iPhone ist dabei sein ständiger Begleiter. Eine endgültige Entscheidung zwischen Apple und Windows will er dabei trotzdem nicht treffen. Er fühlt sich vielmehr “in beiden Welten zuhause” und lebt trotz immer wieder aufkehrender Probleme hinsichtlich der Kompatibilität und den unverständlichen Blicken seines Apple-Nerd-Kumpels Andi das Prinzip: Ich will alles.

Ich habe langsam das Gefühl, Windows-Benutzer verteilen Koks an Kinder und schlagen ihre Frauen. Apple-Nutzer hingegen sind niemals Benutzer. Sie sind User. Sie sind die besseren Menschen, denn sie essen Bio, trennen Müll, wählen Grün und gucken ARTE. Kurz: Apple-User machen die Welt besser, Windows-Benutzer machen sie schlechter. Wenn auch nicht absichtlich: Die Windows-Fraktion hat nur keine Zeit zum Weltverbessern, sie muss ja ständig Sicherheitslücken schließen!

Wortgewandt und ironisch-überspitzt erklärt uns Schroeder die Welt. Dabei bleibt selbst Helmut Kohl nicht unverschont, der viele Jahre vielmehr als Gott galt, obwohl auch er “nur” ein Kanzler war. Casting-Shows, Fitness-Wahn und musikalische Querschläge. In “Offen für alles” findet tatsächlich Alles Schroeders Aufmerksamkeit. Und plötzlich versteh selbst ich, warum meine Eltern immer noch im “Analogistan” als “Digitalistan” leben. “Analogistan”, die Ära, in der noch Telefone mit Drehscheiben und Kassetten in waren, wohingegen “Digitalistan” mit Tweets & Feeds hantiert und die “Mitquaker” unserer Zeit beherbergt. Mit viel schwarzem Humor und einer gehörigen Prise Realismus pfeffert dir Schroeder die Dinge dieser Welt um die Ohren und unterhält dich auf 233 Seiten in höchstem Maße. Einfach klasse, dieser Mann – Chapeau Herr Schroeder für deine unfassbar große aber intelligente Klappe!

<3 <3 <3 <3 <3